1988

Die Kirchenburg von Riehen

Peter Thommen

Überblick über den gegenwärtigen Stand archäologischer, historischer und baugeschichtlicher Forschungen

Einleitung
Seit der letzten Eiszeit haben die verschiedenen, ständig wechselnden Wasserläufe des Rheins und der Wiese jene Landschaft am Ausgang des Wiesentals geformt, in der heute das Dorf Riehen liegt. Während der Trockenperioden der letzten Eiszeit entstanden an den Hängen des Dinkelbergs mächtige Ablagerungen von Löss1), die hier durch den Wind ausgeblasen und abgelagert worden sind. In der Talebene haben die Wasserläufe nach und nach diese Ablagerungen weggeschwemmt; lediglich im Bereich kleiner Rinnsale sind noch Lössvorkommen anzutreffen, die durch das Wasser von den Hängen des Dinkelbergs heruntergespült worden sind. Darunter liegen wie im ganzen Talgebiet Gerölle, Kies und Sand, welche von Rhein und Wiese herangeschafft worden sind2).

Zwischen den Abhängen des Tüllingerberges im Westen und des Dinkelberges im Osten entstand ein günstiges Siedlungsgelände. Es lässt sich unterteilen in die Wiesenaue, die Niederterrasse und die Hochterrasse. Noch bis zu Beginn des letzten Jahrhunderts prägten die ständig wechselnden Wasserläufe der Wiese die Auenlandschaft, welche als letzte Zone erst nach der Kanalisation des Flusses besiedelt werden konnte.

Mit dem Vordringen der Römer in die Gebiete nördlich der Alpen nahm auch auf der rechten Seite des Hochrheines eine intensivere Besiedlung ihren Anfang. Ihre ersten Spuren liegen vermutlich noch in der ersten Hälfte des ersten, nachchristlichen Jahrhunderts3). Entlang der rechtsrheinischen Strasse, welche in der Folge die Koloniestadt Augusta Rauricorum und die Siedlung Cambete bei Kembs miteinander verband, wurden grössere Gutshöfe und Landwirtschaftsbetriebe im Einflussbereich der blühenden Koloniestadt errichtet. Neben einzelnen Gehöften entstanden an dieser Strasse auch drei grössere Siedlungen, nämlich nördlich des Dorfkerns von Weil, bei Efringen-Kirchen und beim ehemaligen Landauerhof im Riehener Gemeindegebiet am Fuss des Grenzacher Horns4).

Nur etwa einen Kilometer nördlich der letztgenannten Siedlungsstelle lag ein sogenannter gallorömischer Vierecktempel mit ummauertem Hof und einem kleinen daran anschliessenden Theater5).

Die in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts einsetzenden Uberfälle der Alamannen zogen eine Verödung der rechtsrheinischen römischen Siedlungsgebiete nach sich. Der Rhein bildete erneut die Grenze des römischen Reiches. Im 5. Jahrhundert werden schliesslich mit den Gräberfeldern von Herten bei Kaiseraugst, Basel-Gotterbarmweg, Basel-Kleinhüningen und Lörrach erstmals alamannische Niederlassungen am rechten Rheinufer fassbar6).

Die einsetzende starke Bevölkerungszunahme förderte im 7. Jahrhundert die Bildung sogenannter Ausbausiedlungen, welche aus grösseren Gehöften oder kleineren Weilern bestanden. Im Umkreis von Riehen sind unter anderem Stetten7), der Wenkenhof8) und nicht zuletzt wohl auch Riehen9) selbst zu nennen. In diese Zeit fällt die archäologisch fassbare Neuerung im Grabbau, das Aufkommen der sogenannten Plattengräber. Ihre Bauweise aus Steinplatten wird zurückgeführt auf die römischen Steinsarkophage. Im Gebiet der Gemeinde Riehen sind bis heute mindestens drei solcher Grabbauten nachgewiesen worden10).

Die ehemalige rechtsrheinische Fernhandelsstrasse hatte inzwischen ihre Bedeutung eingebüsst; die Verbindungswege verliefen nun in Ufernähe des Rheines. Mit der Entstehung eines neuen Verkehrsweges ins Wiesental, der jedoch nur von lokaler Bedeutung war, entstand an der Strassenkreuzung Basel - Wiesental/Weil - Inzlingen eine Siedlung, das heutige Oberdorf von Riehen. Zu Beginn nur von geringer lokaler Bedeutung, erlangte diese Siedlung mit fortschreitender Urbarmachung des Wiesentals in den folgenden Jahrhunderten eine gewisse Wichtigkeit.

