1988

Theobald Singeisen - vom Bauernbub zum gelehrten Arzt

Friedrich Teutsch

Man schreibt das Jahr 1788, als dem Kleinen Rat zu Basel folgendes «Bedenken» zur Entscheidung vorliegt: «Dr. Singeisen [...] hat zu Erlang[en] den Doktor-Grad in der Arzney Kunst erlanget, aus eigenem Triebe und ohne Understützung [...]. Es findet eine Löb[liche] Haushaltung, dass dises erste Bey spiel, dass einer Ew[e]r Gn[aden] Undertanen sich von selbsten so ausgezeichnet, einige Zufridenheits-Bezeugwtg von Seiten Ew[e]r Gn[aden] verdiene; u[nd] da ohnedis die Leibeigenschaft mit dem Doktor-Grade nicht wohl übereinstim[m]e, so wird unmassgebflich] Euer Gnaden angeraten den Doktor Singeisen für seine Person [...] aus freyen Stücken und unentgeltlich freyzulassen, und dise Gnadenbezeugung mit einem kleinen Andenken zu begleiten/.../.»';

Weil sich zudem vor nunmehr 330 Jahren der erste Singeisen in Riehen niederliess, wird zu diesem Doppeljubiläum mit knappen Strichen erstmals ein Bild dieser erloschenen Alt-Riehener Familie und ihres wohl bedeutendsten Sprosses skizziert.

Die Singeisen in Liestal
Ihr bisher frühester bekannter Namensträger ist der Schmied und Schultheiss Pentelin (Pantaleon) Singysen (erwähnt 1496-1525). Seine Frau Magdalena entstammt dem angesehenen Basler Ratsgeschlecht von Kilchen. Sein gleichnamiger Sohn (erwähnt 1504-fl550/2) folgt ihm in Beruf und Amt (1534). 1550 wird Tobias Singysen Schultheiss (erwähnt 1542-1553), und von 1591 bis 1623 steht wieder ein Pentelin Singysen (erwähnt 1572-fl623) an der Spitze des Städtchens.

Die heute in Liestal noch blühenden Zweige werden auf einen Sebald Singysen (erwähnt 1542-1566) zurückgeführt2). Er ist möglicherweise ein naher Verwandter des schon genannten Tobias. Auch Sebalds Nachkommen finden wir in Rat und Gericht der Stadt. Ein Enkel, der Schmied Hans Jakob Singysen (*1591-tl640/41) hat aus seiner 1618 geschlossenen dritten Ehe mit Juditha Gysin (1600-1680) einen 1630 geborenen Sohn Hans. In ihm erblickt Paul Wenk-Löliger den Begründer der Riehener Linie3).

Der Familienname Singysen/Singeysen und ähnlich seit etwa 1700 setzt sich die Schreibweise Singeysen/Singeisen durch - ist ein sogenannter Berufsname, den man auf das Wort sengen/singen = «knistern machen» zurückführt4). Das Wappen des Schmiedegeschlechts lässt sich so deuten, dass man ursprünglich auf das Herstellen von Sensenblättern spezialisiert war.

