1988

Historische Gärten in Riehen

Silvia Hofmann

Von den grossen Landgütern, die seit dem 16. Jahrhundert in Riehen entstanden sind, befinden sich heute noch deren zwei in Privatbesitz: der Glöcklihof am Eingang des Dorfs und das Iselin-Weber-Gut an der Baselstrasse 61 bis 65. Die dazugehörigen Parks sind demzufolge für die öffentlichkeit nicht zugänglich. In ihrer Geschichte, ihrer Bedeutung und ihrer historischen wie gegenwärtigen Gestalt sind sie jedoch nicht minder interessant als die Parkanlagen des Berowerguts, des Sarasinparks, des Wenkenhofs und des Bäumlihofs.1)

Ihre Wurzeln reichen ähnlich weit zurück; zum Teil waren es klosterzinspflichtige Höfe und Rebgüter2). Auch die Umstände, wie sie seit dem 16. Jahrhundert einer neuen Nutzung zugeführt wurden - als Sommerfrischen und Lusthäuser der Basler Oberschicht - waren im Fall des Glöcklihofs und des Iselin-Weber-Guts nicht anders als bei den übrigen Landgütern.3)

Der Ryhiner-Plan von 17864) zeigt sehr schön die barokken Gartenanlagen von Glöcklihof und Iselin-Weber-Gut, die Anzahl und Art der Gebäude und die praktisch identische Einteilung des Gartens in einen Zierteil und einen Nutzteil: Vor dem Herrenhaus zwei quadratische Blumenparterres (Iselin-Weber-Gut) beziehungsweise eine kleine Allee (Glöcklihof) und in der Fortsetzung der Achse das grosse viergeteilte Parterre mit zentralem Rund (im Glöcklihof in Form eines Teichs mit Springbrunnen)5), und als Abschluss ein rechteckiges Parterre. Neben dem Ziergarten lag der Nutzgarten: parallel angeordnete Gemüsebeete (das sogenannte «Kraut»), angepasst der Lage der verschiedenen ökonomiegebäude wie Remise, Ställe, Orangerie.

Die Wende zum 19. Jahrhundert ist zugleich die Abkehr vom formalen, im strengen Kanon gehaltenen Barockgarten zu einem der Natur nachgeahmten englischen Park. Es ist auch eine eminent wichtige historische und geistesgeschichtliche Wende, geprägt von der Französischen Revolution im weitesten Sinn, im engeren Sinn von der Neugestaltung der Eidgenossenschaft (die gerade in den Personen der Basler Peter Ochs und seines Schwagers Peter Vischer, Besitzer eines Landguts an der Riehener Oberdorfstrasse, markante, wenn auch umstrittene Stimmen besass), der Trennung von Basel-Stadt und Baselland.

In dieser turbulenten Zeit finden die Landgutsbesitzer Musse genug, ihre Gärten der neusten Mode folgend auszugestalten. Den Beginn macht Samuel Merian-Kuder, indem er den Hofgärtner des Markgrafen von Baden, Johann Michael Zeyher, für seinen Bäumlihof engagiert. Auf dem Wenkenhof ist der Architekt Achilles Huber tätig. Andere zumeist anonyme - Gartenarchitekten arbeiten in der Folge auf den Riehener Landgütern.

Das Iselin-Weber-Gut besitzt schon vor 1820 eine englische Anlage. Ein Plan aus der Hand des Ingenieurs und Geometers Jean Henry Hofer vom Mai 18206) zeigt die charakteristischen Merkmale. Das vom Herrenhaus aus zum Bachtelenweglein leicht absinkende Gelände ist im wesentlichen in zwei unregelmässige Rasenparterres geteilt, in deren Randzonen Inselbeete mit verschiedenen Baumpflanzungen angelegt sind. In der Mitte des östlichen Teils befindet sich ein kleiner Weiher, der von einem Mini-Wasserfall gespiesen wird. Die ehemals rechteckigen Beete bei den Okonomiegebäuden haben Kurven bekommen, und, wie es sich gehört, gibts ein Karussell und eine Kegelbahn. Interessanterweise ist das ganze Wasserleitungssystem zwischen den verschiedenen Brunnen und dem Weiher eingezeichnet, ein Umstand, der besonders im Hinblick auf den Caillat-Plan (siehe unten) von Bedeutung ist. Jenseits des Bachtelenwegleins befindet sich ein Acker und ein Gemüsegarten von respektabler Grösse, dessen Ertrag noch bis in unser Jahrhundert per Pferdegespann zum Teil ins Bürgerspital Basel geliefert wurde7).

