1987

Paul Hulliger - Künstler und Kämpfer

Hans Krattiger

Paul Hulliger, dessen 100. Geburtstag wir im September dieses Jahres feiern konnten, lebte von 1933 bis zu seinem Tode im Jahre 1969 in Riehen. Neben seiner Tätigkeit als Schreib- und Zeichenlehrer am Lehrerseminar Basel hatte er die «Hulliger Schrift» entwickelt, welche seinen Namen weit über Riehen und Basel hinaus in der ganzen Schweiz bekannt machte. Er diente aber auch seiner Wahlheimat als unermüdlicher Sammler der Zeugen einer verschwindenden dörflichen Kultur. Ihm verdankt Riehen die Idee eines Dorfmuseums, dessen Eröffnung er leider nicht jnehr erleben durfte; die Gemeinde ehrte ihn im Herbst 1987 mit einer Gedächtnis-Ausstellung im Kabinettli des Wettsteinhauses.

«Also denn nach de Ferie.» Mit diesen Worten verabschiedete sich Paul Hulliger von meiner Frau und mir, als er im Sommer 1969 einen Ferienaufenthalt in Davos antrat. Dieser Abschiedsgruss bezog sich auf die Sammlung von über 50 bernischen Wirtshausschildern, die der junge Paul Hulliger in den Jahren 1913 bis 1915 gezeichnet und gemalt hatte. Geplant war eine Veröffentlichung dieser Wirtshausschilder, von Hulliger auch noch mit instruktiven Angaben versehen, in der Reihe der vom Verlag Paul Haupt, Bern, herausgegebenen «Berner Heimatbücher». Sozusagen als Kostprobe hatte ich in der National-Zeitung vom 3. August 1969 unter dem Titel «Mit Wirtshausschildern ins Lehramt» diese sowohl volkskundlich als auch künstlerisch sehr wertvolle Arbeit Hulligers gewürdigt und den Artikel geschlossen mit den Worten: «... sind wir überzeugt, dass eine Publikation der von Paul Hulliger gesammelten Wirtshausschilder, auch wenn sie 'nur' aus dem Kanton Bern stammen, in breiten Kreisen auf Interesse stossen würde.» Der Tod, der den 82jährigen, immer noch unternehmungsfreudigen Paul Hulliger während des Aufenthalts in Davos aus seinem unermüdlichen Wirken herausgerissen hat, machte leider dem geplanten Vorhaben ein Ende. Aber diese Wirtshausschilder, teils mit Tusche und Feder gezeichnet, teils mit Temperafarben gemalt und als Referenz vorgelegt, als sich Hulliger Anno 1916 mit Erfolg um eine Stelle als Zeichenlehrer an der Basler Mädchen-Realschule bewarb, sind noch da und bilden einen Teil der Gedächtnis-Ausstellung im Kabinettli des Wettsteinhauses.

Diese Sammlung bernischer Wirtshausschilder ist bezeichnend für Paul Hulligers Wesen, das Ernst Speiser beim Rücktritt von Hulliger aus dem Lehramt in der National-Zeitung vom 1. April 1953 umschrieb mit den Worten: Er war «ein Mensch von eisernem Willen und Ausdauer, der einmal Erkanntes mit nie erlahmendem Elan wider alles und alle bis zur letzten Konsequenz verfocht», und den Ernst Müller in den Basler Nachrichten vom 31. März 1953 mit den Worten würdigte: «Aus allen Kämpfen ist Paul Hulliger ungebrochen und zuversichtlich hervorgegangen.» Und im Nachruf in der Riehener-Zeitung vom 29. August 1969 schrieb Hulligers Kollege Edi Wirz: «Er verfolgte sein Ziel beharrlich, wie nur ein Berner das kann.»

Als Berner und Sohn des Lehrerehepaars Andreas und Maria Hulliger-Gutknecht am 27. September 1887 in Grafenried zwischen Bern und Solothurn geboren, wuchs Paul mit sechs Geschwistern auf. Er trat in die Fußstapfen der Eltern und besuchte von 1903 bis 1907 das Bernische Lehrerseminar Hofwil, wo der Zeichenlehrer und Künstler Emil Prohaska und der Gesang- und Musiklehrer Hans Klee (der Vater von Paul Klee) die Pädagogen waren, von denen Paul Hulliger in seinem «Curriculum vitae», als 80jähriger verfasst, bekannte: «Beide haben es verstanden, den Sinn für das Schöne in mir zu wecken.»

