1988

Bader, Scherer und Doktoren

Albin Kaspar

Streiflichter auf die medizinische Versorgung Riehens in früheren Zeiten

Wiltu lang läben und sein gesund
so lass din ädern zumjar vierstund
als umb Martini, Philippi, Blasii
auch uff Bathlomei oder nahe dar bei

Willst du lange leben und gesund bleiben, dann lass dir vier Mal im Jahr zur Ader, nämlich um Martini, Philipp, Blasius und Bartholomäus herum. Dieser Rat aus dem ältesten Basler Buchkalender (1514/1521)1), durch Entziehen von Blut die Gesundheit zu fördern, beherrschte das medizinische Denken bis in die neueste Zeit. Noch Emanuel Le Grand, Besitzer des Le Grand-Gutes (Rössligasse 67) sowie Gerichts- und Gemeindeschreiber von Riehen, liess sich regelmässig zur Ader2). Die ärzte waren überzeugt, dass dikkes Blut die Hauptursache der meisten Krankheiten sei. Neben abführenden, harn- und schweisstreibenden Mitteln, welche die krankmachenden Säfte aus dem Körper entleeren sollten, verordneten sie daher mit Vorliebe blutentziehende Kuren aller Art: Ansetzen von Egeln, Schröpfen und Aderlassen. Auch Bäder, vor allem Schwitzbäder, standen im Ruf, das Blut zu verdünnen. Alle die genannten Heilmethoden konnte man nach Gutdünken in der Badestube über sich ergehen lassen, deren Besuch zur wichtigsten Gesundheitsregel aller Bevölkerungsschichten wurde. Dazu kam die Beliebtheit und erfrischende Wohltat des Badens allgemein. Das Badewesen erlebte deshalb seit dem Mittelalter einen grossen Aufschwung und fand überall Verbreitung. Ein alter Spruch lautet:

Wiltu ein Tag fröhlich sein? Gehe ins Bad.
Wiltu ein Wochen fröhlich sein? Lass zur Adern.
Wiltu ein Monat fröhlich sein? Schlacht ein Schwein.
Wiltu ein Jahr fröhlich sein? Nimm ein jung Weib.3)

Während ursprünglich das Baden auf hohe Festtage und wichtige Ereignisse des Lebens beschränkt blieb, suchte man später mindestens einmal wöchentlich die Badestube auf. Unser heutiges Trinkgeld führte in jener Zeit den Namen «Badegeld». Noch im 17. Jahrhundert pflegte der Landvogt von Riehen nach der Weinernte «den 6 Zehntknechten Badgeld jedem 5 Schilling» zu bezahlen4). Ob die Knechte ihren Batzen wirklich seinem Bestimmungszweck zuführten, entzieht sich unserer Kenntnis. Die Gelegenheit dazu wäre ihnen auf jeden Fall offen gestanden.

Die Bader von Riehen
Spätestens seit dem frühen 16. Jahrhundert ist auch für Riehen eine Badestube bezeugt. Im Jahre 1522 taucht in den Quellen ein Hans Dodel der Bader auf. Er übte sein Handwerk im Haus Schmiedgasse 14, das er offenbar in jener Zeit zu einem Dorfbad erweitert hatte5), aus. Laut einem Eintrag im St. Blasienberain von 1535 schuldete er dem Kloster einen jährlichen Zins von «hus hoffstat und garten so jetz ein badstuben ist, in der Schmidgassen zwischen Heini Gotty und dem mindern bach» (d.h. einem Arm des Immenbachs). Im Erdgeschoss dieser Liegenschaft befand sich neben der Stube und einer Stubenkammer die eigentliche Badstube mit einem grossen Kessel nebst einem Vorbad mit einem kleinen Kessel zum Erwärmen des Wassers. In grossen Holzbottichen, den sogenannten «Badkästen», bereitete der Bader oder sein Gehilfe die Wasser- und Kräuterbäder, gelegentlich auch Mineralbäder zu. Beliebter als diese Wannenbäder waren allerdings die Schwitzbäder. Diese Dampfbäder wurden in einem geschlossenen Raum, in welchem die Kunden mit entblösstem Oberkörper auf Bänken sassen, durch übergiessen heisser Steine mit Wasser erzeugt. Zusätzlich traktierte ein Gehilfe den Badegast mit einer Quaste aus Birken- oder Eichenzweigen, um einen kräftigen Schweissausbruch zu erzielen. Sauna ist also keineswegs ein skandinavischer Import unserer Zeit.

