1986

Vom Glöggliwagen zur modernen Kehrichtverwertung

Marlene Minikus

«Das brache mer nümme - wirfs in Mischtkübel!». Ganz nach dem Motto «Aus den Augen, aus dem Sinn»: was wir in den Sack gesteckt, auf die Strasse gestellt und was die «Kübelmänner» abgeführt haben, das ist für uns erledigt.

Dinge aufzubewahren, die man noch einmal brauchen könnte (vom sorgfältig glattgestrichenen Packpapier und den zusammengebundenen Schnurresten bis zum geradegeklopften Nagel), das scheint nur etwas für geizige oder sonstwie wunderliche Leute zu sein, denen der Sinn für Aufwand und Ertrag abgeht.

Wegwerfmentalität, Wegwerfgesellschaft? Ausser kurzfristigen finanziellen Erwägungen müssen auch Fragen der Rohstoffreserven, der Umweltbelastung durch Produktion, Verteilung und Beseitigung von Waren berücksichtigt werden sowie die direkt oder indirekt damit zusammenhängenden Arbeitsplätze. Die Probleme sind vielschichtig, unübersichtlich, und Patentlösungen gibt es keine.

Noch vor wenigen Generationen bot die Abfallbeseitigung kaum Schwierigkeiten. Um die Jahrhundertwende zählte Riehen knapp 2 600 Einwohner und etwa 500 Haushaltungen. Der Misthaufen vorm und der Küchenherd im Haus ermöglichten eine nahezu vollständige Entsorgung - und der Rest wurde vergraben. Mit dem Wachsen des Dorfes und dem damit verbundenen Strukturwandel verschwanden die Abfallhaufen und schliesslich auch die Holzfeuerungen in der Küche. Ab 1899 wurde einmal im Monat der Abfall eingesammelt. Mit Ross und Wagen, dem «Glöggliwagen», wurde der «Küder» in die Maienbühlgrube gebracht und dort verbrannt.

Das Verbrennen des Kehrichts hat durchaus Tradition: schon vor reichlich 2 000 Jahren hat der Verfasser von Psalm 80 eine Formulierung gebraucht, die heute übersetzt wird mit «Wie Kehricht haben sie ihn im Feuer verbrannt». Vom hygienischen Standpunkt aus ist Verbrennen natürlich etwas, das man bis vor noch nicht langer Zeit (die Kehrichtverbrennungsanstalten sprossen in der Schweiz fast wie Pilze aus dem Boden) als «e suberi Sach» empfunden hat. Nur weiss man es heute besser. Was wohl nie völlig unbedenklich war, ist mit dem Wandel der Konsum- und Lebensgewohnheiten und damit grundlegend anderen Zusammensetzung des Abfalls zusehends problematischer geworden. Ausser auf Papier und Küchenabfälle entfällt ein grosser Anteil des sogenannten Hauskehrichts auf die verschiedensten Verpackungsmaterialien, oft Kunststoffe. Relativ jung ist auch die Erkenntnis, die sich allerdings durchzusetzen beginnt: Batterien, Färb- und Lösungsmittel, Medikamente und Chemikalien gehören nicht in den Hauskehricht, sondern müssen separat abgegeben werden.

Die Gemeinde Riehen hat stets eine recht fortschrittliche Kehrichtpolitik betrieben: 1899 war die regelmässige Abfuhr noch ebensowenig eine Selbstverständlichkeit wie 1946 der Ankauf von zweispännigen Ochsner-Kehrichtwagen oder 1969 derjenige der beiden modernen Lastwagen. Diese ersten Riehener Kehrichtlastwagen trugen die Namen «Wulli» (nach dem früheren Vorsteher des Baudepartementes Max Wullschleger) und «Wolf» (nach dem damaligen Gemeindepräsidenten Wolfgang Wenk). 1977 folgte ein Kehrichtfahrzeug mit dem Namen «Hans» (zu Ehren von Gemeinderat Hans Brennwald), und 1984 ein weiterer, diesmal «namenloser» Lastwagen.

Fortschrittlich war die Gemeinde auch bei der Einführung der genormten Ochsner-Kübel, die in Riehen, im Gegensatz zu Basel, weiterhin zugelassen sind. Vor allem in den Kriegs- und Nachkriegsjahren gab es gelegentlich Auseinandersetzungen wegen beschädigten Kübeln. Dabei kam es bis zu Ehrbeleidigungsklagen.