Erst zu einem späteren, noch näher zu definierenden Zeitpunkt entstand bei der heutigen Dorfkirche ein weiterer Siedlungskern, das sogenannte Niederdorf. Er liegt auf einem Schwemmkegel des alten Immenbachs am Rande der Niederterrasse über der Wiesenaue. Ein natürlicher Riegel kennzeichnet diese Siedlungsstelle11), wo sich auch das Wiesental merklich verengt. Von hier liess sich der ganze Taleingang bis zum Rhein hin überblicken.

Zu Beginn des zweiten Jahrtausends schliesslich verschmolzen die beiden Siedlungskerne, und der Siedlungsschwerpunkt verlagerte sich zur Dorfkirche hin. Sie wurde gleichsam das Zentrum des Dorfes Riehen.

Archäologische Untersuchungen
Welches Interesse die Bewohner Riehens ihrer Dorfkirche entgegenbringen, zeigen die zahlreichen Publikationen rund um dieses Thema12). Mit der umfassenden Renovation der Kirche im Jahre 1942 setzten erstmals archäologische Untersuchungen ein, die in Etappen bis heute andauern. Diese Grabungen erlaubten es, die Anfänge und die Konzeption der Vorgängerbauten der Kirche einzugrenzen und deren weitere Entwicklungen aufzuzeigen.

Die Anfänge
Nach wie vor herrscht über den Ursprung der Kirche Riehens Unklarheit. War man früher noch der Auffassung, den heute noch in gewissen Teilen erhaltenen Kirchenbau in karolingische Zeit datieren zu können13), so darf heute als gesichert gelten, dass dieser aus romanischer Zeit stammt. Bei den Grabungen im Jahre 1942 hat man allerdings in der Kirche einen älteren Mauerzug und ein Steinkistengrab freigelegt, die darauf hinweisen, dass die Ursprünge der Kirche in vorromanische Zeit zurückreichen müssen. Bei weiteren Grabungen im Umkreis der Kirche sind Reste einer vorromanischen Bebauung zum Vorschein gekommen, so zum Beispiel beim Umbau des Meierhofs, beim Umbau der Alten Gemeindekanzlei, aber auch beim Neubau des Hauses Erlensträsschen 11 und anlässlich der Sanierung des Kirchhofes im Jahre 1982 (Abbildung 1, l)14).

In der neueren Forschung vertreten zwei Forscher unterschiedliche Auffassungen über die Entstehung der Kirchenburg Riehen: Rudolf Moosbrugger ist der Auffassung, dass die älteste Anlage aus einer einfachen, in Holz gebauten Burg bestand, die von einem Palisadenzaun und einem wohl wasserführenden Graben umgeben war15). Eine solchermassen auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel erbaute Burg wird im Fachjargon «Motte» genannt. Solche Anlagen sind in der Zeit um die erste Jahrtausendwende durchaus möglich16). Auf einem Bildteppich, dem sogenannten Teppich von Bayeux, dessen Entstehung ins Jahr 1066 datiert werden kann, ist eine solche Motte bildlich dargestellt. - Die Burg von Riehen befand sich jedoch nicht auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel, sondern das bestehende Gelände wurde beim Bau dieser Anlage geschickt ausgenutzt. Einerseits ist sie durch den Abhang zur Wiesenaue, andererseits durch die sie umfliessenden Wasserläufe des Immenbachs geschützt. Eine Anlage dieser Ausprägung wird eher als sogenannte Flachmotte bezeichnet. Moosbrugger hatte aufgrund seiner Forschungen sogar erwogen, dass das Gemeindewappen von Riehen die abstrahierte Darstellung einer solchen Motte versinnbildlichen könnte.

François Maurer17) unternahm den Versuch, aufgrund einer Richtungsgleichheit die ältesten Gebäudereste18), die deutlich von der Achse der romanischen Kirche abweichen, zu definieren und mit diesen eine Rekonstruktion der ältesten Anlage zu erreichen. Er kommt zum Schluss, dass diese erste Anlage, obwohl nur undeutlich fassbar, aus einem im Grundriss etwas oval verlaufenden Graben und einer Gruppe rechtwinklig geordneter Gebäude unbestimmter Form und Aufgabe bestanden habe. Das im Innern dieser ersten fassbaren Kirche gefundene Plattengrab Nr. 7 datiert er noch ins erste Jahrtausend und deutet die Anlage als Kirchenburg.