Paul Hulliger war der geborene ästhet, und so sehr künstlerisch talentiert, dass er sehr wohl hätte Kunstmaler werden können. Wenn er dennoch nicht freischaffender Künstler, sondern Lehrer geworden ist, so wohl nicht nur deshalb, weil er sich zum Künstler zu wenig berufen gefühlt hätte, sondern auch und vermutlich noch mehr wegen seiner Veranlagung, «einmal Erkanntes... bis zur letzten Konsequenz» zu verfechten. In Paul Hulligers Vokabu lar existierte das ominöse «me sett» nicht. Das gilt nicht nur für die Wirtshausschilder, sondern auch für die andern Gebiete, auf denen sich Hulliger in seinem langen Leben auszeichnete: auf den Gebieten der Schriftreform, der Analyse von Kinderzeichnungen, des Heimatschutzes und seiner Sammeltätigkeit für ein Riehener Dorfmuseum. Stets war es etwas ganz Konkretes, das ihn veranlasste, einer Sache nach- und auf den Grund zu gehen, um dann etwas ebenso Konkretes zu bewirken. Die Schönheit der Wirtshausschilder erlebte er bei Besuchen bei seinem als Lehrer in Laufen tätigen Stiefbruder Emil. Später fuhr er dann als Abstinent - auf der Suche nach alten Schildern mit dem Velo vom Jura bis ins Berner Oberland, und dabei rettete er manches Schild vor Verfall und Vergessenheit. Zwischenhinein suchte er unter diesem Aspekt auch das Berner Staatsarchiv auf, um Quellen zu konsultieren.

Zur Schriftreform veranlassten ihn die Alben von Schülerinnen, die den Herrn Lehrer baten, sich auch im Album zu verewigen. Sich eingehend befassend mit der Geschichte des Albums, wurde es dem ästheten Hulliger ungemütlich bei solcher Beschäftigung, weshalb er in seinem «Curriculum vitae» schrieb': «Bei den sich unablässig folgenden Versuchen, selber etwas zu gestalten, was sich sehen liess, wurde mir die Unmöglichkeit bewusst, eine in Farbe und Form neuzeitliche Gestaltung eines Motivs mit der üblichen Spitzfederschrift in übereinstimmung zu bringen.» Bei der Analyse von Kinderzeichnungen waren es die Zeichnungen seiner fünf Kinder - mit der Zeit über 5000, alle datiert und beschrieben! -, die ihn bewogen, sich mit Sinn und Bedeutung der Kinderzeichnung auseinanderzusetzen, wobei er zur Erkenntnis gelangte: «In der Zeichnung setzt sich der heranwachsende Mensch Schritt für Schritt in grossartiger Folgerichtigkeit mit seiner Umwelt auseinander», wobei die Farbe als Ausdruck des Gefühls verstanden werden darf. Bei seinem Einsatz für Heimatschutz und Gründung eines Dorfmuseums war's die bemalte Decke aus dem 17. Jahrhundert, die beim Abbruch der alten Taubstummenanstalt, des ehemaligen Zaeslinschen Gutes, zum Vorschein gekommen war und die dank Hulligers Intervention beim Bau des neuen Gemeindehauses in der Dorfbibliothek wieder zu Ehren kam.

Dass einer Kämpfernatur wie Hulliger Enttäuschungen nicht erspart blieben, liegt auf der Hand. Seine «Hulliger Schrift», 1926 an Basler, später auch an Schulen anderer Kantone eingeführt und von Paul Hulliger mit zahlreichen Publikationen und Referaten erläutert, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Mitte der vierziger Jahre durch die «Schweizer Schulschrift» abgelöst, was Hulliger in seinem 1967 verfassten «Rückblick auf mein Leben» zum Geständnis bewog: «Die Erfahrungen sowohl in der schweizerischen wie der baselstädtischen Schriftkommission veranlassten mich neben anderen überlegungen, meinen Kampf für eine durchgreifende Erneuerung der Schul- und Handschrift einzustellen. Er erschien mir sinnlos, weil die grosse Zahl der daran von Anfang an beteiligten Menschen offensichtlich noch nicht reif war, weil ganz und gar nur auf das Technische und brauchbar Nützliche bedacht.» Doch im gleichen Atemzug der Satz: «Mir wurde die Kraft geschenkt, mich nicht verbittern zu lassen.»