Nach dem Baden Hess man sich schröpfen, was als mildere Form des Aderlassens galt und vom Volke vorgezogen wurde. Als Instrumente dienten die Schröpfköpfe oder Schröpfhörner. In ihnen erzeugte der Bader über einer Flamme ein Vakuum, worauf er sie auf die jeweilige Körperstelle aufsetzte. Schröpfen wurde oft und gegen alle möglichen Leiden angewandt, auf der Stirn gegen Augenbeschwerden, unter dem Kinn gegen Zahnschmerzen, auf den Lenden und dem Gesäss gegen Räude, Geschwüre und alle Unkeuschheit, unterhalb des Nabels gegen das Seitenstechen und gegen Gebärmutterleiden, um einige Beispiele zu nennen.

Beim Besuch der Badestube erfolgte gleichzeitig ein gründliches Entlausen, Waschen und Schneiden der Haupt- und Barthaare. Daneben behandelte der Bademeister auch kleinere Wunden und Geschwüre, verband Knochenbrüche, verabreichte Klistiere und Medikamente und zog kranke Zähne aus. Er war Bader, Balbierer und Scherer (Coiffeur), Zahnarzt, Chirurg und Wundarzt in einem. Seine Badestube stellte geradezu ein kleines medizinisches Zentrum für die Gemeinde dar. Ausser den Namen wissen wir leider von den alten Badern in Riehen kaum etwas.

Das benötigte Wasser lieferte der Immenbach, von dem ein Seitenarm neben dem Dorfbad vorbei in die Schmiedgasse floss. Wegen der heilenden Wirkung der Badekuren erlangte dieses Wasser bald eine gewisse Bekanntheit. Eine 1752 vorgenommene chemische Analyse bestätigte, dass «diss Wasser äusserlich und innerlich gebrauchet, erweichen, auflösen, reinigen, und heilen, folglich in allerhand Krankheiten sonderlich einigen, die eine sauere Schärffe zum Grund haben, wol dienen kan»6).

Gegenüber dem alten Dorfbad, in der ehemaligen Liegenschaft Schmiedgasse 21, errichtete um 1685 Lorenz Weissenberger, Gehilfe und Schwiegersohn des bisherigen Baders Carle Erhardt, ein Konkurrenzunternehmen. Aus seiner Nachkommenschaft rekrutierten sich die künftigen Bader, Scherer und Chirurgen von Riehen (Näheres darüber bei Michael Raith: «Die Familie Weissenberger von Riehen», RJ 1979, S. 52-64). Die Gemeinde verfügte nunmehr über zwei, wenn auch kleine Badestuben.

Doch die grosse Zeit der Baderei war vorbei. Die Ursache lag in den unheilbringenden Volksseuchen der Pest, des Thyphus und der «Franzosen» - so bezeichnete man früher die Syphilis - die in mehreren Wellen Europa heimsuchten. ärzte und Behörden warnten immer eindringlicher vor dem Besuch öffentlicher Badestuben und kritisierten den masslosen Gebrauch der Schwitzbäder und des Schröpfens. Aus Furcht vor einer Ansteckung blieben die Kunden allmählich aus, und die Badekuren kamen als Heilmassnahmen aus der Mode. Während man in Basel im 14. Jahrhundert noch 14 Badestuben zählte, fand sich um 1805 noch eine einzige. Das alte Dorfbad in Riehen geriet in fremde Hände und wurde zweckentfremdet. An seine Stelle traten da und dort Barbierstuben, wo künftig Scherer und Chirurgen ihr Handwerk ausübten.

Wer dennoch die Wohltat und den Genuss eines Bades nicht missen wollte, vergnügte sich zu Hause im eigenen Waschzuber oder richtete sich eine eigene Kammer ein. Als Johann Jakob Merian 1797 das Landgut an der Oberdorfstrasse 20 kaufte, erwarb er es samt einem Bad- und Waschhäuslein mit 2 Badkästen. Und noch 1838 gehörten «die Badbüttenen, eine blechene und eine hölzerne» zum Inventar dieses Hauses.