Tüchtig zumindest war die Gemeinde Riehen auch beim Verkauf ihrer alten Kehrichtwagen nach dem Krieg. Böse Zungen könnten behaupten, das Feilschen um einen möglichst hohen Verkaufserlös hätte einem orientalischen Basar zur Ehre gereicht - während es doch vorbildlich ist, wenn Gemeindeväter die öffentlichen Gelder ebenso klug verwalten wie ihr eigenes Portemonnaie.

Ebenfalls fortschrittlich zeigte sich die Gemeinde Riehen bei der Einführung des offiziellen, genormten Kehrichtsakkes. Ein erster Versuch mit Plastiksäcken wurde 1969 gestartet. Damals wurde auch ein Reklameaufdruck in Erwägung gezogen, um die Säcke eventuell billiger abgeben zu können. Heute bezahlt man bei einem Grossverteiler drei Franken für 40 Stück ( = 7,5 Rappen pro Stück, Stand August 1986).

So billig waren die Plastiksäcke allerdings nicht immer. Mancher erinnert sich vielleicht noch an die Zeit der Hamsterkäufe während der Erdölkrise von 1974, als an bestimmten Tagen keine Säcke mehr zu haben waren und pro Einkauf nur noch eine Rolle abgegeben wurde.

Vorbildlich regelte Riehen seit je die Sperrgutabfuhr. Sie findet zweimal pro Monat statt und ist wie die Kehrichtabfuhr kostenlos. Fortschrittlich war die Gemeinde Riehen auch in bezug auf das Altglas, für das schon frühzeitig Container aufgestellt wurden. Altpapier wird zwar erst seit 1974 offiziell gesammelt, doch hatten schon früher Vereine Papier gesammelt und Pfadfinder und Schulklassen mit Altpapier ihre Lager finanziert. In beiden Sparten ist ein Preiszerfall eingetreten, so dass die Erlöse den Transport nicht mehr decken. Zu den Gesamtkosten der Kehrichtund Sperrgutabfuhr von derzeit Fr. 610 000.— im Jahr (inklusive Sozialleistungen, Löhne und Abschreibungen), und von Fr. 60 000.— für Sonderabfuhren, werden in Zukunft nicht nur höhere Verbrennungsgebühren hinzukommen, sondern auch zusätzliche Kosten für die Altpapierverwertung. Trotzdem gewinnt das Recycling aus ökologischen Gründen zunehmend an Aktualität. Fortschrittlich wenn auch nicht bei den allerersten - ist Riehen natürlich auch auf dem Gebiet der Kompostierung - doch davon später.

Das Altglas aus den derzeit bestehenden sechs Sammelstellen wird in ein Zwischenlager geführt und in Bahnwagenladungen von je 25 Tonnen (nach Farben getrennt) in einen Aufbereitungsbetrieb transportiert. Dort werden von Hand Fremdkörper und nicht farbgerechtes Glas aussortiert. Daraufhin wird das Glas maschinell auf die gewünschte Scherbengrösse gebrochen und eisenhaltige Stoffe elektromagnetisch ausgeschieden. Die ofenfertigen Glasscherben werden dann mit speziellen Bahnwagen in eines der schweizerischen Glaswerke gebracht, wo sie zu neuem Glas eingeschmolzen werden.

Das Altpapier wird in Riehen jeweils am ersten Mittwoch eines jeden Monats von einer Altpapierverwertungsfirma eingesammelt, von Hand sortiert und Schnüre und Plastikteile herausgelesen. Das Papier wird dann zu Ballen gepresst und in einer schweizerischen Papierfabrik zu Graukarton verarbeitet.

Das Altmetall aus der Sperrgutabfuhr und aus den Sammelmulden im Werkhof und dem Bezirksmagazin wird periodisch einer Schredderanlage zugeführt, wo es zerkleinert wird. Nichtmetallische Stoffe werden abgesaugt, Eisenmetallteile von Magnetabscheidern ausgeschieden, die Nichteisenmetalle von Hand aussortiert. Eisenmetallteile werden an Giessereien geliefert, wo sie eingeschmolzen und zu Armierungseisen gezogen werden.

Gesammeltes Aluminium gelangt über den Altmetallhandel an eine darauf spezialisierte Firma, die es aufbereitet, einschmilzt und in Barren giesst. Mit dem jährlich in Riehen gesammelten Aluminium von gut einer Tonne kann immerhin ein äquivalent von 2,3 Tonnen Rohöl eingespart werden.