Im Falle des Glöcklihofs ist die Entwicklung der Parkanlage etwas schwieriger zu rekonstruieren. Der Glöcklihofbesitzer Johann Jakob Bischoff hatte der barocken Anlage vor allem bauliche Elemente hinzugefügt, den Cagliostropavillon etwa (in den 1780er Jahren) und einen Chinesenturm in rosa mit Glöckchen und kupfriggrünem Dach (ein Bild von Daniel Burckhardt-Wildt aus dem Jahr 1785 zeugt davon). Von der Entwicklung des Gartens von 1786-1838 wissen wir nichts; die Akten zur Geschichte des Glöcklihofs und seines Gartens sind zur Zeit nicht einsehbar.

Berühmt und oft publiziert8) ist dagegen der Gartenplan der englischen Anlage. Er wird im Basler Staatsarchiv aufbewahrt9) und trägt die Signatur «F Caillat fecit 1838». Dennoch wurde bis anhin die Umgestaltung des Barockgartens in den naturnahen Park von den (Garten-)Historikern um 1810 datiert. Doch davon später.

Die Gärtner Caillat und die Besitzverhältnisse der Riehener Landgüter um 1830
Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts haben Gärtner und Gartenarchitekten viel zu tun. Eine Vielzahl dieser Berufsleute ersucht in dieser Zeit um Niederlassungs- und Gewerbebewilligung in der Stadt Basel10), unter anderen auch ein «Franz Caillat, Gärtner, Sohn des schon seit 1804 allhier etablierten Franz Caillat, des Gärtners von Tartegnin»11).

Er wünscht, sich ebenfalls hier zu etablieren, und zwar auf dem Gelände eines Hafners am Sternengässlein.

Franz Caillat ist das fünfte Kind von Jean-François Caillat und Ursula Ecklin12). Er wird getauft im August 1806 zu St. Leonhard. 1832 verheiratet er sich mit Ursula Schneider - im selben Jahr richtet er das oben zitierte Gesuch an die Regierung - und hat neun Kinder, die alle im Münster getauft werden13 ).

Die Familie Caillat stammt wie gesagt aus Tartegnin, einem kleinen Dorf oberhalb von Rolle an der Côte im Waadtland. Es muss sich um eine Familie mit handwerklichem und künstlerischem Talent gehandelt haben. In Genf betätigen sich Caillats als Kunsthandwerker in der Uhrenbranche14), und der nach Basel ausgewanderte Jean-François scheint ein Gärtner gewesen zu sein, der sich durch beträchtliches gartengestalterisches und zeichnerisches Können ausgezeichnet hat.

Seiner charakteristischen Unterschrift mit schwungvollen Schnörkeln begegnen wir auf zwei Dokumenten: erstens auf einem Brief an den Bürgermeister und den Kleinen Rat von Basel aus dem Jahr 181915) und zweitens auf einem undatierten Plan des Iselin-Weber-Guts.16) Zunächst zum Brief. Es handelt sich dabei um eine umfangreiche Petition an die Basler Regierung, «um eine Gärtnerordnung und Abschaffung verschiedener Missbräuche». Die «Gartenkunst hat sich wieder zu einem solchen Grade entwickelt», heisst es da, «dass eine nicht unbeträchtliche Zahl von Einwohnern und Mitbürgern davon ihre Familien ernähren.» «Die Mehrzahl der hiesigen Gärtner» (es sind dreizehn) beklagt sich, dass fremde Händler und Leute aller Art ihnen ins Handwerk pfuschen und dass es eigentlich der ausgebildeten Fachleute und nicht irgendwelcher Taglöhner und Hilfskräfte bedarf, um die Gärtnerarbeiten wie Bäume zu setzen und zu beschneiden zu verrichten. Ausserdem wird verlangt, dass fremden Händlern das Hausieren mit Samen und Pflanzen verboten werden und die geschwätzigen Gemüsehändlerinnen (!) abgeschafft werden sollen. Nur wenn alle diese Forderungen erfüllt würden, könnten die Gärtner eine Garantie für regelmässige Steuerablieferungen an den Staat und für eine redliche Gewerbsausübung geben.

Der «Extractus Raths protocolli» vom «16. Octobris 1819» vermerkt die Deponierung dieser Petition. über ei nen weiteren Entscheid in dieser Sache ist nichts bekannt17). In bezug auf Jean-François Caillat sind zwei Dinge bemerkenswert: Zum einen scheint er als Gärtnermeister in Basel etabliert und von seinen Berufskollegen als seinesgleichen angesehen zu sein. Zum andern entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, Caillats Unterschrift auf einem Dokument zu finden, das recht zünftisches Gedankengut enthält - ist doch Caillat selber erst seit 15 Jahren (möglicherweise auch vor 1799)18) in Basel ansässig. Ohne gross zu spekulieren darf man jedoch annehmen, dass Caillat ausserordentlich tüchtig gewesen sein muss. Nicht zuletzt kann man das aus seiner umfangreichen Tätigkeit für die Besitzer von Riehener Landgütern schliessen. Vielleicht ist es übertrieben von einer Gärtnerdynastie Caillat zu sprechen; zumindest aber ist Franz Caillat in die Fußstapfen seines Vaters getreten und hat beim Berowergut wahrscheinlich mit ihm zusammengearbeitet19).