Im 19. Jahrhundert erlebte das öffentliche Badewesen eine Renaissance. Zahlreiche ärzte «entdeckten neu» die gesundheitsfördernde Wirkung von warmen und kalten Bädern, vornehmlich von Thermal- und Mineralbädern. Auch der tüchtige Bademeister von Riehen, Heinrich Weis senberger, nutzte die Gunst der Stunde und begann, ein grosses, für die Aufnahme von Kurgästen geeignetes Badhotel zu errichten. Der Gemeinderat unterstützte dieses Vorhaben, weil «dieses Bad für Kranke und Bresthafte aus der Gemeinde selbst ein willkommener Anlass bieten wird, ohne grossen Kostenaufwand die verlorene Gesundheit wieder herzustellen, da das Wasser des Immenbachs, aus dessen Quelle das Bad schöpft, schon seit alter Zeit wegen seiner Heilkraft für mancherley Schäden und Gebrechen in gutem Rufe steht»7).

Im Juli 1844 wurde die neuerbaute Badeanstalt an der Bahnhofstrasse 40 eröffnet, ausgerüstet mit 13 hölzernen Badkästen, sechs Dutzend gläsernen Schröpfhörnern, drei Schröpfstöcken, einem Aderlassgeschirr, zwei Zahnschlüsseln nebst Haken, fünf Rasiermessern und einem Haarscherer. Obwohl der Betrieb anfänglich florierte, wurde die Konkurrenz der stark aufkommenden Thermal- und Mineralbäder im In- und Ausland allmählich zu gross. Und 1880 gaben die Weissenberger den Badebetrieb wieder auf. Damit verschwand ein traditionsreiches Handwerk, das seit Jahrhunderten für die Gesundheit der Riehener Bevölkerung grosse Dienste geleistet hatte, endgültig von der Bildfläche. Zurück blieb das Badbrünneli am Brunnwegli, das aus der gleichen Quelle gespiesen wird wie der Immenbach. Es sollte kein Riehener versäumen, einmal von diesem köstlichen Nass - entweder rein oder nach einem alten Rezept mit Zucker und etwas Riehener Kirsch vermischt - zu versuchen.

Vom Scherer zum Chirurgen
Der Beruf eines Baders war in der alten Zeit nicht nur untrennbar mit der Tätigkeit eines Chirurgen und Wundarztes verbunden, sondern in zunehmendem Masse auch mit Bar bierarbeiten ausgefüllt. Die Berufsangehörigen wurden deshalb oft Barbierer, Balbierer oder einfach Scherer genannt. Im Gegensatz zu den studierten ärzten in der Stadt, die nur innere Krankheiten kurierten und keine Operationen ausführten, übernahmen die Scherer in Stadt und Land die Rolle des Gebrauchsarztes. Sie behandelten Wunden, Knochenbrüche und andere Verletzungen, amputierten Beine, operierten Blasensteine, Hasenscharten und andere Gebrechen und beschäftigten sich gegebenenfalls auch mit der inneren Medizin. Ihre Arbeit galt als Handwerk, und sie waren als Handwerksmeister organisiert, hatten ihre Berufsreglemente und überwachten die Ausbildung. Allgemein wurde eine dreijährige Lehrzeit und danach eine mehrjährige Wanderschaft verlangt8). Genauere Vorschriften fehlten. Der Staat griff erst spät in das Medizinalwesen seines Untertanengebietes ein. Die medizinische Fakultät der Universität und die etablierten ärzte und Chirurgen drängten die Behörden, durch entsprechende Massnahmen der Pfuscherei von Seiten der zahlreichen Quacksalber, ungeschickter Operatoren und unwissender Bader entgegenzutreten. Der Kleine Rat von Basel befahl daher 1763 dem Landvogt von Riehen, dafür zu sorgen, «dass äussert den gelernten Chyrurgis und Baderen sich niemand des medicinirens und adernlassens unterziehen solle». Und ein Jahr später verordnete er, dass nur diejenigen Personen auf der Landschaft Chirurgie betreiben dürfen, die vor dem städtischen Collegium Chirurgicum ein Examen bestanden hätten9).

