1987

Die Orangerie im Sarasinpark

Rolf Brüderlin

Der Weitere Gemeinderat Riehen sprach 1985 einen Renovationskredit für die Wiederherstellung der Orangerie im Sarasinpark1). Dadurch konnte eine der schönsten Architekturperlen innerhalb unseres Gemeindebannes aus einem langen Zerfallsschlaf zu neuem Leben erweckt werden.

Nur wenige Schritte vom Dorfkern liegt der von ehemaligen Landgütern geprägte Sarasinpark, umgrenzt durch die Baselstrasse, Gartengasse, Rössligasse und Inzlingerstrasse. Durch den Umbau des Elbs-Birrschen Landhauses zur Stätte der Musikschule Riehen hat die Gemeinde 1979 die Wege bereitet, den in ihren Besitz übergeführten Sarasinpark mit den verschiedensten vorhandenen Bauten mit neuem Leben zu füllen und in das Dorfganze zu integrieren.

Hieronymus Bischoff-Respinger ist die Arrondierung der verschiedenen Landgüter in diesem Gebiet zu verdanken. 1835 liess er auf einer hinzugekauften Parzelle die Orangerie erbauen. Durch die Heirat von Theodor Sarasin mit der Adoptivtochter von Hieronymus Bischoff, Maria Magdalena Bischoff, ging das gesamte Areal 1864 in den Sarasinschen Besitz über. Die Diakonissenanstalt Riehen konnte 1928 das Gut von den Erben des Theodor SarasinBischoff erwerben. 1968 erfolgte der Verkauf an die Einwohnergemeinden Basel und Riehen. Seit 1976 ist das gesamte Areal im Landbesitz der Gemeinde Riehen.

Als im Frühsommer 1836 die Besitzer des Le Grand-Gutes aufs Land zogen, konnten sie den fertig erstellten Gartensaal mit seiner eigenständigen Architektur bewundern. Hinter diesem kleinen Bauwerk sind die klassisch-romantisch inspirierten Geistesströmungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spürbar. Als antikisierendes Tempelchen wurde das Haus der Gartengöttin geweiht. Es diente im Winter als Aufbewahrungsort der in Kübel gepflanzten Orangen- und Palmenbäume und im Sommer als Gartensalon. In einer anno 1852 in zweiter Auflage erschienenen Schrift über «Glashäuser aller Art» wird unter dem Kapitel «Orangerie» folgendes festgehalten: «Von allen zur Erhaltung exotischer Pflanzen dienenden Gebäuden gestattet die Orangerie die Anwendung aller Arten von architectonischen Verzierungen, ohne dass daraus für die darin leben sollenden Pflanzen irgend eine Unzweckmässigkeit entstände.» Weiter werden darin bestimmte, praktische Regeln für den Bau einer Orangerie beschrieben: «Die Orangerie soll vollständig gegen Mittag gestellt werden. Die Façade dieser Seite besteht aus festen Pfeilern, welche jedoch hinlänglich leicht und voneinander entfernt sind, um für die Fenster möglichst grossen Raum zu gewähren, weil die Orangeriepflanzen niemals zuviel Licht haben können. ... Dieses Lichtbedürfnis bestimmt denn auch die Grenzen der Breite, welche eine Orangerie niemals überschreiten darf, ... Die Länge ist durchaus willkürlich; die Höhe rieh tet sich nach dem Verhältnis der darin aufgenommen werden sollenden Pflanzen;... Der Hintermauer einer Orangerie kann man niemals zuviel Dicke geben, indem sie bei der südlichen Stellung der Facade natürlich gegen Norden gerichtet ist. ... Die Nothwendigkeit, alle Orangeriepflanzen hinein und wieder herauszubringen, bedingt für die Thüren eine beträchtliche Höhe. Stets bringt man die Thüren an einer der Seiten nach Osten oder nach Westen an; ...»

Nach diesen Regeln wurde auch die Orangerie im Sarasinpark errichtet. Der kleine Tempel mit Säulenvorhalle und vorgeblendetem seitlichem Säulengang nimmt, leicht erhöht, dominant Stellung vor einem kunstvoll angelegten Weiher. Die bestimmte Lage inmitten des weitläufig angelegten englischen Landschaftsgartens unterstreicht die architektonische Ausdruckskraft. Eine mächtige Baumkulisse bildet den dunklen Hintergrund.