Betrachtet man die Besitzverhältnisse und die verwandtschaftlichen Bande unter den einzelnen Landgutsbesitzern der 1830er Jahre (sieheTabelle Seite 122), so kommt man nicht umhin festzustellen, dass die Caillats fast durch eine Art Exklusivvertrag an die Hoffmann-Burckhardt-Werthemannschen Familien gebunden waren. Und noch etwas: Zu dieser Zeit muss man sich einen Teil der Landgüter als riesige Baustellen denken. Was da an Erdbewegungen, Pflanzarbeiten und baulichen Veränderungen vor sich ging - gleichzeitig im Berowergut und im Iselin-WeberGut - muss ziemlich eindrucksvoll gewesen sein.

Das Berowergut ging 1832 an Anna Katharina Vonder Mühll-Hoffmann und ihren Mann Leonhard; das benachbarte Iselin-Weber-Gut war zu dieser Zeit im Besitz von Dietrich Burckhardt-Hoffmann, der mit Salome, einer Tante der Berowergut-Erbin Anna Katharina, verheiratet war. Der Sohn Dietrich Burckhardts, Emanuel, erwarb 1836 von Johann Jakob Bischoff den Glöcklihof. Nach 1847 (Tod von Salome Hoffmann) ist Emanuel Burckhardt auch noch Miterbe des Iselin-Weber-Guts (zusammen mit seiner Schwester Anna Maria, die er 1853 auszahlt). Soviel zu den wichtigsten verwandtschaftlichen Beziehungen unter den Landgutsbesitzern. Auch wenn man sie nicht im einzelnen zu kennen braucht, lässt sich damit doch die Gleichzeitigkeit und die ähnlichkeit ihrer Gartenanlagen plausibel machen.

Verwandtschaftliche Beziehungen einiger Landgutbesitzer um 1830
Glöcklihof WerthemannStaehelinschesGut Iselin-Weber Gut Berowergut
1769 bis 1825: Johann Jakob Bischoff (1) 1761-1825 Bandfabrikant, des Rats cd 1785 Riehen Anna Maria Merian 1769-1822 1825 bis 1836: Bischoff-Merians Erben 1836 bis 1881: Emanuel Burckhardt (2) Handelsmann 1800-1861 00 1824 Marie Charlotte Werthemann (3) 1806-1881 Fettgedruckte Zahlen = Dauer des Besitzes 1798 bis 1821: Andreas Werthemann (4) 1754-1821 co 1778 Charlotte Maria Staehelin 1755-1820 1821 bis 1869: Benedict Werthemann (5) Handelsmann 1779-1848 oo 1805 AnnaCatharina Burckhardt 1780-1859 (6) 1783 bis 1813: Anna Elisabeth de Bary 1766-1816 (Alleinerbin) oo 1783 Hans Balthasar Burckhardt 1762-1824 Handelsmann, Richter, des Rats, Meister zu Rebleuten 1813 bis 1847: Dietrich Burckhardt (7) 1772-1835, des Rats 00 1794 Riehen Salome Hoffmann (8) 1776-1847 1847 bis 1860: Emanuel Burckhardt (2) 1860 bis 1920: Emilie Burckhardt 1831-1920 oo 1851 Riehen Friedrich His 1824-1891 Bandfabrikant 1765 bis 1807: Emanuel Hoffmann 1739-1807 Kaufmann, Bandfabrikant, des Rats œ1761 Valeria Werthemann (9) 1741-1819 1807 bis 1832: Andreas Hoffmann (10) 1769-1832 Kaufmann, des Rats oo 1795 Riehen Anna Elisabeth Merian 1778-1809 1832 bis 1871: Anna Katharina Hoffmann (11) 1796-1871 od 1815 Riehen Leonhard Vonder Mühll Seidenstoff-Fabrikant 1786-1856
(1) Gleichzeitig Besitzer des Wenkenhofs 1801 bis 1825
(2) Gleichzeitig Besitzer des Glöcklihofs und Iselin-Weber Guts (von 1847 bis 1853 gemeinsam mit seiner Schwester Anna Maria Iselin-Burckhardt 1799-1858)
(3) Tochter von Benedict Werthemann-Burckhardt (5)
(4) Bruder von Valeria Werthemann im Berowergut (9)
(5) Sohn von Andreas Werthemann-Staehelin (4)
(6) Erbin des Ruedinschen Landguts
(7) Jüngerer Bruder von Hans Balthasar Burckhardt-de Bary
(8) Schwester von Andreas Hoffmann-Merian im Berowergut (10)
(9) Schwester von (4), Mutter von (8) und
(10), Tante von (5), Grossmutter von (2) und
(11), Grosstante von (3)
 