Textilien werden von verschiedenen schweizerischen Hilfswerken gesammelt, in Riehen vor allem durch die Texaid, in der drei weltliche und drei kirchliche Hilfswerke zusammengeschlossen sind. Brauchbare Kleider werden aussortiert und für In- und Auslandhilfe verwendet, unbrauchbares Material wird zu Lumpen, Putzlappen und ähnlichem verarbeitet. Aus Wollsachen, die nicht mehr getragen werden können, entstehen Wolldecken.

Sowohl altes Mineralöl wie pflanzliches Altöl kann sinnvoll wiederverwertet werden. Die im Werkhof beziehungsweise Bezirksmagazin gesammelten Mineralöle werden regeneriert, reraffiniert oder in Sonderverbrennungsanlagen zu Heizzwecken genutzt, die pflanzlichen öle können nach entsprechender Behandlung Futtermitteln beigemischt oder für Seifen und Waschmittel verwendet werden.

Gebrauchte Batterien werden von den Verkaufsstellen zurückgenommen, denn alle Batterien enthalten Schwermetalle wie Cadmium, Quecksilber und Zink, die nicht mit dem Hauskehricht verbrannt werden dürfen. Aus den Quecksilberbatterien wird das Quecksilber zurückgewon nen, die übrigen Batterien werden heute in der Regel noch nicht wiederverwertet, sondern in einer Sonderabfalldeponie gelagert.

Die Riehener Sonderabfälle (darunter fallen Gifte, Chemikalien, Entwicklerlösungen, Farben, Holzschutzmittel, Schädlingsbekämpfungsmittel, Medikamente, Leimreste etc., die in den Werkhof oder das Bezirksmagazin gebracht werden sollten) werden periodisch von Spezialisten des Gewässerschutzlabors Basel-Stadt sortiert und je nach ihrer Art entweder der Wiederverwertung, Entgiftung, Sonderabfallverbrennung oder Sonderabfalldeponie zugewiesen.

Ein Viertel des gesamten Kehrichtaufkommens besteht in kompostierbaren Küchen- und Gartenabfällen. «Diese wertvollen Stoffe sollen vor der Vernichtung in der Kehrich tverbrennungsanlage bewahrt werden. Durch die Nutzung solcher Abfälle für die Humusbildung und Nährstoffversorgung kann die Fruchtbarkeit unserer Böden erhöht werden. Kompost macht Kunstdünger und Torf für den Hausgarten weitgehend überflüssig» - so steht es im Merkblatt, das die - auch hier vorbildliche - Gemeinde Riehen alljährlich an alle Haushaltungen verteilt. Ihr Abfallentsorgungskonzept umfasst deshalb die getrennte Sammlung der überschüssigen organischen Gartenabfälle in den Mulden der heute sieben Sammelstellen, im Frühling und Herbst mit separaten «grünen Abfuhren» und anschliessender Kompostierung in der Pilotanlage im Maienbühl. (Eine moderne Kompostierungsanlage für die Gemeinde Riehen ist geplant.) Die Kompostierung im Hausgarten oder Quartier wird gefördert durch Orientierungsabende und durch vom Gemeindegärtnermeister erteilte Kurse. Häcksler (Gartenabfallzerkleinerungsmaschinen) können ausgeliehen werden, in der Gemeindegärtnerei wurde ein «Kompostierungs-Lehrpfad» eingerichtet, und in der Riehener-Zeitung informiert die «Kompostecke» über Neuigkeiten.

Für die meisten Gartenbesitzer ist Kompost ein Zauberwort - und tatsächlich zaubert Kompostierung fruchtbare Erde aus Abfällen, die bei Transport und Verbrennung die Umwelt belasten, und ersetzt den immer rarer werdenden Torf. Dies beweist, dass auch die Rückkehr zu einem Verfahren unserer Vorväter einen grossen Fortschritt bedeuten kann. Im übrigen gibt es bereits Säcke für Küchenabfälle, die mitsamt dem Inhalt kompostiert werden können. Es ist also gut möglich, dass Riehen auch hier wieder mit zu den fortschrittlichsten Gemeinden unseres Landes gehören und Küchenabfälle bald einmal der Kompostierung zuführen wird. Ein Jahrbuchschreiber gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wird dann vielleicht als mitleidig belächelte Kuriosität anführen, im Jahre 1986 habe man organische Küchenabfälle noch verbrannt!

Wie dem Kompost selber, so wird man auch allen geplanten Veränderungen und Verbesserungen die zum Reifwerden nötige Zeit zugestehen müssen. Frühere Generationen haben im übrigen oft als der Weisheit letzten Schluss betrachtet, was uns heute zum Kopfschütteln veranlasst wer kann deshalb wissen, ob unsere Sicht der Dinge immer schon die endgültig richtige ist?

