1988

Zur Pflege aufrichtiger Freundschaft....

Lukrezia Seiler-Spiess

Aus der Geschichte der Mandolinen-Gesellschaft Riehen
Als im Jahre 1912 die Mandolinen-Gesellschaft Riehen gegründet wurde, gab es in Riehen schon über zwanzig Vereine, darunter auch drei, die sich der Musik widmeten. Die Vereine spielten damals im Dorf - so wie dies heute noch in ländlichen Gegenden der Fall ist - eine wichtige Rolle: dort traf man sich mit Gleichgesinnten und schloss Freundschaften, die oft ein ganzes Leben lang dauerten; dort fand aber auch das kulturelle und gesellschaftliche Leben statt mit Konzerten, Tanz und Unterhaltung. Dass hier die musikalischen Vereine eine besonders wichtige Rolle spielten in einer Zeit, in der es noch keine «Musikkonserven» gab, liegt auf der Hand, und es kommt nicht von ungefähr, dass der Liederkranz, gegründet 1865, der Musikverein (1861 ) und der Männerchor ( 1895) zu den ältesten Riehener Dorfvereinen zählen.

Es brauchte einigen Mut und recht viel Unternehmungslust, neben diesen renommierten, alteingesessenen Dorfvereinen einen weitern musikalischen Verein ins Leben zu rufen. Und diese Unternehmungslust, gepaart mit jugendlicher Unbekümmertheit, zeichnete offensichtlich die Gründer der Mandolinen-Gesellschaft Riehen aus, heisst es doch zehn Jahre später im Jahresbericht 1921: «Die Gründung des Vereins fällt in den Wonnemonat Mai 1912. Die erste Sitzung wurde von ca. 30 jungen Leuten besucht. Es war lauter Begeisterung und wurde dann sofort die erste Kommission gewählt. Präs. H. Schäublin, Vice Präs. R. Besserer, Kassier A. Link, Aktuar R. Muchenberger. Wie ttaiv die Anwesenden bei der Gründung eines Musikvereins waren, bewies, dass zwei Dirigenten gewählt wurden, nämlich Th. Panzer für Gitarre und Urs Frey für Mandoline. Die Folge, dass die wenigsten überhaupt eine Ahnung vom Mandolinenspiel hatten, machte sich bald bemerkbar. Als die dreissig eingeschriebenen Mitglieder sich nun entschliessen mussten, eines der Instrumente zu erlernen, war die Begeisterung bald dahin, so dass der Verein bald auf zehn Mitglieder zusammenschmolz, welche dann tüchtig miteinander musizierten.»

In den Vereinsakten findet sich eine Mitgliederliste mit zehn Namen, die von anderer Hand mit 1912 datiert wurde. Es ist anzunehmen, dass es sich hier um die oben erwähnten zehn Mitglieder handelt, die damit als eigentliche Gründer der Mandolinen-Gesellschaft bezeichnet werden können. Einige unter ihnen haben die Geschicke des Vereins während Jahrzehnten entscheidend beeinflusst. Der junge Verein legte eine grosse Aktivität an den Tag; schon am 20. Mai 1912 lagen die ersten gedruckten Statuten vor, und am 27. Mai fand die erste öffentliche Veranstaltung im Restaurant Ochsen statt, bei welcher die Mandolinen-Gesellschaft zum Tanz aufspielte.

Während vieler Jahre waren Tanzveranstaltungen und Unterhaltungsabende eine der wichtigsten Aktivitäten des Vereins. Die Mandoline, seit dem 17. Jahrhundert an Höfen und in vornehmen Häusern gespielt und in Barock und Klassik oft als Soloinstrument verwendet, war um die Jahrhundertwende in Italien und Deutschland neu entdeckt worden. Vor allem durch die aus Deutschland kommende Wandervogel-Bewegung wurde die Mandoline zu einem richtigen Volksinstrument; die beschwingte, heitere Musik spielte später auch in der Arbeiterbewegung der zwanziger Jahre eine grosse Rolle. Ab 1890 veranstalteten Mandolinenorchester regelmässig Tanzanlässe und Theateraufführungen.

