1987

Harte Zeiten - frohe Stunden

Hans Krattiger

Riehener Jugenderinnerungen von Hans Schultheiss, nacherzählt von Hans Kräftiger

Als dem Ehepaar Fritz und Bertha Schultheiss-Vögelin am 16. Juni 1908 der Sohn Hans geschenkt wurde, war Riehen mit seirien rund 3000 Einwohnern noch ein rechtes Bauern- und Winzerdorf, in dem die Schultheiss zu den alten Bürger-Geschlechtern gehörten. Landwirt und «Bammert» war noch Hansens Grossvater Georg SchultheissBruntier, sein Vater Fritzverdiente jedoch seinen Unterhalt als Bahnarbeiter auf der Strecke Basel-Riehen der Wiesentalbahn, auf der Vertrags gemäss nur Schweizer beschäftigt werden durften. Das Vis-à-vis an der Schützengasse war noch nicht ein Teil des Spitals - der Neubau wurde erst 1939 eingeweiht -, sondern die Schreinerei von Fritz Schmid, und am nördlichen Dorfrand floss der Aubach noch offen an Häusern und Gärteri vorbei. Ein schwach besiedeltes Riehen zwischen Brühl und Nollenbrunnen, Stettenfeld und Hörnli - das war die Welt, in der ein Riehener Bub wie Hans Schultheiss seine Jugendjahre verbrachte und die nun mit ein paar Episödchen illustriert werden soll.

Die Versuchung
Mit andern vorschulpflichtigen Buben und Mädchen ging auch ich in die Kleinkinderschule an der Schmiedgasse 46, die zu den Gründungen Christian Friedrich Spittlers gehörte und von den Diakonissen Schwester Anna und Schwester Mathilde geleitet wurde. Noch sehe ich vor mir das lange Seil mit den Querbändern, an deren Enden wir uns festhalten mussten, wenn wir durchs Dorf oder in die Umgebung spazieren durften, gleichsam angeseilt, auf dass ja keins verloren gehen konnte. Noch sehe und rieche ich aber auch die herrlichen, saftigen Spalierbirnen, die bisweilen Hans Seckinger aus seines Vaters Theodor Garten beim «Lindenhof» mitbrachte und riskierte, von den Knirpsen, die sich mit einem Stück Brot und bestenfalls einem Apfel als Znüni begnügen mussten, erbarmungslos verprügelt zu werden, wenn er sie heimlich verzehren wollte. Solche Spalierbirnen bildeten für mich nicht eine geringere Versuchung als der berühmte Apfel für Eva im Paradies. Sie leuchteten auch aus dem Garten von Lehrer Paul Reck an der Ecke Schmiedgasse/Eisenbahnweglein, also grad gegenüber der Kleinkinderschule, und die Hand schmerzt mich noch heute, wenn ich dran denke, wie ich sie - nach buchstäblich fruchtlosem Bemühen - kaum mehr aus dem Gartenhag herausziehen konnte. Und wie gross war ein paar Jahre später, während des Ersten Weltkrieges, die Versuchung, die Kiste voll zum Schmuggeln bereiter Schokolade, die mein Bruder Walter beim Maien bühl fand, zu behändigen. Wir wären wohl der Versuchung erlegen, hätte uns nicht Grenzwächter-Feldweibel Flückiger erwischt und zu unserem Leidwesen den gefundenen Schoggi-Schatz beschlagnahmt. Später bekamen wir sozusagen als Finderlohn einen Teil davon und konnten uns an Schokolade satt essen.

Eine andere Entdeckung verursachte weniger Versuchungsgelüste; es waren Knochen, die aus Grabungsschutt im Mooswäldeli zum Vorschein kamen und die wir sammelten, weil in den Kriegsjahren Knochen gemahlen und zu Hühnerfutter gemacht wurden. Vater Indlekofer, ein Nachbar an der Schützengasse, hatte eine solche Mühle, doch auch er ahnte nicht, dass es sich bei den im Mooswäldeli gefundenen Knochen um Uberreste von Gräbern handelte, die beim Umbau des alten Gemeindehauses ausgehoben und mitsamt dem Schutt an vermeintlich verborgener Stelle deponiert worden waren. Makabres Hühnerfutter!