Ein Stück Alt-Riehener Heiratspolitik
Nach der Eingabe von 1715 des Hans Singeisen (16831728) war sein «Grossvatter sel[ig] welcher von Liechstal [...] schon Anno 1658 zu Riehen sesshaft»5). Dieses Datum bezieht sich mutmasslich auf die Einheirat in Riehen. Seine Braut Verena Fuchs (1639-nach 1675) ist eine Tochter des Metzgers und Ochsenwirts Jakob Fuchs (1608-1698)6). Das Paar lässt am 4. Februar 1659 den Stammhalter Jakob (J1707) taufen. Spätestens 1660 muss Hans Singysen gestorben sein; denn 1661 schenkt Verena ihrem zweiten Ehemann, dem Schmiedemeister und späteren Untervogt Philipp Wenk ( 1639-1708), ein Knäblein. So wächst Jakob im Schosse einer zu höchstem Ansehen gelangten Familie auf. Sie stellt mit Jakobs Stiefgrossvater Hans Wenk-Hagist (1609-1680) ab 1675 bis 1798 den Untervogt. Die wichtige Verbindung wird verstärkt, als dessen Tochter Elisabeth Wenk (1640-1709) im Jahre 1660 Jakob Singysens Onkel, den Metzger und Ochsenwirt Klaus Fuchs (1641-1712), zum Mann erhält. Diese Verwandtschaftsverhältnisse komplizieren sich, denn Jakob Singysen wird durch seine etwa 1682 erfolgte Vermählung mit Bärbel (1658-1712), Tochter des Riehener Weibels Johannes SchultheissSchneider (1622-1693), Schwager seines Stiefonkels und späteren Untervogts Hans Wenk-Schultheiss (16521719)7). Und wenn nun Hans (1683-1728), offenbar einziges zu Jahren gekommenes Kind der Eheleute SingysenSchultheiss, 1704 seine Lebensgefährtin in Madie (Magdalena) Götty (1679-1750), einer Nichte des Hans WenkSchultheiss, findet, so verwundert das kaum.

Die Verwurzelung in Riehen ist inzwischen so stark, dass man die Singeisen «menniglich für bürgerliche Einsässen» hält. Der Kleine Rat erkennt dies am 7. September 1715 an. Hans Singeisen-Götty kann nun seine Gerichtsstelle antreten. 1719 kommt er ans Gescheid und wird noch Geschworener. Die Familie zählt endgültig zum Kreis der Riehener Honoratiorengeschlechter. Die Eheschliessung des Stammhalters Hans (1714-1762) mit Anna Eger (1714-1797), als Enkelin des Untervogts Hans Wenk-Schultheiss gleich zweifache Cousine 2. Grades, zeigt die Verengung des Hei ratskreises. Nach so viel planvoller «Vorarbeit» kann 1741 durch die Heirat des Enkels dieses Untervogts, Theobald Wenk (1716-1797), ebenfalls Untervogt, und Anna Singeisen (1718-1783)- seine Base 2. Grades - die erste direkte Verbindung zwischen beiden Familien geschlossen werden.

Hans und Barbara Singeisen-Wenk, sorgsame Hauseltern
Wie um das wechselseitige Glück zu mehren, gründet Hans (1737-1799), das einzige herangewachsene Kind der Eheleute Singeisen-Eger, 1760 mit Barbara Wenk (17391804) seinen Hausstand. Sie ist Urenkelin unseres Untervogts Philipp Wenk-Fuchs und Nichte des Untervogts Hans Wenk-Höhner (1685-1749). Die Ahnentafel des jungen Paares spiegelt diese Heiratspolitik wider: Unter den 32 Urururgrosselternteilen finden wir den Untervogt Hans Wenk-Hagist bereits dreimal, Verena Fuchs und den Weibel Hans Schultheiss-Schneider immerhin zweimal! Im Zeitalter fehlender sozialer Sicherheit und geringer Aufstiegschancen Hess sich nur mit einer passenden Partie die wirtschaftliche Grundlage und damit das gesellschaftliche Ansehen einer Familie halten.

Nach einer Erhebung von 1796 besitzen die Eheleute «viel Land» und gelten als «reich»8). In ihrem Eigentum befinden sich drei Häuser: Rössligasse 27 (1763 erbaut), Kirchstrasse 1/bzw. Baselstrasse 31 (1779 umgebaut) und Baselstrasse 15 (1780/1790 errichtet)9). Diese rege Bautätigkeit lässt auf beträchtliche Energie schliessen. Daneben bestand auch geistige Aufgeschlossenheit. Denn mindestens die Söhne Johannes (1761-1800) und Theobald (1764-1804) erlernen die französische Sprache im «Welschland»10), und das Pädagogium in Lörrach besuchen alle drei Sprösslinge. Es wäre interessant zu wissen, wie sie ihre einzige Tochter Anna (1777-1845) gefördert haben.