Die Riehener Mandolinen-Gesellschaft spielte an den verschiedensten Orten zum Tanz auf - im Gasthaus zum Ochsen, im Rössli, im Dreikönig, aber auch im Brohus in Bettingen, wo sie auf Anfrage des Wirtes im Sommer 1919 zweimal monatlich am Samstagabend auftrat; das im Protokoll vermerkte Honorar von Fr. 50.— bildete einen willkommenen Zustupf zur Vereinskasse. Noch wichtiger als die Tanzanlässe aber waren die Unterhaltungsabende mit Konzert, Theater und Tanz, die regelmässig durchgeführt wurden. Damals gab es den Winter über fast an jedem Samstagabend irgendwo im Dorf einen gemütlichen Anlass; die Vereine, zwischen denen eine gute Zusammenarbeit herrschte, wechselten sich bei der Durchführung ab. Jung und alt traf sich hier, kein Radio- oder Fernsehprogramm hielt sie zu Hause zurück, und die nahe Stadt lockte noch nicht so sehr wie heute. Das Theater, das an keinem Unterhaltungsabend fehlen durfte und an dem sich auch die Frauen und Freundinnen der Vereinsmitglieder beteiligten, war stets eine wichtige Sache. Am ersten öffentlichen Konzert vom 11. Januar 1914 im Gasthaus zum Ochsen führte die Mandolinen-Gesellschaft die Posse in einem Aufzug «Lebender Marmor oder heimliche Liebe» auf, und an «Tell's Apfelschuss», der in späteren Programmen immer wieder auftauchte, erinnern sich die ältesten Vereinsmitglieder noch heute mit Heiterkeit. Besonders stolz war die Mandolinen-Gesellschaft auf ihre zusammenlegbare hölzerne Bühne, die vor jedem grösseren Anlass aus dem Magazin bei Baumeister Theophil Seckinger an der Baselstrasse geholt und dann in harter Arbeit aufgestellt wurde.

Doch neben der Unterhaltung trat die Mandolinen-Gesellschaft Riehen bald auch mit grösseren Konzerten an die öffentlichkeit. Der junge Verein erkannte bald, dass nur durch gründliche Ausbildung seiner Mitglieder eine ansprechende musikalische Leistung erbracht werden konn te. Und so findet sich denn in den zweiten Statuten von 1916 der Passus: «Die Mandolinen-Gesellschaft Riehen bezweckt die Pflege au frichtiger Freundschaft zur Hebung musikalischer Ausbildung. Zu diesem Zwecke findet jede Woche mindestens eine Musikstunde statt, und zwar von 8V2—IO Uhr abends», und unter § 6: «Personen, welche eines der in dem Verein vorhandenen Instrumente erlernen wollen, zahlen, sofern sie nach beendigter Lehrzeit dem Verein beizutreten wünschen, ein Lehrgeld von Fr. 5.—. Solche jedoch, die nur eine Musiklehre in dem Verein gemessen wollen, zahlen ein Lehrgeld von Fr. 15. —. » Und in einem Sitzungsprotokoll von 1918 steht zu lesen: «Auf Verlangen des Dirigenten wurde beschlossen, in den Proben Vi Stunde Theorie einzubauen.»

Als Dirigent amtierte damals Robert Besserer, der neben seinem zeitweisen Amt als Vereinspräsident die musikalischen Geschicke der Mandolinen-Gesellschaft von 1916 bis 1928 aufs beste leitete. Das System der vereinsinternen Musikausbildung wurde während Jahrzehnten beibehalten; ältere Vereinsmitglieder, die das Mandolinenspiel schon gut beherrschten, erteilten jungen Mitspielern Unterricht. Daneben wurde auch zu Hause eifrig und tagtäglich geübt, zum Teil bis auf den heutigen Tag, wie ältere Aktive bekräftigen.