Flucht auf den Kirschbaum
Mit dem Wechsel von der Kleinkinder- zur «grossen» Schule wurde auch mein Schulweg etwas länger; denn er führte zum Schulhaus am Erlensträsschen, das damals allerdings noch Ochsengasse hiess; auch der «Ochsen» existierte damals noch mitsamt der «School», in der geschlachtet wurde, und zwar bis Anno 1924, als der «Schlachthof» durch eine Kegelbahn ersetzt wurde. Aber in der Schulhaus-Umgebung gab's auch noch andere Dinge, die mich jungen ABC-Schützen faszinierten und sich tiefer in der Erinnerung einprägten als der Schulunterricht bei Lehrer Heinrich Schäublin, den ich als hagere, Violine spielende Gestalt immer noch vor mir sehe; ich denke an die mächtige Linde beim Schulhaus, höre noch das Grunzen der Schweine aus der Schweinehaltung von Emil Tanner im Meierhof und das Hämmern in der Küferei von Ludwig Löliger-Salathé.

Nach vier Jahren Primarschule folgte die Dislokation in die Sekundärschule im Schulhaus an der Burgstrasse 51, das Anno 1911 erstellt worden und also noch ziemlich neu war, als ich unter die Fittiche von Lehrern wie Edi Wirz und Ernst Blum kam. Besonders Gesanglehrer Blum, der nebenbei auch noch Organist war und in einer «Hätzle», einem würdigen Gehrock, Schule zu halten pflegte, hatte es nicht leicht mit uns Buben. Und wiewohl ich Musik liebte, war ich doch oft dabei, wenn ihm ein Streich gespielt wurde.

Er hatte ein schickes englisches Velo, das übermütige Buben geradezu einlud, es mit Drähten fahruntüchtig zu machen und dann aus einem Versteck heraus zuzuschauen, wie die Spitzweg-Figur Blum am Velo herumhantierte. Natürlich setzte es auch Strafen ab, und vermutlich hätte ich die Ohrfeige verdient, die, weil ich mich schnell bückte, anstatt auf meiner Wange an der Schulstubenwand landete. Und es muss schon seinen Grund gehabt haben, als Lehrer Blum den Schlup Röbi und mich von der Burgstrasse bis zum Grenzacherweg, an dem damals nur wenige Häuser standen, verfolgte, uns aber nicht erwischte, weil wir auf einem Schlupschen Kirschenbaum Zuflucht gefunden hatten. Und es war erst noch Kirschenzeit!

Wie Diogenes im Fass
Um nicht den Eindruck zu erwecken, ich hätte nur Lausbubenstreiche im Kopf gehabt, sei doch auch von harter Arbeit berichtet, die damals einem Dreikäsehoch zugemutet wurde. Als acht- bis zehnjähriger Binggis ging ich nach Schulschluss meistens in Stumps Laden an der Baselstrasse 70, wo der Aubach noch offen vorbeifloss und wo ich oft wie einst Diogenes in grosse Mostfässer kroch, allerdings nicht um zu philosophieren, sondern um sie auszuspritzen und zu putzen, was mir jeweils als Belohnung einen Franken in bar und ein währschaftes Nachtessen eintrug. Auch in den Ferien war ich Quasi-Angestellter in Stumps Laden, und zum Fässerreinigen gesellte sich die Arbeit in den Reben am «Schlipf», wo ich mit Misttragen reichlich zum Schwitzen kam. Aber Mutter Stump war eine herzensgute Frau, brachte mir zum Znüni einen speziellen Trunk, und dass es dazu noch «Schwyzer Chäs», wie man dem Emmentaler damals sagte, gab, verlieh mir das Gefühl, wie ein Fürst essen zu können. Und wie oft wartete nach harter Tagesarbeit nach dem Nachtessen noch ein Fass auf den kleinen Riehener Diogenes. Was wunder, dass ich oft spät nach Hause und ins Bett kam und dass die Schulaufgaben darunter litten. Aber es war Kriegs- und Notzeit, und da mussten auch wir Kinder das Unsere zum Lebensunterhalt beitragen. Dazu gehörte auch, dass wir im Herbst «z'Weid» gingen, Vieh hüteten und «e Füürli» machten, dass wir über die geernteten Kornfelder gingen, liegengebliebene ähren auflasen und dann die - womöglich vol len - Säcke nach Hause trugen, wo mit Dreschflegeln gedrescht und mit der stattlichen Wanne durch das Aufwerfen des Korns die Spreu vom Weizen geschieden wurde. Gemahlen wurde das Korn in der Brüglinger Mühle, und wenn dann die Mehlsäcke nach Riehen zurückkamen, wurden sie, mit Mausefallen bewacht, wie ein Heiligtum in der Schlafstube aufbewahrt. So versteht es sich denn von selbst, dass sich die Mutter auch als Bäckersfrau betätigte.