Welcher der beiden Hypothesen nun der Vorzug gegeben werden soll, bleibt offen. Im Zusammenhang mit unserer Betrachtungsweise stellen wir jedoch fest, dass eine Anlage im ausgehenden ersten Jahrtausend bestanden hat, von welcher nur ganz wenige Reste archäologisch gefasst werden konnten. Es sind dies wenige Fundamentreste, mindestens ein Steinkistengrab und Anzeichen eines breiten Grabens im Bereich des heutigen Erlensträsschens19). Einen Hinweis auf das Vorhandensein eines Grabens im Bereich des Meierhofs liefern indirekt Setzrisse, welche in dessen Westfassade festgestellt werden konnten20).

Die romanische Anlage
Waren von der ersten Anlage nur sehr wenige Reste erhalten geblieben, so liefern die archäologischen und baugeschichtlichen Untersuchungen doch ein recht genaues Bild der romanischen Anlage. Sie bestand aus einem Kirchenbau, einem Graben, einer Ringmauer mit angebauten Speichern, dem Meierhof und einem Friedhofbereich.

Die Kirche
Im frühen 11. Jahrhundert erfolgte der Bau der ersten gut fassbaren Kirche, von der noch Teile in der Nordmauer der heutigen Kirche erhalten geblieben sind (Abbildung 1, 2). Die Orientierung dieser Kirche gegenüber dem Vorgängerbau (Kirche oder Burg) ist in ihrer Längsachse leicht im Gegenuhrzeigersinn abgedreht. Neben dem mittleren Hauptchor wurde ein auf der Nordseite anschliessender halbrunder Seitenchor freigelegt21). Es darf angenommen werden, dass spiegelbildlich auch im Süden ein Seitenchor bestand, der aber bis heute archäologisch nicht nachgewiesen werden konnte.

Der Graben und die Umfassungsmauer
Im Zusammenhang mit dem Bau der romanischen Kirche wurde eine Ringmauer in die innere Grabenböschung gebaut (Abbildung 2,2) und der Graben teilweise eingeschüttet. Die Mauer konnte an verschiedenen Stellen nachgewiesen werden22). An der Basis betrug die Mauerstärke etwa 1,1 Meter, und als Baumaterial waren Kalkstein- und Buntsandsteinquader verwendet worden. Entgegen der früheren Auffassung, dass die Kirche nur auf drei Seiten von dieser Mauer umschlossen gewesen sei, und diese im Bereich des Meierhofs gefehlt habe23), hat die überarbeitung der Grabungsdokumente24) Hinweise geliefert, dass auch die Westseite mit dem Meierhof in die Umfassung einbezogen war.

An die Innenseite der Ringmauer, das heisst gegen die Kirche zu, wurden wohl schon im 12. Jahrhundert schmale Speicher angebaut, die später zum Teil unterkellert wurden. Waren sie ursprünglich Eigentum des Klosters Wettingen, wurden sie in späterer Zeit vermietet und auch verkauft25). Archäologisch sind solche Speicherbauten an verschiedenen Stellen nachgewiesen worden, so zuletzt beim Umbau der Alten Gemeindekanzlei und bei der Sanierung des Kirchhofes26).

Der Meierhof
Im westlichen Teil der Anlage wurden keine Speicher angebaut, weil an dieser Stelle der Meierhof errichtet wurde. Entgegen der an anderer Stelle erwähnten Datierung dieses Gebäudes um 105027) ist aufgrund von stilgeschichtlichen Vergleichen28) und der festgestellten Mauerabfolge in der Westfassade des Meierhofs29) mit einem Baudatum in der Mitte des 12. Jahrhunderts zu rechnen. Dies lässt die Vermutung zu, dass der Meierhof und die Speicher etwa zur gleichen Zeit erbaut worden sind.