Riehener Gartenpläne von François Caillat Vater und Franz Caillat Sohn (alle vermutlich zwischen 1826 und 1838 gezeichnet)
Glöcklihof WerthemannStaehelinsches Gut Iselin-Weber Gut Berowergut
Plan signiert F Caillat 1838 (vermutlich Franz Caillat Sohn, siehe Seite 125) Zwei Planentwürfe, unsigniert, undatiert (vermutlich nach 1836 von Franz Caillat Sohn, siehe RJ 1987, Seite 31) Plan signiert Frç Caillat, undatiert (von François Caillat Vater, zwischen 1826 und 1835, siehe Seite 118) Plan signiert Fr. Caillat père fecit, undatiert* (siehe RJ 1987, Seite 17) «Plan projeté» signiert Fr. Caillat Père 1834 (siehe RJ 1987, Seite 26) * Von fremder Hand ist «1832 oder 33» eingetragen. Der Plan dürfte auf Grund des Schriftbildes von F. Caillat Sohn nach dem Entwurf seines Vaters gezeichnet worden sein.
 

Die Caillat-Pläne des Iselin-Weber-Guts und des Glöcklihofs
Der Plan des Iselin-Weber-Guts
Der undatierte Gartenplan20) des Iselin-Weber-Guts von der Hand Jean-François Caillat Vater21) stellt in mancher Hinsicht einen Höhepunkt dar. Er entstand vermutlich zwischen 1826, als Dietrich Burckhardt-Hoffmann das benachbarte Grundstück von Samuel Wenk zu seinem Garten dazukaufte, und 1835, dem Todesjahr von Dietrich Burckhardt. Zweifellos war Caillat im Zenit seines Könnens: Er hat wahrscheinlich nicht nur die gartengestalterischen Ideen gehabt, sondern auch den Plan selber gezeichnet der Detailreichtum lässt sich mit keinem anderen CaillatPlan vergleichen - und dazu die Orangerie entworfen. Neben dem eigentlichen Gartenplan findet sich auch eine Ansicht und ein Grundriss dieses Gewächshauses22). Dass der Plan nicht nur Projekt war, kann man im heute noch bestehenden Garten feststellen: der Gehölzgürtel in der östlichen Randzone, der Weiher, ein paar bestimmende Solitäre und Baumgruppen sind noch vorhanden und machen den Park des Iselin-Weber-Guts zu einer der reizvollsten Anlagen in Riehen überhaupt.

Ein wirkliches Novum in diesem Gartenplan ist die Beschreibung des Wasserleitungssystems - eine meines Wissens einmalige Kombination von Gartenkunst und praktisch auszuführenden Details23)!

Die Farbe (es handelt sich um eine kolorierte Tuschzeichnung) ist äusserst subtil eingesetzt. So haben die Bäume eine Sonnen- und eine Schattenseite, bei den Nadelbäumen entspricht das einem hellen Blaugrün und einem kräftigen Tannengrün; bei den Laubbäumen geht die Skala von einem gelblichen Hellgrün bis zu einem satten Dunkelgrün. Besonders schön dazu: das klare Hellblau des Weihers. Die Inselbeete mit Blumen sind ebenso differenziert: Rubinrote Blüten in den beiden Beeten gleich beim Tor zur Strasse, orange, gelbe, hell- und dunkelblaue im eigentlichen Garten.

Man muss sich diese Farbgebung aber nicht als Vorschlag für eine wirkliche Bepflanzung denken. Vielmehr verwendeten die Gartenplanzeichner Chiffren für bestimmte Pflanzen. Reben sind sofort als solche zu erken nen, Föhren unterscheiden sich etwa vom Buchsbaum durch lichtere Aste; Obstbäume sind immer eine Mischung von spitzen und runden Formen. Im Vergleich zu anderen Gartenplänen unterscheidet sich dieser Plan in der exakteren Ausführung und in der Liebe zum (farbigen) Detail.

