1988

Ein Pionier der Naturheilkunde - Alfred Vogel

Marlene Minikus

Alfred Vogel Als im Januar 1988 die Jahrbuchredaktion beschloss, wieder eine Persönlichkeit vorzustellen, die mit Riehen verbunden ist, deren Name aber weit über unsere Gemeinde hinaus Anerkennung gefunden hat, wurde bald einmal der Name Alfred Vogel genannt.

Als ich Alfred Vogel Ende April in seinem Haus in Riehen besuchte, schien mir sein Garten, den ich auf dem Weg von der Strasse zum oberhalb versteckt liegenden Wohnhaus zu durchqueren hatte, trotz einiger blühender Sträucher keiner besonderen Beachtung wert. Dies sollte sich allerdings noch ändern - aber davon später.

Auf meine vorbereiteten Fragen gibt Doktor Vogel bereitwillig Antwort: er habe das Leben immer ernst genommen , sei aber ein fröhlicher Mensch ; er liebe klassische Musik, vor allem Mozart, und früher habe er selber Geige gespielt - und plötzlich beginnt er zu erzählen, von seiner Arbeit, seinen Reisen, von Pflanzen und Menschen, den Zusammenhängen in der Natur. Ich vergesse mein Konzept und höre ihm, dem über 85jährigen, bescheidenen Mann mit dem immensen Wissen, fasziniert zu: was er erzählt ist weit interessanter als das, was ich fragen wollte.

Die Geschichte des Autodidakten Vogel erinnert ein wenig an jene vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird; ich möchte deshalb mehr wissen und greife gerne zu einer Biographie, obwohl sie nicht in deutscher Sprache vorliegt. Sie trägt (übersetzt) den Titel «Mein Leben und Werk» - und Leben und Werk sind auch nicht voneinander zu trennen bei diesem Pionier der Naturheilkunde, dem Naturarzt, Phytotherapeuten, Ernährungswissenschafter, Heilpflanzenforscher, Vortragsreisenden, Geschäftsmann und nicht zuletzt dem Autor und Verleger Alfred Vogel.

Zunächst aber soll er selber zu Wort kommen mit der programmatischen Einführung, die er einem seiner Bücher vorangestellt hat:
«Auf dem Lande aufgewachsen, lernte ich mit Tieren und Pflanzen vertraut zu werden. Mein Vater und die Grossmutter waren kräuterkundig, und schon als Kind kannte ich die mitteleuropäischen Heilpflanzen sehr gut und wurde auch mit den Regeln der Volksmedizin frühzeitig bekannt. Das Schulwissen schätzte ich als gute Grundlage. Die Natur selbst war jedoch meine liebste Universität. Schon in jungen Jahren führte mich mein Wissensdrang in fremde Länder, und immer wieder zog es mich zu Naturvölkern, um Zusammenhänge zwischen Ernährung, Lebensweise, Konstitution und Krankheit zu studieren. Meine Erfahrungen in Afrika, Asien, Nord-, Zentral- und Südamerika, bei Steppen- und Urwaldvölkern zeigten mir, dass die Natur bei geschickter Leitung und Unterstützung mehr kann als die vermeintliche Kunst der Menschen. Zehn Jahre hatte ich Gelegenheit, im eigenen Kurhaus am Krankenbette die grosse überlegenheit naturgemässer biologischer Methoden in Verbindung mit gut gewählter Ernährungstherapie bestätigt zu finden. Ich habe erfahren, dass für den guten Beobachter die Natur die beste Lehrmeisterin ist und bleibt. Der Mensch kann zwar helfen, die Natur allein aber kann heilen.»

Alfred Vogel wurde am 26. Oktober 1902 in Aesch BL geboren. Dort wuchs er in ländlicher Umgebung mit Pflanzen und Tieren auf. Schon als junger Mensch entwickelte er allerdings eigene Vorstellungen, die sich mit denen der Dorfgemeinschaft nicht deckten. Zwar war er, wie er selber sagt, «kein Revolutionär - nur konsequent», und dies nicht nur in Sachen Ernährung oder Rauchen, sondern auch in bezug auf Politik und Religion: das Leben ist heilig und darf nicht angetastet werden. So kann denn auch sein Biograph die Liebe zu Gott, der Natur und den Menschen als Triebfeder und Kraftquelle seines arbeitsintensiven und fruchtbaren Lebens bezeichnen.

1920 zog der junge Alfred Vogel nach Basel. An der Jurastrasse 1 betrieb er ein Kräuter- und Reformhaus. In der dortigen Küche, die er als Labor eingerichtet hatte, entstanden die ersten Extrakte aus Frischpflanzen; Vogel hatte entdeckt, dass diese eine andere Wirkung entwickeln als Tinkturen aus getrockneten Pflanzen.