Und da es zum Backen, aber auch zum Kochen und Heizen, Holz brauchte und dieses in den Kriegsjahren ein teurer Artikel war, gehörte es zu meinen Bubenpflichten auch, in den Riehenerwald zu gehen und - mit behördlicher Bewilligung - am Boden liegendes, trockenes Holz zu sammeln. Und wenn ich dann mit einer «Bygi Holz uff em Buggel» nach Hause kam, fragte niemand, ob mich der Rücken schmerze. Dieses Holzsuchen im Wald war amtlich geregelt: am Montag durfte im Maienbühl, am Mittwoch im Mittel- und am Samstag im Ausserberg gesammelt werden. Not machte in diesem Fall nicht nur erfinderisch, sondern sie sorgte dafür, dass der Wald gesäubert wurde.

Schlange stehen für «Spatz»
Als sechsjähriger Knirps erlebte ich den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die Generalmobilmachung in Riehen, die nicht nur wehrpflichtige Schweizer, sondern auch viele in Riehen wohnhafte Deutsche unter die Waffen rief. Noch sehe ich im Geiste Oberst Heinrich Heusser, den Inspektor der Taubstummenanstalt (von 1900-1921), wie einen Fels im Getümmel der Mobilmachung stehen und Befehle erteilen. Aber sogar der Krieg hatte für uns weniger Begüterte etwas Gutes; denn zum einen konnten wir Buben als «Gepäckträger» ein paar Batzen verdienen, wenn wir die deutschen Einrückenden und zuversichtlich Singenden «Siegreich wollen wir Frankreich schlagen, siegen als ein Held...» bis zur Grenze und anfänglich sogar bis nach Lörrach begleiteten. Und zum andern war da die Militärküche, die im Schulhaus am Erlensträsschen installiert worden war und wo so reichlich gekocht wurde, dass auch noch für Riehener Familien, die schattenhalb zu Hause waren, immer etwas übrigblieb. Und niemand schämte sich, Schlange zu stehen und ein Milchkännli bereitzuhalten, um eine kräftigende Mahlzeit nach Hause bringen zu können.

Bei der «Geissehebamm» zu Gast
«D'Geissehebamm» war meine Grossmutter mütterlicherseits, hiess mit richtigem Namen Barbara Hechler, wohnte im Oberdorf und wurde «d'Geissehebamm» genannt, weil sie eine bescheidene Ziegenzucht betrieb. Und das hiess für uns Enkel: Geisse hüete! Nun gut, wir taten's, hatten aber auch bald herausgefunden, dass man Ziegen an einem Baum anbinden und sie, weidend, im Kreis herum gehen lassen kann, bis die Leine sich vollends um den Baumstamm herum gewickelt hatte. Und wir Hüterbuben konnten anderes tun, zum Beispiel auf einen der beiden Pflaumenbäume klettern, die auf Grossmutters Wiese standen, und deren äste zum Teil über den Aubach hinausragten. Unter der Last der süssen Früchte und zweier Schelme krachte ein Ast entzwei, worauf mein Bruder und ich im Aubach landeten und «pflätschnass» nach Hause kamen. Im stillen habe ich mich später gefragt, ob das wohl die Strafe dafür war, dass ich auf dem Heimweg vom brav besuchten «Hoffnungsbund» des Blauen Kreuzes am oberen Ende der Rössligasse, wo ein Schmied und ein Wagner unmittelbar neben dem Aubach, in den sie heisse Eisen zum Abkühlen und frisch behauene Leiternsprossen zum Schwellen legten, ihre Werkstatt hatten, weniger brav so im Vorbeigehen das Staubrett herauszog und schadenfroh zusah, wie die Sprossen davonschwammen. Und solches nach einer Stunde, in der sich Hoffnungsbund-Vater Stolz bemüht hatte, aus uns rechtschaffene Menschen zu machen! Nun, umsonst war die Mühe gleichwohl nicht, und im Rückblick weiss ich: Es war Saat auf Hoffnung.