In Riehen praktizierten damals drei Barbiere: Die Brüder Johannes und Johann Jakob Weissenberger sowie Heinrich Weisshaupt, der als Barbiergeselle nach Riehen gezogen, die Tochter des Baders Johann Georg Weissenberger geheiratet und das alte Dorfbad übernommen hatte. Am 20. Februar 1766 stellten sich Johannes Weissenberger und Heinrich Weisshaupt, ein Mann von bereits 60 Jahren, dem verlangten Examen und wurden als Landmeister angenommen mit der Ermahnung, sich «durch fleissiges lesen guter chirurgischer bûcher so viel ihme möglich bessere begriffe von der wundartztney kunst [zu] machen, sich auch keines gefährlichen patienten alleine unterziehen, sondern jeweilen einen erfahrenen meister, und das gleich anfangs und nicht erst wan etwan der krannke verwahrloset seyn möchte, mit zur hülfe nehmen»10).

Im Gegensatz zu seinem Bruder hielt Johann Jakob Weis senberger nicht viel von diesen neuen Prüfungen. Er behauptete, «Wenn man nur das Geld [für die Prüfungsgebühren] gebe, man möge bestehen wie man immer wolle, so werde man dennoch zum Meister angenommen»11). Jedenfalls stellten sich seine Söhne dem chirurgischen Examen nicht. Sie mussten sich in der Folge - oder sollten sich wenigstens - ausschliesslich mit Bader- und Barbierarbeiten begnügen. Jedenfalls beklagte sich Johann Jakob Weissenberger jr. wiederholt über seinen Vetter Georg Friedrich, der als unexaminierter Chirurg ihm «mit Pfuschen sehr Eintrag» tue. Und 1804 wurde Georg Friedrich ermahnt, im Dorf Riehen nur «Barth zu schären, soll aber kein Zeichen heraus hängen, und sich aller chirurgischen Operationen so wie des Aderlassens bey angemessener Straffe enthalten»12).

Um sich gegenüber den Badern und gewöhnlichen Barbierern abzugrenzen, nannten sich die examinierten Scherer mit Vorliebe Wundarzt oder Chirurg, was sie aber nicht daran hinderte, weiterhin ihre eigenen Barbierstuben zu führen. Wie es um die medizinische Versorgung Riehens zu Beginn des 19. Jahrhunderts stand, schildert uns Doktor Theobald Singeisen (siehe Friedrich Teutsch: «Theobald Singeisen - vom Bauernbub zum gelehrten Arzt», Seite 19-34), Physikatsadjunkt in Riehen während der Helvetik, in einem ausführlichen Bericht: «Ausser mir, der ich auch Wund Arzney treibe, und zum Theil Medicamenta dispensiere, befindet sich in Riechen ein zwischen 1782 und 1785 ... examinierter Wund-Arzt, Johann Jacob Weissenberger, der bisweilen auch in das eigentlich medicinische Feld sich wagt, dann und wann, denen sich bey ihme Klagenden Unpässlichen, Abführungen und Alterartia (die aber meist erdartig sind) darreicht, seine grösste Nahrung aber durch Rasieren und Aderlassen sehr kümmerlich erwirbt. Ein zweyter Weissenberger, nahmens Georg Friedrich, ist nebst Raseur auch Bader, und verbindet daneben bey seinen Kunden leichte Wunden, Contusionen und Geschwüre ... Apotheker und Olitäten Krämer existieren nicht im District, hingegen befindet sich noch ein Zahnarzt, Johannes Wagner [Hans, *1745] Lehenmann auf Wencken, und Klein-Riechen, welcher mit Zange und Pélican Statt- und Landleuten die Zähne zimlich geschickt und ohnentgeldlich auszieht.»13) Unsere Gemeinde besass das Glück, stets über genügend Bader, Scherer und ärzte zu verfügen.