Das als Wohnturm konzipierte Gebäude besass einen Grundriss von 10 x 12,5 Metern. Betrug die Mauerstärke im Erdgeschoss durchschnittlich noch 90 Zentimeter, so nahm sie in den oberen Geschossen um 10 bis 15 Zentimeter ab. Das Bauwerk besass drei Obergeschosse, die zusammen eine Höhe von rund 15 Metern ergaben. Den Abschluss bildete vermutlich ein Pultdach, dessen Bauweise aber noch einige Fragen offenlässt30. Das Gebäude besass auf der nördlichen Breitseite einen Hocheingang für das Wohngeschoss im ersten Stock. Dieser Eingang konnte dreifach verrammelt werden. Das Erdgeschoss erreichte man durch ein gegen zwei Meter breites Eingangstor in der Ostfassade. Von der romanischen Befensterung konnten bei der Renovation zusätzlich zu dem bereits bekannten Fenster im ersten Stock der Ostfassade noch weitere Fenster freigelegt werden.

Anhand der Lage und der Bauart des Meierhofs wird deutlich, dass dieser eine bedeutende Stellung eingenommen haben muss. Zum einen bildete er zusammen mit der Kirche ein Zentrum der Siedlung, zum andern war er Mittelpunkt eines grossen, noch 1522 über 150 Jucharten umfassenden Hofgutes. Uber die Inhaber dieses Herrensitzes und zugleich landwirtschaftlichen Verwaltungszentrums lassen sich nur Vermutungen anstellen. In einer schriftlichen Quelle von 1113 werden Güter im Dorfe Riehen erwähnt, die Walcho von Waldeck dem Kloster St. Blasien schenkte31). Dieser Walcho war ein Freiherr derer von Uesenberg32), und es ist anzunehmen, dass der Meierhof diesem Geschlecht als Verwaltungssitz für die eben erwähnten Güter diente.

Der Friedhof
Anlässlich der Renovation des Meierhofs im Jahre 1973 stiess man im Bereich zwischen Kirche, Meierhof und Speicherkranz (Abbildung 2,16) auf ein Gräberfeld mit mindestens 26 Individuen33). Insgesamt wurden 20 Gräber gefasst, die alle keine Anzeichen eines Holzsarges lieferten. Die enge Arm- und Beinhaltung der Toten deutete darauf hin, dass sie in Tuchbänder eingewickelt beigesetzt worden waren. Grabbeigaben waren keine zu verzeichnen, merkwürdig hingegen muteten die bei den meisten Bestattungen beobachteten, oberhalb oder seitlich des Kopfes gesetzten Steine an.

Obwohl die Gräber alle ungefähr westöstlich ausgerichtet waren, wobei der Kopf im Westen lag, liessen sich drei leicht divergierende Grundrichtungen unterscheiden. Dies und die Tatsache, dass einzelne Skelette teils dicht nebenoder übereinander lagen, lassen vermuten, dass die Belegung des Gräberfeldes über einen gewissen Zeitraum hinweg erfolgt war.

Eine anthropologische Untersuchung der Skelette lieferte folgende Ergebnisse34): Bei den Bestatteten handelte es sich um 14 Männer, zehn Frauen und zwei Personen unbekannten Geschlechts. Ihr mittleres Lebensalter lag bei 38 Jahren, die durchschnittliche Körpergrösse betrug bei den Männern 171 Zentimeter, bei den Frauen 163 Zentimeter, was als «hochwüchsig» zu bezeichnen ist. An pathologischen Veränderungen konnten besonders Arthrose und Bandscheibenschäden festgestellt werden, und der schlechte Zustand der Zähne (Karies, Parodontose und starke Zahnsteinbildung) war auffällig.

Da die Gräber keine Beigaben enthielten, bleibt für die Datierung des Friedhofes nur das Verhältnis der Bestattungen zu den umliegenden Baubefunden, für die jedoch auch nur eine annähernd genaue Datierung vorliegt. Unter den Mauern des sogenannten «Klösteriis» (Abbildung 2, 8) und der Trennmauer zwischen Kirchhof und Meierhofbereich kamen einzelne Bestattungen zum Vorschein. Zusätzlich wurden laut Grabungsdokumentation auch noch weitere Skelette im nordöstlichen Teil der Tenne (Abbildung 2,5) beobachtet. Geht man davon aus, dass die Speicher, aus denen das Klösterli später im 13. /14. Jahrhundert entstand, im 12. Jahrhundert gebaut worden waren, so lässt sich der Friedhof etwa ins 11. oder frühe 12. Jahrhundert datieren. Ob er mit dem Bau der Speicher und des Meierhofs aufgelassen wurde, entzieht sich unserer Kenntnis.