Aus der Beratung seiner Kundschaft, der er auch Anweisungen für eine gesunde Ernährung gab, entstand fast von selber eine Naturheilpraxis, die er nach Teufen im Kanton Appenzell-Ausserrhoden verlegte, wo er auch über zehn Jahre lang ein eigenes Kurhaus führte. Nachdem Vogel verschiedene, auch finanzielle Schwierigkeiten und Rückschläge überwunden hatte, schaffte er den Durchbruch und konnte auf ausgedehnten Reisen in aller Welt seine Forschungen betreiben. Er studierte die von Naturvölkern verwendeten Arzneimittel und Heilmethoden; was er damals empirisch und mit Intuition betrieb, erforscht heute die Ethnopharmakologie mit wissenschaftlichen Methoden die Erkenntnisse Vogels werden dabei vielfach bestätigt.

Bereits in seinem Basler Küchenlabor kreierte und produzierte Alfred Vogel also seine ersten Heilmittel, die er später in Teufen herstellte. Heute liefert die von Vogel vor 25 Jahren für die Herstellung seiner Produkte gegründete Firma Bioforce AG (mit Niederlassungen oder Exklusivvertretungen in 15 Ländern gehört sie zu den bedeutendsten Herstellern von Naturheilmitteln und Reformprodukten) eine breite Palette von phytotherapeutischen Präparaten (Vogels Frischpflanzenextrakte sind zum Begriff geworden), homöopathischen Mitteln, Reformnahrung, Diätprodukten und biologischen Kosmetika an Abnehmer auf allen Kontinenten.

Vogel hat zuerst Nord-, Zentral- und Südamerika bereist. Auf zwei Reisen von zusammen fast einem Jahr besuchte er Guatemala, Panama, Kolumbien, Ecuador und Peru (dort baute er mit Indianern eine Farm auf); es folgte eine Expedition ins Amazonasgebiet zu den dortigen Eingeborenen. Vogel war aber auch in Indonesien, Korea, Indien; in Tasmanien sprach er über die Gefahren von DDT mit dem Erfolg, dass es daraufhin verboten wurde. Diese ausgedehnten Reisen, die Alfred Vogel «als lebendiges Fragezeichen» unternahm und auf denen er Pflanzen, Tiere und die Lebensweise von Urvölkern erforschte, führten immer wieder zur Entwicklung neuer pflanzlicher Heilmittel. Alfred Vogel ist Autodidakt, ein Mann der Praxis. Er hat zwar seinen eigenen Weg gesucht aus Furcht, durch ein Stu dium zu stark von fremden Ideen beeinflusst zu werden, hat aber wissenschaftliche Bücher gelesen, wenn auch sein Wissen nicht zur Hauptsache aus Büchern geschöpft: Vogel hat immer den Kontakt mit bekannten Persönlichkeiten gesucht; einerseits um sie von seinen Auffassungen zu überzeugen, andererseits um von ihnen eine Bestätigung seiner Ansichten zu erhalten. Zu seinen Lehrmeistern gehörten unter anderen Professor Emil Abderhalden und Dr. Bircher-Benner, Ermutigung erhielt er auch von Professor Kollath, mit dem er auf einem ärztekongress bekannt wurde. Mit dem Urwalddoktor Albert Schweitzer führte er einen Briefwechsel, und zu seinen vielen weiteren Bekanntschaften gehört auch der zweifache Nobelpreisträger Dr. Linus Pauling aus Kalifornien.

Vogel scheute sich nie, auch Staatsmänner und Regierungsoberhäupter anzuschreiben und auf die medizinische Situation in deren Land einzugehen. Meist erhielt er Antwort, oft wurden seine Anregungen aufgegriffen. Zu diesen Kontakten gehören auch diejenigen zu Tito, der Vogels Buch «Der Kleine Doktor» begeistert ins Slowenische und später ins Serbokroatische übersetzen liess, und zum holländischen Königshaus, nachdem eines seiner Mitglieder in der öffentlichkeit zugegeben hatte, Vogels Erkenntnisse hätten ihm zu besserer Gesundheit verholfen. Vogel stand auch in Kontakt mit John F. Kennedy, dem Schah von Persien, Präsident Sadat und der dänischen Königin (Sie hatte in der öffentlichkeit geraucht, und Vogel, der aus überzeugung nicht nur Vegetarier, sondern auch Nichtraucher ist, wies sie auf die gesundheitlichen Risiken des Rauchens hin.). Präsident Kekkonen schliesslich war von Vogels Büchern so beeindruckt, dass unter seinem Einfluss in den nordfinnischen Wäldern keine chemischen Spritzmittel mehr eingesetzt werden.

Der Autodidakt Vogel ist von der etablierten Wissenschaft zwar nicht immer ernst genommen worden. Immerhin hat ihm das Institut für Osteopathie, Chiropraktik und Naturheilkunde der University of California in Los Angeles bereits in den frühen fünfziger Jahren den Ehrendoktor für medizinische Botanik verliehen. Rund dreissig Jahre später erhielt er 1982 beim Jahreskongress der Deutschen Heilpraktikerschaft mit der Prießnitz-Medaille die höchste Auszeichnung, die es auf dem Gebiet der Naturheilkunde gibt. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Erfahrungs medizin nahm ihn als Mitglied auf, und 1984 wurde er anlässlich des zweiten internationalen Kongresses dieser Vereinigung zum Ehrenmitglied ernannt.

