1986

Wandlungen im Riehener Dorfbild

Christel Sitzler

Anschliessend an die im Jahrbuch 1985 gezeigten Ansichten des Niederholzquartiers in den 30er Jahren, wollen wir diesmal unsere Aufmerksamkeit auf die Quartiere Kornfeld und Wenken richten.

Mit dem Bau der Strassenbahnlinie erwartete die Kantonsregierung eine vermehrte Bautätigkeit in Riehen. Die Statistik der Brandversicherung zeigt denn auch deutlich, wie die Zahl der neuen Häuser nach dem Ersten Weltkrieg sprunghaft ansteigt: im Jahre 1914 zählte Riehen 1187 Häuser, 1924 waren es bereits 1661, und zehn Jahre später 2255 Häuser.

1907 beschloss der Grosse Rat, einen generellen Plan für das Riehener Strassennetz auszuarbeiten. Er konnte aber nicht den ganzen Bann auf einmal bearbeiten und so entschloss er sich, die Planug auf den dringendsten Teil, das damals «dem Stadtbanne zunächst liegende Gebiet» zu konzentrieren. Das Dorf, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts 2576 Einwohner zählte, begann sich also in Richtung Basel auszudehnen.

Die geplanten Strassen sollten sich so gut wie möglich und ohne Einschnitte und Dämme dem Terrain anpassen. Um die 14 Meter Höhendifferenz zwischen Niederholz und Hackberg zu überwinden, wurden vier «Rampen» in Serpentinenform vorgesehen. Davon wurde nur eine realisiert, der Wasserstelzenweg, zwei weitere existieren nur als Treppe zwischen Bluttrain- und Talweg und Untere und Obere Wenkenhofstrasse. Unter- und oberhalb der Böschung sollte je eine Ringstrasse das Plateau begrenzen (unterhalb die Rainallee und der Niederholzboden, oberhalb die Essigstrasse und die Morystrasse). Beide Ringstrassen waren als Alleen geplant.

Das ansteigende Gelände oberhalb der Böschungskante wurde für den Villenbau bevorzugt. Es wurde dazu mit den gleichen Bauvorschriften wie das zuvor geplante Villenviertel auf dem Bruderholz belegt.

Doch betrachten wir nun die in der Folge oberhalb der Böschungskante entstandenen Bebauungen der heutigen Quartiere Kornfeld und Wenken, denn das Foto als überbleibsel einer vergangenen historischen Zeit kann uns helfen, die Veränderungen besser wahrzunehmen.


Böschungskante
Die Geländekante trennt in einem Bogen die Quartiere Niederholz und Kornfeld. Heute ist sie jedoch ziemlich bewaldet und an keiner Stelle mehr so deutlich sichtbar. Auf der unteren Bildhälfte entstehen die Wohnblöcke der Rainallee, darüber erkennen wir einige Häuser der Morystrasse. Aufgenommen: 1947.

Morystrasse

Diese Strasse sollte einst als Teil einer ganzen Quartierplanung der Compagnie Fonçière et Immobilière Suisse et Française in Paris als Privatstrasse angelegt werden. Nach dem Konkurs der Gesellschaft ruhte das Strassenprojekt bis zu Beginn der 20er Jahre. Zum 400-Jahr-Jubiläum im Jahr 1922 beratschlagte der Kanton, der Gemeinde eine Verbindungsstrasse zwischen den neu entstandenen Heimstättengenossenschaften Gartenfreund und Niederholz zu spendieren. Aufgenommen: ca. 1945.

Morystrasse

Die markanten Doppelwohnhäuser gehören zur Heimstättengenossenschaft Gartenfreund, im Volksmund «Negerdörfli» genannt. Die Siedlung wurde 1922 von Basler Pflanzlandpächtern erbaut und hatte den Zweck, gesunde, günstige Wohnhäuser auf eigener Scholle mit möglichst grossen Gärten zu errichten. Alle Häuser haben ihre Fensterfassade nach Süden und Westen, «um die wärmende, trocknende und desinfizierende Sonnenbestrahlung auszunützen».

Im Geviert Morystrasse, Vierjuchartenweg, Kornfeldstrasse, Tiefweg wurde eine Fläche von fast 37 500 m2 mit 54 Häusern überbaut. Aufgenommen: ca. 1927.


Grenzacherweg 221/Talweg
1795 gab dieser Verbindungsweg Riehen-Grenzach Anlass zu einem (internationalen) Streit. Als Lörracher Beamte in einer Postchaise wegen einer Schlägereisache nach Grenzach fuhren, kam ihnen dabei ein Wägelchen mit Baslern entgegen. Da das Kreuzen auf dem schmalen Weg nicht möglich und keiner gewillt war auszuweichen, kam es zu einem heftigen Streit (auf den die Lörracher Satisfaktion beim Riehener Landvogt verlangten). Aufgenommen: 1940.