Die spätmittelalterliche Anlage
Da die weitere Entwicklung der Kirchenburg an anderer Stelle schon eingehend behandelt wurde35), seien die entsprechenden Fakten hier nur kurz zusammengefasst.

Im 13./14. Jahrhundert erfuhr die Kirche starke Umbauten: Das Kirchenschiff wurde verbreitert, indem die Südwand der Kirche auf die Flucht der südlichen Quermauer des romanischen Querhauses gebracht wurde (Abbildung 1,3). Des weitern erfolgte der Neubau eines polygonalen Hauptchors, und an die Stelle des nördlichen, romanischen Querhauses trat der Kirchturm.

Die Kirchenburg selbst blieb weitgehend unverändert. Einzig die beiden Tortürme, die an den östlichen Zugängen zur Kirchenburg errichtet wurden, stammen wohl, gleichermassen wie der Zusammenschluss von drei bis vier Speichern zum sogenannten «Klösterli», aus dieser Zeit. Ausserdem könnte die Trennmauer zwischen Kirchhof und Meierhof zu dieser Bauphase gerechnet werden. Als Verbindung diente ein in diese Mauer eingelassenes rundbogiges Tor, das sich nur vom Meierhof her öffnen und schliessen liess. Dies dürfte auf eine gewisse Eigenständigkeit und Bedeutung dieses Bereiches hindeuten.

Ungewiss bleibt, wo in jener Zeit bestattet wurde. Es ist immerhin denkbar, dass nach wie vor im Bereich des romanischen Friedhofes Bestattungen erfolgten. Darauf könnte die grosse Zahl der menschlichen Gebeine hindeuten, die in der rund 1,5 Meter mächtigen Aufschüttung zwischen Kirche und Trennmauer gefunden wurden.

Die nachmittelalterliche Anlage
Im 17. Jahrhundert erfuhr die Kirchenburg tiefgreifende Veränderungen, die sowohl die Kirche wie auch den sie umgebenden Speicherring betrafen.

Zu Beginn eben dieses Jahrhunderts wurde der Wunsch nach einem Gemeindehaus laut. Deshalb kaufte die Gemeinde Riehen das «alte Heussleren Haus», in dem von da an das Niedere Gericht tagte, die Dorfwache ihre Räumlichkeiten besass und das Militär in Kriegszeiten Quartier beziehen konnte (Abbildung 2, 9). Von hier überblickte man grosse Teile des Dorfes, und der Durchgang zur Kirche konnte kontrolliert werden.

Im Jahre 1694 wurde die Kirche erneut ausgebaut36): Das Kirchenschiff wurde nach Süden hin verbreitert, was einen neuen polygonalen Hauptchor zur Folge hatte (Abbildung 1,4). Auch im Kircheninnern selbst wurden einige Veränderungen vorgenommen.

Gleichzeitig wurde der Graben der Kirchenburg auf der Ost- und Nordseite erneut eingeschüttet, um Platz für neue Schöpfe zu gewinnen (Abbildung 2, 11). Zusätzlich wurde auch das Wachthaus ausgebaut und erhielt ein kleines Gefängnis.

Durch das Einfüllen des Grabens entstand zwischen der Umfassungsmauer und den neu erbauten Schöpfen eine Zone, der sogenannte «Zwingelhof» (Abbildung 2, 17), in der Gräber angelegt wurden37). Die grosse Zahl der Bestattungen deutet auf eine längere Belegungsdauer dieses Friedhofareals hin, welches erst im Jahre 1828 durch den Friedhof an der Mohrhaidenstrasse abgelöst wurde.

Mit dem Bau der Alten Gemeindekanzlei, dem sogenannten Berri-Bau, an der Stelle des Wachthauses in den Jahren 1834 bis 1837 verlor die Kirchenburg endgültig ihren wehrhaften Charakter. Um die Bedeutung des Gotteshauses zu betonen, wurden die vor der Kirche stehenden Speicher und der nordöstliche Zugang zur Kirche entfernt. Um 1898 wurde die Gemeindekanzlei erstmals erweitert. Weitere Umbauarbeiten folgten in den Jahren 1916/18, wobei auch der markante Flügel mit dem turmartigen Abschluss auf der Seite des Kirchhofes angebaut wurde.