Volksmedizin
So erstaunlich es für unsere Ohren klingen mag, so scheint es den Landchirurgen damals an Arbeit gemangelt zu haben, weshalb sie ihren Lebensunterhalt mit Barbierarbeiten bestreiten mussten. An und für sich ist es ja erfreulich, wenn man den Arzt selten benötigt, doch der geringe Besuch der Arztpraxen in jener Zeit beruhte weniger auf der Gesundheit als auf der Mentalität der Landbevölkerung. Wurde ein Familienmitglied krank, Hessen ihm seine Angehörigen vorerst ihre eigenen Hausmittelchen zuteil werden, und erst, wenn die Heilung in absehbarer Zeit nicht gelang, suchte man einen Heilpraktiker auf. Formschöne Hausapotheken aus Herrschaftshäusern, wie sie im Schweizerischen Pharmaziehistorischen Museum in Basel zu sehen sind, bezeugen die Wichtigkeit der Hausmedizin. Oft wurden Erkrankungen gar nicht gemeldet oder sogar, wie das «bei ansteckenden Krankheiten überhaupt üblich ist, verheimlicht»14). Eine offizielle, von einem Arzt durchgeführte Leichenschau fand erst 1871 in Riehen Eingang. Im Jahre 1873 zum Beispiel hatte sie der Mediziner Ludwig Georg Courvoisier als Physikatsverweser 21 Mal durchzuführen «in lauter Fällen, wo kein Arzt war gerufen worden. Etwa ein Drittel der auf Riehen und Bettingen kommenden Todesfälle betreffen also Erkrankungen, die unbehandelt blieben».

Im Gegensatz zu heute fehlte der Glaube an die wissenschaftliche Medizin noch weitgehend. Zu oft standen die ärzte hilflos ihren Patienten gegenüber, ohne ausreichende Möglichkeit, die Ursache des Leidens zu diagnostizieren, und ohne geeignete Mittel, sie zu bekämpfen. Die Methoden der Chirurgie waren ungenügend und brutal, Hygiene wurde kaum beachtet, Operationen verliefen nicht nur schmerzhaft, sondern bargen stets das Risiko einer gefährlichen Infektion in sich. In schwierigen Fällen suchten sich daher die ratlosen Menschen mit allen möglichen Mitteln zu helfen, Hessen sich von durchreisenden Arzneihändlern zum Kauf seltsamer Wunderkuren verleiten oder versuchten es mit Gesundbeten und anderen Praktiken aus dem Bereich des Aberglaubens.

In seinen Lebenserinnerungen erzählt Johann Jakob Schäublin, wie sich sein Vater am Handgelenk schwer verletzt habe. Und als die Wunde nicht heilen wollte, sei ihm von Nachbarn geraten worden, «jedesmal, wenn der Rössliwirt ein Tier schlachtet, das verwundete Glied im frisch ausströmenden Blute [zu] baden. Da der Arzt diesem Vorschlag beistimmte, so wurde er befolgt.» An anderer Stelle erwähnt er, auf welche Weise seine Hand, die er entsetzlich verbrannt hatte, geheilt werden sollte. Bei Brandwunden glaubten die Leute an die Heilkraft «sympathischer» Mittel, besonders an das Stillen des Blutes durch Sprüche und Besegnungen. «Berühmt für diese Kunst war die alte Frau Götschin, welche geholt und zu mir, dem wimmernden Patienten, geführt wurde. Sie strich mir, während sie geheimnisvolle Sätze murmelte, leise über die Hand und wünschte beim Weggehen eine gute Nacht. Mehr Erfolg hatten die Mittel, welche meine Mutter anwandte.»15)

Die Doktoren
Neben den praktisch geschulten Scherern und Chirurgen gab es die studierten, an Hochschulen ausgebildeten ärzte für die innere Medizin. Sie fühlten sich durch ihr Studium und ihr ganzes Gehabe den Wundärzten überlegen. Weil sie ihr Wissen aus Büchern bezogen, wurden sie «Buchärzte» genannt. Das Volk bezeichnete sie auch als «Maulärzte», weil sie nicht selbst Hand anlegten. Alle studierten ärzte der Stadt Basel bildeten zusammen eine Gemeinschaft, das Collegium medicum16).

Ein sicheres Einkommen besassen sie oft durch ein Amt im Staatswesen, durch einen Lehrauftrag an der Universität, oder durch eine Stelle als Leibmedicus eines Fürsten. Begehrt war das Amt eines Stadtarztes, des Stadtphysikus. Dieser überwachte die Apotheken und Spitalhäuser, führte die Aufsicht über die Hebammen, vollzog die amtliche Leichenschau und führte die Impfaktionen durch17). Auch musste er Massnahmen bei Seuchen ergreifen - und Seuchen gab es viele. Während der Helvetik erhielt zusätzlich jeder Bezirk einen Bezirksphysikus zugesprochen. Nach der Kantonstrennung blieb Riehen direkt dem Stadtarzt unterstellt. Erst 1871 richtete die Basler Regierung die Stelle eines Physikatsverwesers für die Landgemeinden ein, die allerdings aus Spargründen 1896 wieder gestrichen wurde18).