Wer war der Architekt der Orangerie? Es war 1835, im Entstehungsjahr der Orangerie, als Melchior Berri die Pläne für das Gemeindehaus Riehen zeichnete. Amadeus Merian, der damalige Kantonsbaumeister, reichte ebenfalls ein Projekt ein, das jedoch demjenigen von Berri unterlag; er wurde aber mit der Ausführung des Berri-Projektes be auftragt. Zur gleichen Zeit arbeitete in Basel der Architekt Christoph Riggenbach. Merian und Riggenbach waren Schüler von Professor Friedrich Gärtner in München, welcher sich vor allem in romanisch-byzantinischem Vokabular darstellte. In direkten Vergleich zur Orangerie kann die um 1830 von Melchior Berri erbaute Villa Ehinger in Münchenstein (Brüglingen) gestellt werden: Hauptbau mit vierteiliger Fenstergliederung, dreiteilige Säulenvorhalle, flach geneigte Dachgräte, Turmaufbau sowie Sockel- und Dachfriese mit entsprechenden Profilierungen (Bild in RJ 1983, Seite 20). Unter diesen drei damals in Basel wirkenden Architekten kann als Urheber der Orangerie also am ehesten Berri vermutet werden.

Die Anregungen für die Architektur dieses Hauses müssen aus Italien stammen. Zur Musikschule hin trägt der Gartensaal eine klassisch einfache Fassade. Mit schattenloser Deutlichkeit enthüllt diese Glasfassade einen Proportionsraster. Durch vier Holzsäulen, vier Fenster und eine Mitteltür wird die Längsfront gegliedert und von zwei Mauerwerkspilastern umrahmt. Ein hohes, hölzernes Gesims mit zarten Profilierungen trägt das flach geneigte Dach mit einem kleinen, aber relativ hohen Türmchen. Ein von vier Eichensäulen gebildetes Peristyl ist in der Längs achse zum Weiher hin gerichtet. Der gegenüberliegenden Schmalseite wurde eine hölzerne Eingangshalle neueren Ursprungs vorgelagert. Die holzgeschnitzten korinthischen Säulenkapitelle nehmen mit den ringsum aufgereihten Palmenblättern Bezug zur Zweckbestimmung des Gebäudes.

Baugeschichtliche Untersuchungen
Vor Beginn der Wiederherstellungsarbeiten wurden im Herbst 1985 in Zusammenarbeit mit der Basler Denkmalpflege verschiedene baugeschichtliche Untersuchungen durchgeführt. Diese Untersuchungen gaben Aufschluss über den originalen Zustand des historischen Bauwerks. Zu den nachträglich angefügten Bauteilen gehörte der nördliche Treppenaufgang mit Dacherker sowie der hölzerne Eingangshallenteil an der Ostfassade. Die Untersuchung ergab weiter, dass das Dach im Urzustand mit grauschwarzem Naturschiefer gedeckt war. Beim späteren Erstellen der nördlichen Anbauten wurde das ganze Dach mit Eisenblech eingekleidet. Bei Aufräumungsarbeiten im Dachraum fanden sich vollständig erhaltene Schieferplatten, welche die ursprüngliche Form mit stumpfwinkligem unterem Ende belegten; im Zuge der Renovation wurde das Dach wieder mit Naturschiefer gedeckt. Bei der Realisierung des hinteren Treppenbaus wurden im Dachraum die vier das Türmchen tragenden Holzeckpfosten durch Stahlgußstützen ersetzt. Vermutlich wollte man in dem zu einem Taubenschlag umgenutzten Dachraum Transparenz und mehr Bewegungsfreiheit gewinnen.

Im Frühjahr 1986 nahm Christoph Federer im Auftrag der Basler Denkmalpflege verschiedene Farbuntersuchungen an den Architekturteilen der Fassade und des Innenraumes vor. Am Objekt angelegte Freilegungstreppen zeigten bis zu fünf Farbschichten. Nach der ersten Fassung war die äussere Architektur einheitlich in einem rötlichen Hellbeige gefasst. Innerhalb des westlichen Peristyls verlief auf der Höhe der Kapitelloberkante zwischen den beiden seitlichen Halbrundsäulen ein rotes Filet. Die inneren Wandflächen wurden in einem intensiven Türkisgrün gehalten. Zwölf Zentimeter unterhalb der Decke verlief waagrecht ein zinnoberrotes Filet. Fenster und Türen waren hellgrau. über die ursprüngliche Decke fehlen sämtliche Hinweise.