Grenzacherweg

Nach links zweigt die Hackbergstrasse und nach rechts der Vierjuchartenweg ab. - Bereits 1907 ersuchte der Gemeinderat das Baudepartement, den Grenzacherweg als Hauptverbindung mit 6 Meter Fahrbahnbreite zu projektieren mit der Begründung: «Derselbe weist heute schon einen erheblichen Verkehr auf. Seine zukünftige Bedeutung wird sich noch mehr steigern, wenn einmal die Bebauung in der dortigen Richtung Platz greift.» Aufgenommen: 1933.

Grenzacherweg

Der Gemeinderat hat bereits bei der Planung des Strassennetzes 1907 beim Baudepartement gefordert, dass der Grenzacherweg als Allee anzulegen sei. Jedoch erst mit dem Ausbau der Strasse im Jahre 1932 auf die noch heute geltende Breite, wurden Lindenbäume gepflanzt. 1975 forderte der Verkehr die Anlegung von Parkbuchten.

Die Abzweigung links nennt sich Wenkenhofstrasse, obwohl sie verglichen mit dem «Weg» im Vordergrund nur gerade ein Pfad ist. Aufgenommen: 1932.

Garbenstrasse
Zuerst trug dieses Strassenstück den Namen Wenkenhofstrasse. Als Byfangweg sollte es in der Planung von 1906 als Verbindung zwischen Kilchgrundstrasse und Wenken den Verkehr zur Bettingerstrasse aufnehmen. Erst 1935 wurde es in Garbenweg und auf Protest der Anwohner in Garbenstrasse umbenannt. (Die Doppeleinfamilienhäuser 6-24 wurden in den Jahren 1923-1927 erstellt.) Aufgenommen: vor dem 1950 begonnenen Bau der Kilchgrundbrücke.
 
Lachenweg
In der Planung von 1907 sollte die vorgesehene Strasse den Namen Dornenweg erhalten. Bereits 1909 wurde sie in Lachenweg umbenannt. Die zunehmende Bebauung am Hackberg nötigte den Gemeinderat zur Erstellung weiterer Zufahrtsstrassen und er veranlasste 1935 aus diesem Grund den Ausbau des Lachenweges. Im Vordergrund erkennt man die Transformatorenstation der IWB, die 1926 errichtet wurde. Aufgenommen: 1934.

Untere Wenkenhofstrasse 30
Das Haus wurde 1920 erbaut, 1973 durch einen Neubau ersetzt. - Vom Grenzacherweg aus blicken wir Richtung Hackberg, durch die Bildmitte verläuft heute die Strasse Unterm Schellenberg. Die Wenkenhofstrasse war 1906 als direkte Verbindung von der Kilchgrundstrasse zur Bettingerstrasse (mit dem Namen Mühlestiegweg) geplant. Sie sollte in Serpentinen um eine grosse Anlage am Rain angelegt werden. 1934 hat der Regierungsrat die projektierte Strassenführung aufgehoben und nur die obere Strekke westlich der Hackbergstrasse ohne Anlage zur Ausführung beschlossen. Aufgenommen: ca. 1932.

Rudolf Wackernagel Strasse
In einem dringlichen Ratschlag empfahl der Grosse Rat 1932 zur Beschaffung von Arbeitsgelegenheit als Fortsetzung des soeben ausgeführten Kohlistieges eine direkte Verbindungsstrasse nach Bettingen. Wir erkennen auf dem Foto das abgesteckte Trasse der zukünftigen Strassenführung. Aufgenommen: 1937.

Rudolf Wackernagel Strasse
Die Rudolf Wackernagel-Strasse wurde ursprünglich als Ringstrasse geplant und sollte direkt in den Hellring und weiter über Moosring und Schlossgasse ins Dorf führen; die Fortsetzung wurde dann aber aus geländetechnischen Gründen verschoben. Nach umfangreichen Landumlegungen konnte die Strasse 1937/38 endlich gebaut werden. Für die Bepflanzung des westlichen Trottoirs wurden 102 Kirschbäume gekauft. Aufgenommen: 1937.

Hackbergstrasse
1927 schrieb ein Anwohner über den Zustand der Hackbergstrasse: «Die Bewohner waten bei feuchtem Wetter buchstäblich im Schmutz und kommen zum Tram, bespritzt wie Erdarbeiter.» Er musste noch bis Ende der 30er Jahre warten, bis seine Strasse geteert wurde. Wir erkennen in der Bildmitte das 1920 erbaute Haus Nr. 30 und im Hintergrund wieder die typischen Dachformen der Heimstättengenossenschaft Gartenfreund. Aufgenommen: ca. 1932.

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