Eine aufschlussreiche Episode überliefert das Tagebuch des Emanuel Le Grand ( 1746-1808 Y1 ). Danach entwendet am 10. Oktober 1776 ein ehemaliger Knecht Singeisen 2300 Pfund. Unter dem 8. Februar 1777 lesen wir, dass der «Dieb f[ür] 24 Jahr auf die Galeren condemniert ( = verurteilt) und sogleich nach Hüningen transportiert» wurde. In Zusammenhang mit der Fahndung reist Singeisen am 22. November 1776 mit «Mon[sieu]r Schuppach» zu dem bei Pforzheim einsitzenden Dieb. Demzufolge bestehen private Beziehungen zum berühmten Naturarzt Michael Schüpbach(1707-1781) in Langnau BE.

Theobald Singeisens Lebensweg und seine Beziehung zu Johann Peter Hebel
«Anno 1764 d[en] 13ten Mertzen ist Tehobald Singeisen an dass Liecht disser Welt geboren worden und seyn zeichen ist gewässen in dem Krebs» lautet der Eintrag des Vaters in der Familienbibel für seinen dritten Sohn. Ob Schüpbach den Jungen, dessen «schwächliche Leibesbeschaffen heit»10) den Eltern sicher Sorgen bereitete, ärztlich betreut hat, wissen wir nicht. Die Vermutung liegt aber nahe, und vielleicht ergab sich daraus die überlegung, Diebold, so nannte man ihn, Arzt werden zu lassen. Jedenfalls «schon in seiner Kindheit bemerkte man an demselben vorzügliche Anlagen des Geistes, und Talente». In seinem 11. Jahr schickt man ihn nach Mömpelgard (Montbéliard), wo er nach einem Jahr «des Redens und Schreibens» der französischen Sprache «ziemlich fähig» ist. Vermutlich seit 1776 besucht er das Lörracher Pädagogium. Nach dem Herbstexamen am 27. September 1779 stellt ihm Prorektor Tobias Günttert (1751-1821) das Zeugnis aus: «divino excellet ingenio» ( = hervorragend begabt)12). Nach der wiederholt zitierten Leichenrede «übete er sich besonders in der lateinischen Sprache und denjenigen Kenntnissen, welche ihn zu einem Wundarzt vorbereiten und bilden sollten».

Die Lehre beginnt er am 21. Februar 1780 in Basel beim chirurgus Jakob Christoph Mangold-Merian (17461803)13). Bereits am 17. März 1783 wird er lediggesprochen, wobei man ihm «Lust» und «viel Einsicht» bestätigt. Auf Anraten einiger guter Freunde bezieht er als Student der Chirurgie die Universität Strassburg (immatrikuliert 23.6.1783)14). Eine Krankheit erzwingt jedoch den Abbruch dieser Studien und die Rückkehr nach Riehen (vermutlich Ende März 1785). Als sich Theobald «wieder besser fühlt», begibt er sich an die Universität Erlangen. Dort lässt er sich am 8. Juni 1785 in die Matrikel einschreiben und widmet sich vornehmlich der «Arzney-Wissenschaft»15).