Was zum Beispiel nicht auszumachen ist, sind topographische Elemente, Niveauunterschiede, die für den englischen Landschaftsgarten an sich wichtigen Hügel und Talsenkungen. Gerade in diesem Garten gäbe es nämlich eine markante Erhebung: im hintersten Teil, wo Caillat einen Pavillon eingezeichnet hat (Legende Nr. 8) liess man sich in der heissen Jahreszeit ein kühlendes Lüftchen um den Kopf wehen, die Kinder kraxelten an den Hängen herum, um Walderdbeeren zu suchen24), und unter dem Hügel führte ein dunkler Tunnel aufs Bachtelenweglein hinaus, ein beliebter Ort, um die Damen des Hauses zu erschrecken25).

Die Legende zum Gartenplan auf Seite 118 umfasst 28 Nummern. Sie ist damit bei weitem die ausführlichste, die ich kenne. Zum Vergleich: Der Plan zum Berowergut mit einer ähnlichen Legende geht von a bis s, enthält also 18 Bezeichnungen. Die Sprache ist französisch (im Gegensatz dazu ist der Glöcklihofplan deutsch angeschrieben)26).

Der Plan des Glöcklihofs
Der Gartenplan des Glöcklihofs - mehrfach abgebildet33), aufbewahrt im Staatsarchiv Basel34) - ist datiert und signiert: «F Caillat fecit 1838». Für mich besteht kein Zweifel, dass diese Signatur authentisch ist. Ein stilistischer Vergleich mit den anderen Caillat-Plänen und mit dem Schriftbild der Unterschrift auf dem oben zitierten Brief von 183235) lässt nur einen Schluss zu: es handelt sich um ein Werk von Franz Caillat Sohn.

Da aber in der übrigen Literatur immer das Datum «um 1810» beigefügt wird, ein paar Worte zum Stilvergleich36).

Hält man den Gartenplan des Iselin-Weber-Guts von Caillat Vater neben den Glöcklihofplan, so macht der letztere eher den Eindruck eines mit Routine verfertigten Produkts. Zwar ist die Farbgebung der Nadel- und Laubbäume derjenigen von Caillat Vater durchaus ähnlich, die Art der Striche bei den Laubbäumen aber völlig verschieden: bei Caillat Vater sind auch die Bäume in Gruppen als Einzelgehölz erkennbar, während bei Caillat Sohn die Laubbaumgruppen zu einem unentwirrbaren Konglomerat verschwimmen. Diese Tendenz ist bereits auf dem Projektplan fürs Berowergut zu erkennen (1834).

Johann Jakob Bischoff-Merian war bis 1825 Besitzer des Wenkenhofs und des Glöcklihofs. Aus dem Jahr 1803 stammt der Plan des Basler Architekten Achilles Huber37), der die sehr moderate Anpassung des bestehenden französischen Gartens auf dem Wenken an den neuen Stil zeigt. Derselbe Vorgang ist im Glöcklihof in sehr viel radikalerer Weise erfolgt: vom französischen Garten ist nichts weiter übrig geblieben als eine Allee gleich hinter dem Eingangstor, in der Querachse zum Garten. Dasselbe - die Umgestaltung der Barock- in Landschaftsgärten - spielte sich ja in den 1830er Jahren im Berowergut, im Iselin-Weber-Gut und in den nachmaligen Sarasinschen Gütern ab. Kommt dazu, dass 1836 der Glöcklihof von Emanuel BurckhardtWerthemann, Sohn von Dietrich Burckhardt-Hoffmann, Besitzers des Iselin-Weber-Guts, käuflich erworben wurde. Wäre es nicht logisch, dass er sich die Dienste eines Caillat sichert, der den väterlichen Besitz bereits so kunstvoll verschönert hatte?

Die Struktur der englischen Anlage im Glöcklihof ist recht einfach: das Flächenrechteck (d.h. die seit alters her ummauerte Fläche des Ziergartens) ist in drei Rasenparterres eingeteilt. Die beiden der Baselstrasse zu gelegenen sind durch einen von einer eleganten Brücke überspannten Weiher miteinander verbunden. Im vorderen Weiherteil (dem Herrenhaus zu) befindet sich der Springbrunnen (der schon im 18. Jahrhundert erwähnt wird). Sparsam eingesetzte Baumgruppen und Blumenbeete in den Rasenflächen vor dem Cagliostro-Pavillon sind weitere Elemente. Den Abschluss des Gartens bildet eine Lindenallee, die wie diejenige vor dem Herrenhaus die Querachse betont.

Auf dem Originalplan finden sich ganz schwache Bleistiftlinien, die eine andere Einteilung des Gartens andeu ten. Unter anderem führt eine kleine Allee vom Garteneingang zum wesentlich verkleinerten Weiher. Diese Gestaltungsidee ist, wie der heutige Garten zeigt, nie verwirklicht worden, hingegen finden sich im heute bestehenden Garten noch fast alle Elemente des Caillat-Plans.