Vogel als erfolgreicher und engagierter Verfechter der Naturheilkunde möchte die Menschen nicht nur heilen, sondern sie aufklären, um sie vor Krankheiten zu bewahren. Deshalb wollte er sein Erfahrungsgut stets möglichst breiten Kreisen zugänglich machen. Sehr früh schon begann darum seine Vortragstätigkeit: bereits als 18jähriger hielt er sein erstes Referat über Rohkost - vor über 500 Zuhörern und ohne Mikrophon in einem St. Galler Restaurant. Den Vorträgen in Restaurants folgten unzählige an Naturheil- und Kneipp Veranstaltungen, aber auch bald an internationalen Naturheilkundekongressen, vor ärztegremien, an Universitäten sowie an Radio und Fernsehen (im Alter von über 70 Jahren hat Alfred Vogel in Australien innert sechs Wochen 50 Vorträge, davon 30 an Fernsehen und Radio, gehalten).

Alfred Vogel verbreitet seine Ideen aber auch auf schriftlichem Weg: Seit 1929 gibt er eine eigene Gesundheitszeitschrift heraus, die erst unter dem Titel «Das neue Leben» erschienen war. Heute wird sie im 45. Jahrgang als «A. Vogel's Gesundheitsnachrichten» in vier Sprachen und monatlich in einer deutschsprachigen Auflage von 45 000 Exemplaren verbreitet.

Schon als 23jähriger schrieb Vogel sein erstes Buch «Kleiner Wegweiser für Lebensreform». 1935 erschien der Titel «Nahrung als Heilfaktor», der weite Kreise auf den Einfluss der Ernährung auf die Gesundheit aufmerksam machte. 1952 folgte sein bekanntestes Werk «Der Kleine Doktor» als ein Handbuch der schweizerischen Volksheilkunde (heute bereits in zwölf Sprachen und über zwei Millionen Exemplaren in der ganzen Welt verbreitet). Als Ergänzung dazu erschien 1983 «Die Natur als biologischer Wegweiser». In einem «Gesundheitsführer durch südliche Länder» legte er die Erfahrungen seiner eigenen Reisen nieder. Zwei weitere grosse Werke sind 1960 und 1987 in seinem Verlag erschienen, das eine befasst sich mit der «Leber als Regulator der Gesundheit», das andere stellt die Frage «Krebs - Schicksal oder Zivilisationskrankheit».

Die jugendliche Begeisterungsfähigkeit dieses Mannes von Mitte Achtzig, der Bergwanderungen und auch noch, wie er mir erzählt, die Diavolezza-Abfahrt «macht», hat mich beeindruckt. Als ich mich schliesslich mit schlechtem Gewissen, weil ich die Zeit des Vielbeschäftigten so lange (und gerne ...) in Anspruch genommen habe, verabschieden will, anerbietet sich mein Gastgeber liebenswürdig, mich bis zum Gartentor zu begleiten: Diese Begleitung entwickelt sich in der Folge zur beinahe abenteuerlichen Exkursion von Baum zu Baum, von Pflanze zu Pflanze. Hier eine Bemerkung über Besonderheiten, dort ein Hinweis auf verwandte und ähnliche Gewächse, Auskunft über Wirkungen, persönliche Erfahrungen - über Herkunft, über Bodenbeschaffenheit ... Wo ich zuvor mit blinden Augen vorbeigegangen war, zeigt mir Alfred Vogel Wunder der Schöpfung.

Biographische Angaben zu im Text erwähnten Personen:
Emil Abderhalden (1877-1950), Prof. Dr. med., Physiologe;
Maximilian Oskar Bircher-Benner (1867-1939), Dr. med;
Werner Kollath (1892-1970), Prof. Dr. med., Hygiemker, Bakteriologe;
Linus Carl Pauling (1901), Prof. Dr. phil., Chemiker;
Vincenz Prießnitz (1799-1851), Naturheilkundiger.

Literatur:
Klaas Mulder/Saskia van der Stroel: A. Vogel, Mijn Leven en Werk, Amsterdam 1986.

Bücher von Alfred Vogel:
Kleiner Wegweiser für Lebensreform, Basel 1925 (vergriffen).
Nahrung als Heilfaktor, Trogen 1935 (vergriffen).
Der Kieme Doktor, Teufen 1952.
Die Leber als Regulator der Gesundheit, Teufen 1960.
Gesundheitsführer durch südliche Länder, Teufen 1972.
Die Natur als biologischer Wegweiser, Teufen 1983.
Krebs, Schicksal oder Zivilisationskrankheit, Teufen 1987.

ferner:
A. Vogel's Gesundheitsnachrichten. Monatsschrift für Naturheilkunde, Teufen 1943 ff.


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