Richtig ist sicher, dass Abfall kein Zufall ist. Darum sollte schon beim Einkaufen an die Probleme der Abfallbeseitigung gedacht und auf den Kauf von Einzelportionen oder Getränken in Aluminiumdosen, um nur diese Beispiele zu nennen, verzichtet werden. Dass man nicht für jeden Einkauf eine neue Plastiktragtasche verlangt, defekte Haushaltgeräte falls möglich reparieren lässt und noch brauchbare Möbel einer Brockenstube überlässt, ist eigentlich selbstverständlich; die wenigsten werden so drastische Mittel anwenden wie das Refüsieren von unerwünschtem Werbematerial - aber wer es verrückt findet, die Rückseite von nur einseitig beschriebenem Altpapier für weitere Notizen zu verwenden, sollte sich einmal über dieses Thema Gedanken machen.

Trotz aller Anstrengungen, die Menge der Abfälle zu reduzieren, ist doch eine gut funktionierende Kehrichtabfuhr mit freundlichen Angestellten durch nichts zu ersetzen. Und - wen wundert es? - auch hier wieder ist Riehen vorbildlich: die Gemeinde beschäftigt nämlich keine schlecht entlöhnten Ausländer, die dann nach einigen Jahren einfach «ausgewechselt» werden, wie dies andernorts vielfach üblich ist. Immerhin ist durch das dauernde Bücken und Heben wechselnder Lasten die Gefahr von Rückenschäden bei den Kehrichtmännern relativ gross. Trotzdem ist es einer Riehener Kehrichtequipe schon passiert, dass man sie fragte: «Ka ebber vo Eych Dytsch?».

Die Arbeitszeit bei der Kehrichtabfuhr beginnt um sieben Uhr und endet normalerweise um zirka 15 Uhr 30, unterbrochen von den üblichen Essenspausen. Von jeder Equipe (Lastwagen mit Vorarbeiter, Chauffeur und Lader) werden vier Leerungen pro Tour bewältigt oder bis zu 20 Tonnen pro Tag (je Lader also bis 10 Tonnen!), wobei etwa 100 Kilometer zurückgelegt werden. Für Spitzentage (zum Beispiel nach Feiertagen) steht ein Reservefahrzeug zur Verfügung. Der normale Hauskehricht wird zweimal in der Woche mit je zwei Fahrzeugen abgeholt: entweder am Montag und Donnerstag oder am Dienstag und Freitag. Dabei ist der Kehrichtanfall auf der Montags- und Dienstagstour mit durchschnittlich 37 Tonnen deutlich höher als jener der zweiten Wochentour am Donnerstag und Freitag mit 31 Tonnen; überdies ist er saisonal unterschiedlich. Immer am zweiten und vierten Mittwoch im Monat wird (gegen Voranmeldung im Werkhof) das Sperrgut abgeholt, brennbares und unbrennbares Material getrennt. Am ersten und dritten Mittwoch werden die Lader im Aussendienst der Gemeinde eingesetzt, während die Chauffeure die Servicearbeiten an ihren Fahrzeugen ausführen, die im übrigen möglichst nach jedem Einsatztag ausgespritzt werden.

Damit Max und Moritz keine Nachahmer finden, sei auf die Schilderung dessen verzichtet, was passieren kann, wenn ungeeignete Abfälle in den Plastiksäcken versteckt sind... Eine heisse Sache war, obschon nicht scharf, die vor einigen Jahren in einem Kehrichtsack gefundene Panzerabwehrrakete, und heiss auch ist immer wieder die der Kehrichtabfuhr mitgegebene Asche. Nur der Aufmerksamkeit der Kehrichtequipen ist es zu verdanken, dass beginnende Brände bisher stets rechtzeitig gelöscht werden konnten. Für den Notfall ist jeder Kehrichtlastwagen mit einem Schlauch ausgerüstet, der an jedem Hydranten angeschlossen werden kann.

Nicht nur die heisse Asche - sie hat ihre frühere Bedeutung ohnehin verloren - auch der Verkehr erfordert Aufmerksamkeit (oft muss die Strasse beim Laden überquert werden) und ebenso der Kehricht selber. Obwohl nicht zulässig, wird er vielfach in Schachteln, Waschmitteltrommeln oder irgendwelchen Säcken bereitgestellt. Wenn sie nicht richtig zugebunden sind oder einreissen, muss manchmal der Inhalt von Hand auf der Strasse aufgelesen werden. Trotzdem nehmen die Männer von der Abfuhr auch diese Gebinde nach Möglichkeit mit, solange sie nicht überhandnehmen.