Der Garten des Iselin-Weber-Guts in seiner heutigen Gestalt
Hinter dem imposanten Gittertor zur Baselstrasse hin verbirgt sich etwas ganz Besonderes: eine der schönsten alten Gartenanlagen in Riehen überhaupt. Ihre Ausdehnung (das ganze Grundstück misst über 11 000 Quadratmeter) ist zwar respektabel, doch wirkt der Park in all seinen Aspekten intim, ja romantisch. Evoziert werden diese Empfindungen in erster Linie durch die geschickte Anordnung der Baumgruppen und Solitäre, die, wie es der Gartenarchitekt Caillat Vater ja beabsichtigt hat, das Auge hierhin und dahin führen und es immer wieder neue Perspektiven entdekken lassen. Trotz dieses intimen Charakters erhält der Park durch die weiten Rasenflächen eine unerhörte Grosszügigkeit, die durch einen besonderen Umstand noch betont wird: von fast keinem Punkt innerhalb des Gartens sind seine Grenzen auszumachen38).

Geht man die Liste der ursprünglich heimischen Gehölzarten durch, findet man eine oder mehrere Exemplare jeder Spezies in diesem Park: Eichen, Sommer- und Winterlin den, Hasel, Eschen, Stechpalmen, Buchs, Trauerweide. Auf drei Arten möchte ich besonders hinweisen: Föhre, Buche und Eibe (Taxus). Auf dem Gartenplan von Caillat Vater (siehe Seite 118 ) ist ein ganzer Taxusgürtel der südwestlichen Mauer entlang (d.h. zum Nachbarn hin) eingezeichnet. Er wurde tatsächlich gepflanzt und bildet heute ein Wäldchen mit weichem Boden und dunklen Pfaden.

Jenseits des Weihers erheben sich aus der Rasenfläche zwei gewaltige Solitäre: eine Schwarzföhre und eine weit ausladende Blutbuche; beide Bäume sind an die dreissig Meter hoch. Zumindest die Föhre ist auf dem Caillat-Plan eingezeichnet.

Von den 143 gezählten Bäumen39) sind über hundert einheimische. Dazu gehören auch die beiden Gruppen von mächtigen Platanen, die eine auf dem Aussichtsplatz über dem Tunnel, die andere an der Ecke Bachtelenweg/Bachtelenweglein - obschon Platanen auch erst seit dem siebzehnten Jahrhundert via England auf den Kontinent kamen40).

Durch die Gründung des zweiten Botanischen Gartens in Basel (1836) vor dem damaligen Aeschentor erfolgte ein Impuls zum Sammeln von Exoten. Die «Baumreste» dieses ehemaligen Botanischen Gartens, Gingko biloba, Scheinzypressen und Mammutbaum, finden sich auch im IselinWeberschen Garten und zum Teil auch im Garten des Glöcklihofs41). Aus ihrem geschätzten Alter von etwa 100 bis 120 Jahren kann man schliessen, dass eine zweite Etappe von Baumpflanzungen zwischen 1860 und 1870 erfolgt sein muss.

Schaut man sich die Besitzverhältnisse zu dieser Zeit an, ergibt sich folgendes: 1860 werden Friedrich His und seine Frau Emilie His-Burckhardt Alleinbesitzer des Guts, indem sie Julie Vischer-Burckhardt, Emilies Schwester, auszahlen42). Emilie und Julie sind die beiden Töchter von Emanuel und Charlotte Burckhardt-Werthemann. Durchaus wahrscheinlich also, dass die junge Generation ebenfalls das Bedürfnis hatte, den Park mit den neusten Gehölzen zu bereichern.

Der Mammutbaum beispielsweise, ein aus Amerika stammender Urweltbaum, der bis zu dreitausend Jahre alt wird, kommt erst 1853 nach Europa43). Im Iselin-Weberschen Garten wachsen ausserdem zwei Magnolien (eine prächtige beim Weiher), die besonders beliebt waren: Es handelt sich nämlich um die sogenannte Soulange-Magnolie, eine Züchtung der Pariser Gärtnerei Soulange-Boudin vor etwa 150 Jahren. Sie blühen im Frühling, innen weiss, aussen rot, und duften (eine ganze Gruppenbepflanzung befindet sich vor der Pauluskirche in Basel44).

Emilie His-Burckhardt überlebte ihren Gatten um 29 Jahre. Jeden Sommer übersiedelte sie auf ihren Landsitz nach Riehen und empfing am Sonntagnachmittag jeweils ihre Töchter, zum Teil mit Mann und Kindern, zum nachmittäglichen Tee. Man sass im Gartensaal des Herrenhauses oder, wenn es heiss war, im davorliegenden Peristyl und tat sich gütlich an enormen Mengen von Gutzi, Crèmes und Kuchen. Die Kinder schickte man zum Spielen in den Garten. «Aber geht mir ja nicht in die Himbeeren!» soll eine nicht sehr kinderfreundliche, unverheiratete Tante der Kinderschar jeweils nachgerufen haben, worauf sich die Kinder in den «Beerigarten» stürzten. Jean Hilpert, der langjährige Gärtner der Urgrossmama His, soll im Gegensatz zur zitierten Tante sehr kinderfreundlich gewesen sein...