Durch die Verlegung des Gemeindehauses an die Wettsteinstrasse im Jahre 1961 verlor die ehemalige Kirchenburg endgültig ihren Mittelpunktscharakter. Mit dem 1982 abgeschlossenen Umbau der Alten Gemeindekanzlei und deren Zweckbestimmung als «Haus der Vereine» erhielt das Gebiet um die Kirche wiederum eine gewisse Zentrumsfunktion.

Anmerkungen
1) Als Löss bezeichnet man ein Gemisch aus Lehm, Sand und Kalk.
2) Zur topografischen und klimatischen Situation der Landschaft von Riehen vgl.: Paul Vosseier: «Gestalt und Bau der Landschaft», in: «Riehen - Geschichte eines Dorfes», Riehen 1972, S. 9-20; und Michael Raith: «Gemeindekunde Riehen», Riehen 21988, S. 78-86.
3) Zu den römischen Fundstellen im Gemeindegebiet Riehens vgl.: Guido Helmig: «Riehen, Hinterengeliweg», in: «Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde» (BZ) 86, Band 2, Basel 1986, S. 148-150.
4) Ulrike Giesler: «Das rechtsrheinische Vorland von Basel und äugst im frühen Mittelalter», in: «Lörrach und das rechtsrheinische Vorland von Basel. Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern» 47, Mainz 1981, S. 96 und Anm. 6-8.
5) M(ax) Martin: «Die römische Zeit am rechten Rhemufer zwischen äugst und Kembs», in: «Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern» 47, Mainz 1981, S. 79-81.
6) Giesler wie Anm. 4, S. 92-125.
7) Stetiheim 763.
8) Vahcinchova, 751 erstmals in einer Schenkungsurkunde von Ebo und Odalsinde an das Kloster St. Gallen erwähnt. Hermann Wartmann (Ed.): «Urkundenbuch der Abtei St. Gallen», Band 1, St. Gallen 1863, Nr. 14.
9) Rieheim, erst 1157 erstmals erwähnt.
10) Kreuzung Inzlingerstrasse/Rössligasse (1931/7), vgl. BZ 30, 1931, VII-VIII, und Rudolf Moosbrugger: «Die Ur- und Frühgeschichte», in: «Riehen - Geschichte eines Dorfes», Riehen 1972, S. 57; Baselstrasse/Schmiedgasse 4 (1955/5), vgl. Moosbrugger ebenda; Dorfkirche (1942/1), vgl. Rudolf Laur-Belart und Hans Reinhardt: «Die Kirche von Riehen», in: «Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte» 5, 1943, S. 138-139.
11) Gebildet durch die steile Hügelzunge der Moorhalde und die Läufe des Immen- und Aubachs.
12) L(udwig)Emil Iselin: «Riehen - Schloss und Dorf», in: «Verkehrsverein Riehen. Bericht über die Tätigkeit im Jahre 1906», S. 15-34. L(udwig) Emil Iselin: «Die Pfarrkirche in Riehen», in: E(rnst) A(lfred) Stückelberg (Ed.): «Basler Kirchen», Band 1, Basel 1917, S. 34-49. L(udwig) Emil Iselin: «Geschichte des Dorfes Riehen», Basel 1923. Rudolf Wackernagel: «Geschichte der Stadt Basel», Band 3, Basel 1924, S. 52-54. François Maurer: «Baugeschichte», in: «Riehen Geschichte eines Dorfes», Riehen 1972, S. 215-266. MoosbruggerLeu wie Anm. 10, S. 21-78.
13) So sieht Iselin im Martinspatrozinium einen Hinweis, dass es sich bei der Dorfkirche um eine fränkische Eigenkirche handelt (vgl. Iselin wie Anm. 12, S. 26f.). Laur-Belart und Reinhardt, die die Untersuchungen in der Kirche im Jahre 1942 leiteten, glauben, den Bau aufgrund der Mauertechnik und der Anlage in karolingische Zeit datieren zu können (vgl. Laur-Belart und Reinhardt wie Anm. 10, S. 129ff.).
14) Peter Thommen: «Vorbericht über neue Ausgrabungen bei der Dorfkirche von Riehen anlässlich der Umbauarbelten der Alten Gemeindekanzlei», in: BZ 84,1984, S. 345-361.
15) Moosbrugger-Leu wie Anm. 10, S. 21-78.
16) Ein Beispiel einer solchen Motte in der Umgebung von Basel ist der Zunzger Büchel. J. Tauber: «Herd und Ofen im Mittelalter. Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters», Band 7, ölten 1980, S. 128-131.
