1988

Das älteste Schattentheater Europas

Dominik Wunderlin

Eine Trouvaille aus dem Wettsteinhaus Riehen
Bei den Sonderausstellungen im Spielzeug- und Dorfmuseum Riehen ist es für die zuständige Museumskommission in der Regel von Belang, ob zwischen dem Projekt und der Gemeinde Riehen ein Bezug besteht oder hergestellt werden kann. Nicht schwer Hess er sich bei der viel beachteten Ausstellung «Europäisches Schattentheater» (12. Dezember 1987 bis 30. April 1988) finden. Einerseits war die Initiantin der Ausstellung, Frau Eva Tschopp-Becker, in unserem Dorf aufgewachsen, lebt nun aber seit 1978 in Bern, andererseits ist mit dem Thema «Schattenspiel» auch unschwer eine direkte Verbindung zum Kinderspiel und somit zum Spielzeugmuseum zu erkennen. Dieser Aspekt fand neben jenem des künstlerischen Schattenspieles von Erwachsenen für Erwachsene auch gebührend Berücksichtigung sowohl in der Präsentation wie im reichhaltigen Begleitprogramm, das viele kleine und grosse Besucher ins Wettsteinhaus lockte.

Während den Vorbereitungsarbeiten zur Ausstellung fand sich ganz überraschend noch eine dritte Beziehung zwischen dem Thema und Riehen. Bekanntlich besitzt die Gemeinde Riehen eine eigene Sammlung von altem Spielzeug. Nachdem ein Querschnitt davon 1985/86 in einer Ausstellung gezeigt werden konnte, besteht nun der Plan, eine Auswahl dieser gemeindeeigenen Schätze permanent auszustellen. Es ist nämlich beabsichtigt, auf 1992 (20 Jahre Spielzeug- und Dorfmuseum) eine Neueinrichtung des Museums vorzunehmen. Dabei sollen die heute ausschliesslich aus der Sammlung des Schweizerischen Museums für Volkskunde stammenden Exponate eine sinnvolle Ergänzung durch gemeindeeigene Objekte erfahren. Zu sehen sein wird dannzumal wohl auch jene Entdeckung, von der im folgenden die Rede sein wird.
 
Im Laufe der aufwendigen Recherchierarbeiten, bei welchen Eva Tschopp zahlreiche in- und ausländische Sammlungen von Schattenspielen in öffentlicher und privater Hand profund kennenlernen konnte, fragte sie folgerichtig auch die Gemeinde Riehen, ob sich in ihrem Besitz entsprechendes Material befände. Als seinerzeitiger Betreuer der gemeindeeigenen Sammlung musste ich ihr zur Antwort geben, dass bloss zwei Schattenspiele im Magazin vorhanden seien. Beim einen Spiel handle es sich um kleine schwarze Figuren an Stäben, die wahrscheinlich vom früheren Besit zer aus Bilderbögen ausgeschnitten worden waren. Das andere Spiel hingegen bestehe aus grauem Karton und weise wesentlich grössere Figuren und Versatzstücke auf; es dürfte auch aufgrund verschiedener Indizien wesentlich älter sein.

Als ich die genannten Spiele aus dem Depot holte und sie Eva Tschopp und ihrer Mitgestalterin der Riehener Ausstellung, Antoinette Breitschmid-Alioth (Binningen; Gattin des verstorbenen Graphikers und Liebhabers kleiner und grosser Theater Max Breitschmid) zeigte, fiel ihr besonderes Interesse selbstverständlich auf das zuletzt genannte Theater. Ubereinstimmend fanden die beiden, ein Spiel von dieser Qualität zuvor noch nie gesehen zu haben. Dass ausgerechnet in Riehen ein solches Spiel vorhanden war, überraschte sie nicht wenig, und natürlich war sofort klar, dass diese Figuren in die Ausstellung integriert werden sollten.

Einige Wochen später wurden die Figuren auch der Berner Schattenspielerin Caro Steck gezeigt, die sich ebenfalls dafür begeisterte und die sich als Praktikerin ganz besonders für die raffinierte Technik interessierte, mit welcher die Figuren bewegt werden können.

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich auch einige Angaben zur Datierung machen. Sofern erkennbar, wiesen Kostüme, Kopfbedeckungen und Haartracht auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Da zahlreiche Figuren sogar mit Tinte beschriftet sind, legte ich einige Beispiele einem ausgewiesenen Kenner alter Schriften vor. Der angegangene Baselbieter Staatsarchivar, Dr. Matthias Manz, konnte die vorgelegten Schriftproben ebenfalls in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts verweisen. Bei aller Vorsicht, die trotzdem am Platze ist, denn wir wissen nicht schlüssig, ob es sich um eine junge oder alte Hand handelt, dürfen wir somit dieses Schattentheater in die Zeit um 1775 datieren. Allerdings gibt es in diesem Bestand auch einige Figuren, die möglicherweise etwas jüngeren Datums sind, doch dies schmälert den Wert des Fundes insgesamt nur wenig.