Die Urgrossmama war so emanzipiert, dass sie jenseits der Gartenmauer, über einen Feldweg dem Gemüsegarten entlang erreichbar, ein «Badhysli» bauen liess - aber sie war dann doch nicht so emanzipiert, dass sie beim Baden gesehen werden wollte, und so zog man eine zweieinhalb Meter hohe Betonmauer rundherum. Das Wasser sei knapp eineinhalb Meter tief gewesen und meistens eiskalt - wegen der Mauer, die zwar vor neugierigen Blicken schützte, aber leider auch die Sonneneinstrahlung sehr begrenzte.45) Oberstkorpskommandant Heinrich Iselin-Weber, Enkel von Emilie His-Burckhardt, war der erste Besitzer des Landguts, der ganzjährig in Riehen wohnte. Er war ein grosser Blumenliebhaber, beschäftigte noch bis zum Krieg einen Gärtner und Hess im unteren Teil des Parks prächtige Staudenbeete anlegen (die wegen der aufwendigen Pflege heute redimensioniert sind). Einige der gekiesten Wege wurden aufgehoben zugunsten der Bäume; die Rosenbäumchen, die, wie sich Elisabeth Böhme-Iselin erinnert46), an jeder Wegkreuzung und zum Teil am Rand der Rasenflächen wuchsen, existieren nicht mehr.

Nach seinem Tod 1955 fiel der Besitz an seine vier Kinder, die an die Stelle der Remise, des Schopfs und der Orangerie am Bachtelenweg Reihenhäuser errichten Hessen. Der übrige Park blieb unangetastet, erfordert aber einen enormen Aufwand. Einige der ganz alten mächtigen Bäume sind krank, können aber wahrscheinlich gerettet werden47). Es wäre schön, wenn der Garten des Iselin-WeberGuts so erhalten werden könnte, wie er heute ist, als einer der immer seltener werdenden authentischen Zeugen längst vergangener Gartenkultur.

Anmerkungen:
1) vgl. RJ 1987, S. (4)-35
2) Allerdings lässt sich bisher kaum ein Basler Landgut in Riehen aufein ähnlich privilegiertes Landgut eines mittelalterlichen Grundherren zurückführen; eine besondere rechtliche Stellung ist nur bei den Vorläufern des Wenkenhofs und des Rüdin'schen Landguts am Erlensträsschen zu vermuten. Fritz Lehmann, Historisches Grundbuch Riehen (HGR) 3) vgl. RJ 1987, S. (4)-35
4) Abbildung siehe RJ 1987, S. 7
5) HGR, Abteilung A Liegenschaften; erwähnt in einem Lehensbrief von 1757
6) Privatbesitz Riehen
7) Mitteilung von Herrn Dr. Georg Gruner, Basel
8) in: Heyer, S. 150 und RGD, S. 259
9) StABS, Planarchiv W 1, 176
10) StABS, Handel und Gewerbe, FFF 2; eine Häufung in den 1830er Jahren
11) do; Dat. vom 2. August 1832
12) StABS, Genealogische Kartei
13) do, in Basel 1890 eingebürgert
14) Carl Brun (Red.): «Schweizerisches Künstler-Lexikon», Frauenfeld 1905-1917, dort Bd. I, S. 251 und Suppl., S. 85. «Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz», Neuenburg 1921-1934, dort Bd. II, S. 471
15) StABS, Handel und Gewerbe, FFF 2
16) siehe Seite 118
17) keine Hinweise in Handel und Gewerbe
18) 1799 wird sein erstes Kind zu St. Alban getauft (Quelle: siehe Anmerkung 12).
19) Gemeindearchiv Riehen; beide Pläne sind signiert mit Caillat père, aber in der Schrift von Caillat Sohn.
20) Privatbesitz Riehen
21) Signatur identisch mit derjenigen unter der Petition von 1819, siehe Anmerkung 10 22) Ungewiss ist, ob genau dieses Gewächshaus gebaut worden ist.
23) Es ist anzunehmen, dass Caillat den Hofer-Plan kannte und dessen Wasserleitungssystem berücksichtigt hat.
24) Mitteilung von Frau Pfarrer Elisabeth Böhme-Iselin, Riehen
25) Mitteilung von Herrn Dr. Georg Gruner
26) Ein Indiz dafür, dass sich Caillat Sohn assimiliert hat?
27) Ich rekonstruiere zuerst die französische Schreibweise, dann folgt die deutsche übersetzung und der Versuch einer Erklärung.
28) Diese Tonleitung wurde anlässlich von Gärtnerarbeiten gefunden. Mitteilung von Herrn Dominik Zurfluh, Chef der Gemeindegärtnerei Riehen
29) HGR, Abteilung A Liegenschaften
30) Privatarchiv Iselin-Weber
31) HGR, Abteilung A Liegenschaften
32) Mitteilung von Herrn Johannes Wenk, Riehen
33) siehe Anmerkung 8
34) siehe Anmerkung 9
35) siehe Anmerkung 11
36) Für die Datierung entscheidend soll eine Erweiterung des ökonomietrakts um 1821 sein, die auf dem Caillatplan von 1838 nicht vermerkt ist.
37) RGD, S. 258 und Anmerkung 146, Seite 266
38) Darauf wurde ich freundlicherweise von Frau Pfarrer Elisabeth Böhme-Iselin aufmerksam gemacht.
39) Aufnahme durch Peter Kessler, Basel, in der Stadtgärtnerei Basel
Anmerkungen
40) Basilea botanica, S. 208f.
41) Basilea botanica, S. 189
42) HGR, Abteilung A Liegenschaften
43) Basilea botanica, S. 210
44) Basilea botanica, S. 223
45) Diese Erinnerungen wurden mir freundlicherweise mitgeteilt von Herrn Dr. Georg Gruner, Basel.
46) älteste Tochter von Heinrich Iselin-Weber
47) Die erforderlichen Baumpflegemassnahmen sind ausserordentlich aufwendig. Mitteilung von Herrn Dominik Zurfluh, Chef Gemeindegärtnerei Riehen

