1988

Blick in die lichte Ferne: Dorette Huegin

Brigitta Hauser-Schäublin

Das hohe Atelier ist von Licht durchflutet, das indirekt in den Raum fällt. Die verschneiten Gärten, die hinter dem Fenster ansteigen, leuchten, dem grauen Himmel zum Trotz, das Zimmer bis in den hintersten Winkel aus. Mein Blick fällt auf Landschaftsbilder, die die Aufmerksamkeit des Betrachters aus Blättern, Stengeln und Halmen hinaus in die Helligkeit und in eine Ferne, die in sich ihr Geheimnis birgt, zieht. Die Bilder wirken auf mich warm und kraftvoll; gleichzeitig strahlen sie auch eine stille Heiterkeit und Reife aus.

Im Verlauf eines Nachmittags bei Dorette Huegin lerne ich noch mehrere dieser «Terrassenbilder» kennen, die für ihre gegenwärtige Schaffenszeit charakteristisch sind. Es sind immer wieder ähnliche Empfindungen, die sich in mir bei ihrem Anblick einstellen: ich werde aus dem Vertrauten eines ebenerdigen Vorplatzes, der sich öffnet und den Blick hinaus freigibt in das Versprechen einer lichtdurchdrungenen Weite, die diesen Bildern eigen ist, gelockt. Die Eindrücke, die diese Bilder hinterlassen, sind so stark, dass ich am Ende meines Besuches fast ungläubig auf die kahle Winterlandschaft der Veranda vor ihrem Haus blicke, auf die sich die Dämmerung hinuntersenkt.

Dorette Huegin ist eine beeindruckende Persönlichkeit, und gelegentlich mag sich ihr Gegenüber dadurch in Frage gestellt fühlen. Aber gleichzeitig ist da auch eine Empfindsamkeit und Verletzlichkeit, die sich in der Begegnung mit ihr auftun, sowie eine Bereitschaft zum gegenseitigen Entdecken und Verstehen - auch der eigenen Schwächen. Wie ein Schleier verwischen diese Züge die Konturen der Stärke. Und es sind wohl diese Gegensätze, die die Begegnung mit Dorette Huegin und ihren Bildern so faszinierend machen. Denn tatsächlich, so glaube ich im nachhinein feststellen zu können, sind solche Gegensätze in manchen ihrer Werke erkennbar.

 
Ich hab' gestöbert
In altem Kram.
Ein Stück gelbe Seide
In einer Schatulle.
Ein Veilchenstrauss
Im Album
«In Liebe gewidmet»
Verblieben sind
Sanfte Einzelbilder,
Verfängliche Erinnerung
In betroffener Stille.

Sag': Welchen Traum
Willst Du?
Den vom Frühling,
Den von der Haustür,
Den vom Sturzflug?
Den vom Tod?
Wirklich?
Den Traum vom Tod?

Im sonnenschweren
Hang
Die Reben, Grün-dichte Helle
Unter satten Blättern.
So nehm' ich denn Schere und Korb
Fast lautlos
fallen die Trauben.

Die Malerin Dorette Huegin wuchs als Dorette Straumann in Waldenburg inmitten einer Grossfamilie auf, die eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für sich darstellte. Dazu gehörten nicht nur die väterliche Arztpraxis und ein Bauernhof, sondern auch die verschiedenen Generationen und die Angestellten, die beisammen und miteinander lebten. Neben diesem vielseitigen, arbeitsamen Leben wurden kulturelle Aktivitäten in der Familie gefördert. So fand die Mutter von Dorette und ihren sechs Geschwistern immer noch Zeit, schöpferisch tätig zu sein, zu malen, zu musizieren und auch zu schreiben. Und in alle diese vielseitigen Interessen wurden die Kinder miteinbezogen. Dorette Huegin erinnert sich daran, dass die Familie manchmal an Sonntagnachmittagen zusammensass und jedes in Gedichtform mit dem anderen sprach. Der Einfluss der Atmosphäre häuslicher Kreativität auf Dorette Huegin war nachhaltig und wirkt, so wie sie jene Zeit mit ihren Worten (die genau so intensiv sind wie ihre Bilder) Wiederaufleben lässt, bis auf den heutigen Tag.

Die Gymnasialzeit in Basel - der Zug fuhr morgens bereits kurz nach fünf in Waldenburg ab - brachte das erste Erlebnis der Fremde und des Fremdseins: aus dem vertrauten Miteinander in der gemischten Schulklasse in Waldenburg hinaus in die fremde Stadt, in eine Mädchenklasse, wo sie einzige Landschäftlerin war. Dann der Entschluss, nach Paris zu reisen, wozu man damals, in den Nachkriegsjahren, noch ein Visum benötigte. Für Dorette Straumann stand es fest, dass sie dort Malerin werden wollte. Für die Eltern war jedoch das Erlernen der Fremdsprache im Vordergrund, damit sie später einmal als Sekretärin arbeiten könne...