Interessant ist natürlich auch die Frage, wie dieses Schattentheater in die gemeindeeigene Spielzeugsammlung gelangte. Leider fehlen uns hier zuverlässige Angaben. Als sicher kann nur gelten, dass die Figuren sich neben anderen Dingen, darunter auch Spielzeug, vorher auf dem Estrich des Wettsteinhauses befunden haben, seit wann entzieht sich jedoch unserer Kenntnis. Abgesehen von der Möglichkeit, dass dies erst zur Zeit von Paul Hulligers Sammlertätigkeit geschehen ist (positive Belege fehlen allerdings), können wir jeden Zeitpunkt davor in Betracht ziehen, ohne die richtige Lösung tatsächlich zu finden. So bleibt letztlich die Frage offen, ob das Spiel gar in Riehen, im Wettsteinhaus, verwendet wurde, oder ob es beispielsweise zu jener Zeit auf den Dachboden geriet, als den Brüdern Christoph und Johann Rudolf Winkelblech das neue Wettsteinhaus als Lager und Geschäft für Antiquitäten diente (um 1800).

Doch wie sieht nun dieser Fund, der die Inventarnummer Rs 1965 trägt, im Detail aus? Es handelt sich um insgesamt 29 Figuren und Versatzstücke sowie um ein unbestimmba res Fragment. Die grössten Teile sind Versatzstücke oder Kulissen wie Bäume, ein Hausteil mit Türe, die sich öffnen lässt, ein weiteres Haus mit Zimmerleuten an der Arbeit sowie eine Szene, die zwei Männer mit einer grossen Waldsäge hantierend zeigt. Als grösstes Objekt massen wir das Haus mit den Zimmerleuten, welches 82 cm hoch und 60 cm breit ist. Die menschlichen Figuren sind in der Regel etwa 25 cm hoch. Sie stellen folgendes dar: Mönch mit Kreuz und Rosenkranz, Eremit mit Stock, Mann mit Pokal und Fernrohr, Mann (Sterndeuter?), eleganter Herr, Herr mit Zopf und Dreispitz, Dame, Frau mit Kopftuch und Stock (Bettlerin?), Nachtwächter mit Laterne, Mann mit Hellebarde, Herr auf Entenjagd in einem Boot begleitet von zwei Ruderern, Schlitten mit elegantem Paar, Rodler und Schlittschuhläufer. Vorhanden sind auch verschiedene wilde Tiere und Hunde. Wohl zum Mönch und/oder zum Eremiten gehört ein Eber, der zusammen mit einer Glocke gezeigt wird. Diese und vermutlich noch andere Figuren dürften zur Geschichte der «Versuchung des heiligen Antonius» gehören, einem Klassiker für die Schattenspielbühne, der auch im Pariser «Théâtre Séraphin» (1772-1870) gespielt worden war. Andere Figuren dürften zu Szenen über städtisches und höfisches Leben gehört haben.

Allen Figuren gemeinsam ist die Handhabung. Sie wurden mit Metallstäben geführt. Zusätzliche Bewegungen der oft vielteiligen Figuren konnten durch Fäden, die zuweilen auch über Umlenkeinrichtungen liefen, erzeugt werden.

Leider lässt sich über die Geschichte dieses Schattenspieles, welches vermutlich das älteste erhaltene in Europa ist, nicht mehr herausfinden. Gerne würde man mehr über den früheren Besitzer erfahren, stammt das Spiel doch aus einer Zeit, in der das Schattentheater eben erst salonfähig zu werden begann. Näheres würden wir auch gerne wissen über die Stücke, die damit gespielt wurden. Ein gedrucktes Textbuch haben wir für jene Zeit ohnehin kaum zu erwarten. Darauf deutet auch ein handgeschriebenes Büchlein hin, das in Basel um 1820 verfasst wurde und insgesamt acht kürzere und längere Stücke enthält (Die Arche Noah's, Der Haifisch, Die Häfeleinschule, Die Nothbrücke [eine Variante zum Séraphin-Klassiker «Le Pont Cassé»], Die Weibermühle, Die Marktgasse, Der Quacksalber, Der Baron von Viereck). Von dem zu diesen Texten gehörigen Schattenspiel, das sich in den Sammlungen des Volkskundemuseums befindet (Inventarnummer VI 15479), sind übrigens alle Figuren noch erhalten. Vielleicht lassen sie sich bei Gelegenheit wieder einmal zum Leben erwekken, unter Zuhilfenahme des genannten Textbüchleins. Mit etwas Phantasie Hesse sich dies gewiss auch mit den Figuren des ältesten europäischen Schattentheaters aus dem Wettsteinhaus verwirklichen.

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