17) Maurer wie Anm. 12, S. 215-217.
18) Dies sind im einzelnen : Mauerfragment in der Kirche, vermutete frühmittelalterliche Fundamente der Sakristei (datiert aufgrund der abweichenden Ausrichtung), eine Kellermauer und ein wiederverwendeter Bogen im Bereich des Klösteriis, die Nordwestecke des KlösterIis mit einem Bogenkämpfer des 10. /11. Jahrhunderts und der Torbogen (wohl frühes 11. Jahrhundert) in der Trennmauer zwischen dem Bereich der Kirche und demjenigen des Meierhofs (dieser Torbogen wurde jedoch vermutlich an dieser Stelle sekundär verwendet). Zur Rekonstruktion Maurers vgl.: François Maurer: «Die Kirchenburg Riehen», in: «Provincialia. Festschrift für Rudolf Laur-Belart», Basel 1968, S. 603-614, vor allem Abb. 2.
19) Gefasst in der Grabung anlässlich der Renovation der Alten Gemeindekanzlei im Jahre 1981 (1978/6).
20) Anlässlich der Bauuntersuchungen bei der Renovation des Meierhofs im Jahre 1973 (1973/26).
21) Thommen wieAnm. 14, S. 352-354.
22) So bei der Renovation der Alten Gemeindekanzlei (1978/6), anlässlich der Sanierung des Kirchhofs (1982/46) und wohl auch bei der Sanierung des Meierhofs (1973/26) und beim Abbruch der Liegenschaft Erlensträsschen 11 (1970/37).
23) So zum Beispiel Maurer wie Anm. 12, S. 216 oder Thommen wie Anm. 14, S. 349.
24) Renovation Meierhof (1973/26) und Abbruch Liegenschaft Erlensträsschen 11 (1970/37).
25) Vgl. zu den Besitzverhältnissen im 16. Jahrhundert: Fritz Lehmann: «Unter der Herrschaft der 'Gnädigen Herren' von Basel (15221798)», in: «Riehen - Geschichte eines Dorfes», Riehen 1972, S. 269-318, im speziellen S. 308-310.
26) Alte Gemeindekanzlei 1978/6, Sanierung Kirchhof 1982/46.
27) So bei Raith wieAnm. 2, S. 140 oder Thommen wieAnm. 14, S. 349.
28) Vgl. Helmi Gasser: «Das romanische Haus von Riehen», in: RJ 1975, S. 23-28.
29) Vgl. den abschliessenden Bericht über die Kirchenburg im Materialheft 5, in Vorbereitung.
30) So zum Beispiel seine geringe Neigung von nur 14 Grad und sein Verhältnis zu den Aussenmauern. Gasser wie Anm. 28, S. 19-22.
31) «Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins», 2 (1851), S. 194f.
32) Die Freiherren von Uesenberg hatten ihren Stammsitz in der Nähe von Breisach. Ihr Auftreten in mehreren bischöflichen Urkunden des spätesten 11. und des 12. Jahrhunderts, insbesondere auch in den Verbriefungen der Rechte des St. Albanklosters, belegt die Anwesenheit dieses Geschlechts im Räume Basel.
33) Christian Furrer: «Riehen-Meierhof und Kirchenareal. Archäologischer Befund», in: BZ 74/2, 1974, S. 372-377.
34) Bruno Kaufmann: «Riehen-Meierhof und Kirchenareal. Die Skelettreste des Gräberfeldes Riehen-Kirche», in: BZ 74/2, 1974, S. 377379.
35) So zum Beispiel: Maurer wie Anm. 12, S. 215-260; Raith wie Anm. 2, S. 136-141; Thommen wie Anm. 14, S. 345-361.
36) Dieser Umbau wird belegt durch die Bauinschrift, die noch heute im Innern der Kirche angebracht ist.
37) Anlässlich der Renovation der Alten Gemeindekanzlei wurden im Jahre 1981 viele Bestattungen dieses Friedhofs freigelegt.

Eine ausführliche Darstellung des Themas wird voraussichtlich 1989 erscheinen:
Peter Thommen, Archäologische Beiträge zur Geschichte der Kirchenburg in Riehen - Bericht über die Grabungskampagnen 1968-1984, Materialhefte zur Archäologie in Basel, Heft 5 (im Druck).


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