Beim Professor der Medizin Jakob Friedrich Isenflamm (1726-1793) promoviert er am 9. September 1786 mit einem Thema über Augenkrankheiten. Eine Biographie schildert den Doktorvater als religiösen, bescheidenen und menschenfreundlichen Mann, der am Krankenbett grösste Vorsicht walten Hess und durch seine Leutseligkeit den Patienten Vertrauen einflösste. Das Vorbild dieses Lehrers könnte Singeisen beeindruckt haben, vielleicht stand er ihm sogar persönlich nahe. Denn zwei Söhne des Professors, Heinrich Friedrich (1771-1828), später ebenfalls Professor für Anatomie16), und Johann Christian Friedrich (geb. 1770), 1795 Stadt- und Landphysikus in Roth, verewigten sich im September 1786 im Stammbuch ihres «Bruders» und «Freundes» mit dem «Zirkel» VSK, also den Anfangs buchstaben des «Verbindungsnamens», die mit «Vivat Societas Krackerliana» ( = es lebe der Krackerles-Orden) aufgelöst werden17). Zweifellos nahm Diebold am fidelen Studentenleben teil. Es ist sicher mehr als reiner Zufall, dass durch weitere Stammbucheinträge Beziehungen zu führenden Mitgliedern des sogenannten «Krackerles-Ordens» nachweisbar sind.

Wie der angehende Arzt die folgenden Monate verbrachte, ist ungeklärt. Es steht nur fest, dass er am 2. April 1787 vor der Prüfungskommission in Basel das Examen ablegt und als «Land-Chirurgus» angenommen wird. Diese siebenjährige Ausbildung kostete die Eltern 3800 Gulden ( = ca. 4620 Pfund). Das entsprach damals dem Wert eines stattlichen Bauernhauses.

Der inzwischen Dreiundzwanzigjährige beginnt nun in Riehen zu praktizieren, vermutlich im Haus Baselstrasse 31. Die Personalien in der Leichenrede fassen seine berufliche «Kunst» in dem Satz zusammen, dass er sich schon bald als «erfahrener» und «geschickter» Mann zeigte, «der von Kennern dafür öffentlich geliebt und geschätzt worden ist». Eine Bestätigung dafür findet sich im Bericht des Rie hener Landvogts Lukas Faesch an den Kleinen Rat zu Basel «aus Anlas der von Doctor Theobald Singeisen bey einem verunglückten Manne angewandten Sorgfalt»18). Die Ratsherren folgen am 12. April 1788 dem auf Seite 19 zitierten Vorschlag «einer Löblichen] Haush[altung]». Zehn Tage später überreicht der Landvogt Faesch Singeisen das Freilassungspatent und eine «Jubel-Medaille», «beydes als ein Zeichen Meiner Gn[ädigen] Herren Zufridenheit».

Doktor Singeisen besitzt eine grosse Praxis und weilt oft ausser Haus, zumal er häufig zu Kranken in die Markgrafschaft gerufen wird. Eine langjährige Patientin kennen wir: Jungfer Gustave Fecht (1768-1828), Johann Peter Hebels berühmte Freundin in Weil19), Schwägerin des dortigen Pfarrers Günttert, einst Theobalds Lehrer! Diese Beziehungen erweitern sich, als Singeisen am 8. Juni 1790 mit Augusta Maria Sophia Hitzig (1770-1858) in Riehen den Lebensbund schliesst; denn sie ist die Schwester von Hebels engstem Freunde, Pfarrer Friedrich Wilhelm Hitzig (17671849). Wodurch sich diese Bekanntschaft ergab, wissen wir nicht. Aber Philipp (1766-1842), Theobalds jüngster Bruder, war 1779 Hitzigs Klassenkamerad.

Die kinderlose Ehe zerbricht nach vier Jahren. Sophie wird von einem Freund der Familie, nämlich Lukas Faesch (1772-1798), Sohn des Singeisen wohlgesonnenen Landvogts, unter Gewaltanwendung «einige Tage vor der Weihnacht» 1793 in ihrem Zimmer und nach Morddrohungen gegen ihren Mann «nach dem Neuen Jahr» in der Wohnung von Faeschs Mutter «zum Fall gebracht»! Die von «schmer zender Reue» bedrückte Frau eröffnet sich zunächst ihrem Bruder Friedrich Wilhelm in Lörrach und am 9. März 1794 ihrem Gatten. Neun Tage später wird die Ehe geschieden, «die öffentliche Prostitution ( = Schimpf und Schande preisgeben) aber ihr auf Fürbitte ihres Mannes gegen 10 [Gulden] aus Gnaden nachgelassen»20). Der Ehebrecher entzog sich nach einer spektakulären Aktion im Hause Singeisen durch Flucht der Strafe und starb als Leutnant in englischen Diensten in St. Pierre, Martinique. Hebel hatte schon 1783 dem damals elfjährigen Lukas Faesch unter dem Punkt «Betragen» ein «freies Benehmen» bescheinigt.

