1989

Autoren aus Riehen: Felix Philipp Ingold

Dominik Heitz

Sein grossräumiges Logis in Zürich verteilt sich auf zwei Ebenen, die Wohnungseinrichtung nimmt sich moderndiskret aus - keine grellen Farben, sondern zumeist in schwarz-weiss. Und entsprechend dieser «Doppelbödigkeit», dieser Kontrastfarben versteht er sich auch: Felix Philipp Ingold - ein Grenzgänger auf vielen Ebenen.

Geboren 1942 im Kleinbasel, aufgewachsen quasi im Luftschutzkeller an der Rosentalstrasse, hatte er als Kind die unheimliche Stacheldraht-Grenze der Nazis entlang der Wiese erlebt und sich auf der Exerziermatte in der Schoren getummelt. Später, als Rekrut, sah er sich erneut auf jenen Plätzen - dann aber den Ernstfall übend, den er Jahre zuvor noch als kindliches Spiel verstanden hatte. Diese Grenzüberschreitungen, die Tatsache aber auch, dass etwa ein und derselbe Ort zu einer anderen Zeit plötzlich eine andere Bedeutung bekommen kann, haben Felix Philipp Ingold bis heute nicht losgelassen. Nur: Damals ging er vielleicht noch mit weniger Intellekt an die Sache heran. Damals überschritt er vielleicht mehr noch die Grenzen mit den Füssen als mit dem Kopf. Damals sah er vielleicht die Grenze eher als Schlagbaum denn als philosophisches Gedankenspiel.

Damals: Das heisst für Felix Philipp Ingold auch Basel, Kleinbasel - und Riehen. «Ich fühle mich mehr als Kleinbasler denn als Riehener», sagt der heutige Wissenschaftler und Literat. Es war um 1960 herum - so genau weiss er das nicht mehr - als er fest nach Riehen kam, an jenen Ort, den er bis anhin nur durch «Expeditionen» zu den Grosseltern wahrgenommen hatte. Hier, an der Grenze zu Deutschland, fasste die Familie Ingold Fuss: Sie zog in das grosselterliche Haus an der Grendelgasse. «Es ist ein etwas verrücktes, verdrücktes Haus für Liebhaber», beschreibt er sein einstiges Domizil in der baselstädtischen Landgemeinde. Riehen war für Felix Philipp Ingold in erster Linie ein Domizil - engeren Kontakt zu Riehen hatte er wenig. «Wenn es für mich ein Heimatgefühl überhaupt gibt, dann am ehesten, wenn ich an die Grenze denke.» Die Erfahrung der gefahrlosen Grenzüberschreitung, als er während seiner Gymnasialzeit seine Bücher in Lörrach kaufte, oder als er - später dann - das Elsass kennenlernte, faszinierte ihn. «Ich habe es toll gefunden, einfach über die Grenze zu gehen und andere kulturelle Luft einzuatmen, eine andere Sprache zu sprechen.»

Immerhin: Während seiner Studienzeit schrieb er vorübergehend für die Riehener-Zeitung historische Beiträge zur Geschichte des Dorfes. Und da war auch ein Lehrer, der in Riehen wohnte und am Realgymnasium in Basel unterrichtete. Er hiess Walter Widmer. Ihn lernte Felix Philipp Ingold mit 16 Jahren kennen. «Obschon Walter Widmer nicht mein Französisch-Lehrer gewesen war, hatte ich zu ihm beinahe ein väterliches Verhältnis.» Walter Widmer war - so sieht es Felix Philipp Ingold heute - der erste ernsthafte Leser seiner literarischen Arbeiten, mit denen er im Alter von 14 oder 15 Jahren begonnen hatte. Literatur und Sprache interessierten den Gymnasiasten so auch die literarischen Abende von Walter Widmer, an denen bekannte deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Boll, Grass, Bachmann oder Enzensberger nach Basel geholt wurden. Es muss im Tram und es muss Winter gewesen sein - so Felix Philipp Ingold, der im Winter immer mit dem Tram aus Riehen zur Schule fuhr -, als er mit Walter Widmer ins Gespräch kam. «Walter Widmer übersetzte Villon-Verse im Tram zum Rhythmus des Schienentakts - er brauchte diesen Schienentakt wohl, um bei den übersetzungen besser den Versrhythmus zu finden.» Felix Philipp Ingold begann nun ebenfalls zu übersetzen, und es kam soweit, dass er seine Arbeiten vor Schulbeginn Walter Widmer vorlegte. «Ich besuchte ihn jeweils um sechs Uhr morgens zuhause in Riehen - er war ein Frühaufsteher; aber seltsamerweise habe ich seinen Sohn Urs, heute ein Schriftstellerkollege, nie gesehen. - Einmal hat mich Walter Widmer richtig abgekanzelt, wohl wütend, dass sich ein 16jähriger erfrecht, den Saint-John Perse zu übersetzen.»

Walter Widmer also - er war der erste «Förderer» des jungen, ungewöhnlich strebsamen Felix Philipp Ingold. Auf ihn folgte Rainer Brambach. Als seinen «prägenden Mentor» betitelt ihn Felix Philipp Ingold, als Dichter, den er bei einer Lesung kennengelernt und mit dem ihn später eine enge Freundschaft verbunden hatte. Durch den Gärtner und Poeten erhielt er erste literarische Kontakte zu Verlagen und zu Zeitschriften wie «Akzente», wo Rainer Brambach relativ viel publiziert hatte. Das einzelne Wort, die Sprache - schon früher zentraler Bestandteil der für Felix Philipp Ingold auf intellektueller Ebene fussenden Ubersetzungen - wurde als Thema in den Diskussionen mit Brambach fortgesetzt. Ja sie erhielt gar eine weitere Dimension: in den Geschichten Brambachs über Paul Celan. Beide Dichter führten, wann immer Celan nach Basel kam, lange Gespräche über die Poesie und scheuten sich nicht, sich an Details festzubeissen - auch auf die Gefahr hin, in Unstimmigkeit auseinanderzugehen. Ein Beispiel: «Am einsilbigen Wort <Aug>, das Paul Celan verwendete», so erinnert sich Felix Philipp Ingold, «kritisierte Rainer Brambach, es sei zu harsch. <Auge> mit dem e als zweiter Silbe drücke mehr aus.»