Literatur
Daniel Burckhardt-Werthemann: «Das Baslerische Landgut vergangener Zeit», in: «Jahrbücher des Basler Kunstvereins», Basel 1912 «Das Bürgerhaus der Schweiz», Band XXII (Basel-Stadt II. Teil), Zürich 1930 Hans Rudolf Heyer: «Historische Gärten der Schweiz», Bern 1980 Silvia Hofmann: «Historische Gärten in Riehen», RJ 1987, S. (4)—35 Emil L(udwig) Iselin: «Geschichte des Dorfes Riehen», Basel 1923 Michael Raith: «Gemeindekunde Riehen», Riehen 21988 Ursula Reinhardt: «Riehen», Schweiz. Kunstführer, Basel 1980 Marilise Rieder, Hans Peter Rieder, Rudolf Suter: «Basilea botanica», Basel 1979 «Riehen - Geschichte eines Dorfes» (RGD), Riehen 1972 Werner Schär: «Höfe und Landgüter in Riehen», Riehen 1966 Hans Schwab: «Riehen seit 1825», Basel 1935 Johanna Von der Mühll: «Basler Sitten», Basel 21969 Eduard Wirz: «Unser Riehen», Riehen 1956

Personen
(soweit nicht im Register zum RJ oder in der Tabelle «Verwandtschaftliche Beziehungen einiger Landgutbesitzer um 1830»)
Elisabeth Böhme-Iselin bzw. Gretler-Iselin ("'1921), Pfarrerin Liestal BL, heute wohnhaft in Riehen
Franz (François) Caillat (1806-nach 1845), Gärtner
Johann Franz (Jean-François) Caillat (1776-1835), Gärtnermeister, Kunstgärtner
Ursula Caillat-Ecklin (1770-1847)
Ursula Caillat-Schneider (1812-P1882)
Georg Gruner (s'1908), dipi. Ing. ETH, Dr. med. h.c., Unternehmer, Oberst, Mitglied Grosser Rat, Weiterer Bürgerrat und Bürgerrat
Johann (genannt Jean) Hilpert (1849-1923), Herrschaftsgärtner
Marie Rosalie Hilpert-Stemmelen (1852-1931)
Jean Henry Hofer (konnte nicht identifiziert werden)
Achilles Huber (1776-1860), Architekt
Peter Kessler ( * 1944), dipi. Ing. HTL, Landschaftsarchitekt
Samuel Merian-Kuder (1740-1824), Handelsmann, Mitglied Grosser Rat, Richter
Peter Ochs (1752-1821), Dr. iur., Präsident des Helvetischen Direktoriums, Mitglied Grosser und Kleiner Rat, Historiker
Julie Vischer-Burckhardt ( 1826-1915)
Samuel Wenk-Seidenmann (1776-1834), Landwirt
Dominik Zurfluh ( * 1956), Chef Gemeindegärtnerei
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