Ziemlich rasch geht Singeisen eine zweite Ehe ein. Sie wird in Weil am 19. Februar 1795 von Pfarrer Günttert geschlossen. Die Braut Katharina Barbara Bürgelin (17681808) ist eine Tochter des Küfermeisters und Stabhalters Johann Bartholomäus Bürgelin-Herbster (1741-1808) in Muggardt bei Müllheim. Durch diese Familie entstehen erneut Berührungspunkte mit Hebel. Katharina Barbaras Bruder Johann Bartholomäus (1770-1836) war 1785 Hebels Schüler und 1796 bis 1800 Hitzigs Kollege am Lörracher Pädagogium! Berginspektor Johann Jeremias Herbster (* 1746), dem Hebel 1803 seine «Allemannischen Gedichte» widmete, war ein Vetter der Schwiegermutter Katharina Sabina geb. Herbster (1741-1834)21). Zur Blutverwandtschaft gehören auch Sophie Haufe geb. Bögner (1786-1864)22) und der Botaniker Carl Christian Gmelin (1762-1837), an dessen Hochzeit Singeisen am 23. Februar 1794 teilgenommen hatte23). So wird unser Riehener Arzt gerne diesem grossen Freundeskreis zugerechnet. Auch nach dem neuesten Forschungsstand erwähnt ihn Hebel aber nur an drei Briefstellen und bezeichnet ihn dabei gegenüber Freund Günttert im Rückblick als «ehrlicher Diebelt»24).

In diesem Sinne urteilen auch die Riehener. Am 21. Januar 1798 erfolgt Singeisens Wahl «zu den Ausschüssen der hiesigen Gemeinde»25) und am 24. Februar wird er «Pfleger des grossen Spitals» in Basel26). Als «dahmaliger Secretaire» unterzeichnet er am 12. Juni 1799 das Protokoll einer Wahlversammlung27). Seit dem 15. Mai 1798 sitzt er im Kantonsgericht, dem er noch im Juni 1802 angehört. Er hat damals auch die Funktion eines «[Physikats] adjunkts» inne28). Ein Jahr danach zieht er für Riehen in den Grossen Rat ein. Dieses Organ wählt ihn ins Appellationsgericht29).

Beruf und ämter zehren die Kräfte des Mannes aber rasch auf, und bereits am 8. Juli 1804 geht er «ganz sanft und ohne grosse vorhergegangene Leiden und Schmerzen» heim. In seiner Leichenrede wird von seinen «edlen Gesinnungen und Thaten» und seiner «gebildeten Seele» gesprochen. Der Tod habe «einen dienstfertigen und uneigennützigen Freund und klugen Rathgeber entzogen». Die Tatsache, dass sein Schwiegervater aus Muggardt herbeieilte, «um seinem kranken Tochtermann, den er sehr lieb hatte, ein Zeichen seiner Dienstfertigkeit und Hilfe abzulegen», ist ein beredtes Zeugnis. Vier Jahre später trägt man auch Singeisens Frau auf den Gottesacker. Die drei verwaisten Töchter wachsen nach einer Familienüberlieferung bei ihrer Lörracher Grosstante Anna Katharina Nick geb. Herbster (1748-1836) auf.