«Rossbolle-Chrieg»
Das war sozusagen ein Bruderkrieg, der sich auf Schweizer-, genauer gesagt auf Riehener- und Baslerboden abspielte, und zwar in jener Zeit, als noch Pferdefuhrwerke den Gütertransport im Dorf und zwischen Basel und Riehen besorgten. Und da Pferdemist Gold wert war, war die Rivalität zwischen «Rossbolle» einsammelnden und auf ihre Wägeli ladenden Buben natürlich gross; und das Einzugsgebiet erstreckte sich bis zum Badischen Bahnhof. Ich weiss noch gut, wie ich einmal einen Kameraden, der schon mehr aufgeladen hatte als ich, mit meinem weder weichen noch sauberen Reisbesen so verdrosch, dass er blutete, und wie ich dann auf Umwegen ins Niederholz schlich, wo die Mannen vom Baudepartement ihre auf den Staatsstrassen «geernteten» Rossbolle lagerten, und mich so bediente, dass auch ich mit einem vollen Wägeli zu Hause vorfahren konnte. Ich wage meine Beichte in der Annahme, dass inzwischen dieser Rossbolle-Diebstahl verjährt ist.

Vom Baum zur Bank
Der Krieg ging 1918 zu Ende, doch Krise und Arbeitslosigkeit brachten neue Probleme, vor allem auch für uns Junge, die einer ungewissen Zukunft entgegengingen. Das galt auch für mich, als ich 1923, erstmals in langen Hosen auftretend, von Pfarrer Karl Brefin konfirmiert wurde und gerne Schreiner geworden wäre. Doch es bestand keine Aussicht, eine Lehrstelle zu bekommen. Und so ging das Taglöhnern in Stumps Laden, inklusive Fässerputzen, weiter. Doch als ich einmal beim Buchensetzen im Wald mithalf, kam ein Schulkamerad und offerierte mir die durch seinen Wegzug frei gewordene Stelle bei der Basler Handelsbank. «Gottefroh», überhaupt einen Arbeitsplatz zu bekommen, nahm ich die Offerte an und ging vom Baum zur Bank. Nach den wenn auch harten Jahren in Freiheit und im Freien kam ich mir anfänglich in den vier Wänden eines Finanzinstituts wie in einem Gefängnis vor - und bin dann, während Jahrzehnten tätig bei der Basler Kantonalbank, bis zu meiner Pensionierung diesem «Gefängnis» treu geblieben, ohne es zu bereuen, dem Ruf vom Wald zur Stadt, vom Baum zur Bank gefolgt zu sein.

Anmerkungen
Die im Artikel erwähnten Personen werden im 1985 erschienenen «Register» zu den ersten 25 Bänden des Jahrbuches «z'Rieche» (RJ) vorgestellt. Fritz Schmid ist Friedrich Schmid-Alder, die Diakonisse Anna heisst mit vollem Namen Anna Schmid und ihre Mitschwester Mathilde Kunz. Hans Seckinger und sein Vater Theodor Seckinger-Schmid sind sowohl im Register als auch im vorliegenden RJ 1987 S. 99 genannt. Der Lehrer an der damaligen Oberen Schmiedgasse 2 (heute Schmiedgasse 44) war Paul Reck-Bargheer (1885-1932), auch Mitglied des Grossen Rates und Obstbaumzüchter. Der «Bruder Walter» ( = Walter Schultheiss-Jost) wurde Gemeindevorarbeiter und lebte von 1910 bis 1981. «Vater Indlekofer» hiess Karl Indlekofer-Bassler (1879-1964), wohnte an der Schützengasse 24 und wirkte als badischer Stationsvorstand. «Schlup Röbi» ( = Robert Schlup-Renggli 1908-1979) wurde Gemeindearbeiter. Inhaber von «Stumps Laden» waren die im Register aufgeführten Eheleute Emil und Louise Stump-Heuberger. Maria Barbara Hechler-Vögelin (1856-1934), «d'Geissehebamm», wohnte an der Oberdorfstrasse 42. Den Schmied und den Wagner an der oberen Rössligasse findet man unter den Namen Fritz Rüsch und Max Grosshardt ebenfalls im Register. Der Hoffnungsbund ist eine Kinderorganisation der christlichen Abstinenz-Bewegung «Blaues Kreuz», der Name von «Vater Stolz» lautet offiziell Wilhelm Stolz-Schultheiss. 
M.R.




^ nach oben