Der erste in Riehen fassbare Arzt hiess Georg Christoph Müngenroth aus Leipzig. Er war auf seiner Italienreise in Basel hängengeblieben und hatte sich «aus Liebe zu hiesiger Statt», aber wohl eher aus Liebe zu der Bürgerstochter Maria Magdalena Munzinger, in der Nähe der Stadt niedergelassen. Auf der «Riehemener vieles Bitten» hin entschloss er sich 1753, seinen Sitz in diese Gemeinde zu verlegen19).

Die Lücke, die sein früher Tod 1762 hinterliess, füllte kurze Zeit später Theobald Singeisen, ein Riehener Bürgersohn, der als erster Untertan den Doktorhut der Medizin erworben und in seiner Heimatgemeinde an der Baselstrasse 31 eine Praxis eröffnet hatte (siehe auch S. 25). Nach ihm tauchte 1804 ein gewisser Johann Lämmlein von Basel auf, der sich jedoch zwei Jahre später wieder in die Stadt zurückzog20).

Ihm folgte Johann Jakob Schaub von Liestal, examinierter Chirurg und Wundarzt21), der zusammen mit Johann Jakob Weissenberger und später mit dessen Sohn Johann Jakob die Riehener Bevölkerung medizinisch betreute. Sie gehörten zu den letzten «handwerklich» ausgebildeten und von der Chirurgenzunft in Basel examinierten Chirurgen.

Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts waren Chirurgie, Wundbehandlung und Geburtshilfe als Unterrichtsfächer an der Universität Basel eingeführt worden. Und die Barbiergesellen zählten zu den eifrigsten Besuchern dieser Vorlesungen, die für sie auf deutsch gehalten wurden. Die Doppelspur praktische Lehrjahre und Universitätsstudium bestand aber nicht lange. Bald zogen die angehenden Chirurgen und Wundärzte die Ausbildung an der Hochschule vor, die sie mit dem Doktordiplom in Chirurgie abschlössen. In der Folge wurde 1854 das Collegium medicum als einzige Prüfungsbehörde für alle Medizinalpersonen eingesetzt. Das eidgenössische Bundesgesetz von 1877 schliesslich vereinheitlichte endgültig die Ausbildung aller ärzte in der Schweiz und führte das eidgenössische Diplom ein.

Diese Entwicklung lässt sich an den Riehener ärzten genau verfolgen. Johann Jakob Weissenberger hatte 1815 sein chirurgisches Examen noch bei der Zunft zum goldenen Sternen gemacht. Da ihn aber die Gemeinde Riehen «nicht hinlänglich beschäftigte und ernährte», dehnte er seine Tätigkeit auf die angrenzenden Dörfer Badens aus, was ihm die dortigen Behörden unter Hinweis auf sein einseitiges Patent verboten. Er sah sich daher gezwungen, vor dem Collegium medicum 1827 eine zweite Prüfung abzulegen, um sich auch ein gültiges Patent «zur Ausübung der innerlichen Heilkunst» zu verschaffen22).

Sein jüngerer Kollege Johann Adam Schaub, Sohn des Johann Jakob, bildete sich allein auf der Universität aus, wo er 1830 den Titel eines Doktors der Chirurgie erwarb. Danach übernahm er das Haus seines Vaters an der Wende linsgasse 1 in Riehen, das er bis zu seinem Tode als Praxis benutzte.

Hinzu gesellte sich etwas später Martin Burckhardt vom Wenkenhof, der 1851 sein Doktorexamen in der inneren Medizin mit Ehren bestanden hatte. Als «Doktor vom Wenkenhof» genoss er weit über Riehens Grenzen hinaus einen ausgezeichneten Ruf und war durch sein Geschick, seine Hingabe und seine Freundlichkeit äusserst beliebt. Seine Methode, den Patienten zuerst ein Glas Wein vorzusetzen, um sie bei lockerer Stimmung über ihre Leiden erzählen zu lassen, mag wesentlich zu seiner Beliebtheit beigetragen haben. Gleichzeitig diente er der 1852 gegründeten Diakonissenanstalt als Hausarzt. Doch nach zehn Jahren verlegte er seinen Wohnsitz in die Stadt.