Nachkommen der Singeisen
Der schlanke Riehener Stamm bildete erst in der sechsten Generation mit den drei Söhnen von Hans Singeisen-Wenk Ansätze zu Zweigen. Johannes Singeisen-Schultheiss, Geschworener, hinterlässt nur die 1805 mit Johannes Wenk (1782-1841), später Gemeindepräsident, vermählte Erbtochter Anna Maria (1785-1859). Sie sind Urgrosseltern von Otto Wenk-Faber, ebenfalls Gemeindepräsident. Dieser ist der Onkel von Paul Wenk-Löliger, der sich um Riehens Orts- und Familiengeschichte bleibende Verdienste erworben hat, und Vater des Gemeindepräsidenten Wolfgang Wenk. Beide haben in Riehen lebende Nachkommen.

Zu den Singeisenschen Abkömmlingen gehören alle Riehener, die den Rössliwirt Friedrich Stump (1804-1833) als Ahnen nachweisen können. Denn seine ihm 1828 angetraute Frau Anna Maria Singeisen (1806-1867) ist das jüngste Kind von Philipp Singeisen-Wenk, Gemeindepräsident. Der Sohn Johannes Singeisen-Wenk (1797-1840), Gemeindepräsident, setzt den Stamm fort. Doch bereits mit dessen kinderlos gebliebenem Sohn Johannes Singeisen-Fischer (1824-1868)30) erlischt das Geschlecht in Riehen vor nun 120 Jahren.

Gut unterrichtet sind wir über die Nachkommen der drei Töchter von Doktor Singeisen. Die älteste Tochter Katharina Barbara (1797-1837) schliesst 1823 den Ehebund mit Rudolf Faesch (1789-1851), Kupferschmied und Verwalter des Salzamts in Kleinbasel31). Unter ihren Nachfahren stossen wir auf Zahnärzte und Zahntechniker. Eine Urenkelin kennen viele: Paula Faesch (*1900), vieljährige Orga nistin in Riehen. Anna Magdalena (1800-1864), die zweite Tochter, wird 1820 Gattin des in Kleinbasel niedergelassenen Arztes Johannes Weissenberger ( 1794-1854) aus der Riehener Chirurgenfamilie32) (siehe S. 29). Marie Elisabeth (1803-1875), das jüngste Kind, bleibt durch ihre Heirat 1834 mit dem Sattlermeister und Gemeinderat Reinhard Christoph Vortisch (1798-1872) in Lörrach33). Bemerkenswert ist deren Enkel Hermann Vortisch-van VlotenGrether (1874-1944), Arzt der Basler Mission, dann Schriftsteller. In Deutschland und in der Schweiz üben verschiedene Nachkommen dieser Linie noch heute den Arztberuf aus.