Beim Aufdecken des Holzbodens kam die interessante Anlage einer Unterflurheizung zum Vorschein. Es handelte sich dabei um eine Warmluftheizung für die überwinterung der Kübelpflanzen. Eingeheizt wurde hinter dem Haus in einer durch Treppenstufen erschlossenen Vertiefung auf dem tiefsten Hohlkellerniveau. Beim Abgraben der Hinterseite wurde die Heizkonstruktion sichtbar. Während des Anfeuerns strömten die Rauchgase in den heute noch vorhandenen Kamin. Sobald das Feuer genügend brannte, wurde ein Schieber umgestellt; die Warmluft zog durch einen geschlossenen Mauerkanal im Hohlkeller. Dieser mit vollen Ziegelsteinen gemauerte und mit roten Sandsteinplatten abgedeckte Kanal beginnt an der tiefsten Stelle und verläuft entlang der Randzone spiralförmig bis zum höchsten Punkt des Hohlkellers und mündet dort in den Kamin, welcher die Rauchgase übers Dach führte. Die Erde im Hohlkeller ist mit Metallschlacken überdeckt, welche vermutlich als Wärmespeicher dienten. Alle Teile der vorgefundenen Anlage wurden erhalten. Der Hohlraum wurde mit einer neuen Tonhourdis-Decke überdeckt. An der Nordwand wurde ein Einstiegsloch gebaut, über das der Hohlraum jederzeit begangen werden kann.

Die Renovation und das Neue
Die durch Zerfall und Verwitterung geprägte Orangerie wurde nach ihrer Ursprünglichkeit restauriert. Entsprechend der Renovationsvorlage soll das Gebäude während den wärmeren Jahreszeiten für verschiedene kulturelle Aktivitäten genutzt werden. In dem über 50 Quadratmeter grossen Gartensaal sind auch kleinere Konzerte der Musikschule Riehen denkbar. Für Konzerte im Freien eignet sich der Bereich vor den romantischen Ruinen unter der grossen Rosskastanie sowie die Wiese vor der südlichen Gartenfassade. Für die Benützung in kühleren Jahreszeiten wurde ein moderner Holzfeuerungsofen eingebaut. Dadurch wird auch die ursprüngliche Verwendung als überwinterungsort von Kübelpflanzen wieder möglich.

Die Restaurierung der Orangerie wurde durch den schlechten baulichen Zustand aufwendig und umfangreich. So mussten fast sämtliche Holzteile ausgewechselt werden, ebenso die Sockelpartie aus rotem Sandstein. Die baugeschichtlich belegten Architekturteile wurden nach ihrer Ursprünglichkeit renoviert. Eine Neufassung erfolgte dort, wo keine historischen Belege vorlagen oder wo die neue Zweckbestimmung eine andere Materialwahl erforderte. Ein anregender Dialog zwischen Bauherrschaft, Denkmalpflege und Architekt führte zur Neuinterpretation des Innenraumes. So bilden im Innern der Orangerie neue Architekturelemente den Kontrast zum historisch Belegten. Boden, Wand und Decke prägen durch Materialwahl und Farbgebung den neuen Raum. Der Boden mit seinen steel- und grayfarbigen Feinsteinzeugplatten korrespondiert mit dem bläulichen Hellgrau der Wandfläche. Ein dunkelrotes Filet markiert den farblichen Abschluss von Boden und Wand zum Deckenbereich hin. Im Randbereich der Decke wurde ein neugeformter Gipsstuckstab mit beidseitiger Schattennut montiert. Zwei horizontale, von der Decke abgehängte Lichtrohre beleuchten das Dekkenfeld mit schwebendem Stuckstab und geben so das indirekte Licht für den Gartensaal.

Im Sommer 1987 wurde im Sarasinpark das Theater «August August, August» von Pavel Kohout aufgeführt. Die Orangerie bot dabei den originellen Rahmen für ein Theatercafé. Verschiedenste Aktivitäten werden die renovierte Orangerie mit neuem Leben füllen.

Quelle
Die historischen Angaben beruhen auf dem im Literaturverzeichnis genannten Aufsatz von Lucas Frey.

Anmerkung

1) Ein entsprechender Antrag von Michael Raith wurde vom Weiteren Gemeinderat am 26. Januar 1983 überwiesen.

Literatur

Martin Burckhardt-Lauber: «Das Elbs-Birrsche Landhaus...», in: z'Rieche, Ein heimatliches Jahrbuch 1979, Riehen 1979, S. 7-19. Thomas Freivogel: «Das alte Gemeindehaus von Melchior Berri», in: z'Rieche, Ein heimatliches Jahrbuch 1983, Riehen 1983, S. (12)-23. Lucas Frey: «Die Orangerie im Sarasinschen Park», in: Fritz Lehmann und Lucas Frey: Die Sarasinschen Güter in Riehen. Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Band 66, Basel 1966, S. 223f. François Maurer: «Baugeschichte», in Riehen, Geschichte eines Dorfes, Riehen 1972, S. 257.
M. Neumann: «Glashäuser aller Art» (darin besonders das 3. Capitel: «Orangerie»), Wiesbaden/Berlin 1984, Fotomechanischer Nachdruck der zweiten Auflage, Weimar 1852.


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