Die Ausbildung der Vereinsmitglieder trug bald Früchte; die Mandolinen-Gesellschaft Riehen konzertierte immer häufiger mit befreundeten Mandolinenorchestern zusammen, und am 26. Juni 1922 wurde sie in den Schweizerischen Mandolinisten- und Gitarristen-Bund aufgenommen. Noch im gleichen Jahr organisierte der junge Verein einen bemerkenswerten Grossanlass: das «1. Schweizerische Wettspiel für Mandolinenmusik». 16 Vereine aus der ganzen Schweiz, aus Lörrach und dem Elsass beteiligten sich am Wettspiel im Schulhaus an der Burgstrasse; das Samstagabend-Konzert im Gemeindehaussaal, der Ball im Gasthaus zum Ochsen und das sonntägliche Gesamtkonzert in der Kirche bereicherten das Festprogramm. Trotz ausgezeichneter Organisation, die in der National-Zeitung vom 21. November 1922 lobend erwähnt wurde, liess der Zustrom des Publikums leider etwas zu wünschen übrig; den Riehenern war die Mandolinenmusik offenbar noch unvertraut.

Grosse Erfolge heimste die Mandolinen-Gesellschaft aber vor einem andern Publikum ein: von 1927 bis 1951 wurde sie immer wieder aufgefordert, im Radio Basel ihre Musik erklingen zu lassen. Elf Auftritte, besonders in den Jahren 1927, 1929, 1935 und 1936, sind in den Vereinsprotokollen vermerkt. Dass in den ersten Jahren der Lohn für die Auftritte nur aus einem Glas Bier bestand, störte niemanden. Was für eine Spannung war das für die Musiker, wenn sie nach kurzer Probe im Aufnahmeraum des Radiostudios sassen, mucksmäuschenstill auf das Aufleuchten der roten Lampe warteten - und dann einfach losspielten, mit dem Bewusstsein, dass nun Tausende zuhörten!

Zwei Ereignisse aus dem ersten Vierteljahrhundert des Vereins dürfen nicht unerwähnt bleiben: Die Mitwirkung am Riehener Fest 1923 zur Erinnerung an die vierhundertjährige Zugehörigkeit Riehens zu Basel und die Fahnenweihe von 1927. Beim grossen Festspiel 1923 «Wettstein und Riehen», das in der alten Mustermesse siebenmal aufgeführt wurde, spielte auch die Mandolinen-Gesellschaft im «Wettsteinmarsch» und «z'Basel an mim Rhy» mit; die Musik von Hermann Suter war von Alfred Windt (18841951), dem spätem Vereinsdirigenten, für 1. und 2. Mandoline, Mandola, Mandoloncello, Gitarre und Kontrabass arrangiert worden - eine Besetzung, die auch heute noch zum reinen Mandolinen-Orchester gehört. - An der Weihe der ersten Vereinsfahne vom 9./10. Juli 1927 nahmen neben befreundeten Mandolinenorchestern auch alle musikalischen Riehener Vereine teil; mit zwei Konzerten, einem Festumzug und acht Ehrendamen wurde sie gebührend gefeiert.

Als in den späten zwanziger Jahren der Dirigent Robert Besserer sein Amt niederlegte, drohte der Verein auseinanderzubrechen. Doch durch die tatkräftige Hilfe von «Chary» Meyer, dem grossen Förderer und Spiritus rector, dessen lebhaftes Wesen und fröhliche Art das Gesicht des Vereins über lange Jahre prägten, wurde die Krise überwunden.

In den Kriegsjahren 1939 bis 1945 musste die Tätigkeit des Vereins stark eingeschränkt werden; oft fielen die Musikstunden aus, weil zu viele Aktive im Militärdienst weilten. Nach den düsteren Kriegsjahren aber brach in Riehen ein eigentliches Festfieber aus, an dem sich natürlich auch die Mandolinen-Gesellschaft beteiligte. Zu den von 1947 bis 1952 alljährlich stattfindenden Winzerfesten steuerte sie jeweils besonders originelle Umzugsgruppen bei - einmal fuhr sie im MGR-Schiff «Lago Maggiore» durch die Strassen, ein andermal musizierte sie in einem grossen Maische-Fass, und schliesslich kutschierte der damalige Präsident Ernst Späth-Schweizer mit Gattin als Bürgermei ster Wettstein durchs Dorf, begleitet von «Giggishans», dem späteren Präsidenten Fritz Schneider (siehe auch RJ 1986, Seite 111). Auch bei der Jubiläumsfahrt der Spanisch-Brötli-Bahn 1947, an der alle Riehener Vereine kostümiert teilnahmen, war die Mandolinen-Gesellschaft mit prächtigen Biedermeierkostümen dabei.