«Gesunder Menschenverstand ist wichtiger als stures Einhalten von Reglementen, gerade bei einer Dienstleistung wie der Kehrichtabfuhr», meint einer, «wir sind ja für die Leute da, nicht umgekehrt.» Man glaubt ihnen, dass sie ihre Arbeit gern tun, und die Chauffeure behandeln die ihnen anvertrauten Kolosse ebenso sorgfältig wie ihr Privatauto. Jeder «Chräbel», der durch herunterhängende oder vorstehende äste in den engen Strässchen («Zentimeterarbeit!») verursacht wird, tut ihnen deshalb weh. Dazu kommt das Unbehagen, wenn die ohnehin beschränkte Sicht unmittelbar vor, neben und hinter den Wagen weiter eingeschränkt wird. Trotz zusätzlicher Fenster in der Türe und mehrerer Spiegel bleiben grosse tote Winkel, die vom Chauffeur nicht eingesehen werden können.

(Kinder sollten deshalb nie in unmittelbarer Nähe von Lastwagen spielen ! ) Offiziell spricht man hierzulande von Kehricht, vom Kehrichtsack, der Kehrichtabfuhr, der Kehrichtbewirtschaftung. Die umgangssprachlichen Ausdrücke Mist und Mistkübelsack sind zumindest nicht ganz korrekt. Mist wird normalerweise im Stall produziert und hat mit dem Hauskehricht nur insofern etwas zu tun, als gelegentlich auch der Inhalt des Katzenkistchens in denselben kommt. Trotzdem fragen wir «isch dr Mischtkübel scho dure?», wenn wir wissen wollen, ob wir unseren Kehrichtsack noch auf die Allmend stellen können oder auf die nächste Abfuhr warten müssen. Eine Unsitte ist es nämlich, wenn - kaum sind die am Strassenrand aufgetürmten Säkke verschwunden - schon wieder einzelne Gebinde dastehen, womöglich noch übers Wochenende. Dies ist nicht nur unästhetisch, sondern auch verboten, obwohl sich die Polizei kaum je «mit solchem Mist» befasst.

Zwar gibt es die deutsche Redensart «das geht dich einen feuchten Kehricht an» als Umschreibung für «gar nichts» wir sagen klar und unumwunden «das geht dich einen Dreck an!» - beides ist aber falsch, denn Kehricht geht keinen nichts, sondern jeden recht viel an: genausoviel zumindest, wie er auf die Strasse stellt, und das sind im Durchschnitt immerhin gegen 400 Kilogramm pro Kopf und Jahr oder etwa 100 Plastiksäcke zu 35 Liter. Diese Säcke sind mit dem Symbol für «unschädlich vernichtbar» versehen, was vielfach nur für den Sack, nicht für seinen Inhalt gilt. Dieser Inhalt, den wir gemeinhin «Mist» nennen, ist aber ebenfalls auf den Säcken vermerkt: Die deutsche Bezeichnung Kehrichtsack drückt aus, wie der Inhalt entstanden ist, nämlich durch wischen, durch kehren. Mit Sac à ordures dagegen sagt die französische Sprache, was dieser Kehricht ist: etwas Schmutziges, Unsauberes, Dreck. Die Ablehnung und Abwehr schliesslich, die zum Wegwerfen geführt hat, spricht aus dem italienischen sacco di rifiuti.

Diese Verweigerung darf sich zwar auf den Abfall als solchen, nicht aber auf die Fragen im Zusammenhang mit seiner Entstehung und Beseitigung beziehen. Die bestehenden und noch auf uns zukommenden Abfall-Probleme jedenfalls können ebensowenig wie unser Kehricht damit aus der Welt geschafft werden, dass wir sie in einen Sack füllen und abführen lassen.