Anmerkungen

1) StABS Protokolle Kleiner Rat, Nr. 161, Blatt 123/124 (12.4.1788); StABS Sanitätsakten, G 1 (1788), dort liegt auch das gedruckte Diplom zum Dr. med., dagegen fehlt das «Memoriale» von Landvogt Faesch. Ein Exemplar der im Druck erschienenen Dissertation verwahrt die UB Basel (Signatur Lq IV.3. Nr. 24).
2) Arnold Seiler-Rosenmund: «Stammbaum der Bürgergeschlechter von Liestal», Liestal 1908, S. 126/127 (das Werk ist mindestens unvollständig).
3) Paul Wenk-Löliger: «Ausschnitt aus der Vorfahrentafel Paul WenkLoeliger, Blatt 3, Zusammenhänge mit den Familien Singeisen und Seidenmann» (Riehen 1945). Paul Wenk erforschte als erster die Singeisen in Riehen und notierte nützliche Einzelheiten.
4) Christian Martin Vortisch: «Alte Basler Beri'fs- und Spitznamen vom 14. bis zum 16. Jahrhundert», in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Bd. 67, Basel 1967, S. 125. Dazu ergänzend Jakob und Wilhelm Grimm: «Deutsches Wörterbuch», Bd. 16, Leipzig 1905, Spalten 117,585, 587,606, wonach die Ableitung des Namens direkt von Sengisn ( = Sensenklinge) denkbar ist.
5) StABS, Protokolle Kleiner Rat, Nr. 86, Blatt 339 (7.9.1715)
6) Paul Wenk-Löliger: «Ausschnitt aus der Vorfahrentafel Paul WenkLoehger, Blatt 4, Zusammenhänge mit den Familien Fuchs und Fäsy» (Riehen 1948)
7) Paul Wenk-Löliger: «Ausschnitt aus der Vorfahrentafel Paul WenkLoeliger, Blatt 8, Zusammenhänge mit den Familien Sieglin und Schultheiß», (Riehen 1952)
8) StABS Schreibereien, B17, Nr. 15, Güterübergabe Hans und Barbara Singeisen-Wenk vom 17.3.1791. StABS Kirchenarchiv Kirchgemeinde Riehen-Bettingen DD 26,1. vom 15. Februar 1796.
9) RGD S. 251 f., 265 A 120, 122, 126. Michael Raith: «Gemeindekunde Riehen», Riehen =1988, S. 128, 151-153, 156. Fritz Lehmann: «Hus by der Dorflinde», RJ 1988, S. (4)-18 10) Johann Georg Holzach: «Leichenrede... Theobald Singeisen...», Lörrach 1804
11) Vgl. Michael Raith: «Ein wertvoller Fund für die Riehener Dorfgeschichte: Das Tagebuch Emanuel Le Grands», RJ 1988, S. 66-71
12) Archiv des Hebel-Gymnasiums, Lörrach, Schülerlisten: Frühjahrsprüfung 1779, Herbstprüfung 27.9.1779. In der vom 14.3.1780 fehlt Singeisen, die für die Jahre 1777-1778 werden heute vermisst. Im Schülerverzeichnis der Frühjahrsprüfung 1776 steht unter Nr. 40 ein Singeisen ohne Vorname, Altersangabe und Zeugnis, mutmasslich unser Theobald. Auch andere Dorfkinder besuchten damals das Pädagogium in Lörrach (z.B. aus den Familien Müri, Stump, Unholz, Weissenberger, Wenk), da ihnen zu jener Zeit als leibeigene Untertanen dieser Bildungsweg in Basel praktisch noch verschlossen war.
13) StABS Zunftarchive, Zunft zum Goldenen Stern, Nr. 10, S. 279 (21.2.1780), und S. 319 (17.3.1783), Nr. 17, S. 106
14) Gustav C. Knod (Bearb.): «Die alten Matrikeln der Universität Strassburg 1621-1793»; Bd. 1, Strassburg 1897, S. 166, Nr. 2391
15) Karl Wagner (Bearb.): «Register zur Matrikel der Universität Erlangen 1743-1843», München/Leipzig 1918
16) «Allgemeine Deutsche Biographie», Bd. 14, Leipzig 1881, S. 630632. «Neue Deutsche Biographie», Bd. 10, Berlin 1974, S. 195
17) Ernst Deuerlein: «Ernstes und Heiteres aus dem Erlanger Studentenleben des 18. Jahrhunderts. Der Krackerles-Orden», in: Erlanger Universitäts-Kalender, Sommer-Semester 1927, S.94-112, dort S. 109 die beiden Isenflamm. über den Orden liegen widersprüchliche Angaben vor.
18) StABS Privatarchive, Familienarchiv Faesch, PA 399, Nr. D3, S. 282-284
Anmerkungen
19) Wilhelm Zentner (Hrsg.): «Johann Peter Hebels Briefe an Gustave Fecht», Karlsruhe 1921, S. 50, 101
20) StABS Gerichtsarchiv, U 114, S. 401-404 (18. März 1794 Ehescheidung). Dazu ergänzend Protokolle Kleiner Rat, Nr. 167, Blatt 65 (12.2.1794) und ganz besonders Blatt 114 (15.3.1794 «Lucas Faesch ein Ehebrecher und Meuchelmords verdächtig»),
21) Walther Osterrieth: «Lebensspuren Hebels», in: Badische Heimat, 1960, Heft 1/2, S. 32/33, 41 A8
22) Wilhelm Zentner: «Johann Peter Hebel», Karlsruhe 1965, S. 150/ 151
23) Die Familie Gmelin, Sonderdruck aus «Deutsches Familienarchiv», Bd. 58, Neustadt 1973, S. 154
24) Wilhelm Zentner (Hrsg.): «Johann Peter Hebel, Briefe», Bd. 1, Karlsruhe 1957, S. 222 25) Fritz Lehmann: «Die Aufzeichnungen des letzten Riehener Untervogts Johannes Wenk-Roth im Meyerhof», RJ 1964, S. 54
26) StABS Bibliothek «Neues Regiments-Büchlein für 1797/98», handschriftlicher Nachtrag 27) Michael Raith: «Aus der Geschichte des Gemeinderates von Riehen»; RJ 1969, S. 52 28) StABS Sanitätsakten, F 2 (Verzeichnisse der graduierten Doktoren [...] und Wunderärzte, Juni 1802); siehe Albin Kaspar: «Bader, Scherer und Doktoren, Streiflichter auf die medizinische Versorgung Riehens in früheren Zeiten», RJ 1988, S. 48-65
29) StABS Protokolle Grosser Rat, Nr. 15, Blatt 23 (2. Mai 1803)
30) Michael Raith: «Die Familie Fischer von Riehen», RJ 1985, S. 41
31) «Schweizerisches Geschlechterbuch», Bd. 6, Basel 1936, S. 177
32) Michael Raith: «Die Familie Weissenberger von Riehen», RJ 1979, S. 56/57; Albin Kaspar a.a.O. (A 28)
33) «Deutsches Geschlechterbuch», Bd. 81, Görlitz 1934, S. 432