Eineinhalb Jahre verbrachte sie in Paris. Gemäss den Wertvorstellungen der Eltern von einem bescheidenen und genügsamen Leben war sie nur mit einem knapp bemessenen Taschengeld versehen, das ihr nicht erlaubte, all jene Konzerte und Theaterveranstaltungen zu besuchen, wie sie es gerne getan hätte. «In jener Zeit», so erklärt Dorette Huegin rückblickend, «sog ich alles in mir auf wie ein Schwamm.» Als sie in der Académie des Beaux Arts die Auskunft erhielt, die Malklasse sei schon besetzt, setzte sie unbeirrbar und vielleicht auch mit einem Anflug von Naivität eine Aufnahme durch. Daneben war sie noch Schülerin an der Académie Julian. Sie erlernte zuerst das Aktzeich nen. Ihr erstes Bild, das sie in der Académie des Beaux Arts in Ol malte, stellte das Portrait einer Afrikanerin dar. Trotz der befriedigenden Tätigkeit, malen zu können, plagten Heimweh und das Erleben des Fremdseins das knapp zwanzigjährige Mädchen.

Geprägt aber wurde Dorette Huegin während ihrer Pariserzeit hauptsächlich durch Fernand Léger. Als sie an einem Gebäude im Montmartre ein Schild entdeckte «Atelier de peinture, Fernand Léger», klopfte sie kurzentschlossen an und fragte, ob sie dort malen könne. «Wer Léger war, wusste ich damals nicht», erinnert sich Dorette Huegin, «und erst viel später erfasste ich die Bedeutung seines Werkes. Dieses halbe Jahr bei Léger war für mich die wichtigste Zeit. Jene Atmosphäre ist mir noch ganz klar präsent. Dort erfuhr ich die Sattheit der Gouache und die Schmierigkeit des öls. Ich bin nicht mehr zum öl zurückgekehrt, sondern wurde zu einer der ersten hiesigen Malerinnen, die mit Kunstharzfarben arbeiteten.» Warum sie nicht in Paris geblieben ist? «Ich kannte damals schon meinen späteren Mann, der dann um meine Hand angehalten hat», meint Dorette Huegin mit einem leichten Kopfschütteln über sich selber und jene Zeit, in der sie dann, mit all ihren Bildern aus einer anderen Welt, nach Waldenburg zurückkehrte. Sie wehrte sich erfolgreich dagegen, eine Haushaltschule sozusagen als Vorbereitung auf ihre Ehe besuchen zu müssen: «Ich wehrte mich gegen Sticken und Stricken und gegen Hausfrauliches; Handwerkliches war mir lieber.» Werner Huegin, damals junger Assistenzarzt, hat seine Frau immer unterstützt und von ihr nie verlangt, dass sie all das Hausfrauliche tat, das ihr zuwider war. Und das blieb auch so, als er Professor für Anästhesiologie wurde. «Er liess mich mein Leben selber gestalten. Und ich weiss deshalb auch, warum ich als Malerin seinen Namen trage», fügt sie schlicht bei. Am Anfang der Ehe, die 1949 geschlossen wurde, und als ihre ein Jahr später geborene Tochter noch klein war, hat sie Aufträge zum Bemalen von Kästen erhalten und angenommen. Als die Tochter zur Schule ging, konnte sie sich wieder intensiver der eigentlichen Malerei zuwenden. 1959 zog die Familie nach Riehen an den Ausserberg. «Mein Mann sagt, wir hätten das Haus um mein Atelier herumgebaut», erklärt sie lächelnd.

In jene Zeit fielen auch ihre ersten Ausstellungen. Die erste fand 1957, zusammen mit zwei Fotografen, in Basel statt, die zweite an der Saffa 1958 in Zürich. Es folgten weitere Ausstellungen etwa der GSMBA, die Teilnahme an Wettbewerben, an Basler Weihnachtsausstellungen, Aufträge der Kunstkredite Baselstadt und Baselland, gezielte Ankäufe ihrer Werke durch die Nationalversicherung, die eine der grössten und besten Sammlungen Schweizer Künstler hat, und vieles andere mehr. Auch die Ausstellung im Berowergut, zu der die Gemeinde Riehen sie 1983 einlud, hat ihr Freude bereitet.

Wie wichtig sind Ausstellungen für Dorette Huegin? Sie hat sich nie selbst in einer Galerie für eine Ausstellung angetragen, hat dann aber umso lieber zugesagt, wenn sie zu einer solchen eingeladen wurde, etwa bei Trudl Bruckner. Und da war auch immer die Herausforderung, die zugleich den Zweifel der Frage enthielt: werden die Arbeiten ausserhalb des eigenen vertrauten Rahmens bestehen können?