Einige Marksteine auf dem Weg zur modernen Abfallentsorgung
1899 Beginn der monatlichen Kehrichtabfuhr mit dem «Glöggliwagen».
1926 Die wöchentliche Kehrichtabfuhr wird vom Samstag auf den Freitag verlegt.
1933 Riehener Vertreter im Grossen Rat bezeichnet Motorisierung der Kehrichtabfuhr als unwirtschaftlich - überdies nehme sie einer Reihe von Bauern und Karrern den Verdienst weg.
1946 Ankauf von drei Ochsner Kehrichtwagen für Pferde oder Traktorzug.
1948 Bestellung eines vierten Wagens.
1953 Submission Kehrichtabfuhr. Baudepartement Basel offeriert, die Kehrichtabfuhr für Fr. 34 000.— zu übernehmen.
1954 Die Gemeinde verkauft ihre Kehrichtwagen nach Abschluss des Vertrags auf zehn Jahre mit dem Baudepartement.
1960 Einführung des Ochsnersystems. - Einführung einer zweiten Kehrichttour am Dienstag/ Freitag zur bestehenden Montag/Donnerstag-Tour.
1961 Ab 1. Januar sind Ochsnerkübel obligatorisch.
1962 Leichte Kunststoff-Ochsnerkübel kommen auf den Markt.
1967 Gemeinderat Ernst Feigenwinter erstellt einen Bericht über die Riehener Kehrichtsituation.
1969 Im März Grossversuch mit Plastikkehrichtsäcken. - Inbetriebnahme der neuen Basler Kehrichtverbrennungsanlage. - Riehen schafft zwei moderne Kehrichtlastwagen an (Saurer mit Ochsner-Aufbau): «Wulli» und «Wolf» (Nutzlast je 4 Vi Tonnen). - übernahme der Kehrichtabfuhr durch die Gemeinde.
1970 Einführung der regelmässigen Sperrgutabfuhr.
1971 Neues Kehrichtreglement.
1974 Vertrag mit der Firma Lottner betreffend das Einsammeln von Glas und Altpapier.
1976 Vereinbarung mit der Gemeinde Bettingen (Containerleerung durch Riehen, dagegen Entsorgung einiger Riehener Strassen durch Bettingen).
1977 Anschaffung eines dritten modernen Kehrichtlastwagens (Saurer mit Ochsner-Aufbau): «Hans» (Nutzlast 3% Tonnen). Revision des ersten Lastwagens von 1969.
1978 Revision des zweiten Lastwagens von 1969. - Keine Altpapier- und Altglasabfuhr mehr, weil Altmaterialpreise nicht mehr kostendeckend sind. - Vertrag mit Muldenzentrale für Altglassammlung: Glascontainer, Glas wird nach Farben gesammelt.
1980 Vertrag mit Firma Saxer für regelmässige Altpapierabfuhr.
1982 Einsatz eines dritten Fahrzeuges. - Umstellung der Kehrichtequipen von vier auf drei Personen: Vorarbeiter, Chauffeur, Lader.
1983 Bericht des Strassenmeisters zur Kehrichtabfuhr: bei Einsatz von Fahrzeugen mit erhöhter Nutzlast und Einführung weiterer Massnahmen genügen auch in Zukunft zwei Fahrzeuge. Beschluss, einen der 1969 gekauften Lastwagen durch ein neues Fahrzeug zu ersetzen. Einbau einer zusätzlichen Laufachse beim dritten Lastwagen: Nutzlast wird von 3,5 auf 5,6 Tonnen erhöht. - Entlastung der Hauskehrichtabfuhr durch Einrichtung von Gartenabfallsammelmulden. - Alusammlung im Werkhof und Bezirksmagazin Bluttrainweg (früher schon im Dritte-Welt-Laden und Andreashaus).
1984 Vierter Kehrichtlastwagen (Mercedes mit Ochsner-Aufbau, 7 Tonnen Nutzlast). - Dritter Lastwagen (von 1977) umgebaut auf 6 Tonnen Nutzlast. - Verteilung eines Abfall-Merkblattes an alle Haushaltungen. - Abfallbewirtschaftungskonzept durch ökozentrum Langenbruck (Hauptpunkt: Kompostierung organischer Abfälle).
1985 Erste «grüne Abfuhren»: Sammlung von Gartenabfällen durch Kehrichtequipen. Provisorische Kompostierungsanlage (Pilotprojekt) im Maienbühl.

Quellen: Merkblatt der Gemeinde Riehen «Abfallentsorgung in Riehen», 1985 und 1986 Michael Raith: Gemeindekunde S. 206 Ernst Feigenwinter: Jahrbuch «z'Rieche» 1968, (Das Kehrichtproblem) S. 55 ff.

Ich danke Fräulein Christel Sitzler vom Gemeindearchiv Riehen sowie den Herren Fredi Käppeli, Strassenmeister, und Hans Ruckstuhl, Arthur Asal und Fritz Bohler von der Kehrichtgruppe 2, für ihre freundliche Unterstützung.


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