Für Hilfen aller Art danke ich folgenden Damen und Herren: Dr. phil. Ulrich Barth, Basel; Pfarrer Andreas Boller, Wädenswil; Adrian Braunbehrens, Dr. Wolfgang Caesar, beide Heidelberg; Pfarrer Hans Joachim Demuth, Lörrach-Rötteln; Paula Faesch, Riehen; Dr. phil. Hans Freimann, Oberstudiendirektor, Lörrach; Fritz Haenle, Lahr; Karlheinz Hahn, Lörrach; Andreas Jakob, Erlangen; Margret Krieg (t), Lörrach; Gaston Mayer, Karlsruhe; Gerhard Moehring, Lörrach; Pfarrer Michael Raith, Riehen; Lie. phil. Beatrice Schärli, Professor Dr. phil. Andreas Staehelin, Staatsarchivar, beide Basel; Pfarrer Manfred Ulbrich, Weil am Rhein; Madeleine Vortisch, Basel; Dr. med. Dora Wälde-Vortisch, Lörrach; Johannes und Irma Wenk-Madoery sowie Paul (f) und Flora Wenk-Löliger, Riehen.

Ferner sage ich Dank den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern folgender Einrichtungen: Evangelisches Kirchenbuchamt, Lörrach; Hebel-Gymnasium, Lörrach; Historisches Museum, Basel; Archiv der Evangelischen Landeskirche in Baden, Karlsruhe; Staatsarchiv Basel-Stadt, Basel; Staatsarchiv BaselLandschaft, Liestal; Universitätsarchiv Erlangen; Universitätsbibliothek Basel; Victoria and Albert Museum, London.

Ein spezieller Dank gilt schliesslich meinen Eltern und meinem Bruder für die vielfältige Unterstützung meiner familiengeschichtlichen Arbeit.


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