Enttäuschung bereitete ihm auch die Riehener Gemeindebehörde, bei der er - wie auch bei der Bevölkerung - anfänglich «auf gutes Verständnis und eine grosse Bereitschaft, sich am Aufbau der Sammlung für ein Riehener Dorfmuseum aktiv zu beteiligen», gestossen war. Am 31. Mai 1966 nahm er in einem elf Seiten umfassenden Schreiben an den Engeren Gemeinderat Bezug auf die Tatsache, dass in der Presse auf einmal nur noch von einem Spielzewg-Museum die Rede war, so dass er die Frage aufwerfen musste: «Soll ich meine seit 15 Jahren ausgeübte freiwillige Sammeltätigkeit für ein Riehener Dorfmuseum einstellen oder nicht?» Er stellte sie nicht ein, sondern sammelte weiter. Leider erlebte er aber die Eröffnung des Dorfmuseums im hinteren Bau des Wettsteinhauses nicht mehr.

Im Rückblick auf die Lebensstationen des Künstlers und Kämpfers Paul Hulliger sehen wir ihn nach Abschluss der Seminarzeit als Primarlehrer in Zollikofen (1907-1911), anschliessend in der Ausbildung zum Sekundär- und Zeichenlehrer in Bern, München, Zürich und Basel mit Abschluss der zeichnerischen Ausbildung in Bern. 1916 erfolgte die Wahl als Zeichenlehrer an die Mädchenrealschule Basel, an welcher er bis 1925 tätig war. 1921 bis 1925 wirkte er als Leiter der Methodikkurse am Zeichenlehrerseminar, und 1925 bis 1953 als Schreib- und Zeichenlehrer am Lehrerseminar. Paul Hulliger siedelte 1933 mit seiner Familie von Basel nach Riehen um, wo seine fünf Kinder aufwuchsen und seine Gattin bis zu ihrem Tode im Sommer 1987 lebte. Er liebte seine Wahlheimat und diente ihr nicht nur als Wegbereiter des Dorfmuseums, sondern auch als SP-Mitglied des Weiteren Gemeinderates von 1945 bis 1958, in welcher Eigenschaft er sich vor allem für kulturelle und heimatschützerische Belange einsetzte. Initiativ wie er war, wirkte er aber auch als Gründer der «Werkgemeinschaft für Schrift und Schreiben» (1927) und der «Zeichenlehrer-Vereinigung» (1932) sowie als Mitbegründer der Untergruppe Riehen des Basler Heimatschutzes (1951). Von seiner publizistischen Tätigkeit zeugen fundierte Artikel vor allem in Fachzeitschriften, aber auch in den Jahrgängen 1961,1962,1963,1965,1966 und 1968 des Riehener Jahrbuches «z'Rieche».

Im Dezember 1967 legte Paul Hulliger im bereits zitierten «Rückblick auf mein Leben» mit der ihm eigenen Offenheit und Ehrlichkeit Rechenschaft ab über Höhen und Tiefen, Licht- und Schattenseiten seines bewegten Lebens. Und hat es nicht noch heute Gültigkeit, wenn er das Fazit seiner reichen Erfahrungen zusammenfasst in die Worte: «Wir leben in einer Krisenzeit, in welcher das blosse Nützlichkeitsdenken dominiert und der äussere Erfolg angebetet wird. Auf die Dauer muss sich jedoch der Versuch, das Leben bloss technisch, bloss verstandesmässig-zweckmässig zu bewältigen, als verfehlt erweisen. Das Leben hat einen tieferen Sinn; es erschöpft sich nicht im äusseren Erfolg.»

Das Vermächtnis eines Menschen, der dennoch hoffte, glaubte und liebte.


Der «Schreibmeister» Paul Hulliger
Paul Hulliger gehört in die Reihe der «Schreibmeister». Mit der seit dem 17. Jahrhundert zunehmenden Schriftlichkeit entstand ein Bedarf an Schreibvorlagen, der durch Vorlagehefte der «Schreibmeister» gedeckt wurde. Auch für den allgemeinen Schulunterricht mussten im 19. Jahrhundert verbindliche Schreibbeispiele geschaffen werden. Im deutschen Sprachbereich vollzog sich zudem in den zwanziger und dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts der übergang von der «deutschen Frakturschrift» zur «lateinischen Antiqua». Paul Hulliger hat, ähnlich wie Ludwig Sütterlin für die preussischen Schulen (1917), eine den schweizerischen Verhältnissen angepasste Handschrift-Form für Schulen und kaufmännische Berufe und die zugehörige Methode für den Schreibunterricht entworfen.


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