Wie werden sie wohl in einem fremden Kontext und neben den Werken anderer wirken? - Die eigenen Bilder in einer anderen Umgebung zu sehen, sind wichtige Erfahrungen.

Dorette Huegin weigert sich, ihr bisheriges Leben und Werk rückblickend analytisch in Abschnitte aufzuteilen, weil dies für sie alles ja ein Ganzes war und ist. «Und doch», so flicht sie nach einer kurzen Pause ein, «gab es immer wieder schockähnliche Erlebnisse und Erfahrungen, die Veränderungen und auch Neues in mir bewirkt haben.» Sie verweist dabei auf Georges Braque, der einmal geschrieben hat: «Der Schock ist das vorzüglichste Mittel der Schöpfung.»

Die Malerin, die übrigens auch ein Lyrikbändlein publiziert hat und über die der Riehener Autor Felix Philipp Ingold eine «Retrospekulative» verfasst hat, gewährt mir Einblicke in ihr Leben, indem wir gemeinsam Bilder aus den vergangenen vierzig Jahren betrachten. Die Wirkung, die von diesen Arbeiten ausgeht, ist intensiv; eine Dichte des Lebens, Wandel und Veränderungen, aber auch Entwicklung und Reifung einer Persönlichkeit werden deutlich. Da sind die ersten Bilder, die sie bei Léger gemalt hat und die seinen Einfluss auf die junge Frau widerspiegeln. Dreissig Jahre später, um 1980, ist sie auf Léger «zurückgekommen» : Hommage à Fernand Léger hat sie die dabei entstandenen Bilder genannt. Wenn auch zahlreiche Anknüpfungspunkte zwischen den Malereien der beiden Zeiten bestehen, so spricht aus den neueren der inzwischen reich gewordene Erfahrungsschatz der Künstlerin. Das Hommage ist keine Wiederholung, sondern ein dankbares Erkennen und Gestalten der Bedeutung Légers.

Ende der fünfziger Jahre entstanden die ersten Versuche, einen eigenen Weg zu gehen, Stadtimpressionen, Zirkus, Toilettentisch - manchmal scheint ein Hauch von Märchenhaftem, kombiniert mit Nüchternheit, die sich vor allem in der Wahl des Materials und der Technik ausdrückt, auf ihnen zu liegen. In den sechziger Jahren folgte das, was sie als «lyrische Phase» bezeichnet, die Verwendung von subtileren und zarteren Farben, der Rückgriff auf Leinwand anstelle des zuvor verwendeten Pavatex. Der Aufenthalt in Amerika wirkte sich in den siebziger Jahren in einem plakativen, flächigen Aufteilen der Leinwand mit geometrischen Formen und im Verwenden von kräftigen Farben aus. Auf die relativ harten, klaren Formen, die sich manchmal zu Blumen runden, hat sie mechanische Instrumente gemalt, manchmal auch Figuren. Ein Faible für technische Apparate oder Instrumente spricht aus diesen Bildern, und Dorette Huegin macht auch kein Hehl aus ihrer Vorliebe und ihrem Verständnis für den Aufbau und das Funktionieren technischer Einrichtungen und Maschinen. In den Bildern, die sie nach dem Tod ihres Bruders malte, beginnen sich die harten Formen immer mehr aufzufächern und verschwinden langsam; ein Kreuz, manchmal auch eine Uberkreuzung von Linien, erscheint im Hintergrund. Nach dem Tod ihrer Schwester vor wenigen Jahren begann sie «Terrassenbilder» zu malen, die den Blick von einer Veranda, einem begrenzten Raum zwischen Haus und Garten, hinaus in die lichte Weite freigeben. Bei diesen Werken der letzten Jahre ist ein allmähliches Verlassen der anfänglich in der Komposition noch wichtigen Architekturelemente in eine weicher werdende Formensprache festzustellen.

Erfahrungen im Leben und in der Konfrontation mit dem Tod sprechen aus diesen Bildern der achtziger Jahre. Und trotzdem: da ist diese Heiterkeit zu spüren, die mir schon bei den Werken, die sie noch im Atelier in Arbeit hat, aufgefallen war.

Und wie ich dabei verweile, vielleicht mit leichter Verwunderung, dass keine Bitterkeit oder Anklage gegen Schicksalsschläge aus diesen Bildern spricht, sagt sie: «Man kann der Welt, selbst wenn sie düster und grau ist, auch etwas entgegensetzen, das licht und hell ist. Der Widerstand ist nicht stärker, wenn man dem Schwarzgrauen sein Spiegelbild vorhält. Vielleicht liegt die grössere Kraft eher im Verhüllten und Versteckten.»

Die Gedichte auf Seite 81 sind dem Lyrikband von Dorette Huegin, «Gesiisster Wind», verlegt bei Leo E. Hollinger, Basel (1983) entnommen.

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