Da auch Weissenberger und Schaub altershalber kaum mehr praktizierten, fehlte in Riehen zum ersten Mal ein Dorfarzt. Die Kranken mussten sich nach Lörrach oder nach Basel bemühen. Das änderte sich, als die Diakonissenanstalt 1871 ein neues Spital erbaute und in der Person von Ludwig Georg Courvoisier (siehe RJ 1978, S. 77-85) dazu erstmals einen eigenen Hausarzt anstellte. Seither blieb das gesundheitliche Wohlergehen unserer Gemeinde zu einem guten Teil in den Händen dieser Anstalt, deren Schwestern aufopfernde Hilfe in der Haus- und Krankenpflege leiste ten, deren Arzt neben seiner Tätigkeit als Spitalarzt stets auch eine Dorf- und Landpraxis führte und die nicht zuletzt Kranke und Verunfallte in ihr Spital aufnahm.

Wir schliessen hier unseren kleinen historischen Streifzug durch das Gesundheitswesen unserer Gemeinde. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte den grossen Durchbruch zur heutigen modernen Medizin. Bader und Scherer traten von der Bildfläche zurück. Ihre Aufgaben wurden von Friseuren, Masseuren, Saunabesitzern, Hühneraugenoperateuren und anderen Spezialisten übernommen. Chirurgen und «Maulärzte» hatten ebenfalls ausgedient. Einheitlich ausgebildete, mit allen Errungenschaften der naturwissenschaftlichen Medizin versehene ärzte dienten nunmehr als Hausärzte der Landbevölkerung. Es soll einer zukünftigen Studie vorbehalten bleiben, über diese neuere Zeit zu berichten.

Anmerkungen
1 ) In einem Teildruck herausgegeben und kommentiert von Beat Trachsler: «Vom Aderlassen und Bräute machen», Basel 1974. Diese Volkskalender wurden sehr geschätzt wegen ihren landwirtschaftlichen, moralischen, hygienischen und gesundheitlichen Ratschlägen, was an welchen Tagen und Monaten des Jahres und unter welchen Tierkreiszeichen zu tun und zu lassen sei, ergänzt mit genauen Regeln über Aderlassen, Baden, Schröpfen und andere medizinische Methoden.
2) Tagebuch des Emanuel Le Grand [in Privatbesitz, vgl. Michael Raith: «Ein wertvoller Fund für die Riehener Dorfgeschichte: Das Tagebuch Emanuel Le Grands», RJ 1988, S. 66-71] 3) Julien Marcuse: «Bäder und Badewesen in Vergangenheit und Gegenwart», Stuttgart 1903, S. 49
4) Staatsarchiv Basel-Stadt (StABS), Räte und Beamte K 7.
5) Alle folgenden Hinweise und Zitate über Gebäude in Riehen beruhen auf den Quellenauszügen des Historischen Grundbuches Riehen (HGR).
6) Daniel Bruckner: «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel», Basel 17481763, S. 806
7) StABS, Handel und Gewerbe EE 1
8) Johannes Weissenberger (1726-1801) gab 1773 seinen Sohn Johann Jakob (1757-1816) dem Chirurgen Rieger im Badischen (Johann Carl Riegert in Kandern?) für 3 Jahre in die Lehre und bezahlte dafür ein Lehrgeld von 100 Basler Pfund [StABS, Sanitäts-Akten G 2].
9) StABS Sanitäts-Akten G3. Das Collegium chirurgicum bestand aus den Meistern der Zunft zum goldenen Stern, wie sich die Zunft der Scherer und Bader in Basel nannte, unter Vorsitz des Stadtarztes.
10) StABS, Zunftarchiv, Zunft zum goldenen Stern, Protokolle. Solche Hinweise auf fehlende, theoretische Kenntnisse der Landchirurgen finden sich in den Protokollen häufig. Die Wundärzte waren Praktiker, «Empirici», die ihr Wissen aus der Erfahrung schöpften und oft nur wenige Bücher besassen.
11) Mit diesem Vorwurf wollte er offenbar seinen Sohn Johannes, obwohl sich dieser als unfähig erwies, durch das Examen mogeln. Der Versuch misslang, da der Kandidat «auf keine gethane Frage weder theoretisch noch practisch hat antworten können» und abgewiesen wurde. Um den Vorwurf zu entkräften, erhielt er sogar die Prüfungsgebühren zurückerstattet.
[StABS, Sanitäts-Akten F 2: Physikatsbericht aus dem Jahre 1802].
12) StABS, Handel und Gewerbe EE 2
13) StABS, Sanitäts-Akten F 2: Bericht des Physikats-Adjunkten an das Collegium medicum vom 26. Juni 1802.
14) StABS, Sanitäts-Akten E 7b: Jahresberichte des Physikatsverwesers in den Landgemeinden 1871-1895.
15) Johann Jakob Schäublin: «Erinnerungen aus meinem Leben», Basel 1902, S. 35 und 41.
16) Das Collegium medicum übte die Aufsicht über alle studierten ärzte aus. Wer in der Stadt oder auf dem Lande innere Medizin praktizieren wollte, musste sich vor diesem Gremium über seinen Doktorgrad ausweisen oder eine Prüfung bestehen.
17) Achilles Mieg führte 1756 in Basel die ersten Impfungen gegen die Pocken durch. Ein Gesetz von 1837 erklärte die Pockenschutzimpfung für alle Kinder obligatorisch. Sie erfolgte in Riehen durch die ortsansässigen ärzte.
18) StABS, Sanitäts-Akten E 2
19) StABS, Sanitäts-Akten G 1. Weitere Unterlagen über ihn und die folgenden ärzte finden sich in der Einwohnerkartei des HGR.
20) Im August 1804 kaufte er das Haus Baselstrasse 4, und seine Erben verkauften es 1821 weiter an den Chirurgen Johann Jakob Weissenberger.
21) Er kam 1806 nach Riehen und kaufte das Haus Wendelinsgasse 1. Nach 14 Jahren erlitt er einen Schlagfluss und musste seinen Beruf als praktischer Wundarzt aufgeben. Er zog in die Stadt und errichtete in der Aeschenvorstadt eine Barbierstube.
22) StABS, Sanitäts-Akten G 2