Für einen, der nicht mit der Sprache arbeitet, sie nicht als Medium bewusst einsetzt, mag eine solche Diskussion über ein einziges Wort befremdend wirken - nicht so für Felix Philipp Ingold. Er nahm diese heiss diskutierten Ansichten auf, verschlang sie wohl wie ein junger Hund das Futter, verarbeitete sie intensiv in den Gehirnwindungen - so zumindest darf angenommen werden, wenn man ihn heute darüber sprechen hört. Denn: Seine Sprache ist beherrscht, geht nicht sprudelnd von seinen Lippen, nimmt selten melodiöse Formen an, die Emotionen zeigen könnten. Entsprechend äussert sich auch seine Haltung der Literatur gegenüber: «Ich sehe es nicht mehr als Aufgabe der Literaten an, Reales zu verarbeiten; die Medien tun dies heute besser. Insofern empfinde ich mich als poetischen Autor, nicht als Erzähler.» Und: «Ich konzentriere mich auf Aussage- und Artikulationsformen, die nur durch die Sprache machbar sind. Sobald sich selbige durch Video oder Film realisieren lassen, lasse ich es sein. Für mich ist die Sprache als Sprache real. An engagierter Literatur, die die Wirklichkeit zu ändern versucht, orientiere ich mich nicht.» Oder mit anderen Worten: Felix Philipp Ingold interessieren eher existentielle Zusammenhänge, «ewige» Fragen. «Zum Beispiel der Tod als Thema - mein Bruder starb als Kind; sein Sterben dauerte zwei Jahre», sagt er. Später wurde Felix Philipp Ingolds Studium vom Tode überschattet: Dreimal starben ihm die Doktorväter, so dass Neuorientierungen, Wegänderungen, Grenzüberschreitungen nötig waren.

Die Grenze: Wieder taucht sie bei Felix Philipp Ingold auf, sei es auf der Seite des Lebens und Erlebens - oder auf der Seite des Denkens, der Ubersetzungsarbeit des Imaginierens im literarischen und wissenschaftlichen Bereich, denn seit 1972 lehrt er als ausserordentlicher und seit einem Jahr als ordentlicher Professor (neben seinem Kollegen Ota Sik) an der Hochschule St. Gallen das Fach «Kultur- und Sozialgeschichte Russlands». All diese Grenzphä nomene zeigen sich denn auch in seinen literarischen Werken - quasi als Grenzüberschreitung in alle möglichen literarischen Gattungen und Formen. Er schrieb Hörspiele und Features für das Radio und publizierte bereits als Student zwei Gedichtbände. Aber «richtig begann es 1980 mit dem Prosa-Werk <Leben Lamberts»», meint Felix Philipp Ingold; «es ist ein Buch, zu dem ich noch heute stehen kann.» Eines seiner wichtigsten Werke ist «Haupts Werk Das Leben», in dem auch autobiographische Fakten zu finden sind.

Da er nicht für einen grossen Leserkreis publiziert, kommt ihm das finanzielle Standbein im wissenschaftlichen Bereich für sein literarisches Schaffen gelegen. So kann er es sich leisten, nicht jene Rücksichten nehmen zu müssen wie andere Schweizer Schriftsteller, die finanziell allein auf ihr literarisches Schaffen angewiesen sind: Formale Eingrenzungen sind Felix Philipp Ingold fremd ebenso thematische. Er sagt denn auch: «Weder im Sprachlichen noch im Thematischen fühle ich mich mit der Schweiz verbunden.» «Andererseits», so ergänzt er, «interessiert man sich hier auch nicht für mich als Schweizer Literaten.» Und in dieser Randsituation, dieser Grenzgängerhaltung fühlt er sich wohl. Kein Wunder, publiziert er fast alles im Ausland, hat dort, gerade in Deutschland und Osterreich, eigentlich mehr Freunde - auch in Holland. «Dort sind mehr intelligente Rezensionen über meine Arbeiten geschrieben worden als in der Schweiz», sagt er trocken.

Und wo arbeitet er am liebsten? «Beim Schreiben von grösseren Sachen gehe ich gerne weg, meistens nach Südfrankreich oder in die Toskana.» Andererseits aber findet er auch Zürich, wo er seit über 13 Jahren wohnt, zwar eine «bequeme und langweilige Stadt» - aber gut zum arbeiten.

Felix Philipp Ingold? - Ein Grenzgänger auf vielen Ebenen.

Wichtigste Buchpublikationen von Felix Philipp Ingold: Schwarz auf Schnee, Gedichte, Zürich 1967; Spleen und überhaupt, Gedichte, Bern 1969; Literatur und Aviatik, Basel 1978, 1980; Leben Lamberts, Prosa, Frankfurt a.M. 1980; Dostojewskij und das Judentum, Frankfurt a.M. 1981 ; Unzeit, Gedichte, Stuttgart 1982; Haupts Werk Das Leben, Prosa/ Essay/Lyrik, München 1984; Fremdsprache, Gedichte, Berlin 1985; Mit andern Worten, Prosa, München 1985; Das Buch der Sprüche, Berlin 1987; Letzte Liebe, Roman, München 1987; Das Buch im Buch, Essays, Berlin 1988; Echtzeit, Gedichte, München 1989.

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