Es folgten ruhigere Jahre im Vereinsleben; die Konzerttätigkeit wurde eingeschränkt, dafür gab es viele Familienausflüge, Herrenbummel und fröhliche Feste. Es herrschte ein guter Zusammenhalt im Verein; viele Aktive blieben der Mandolinen-Gesellschaft während Jahrzehnten treu, und so gehörten auch ihre Frauen und Kinder, oft sogar die Grosskinder, mit zur Vereinsfamilie. Bei Hochzeiten und Geburtstagen, aber auch im Spital Riehen, wurden unzählige «Ständeli» gebracht.

Ein Ereignis ragt aus der Vereinsgeschichte jener Jahre heraus: bei der Eröffnung des Basler Theaters vom 3. bis 6. Oktober 1975 wirkte die Mandolinen-Gesellschaft Riehen im grossen «Supra Jazz»-Konzert von George Gruntz mit, zusammen mit den Jazz-Musikern Zbigniew Seifert, Violine, Phillip Catherine, Gitarre, und Isla Eckinger, Bass. Für alle, die dabei waren, blieb es ein unvergessliches Erlebnis: die Melodien des Mandolinenorchesters, begleitet von den improvisierenden, swingenden Jazz-Solisten.

Als 1977 der langjährige Dirigent Walter Lindenlaub nach beinahe fünfzigjähriger Tätigkeit für seinen Verein plötzlich verstarb, fing ein neues Kapitel - das vorläufig letzte - in der Geschichte der Mandolinen-Gesellschaft an. Unter dem neuen Dirigenten Fritz Kaufmann und dem Präsidenten Kurt Käser wird die musikalische Ausbildung wieder vermehrt in den Vordergrund gestellt. Einzelne Vereinsmitglieder besuchen den Mandolinenunterricht in der Musikschule Basel, junge Gitarristinnen kommen aus Musikschulen, unter anderem auch aus Riehen, zum Verein, und in letzter Zeit finden regelmässig vereinsinterne Ausbildungstage und -weekends statt. So wird es nun auch möglich, das Repertoire zu erweitern. Dass die Aufbauarbeit der vergangenen Jahre Früchte getragen hat, zeigte sich in einer ganzen Reihe von Konzerten, im Zusammenspiel mit befreundeten Orchestern, vor allem aber im grossen Jubiläumskonzert zum 75-Jahr-Jubiläum der MandolinenGesellschaft Riehen, das am 4. April 1987 unter dem Motto «Vielfalt der Mandolinen-Musik» im Landgasthof über die Bühne ging.

Heute umfasst der Verein fünfzehn Aktive, vom 83jährigen Karl Bürgenmeier, der seit 68 Jahren dem Verein die Treue gehalten hat, bis zur 20jährigen Katrin Betschart, die gleich auch noch sein Enkelkind ist. Beinahe die Hälfte der Mitglieder sind Damen, die seit Ende der fünfziger Jahre wieder in den Verein aufgenommen werden (nachdem er bereits in den Anfängen gemischt geführt wurde). Mit Freude und Begeisterung widmen sie sich dem heitern, beschwingten, oft auch träumerischen Mandolinenspiel und versuchen, alle Arten dieser Musik zum Klingen zu bringen: neben der herkömmlichen unterhaltenden Volksmusik mit ihrem typischen Tremolospiel auch die leichte Klassik, die mit der Zupftechnik gespielt wird, und daneben moderne Unterhaltungsmusik, die natürlich vor allem die Jungen (und Junggebliebenen!) anspricht. Denn dies ist ein grosses Anliegen der Mandolinen-Gesellschaft: Sie möchte vermehrt junge Spielerinnen und Spieler zuziehen, welche mit Begeisterung und Schwung die Vereinsgeschichte im nächsten Vierteljahrhundert mitgestalten.

Quellen:
Protokollbücher der Mandolinen-Gesellschaft Riehen, 19121987 (Protokollauszüge von Kurt Käser).
Dokumentensammlung der Mandolinen-Gesellschaft Riehen, zusammengestellt von Heinz Späth.
Mitteilungen von Karl Bürgenmeier, Gertrud Späth-Schweizer, Kurt Käser und Heinz Späth.

^ nach oben