Personen
Die im Text genannten Personen, sofern sie näher bekannt sind, werden im Registerband zum RJ (1985) oder auf der Tabelle «Verwandtschaftsbeziehungen unter Riehener Scherern und ärzten» vorgestellt mit folgenden Ausnahmen:
«Frau Götschin»: unklar, welche Frau Götschin gemeint ist;
Johann Laemmlin (Lämmlein) (1777-1814), D . med., Arzt;
Johann Jakob Merian-Merian (1768-1841), Handelsmann, Banquier, Mitglied Grosser Rat, Kriminal- und Ehegericht;
Achilles Mieg (1731-1799), Dr. med., o. Prof. der praktischen Medizin; Georg Christoph Müngenroth (tl762, siehe RJ 1987 S. 80 A 12);
Maria Magdalena Müngenroth-Munzinger (1720-1798);
Johann Jakob Schaub (1772-1843), Chirurg, Wundarzt.

Literatur
Werner Bubb: «Das Stadtarztamt zu Basel», Diss. med. Basel 1942 Albrecht Burckhardt: «Geschichte der medizinischen Fakultät zu Basel 1460-1900», Basel 1917 Hans Kern: «Zur Geschichte des Hebammenwesens in Basel», Diss. med. Basel 1929 Hans Müller: «Massnahmen und Erlasse gegen Kurpfuscher und Geheimmittel in Basel in früheren Jahrhunderten», Diss. med. Basel 1933 Eugen A. Meier: «Badefreuden im alten Basel», Basel 1982 Otto Neeracher: «Bader und Badewesen in der Stadt Basel und die von Baslern besuchten Badeorte», Diss. med. Basel 1933 Michael Raith: «Gemeindekunde Riehen», Riehen21988 Gustav Steiner: «ärzte und Wundärzte, Chirurgenzunft und medizinische Fakultät in Basel», in: Basler Jahrbuch 1954, S. 179-209 Gustav Steiner: «Zunft zum goldenen Stern als Zunft der Wundärzte und Scherer in Basel», Basel 1956
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