1986

Erasmus und Riehen

Michael Raith

Erasmus von Rotterdam starb in der Nacht vom 11. auf den 12. Juli 1536 - also vor 450 Jahren - in Basel. Die Erinnerung an den grossen Humanisten ist darum in den vergangenen Monaten besonders gepflegt worden. Dazu diente wohl vor allem eine Ausstellung im Historischen Museum Basel: sie zeigte den Gelehrten als Vorkämpfer für Frieden und Toleranz. Dass der weitgereiste und vielbelesene Mann sogar von der Existenz Riehens wusste, beweist uns einer seiner vielen Briefe. Das Original hat sich allerdings nicht erhalten, die Korrespondenz des Erasmus wurde jedoch aufgezeichnet und verschiedentlich publiziert.

Was nun verband Erasmus mit Riehen? Offensichtlich kannte er den Theologen, Humanisten und nachmaligen Reformator Ambrosius Kettenacker. Für ihn ergriff Erasmus im schon verschiedentlich geschilderten Konflikt zwischen dem Riehener Leutpriester und dem ihm vorgesetzten Zisterzienserkloster Wettingen Partei. Bekanntlich forderte Kettenacker - mit dem Humanistennamen Siragrius - von der Abtei eine höhere finanzielle Entschädigung, das auch deswegen, weil er am Pfarrhaus habe bauen lassen müssen. Sie wurde ihm aber wegen seines lutherischen Verhaltens verweigert. Als Beweis für dieses Verhalten beriefen sich die Vertreter des Klosters auf Kettenackers konkubinarische Lebensweise und darauf, dass er gepredigt habe, unter den Vorfahrinnen Jesu seien liederliche Frauen gewesen.

Am 8. September 1522 legte Kettenacker im Gottesdienst den Stammbaum Jesu im ersten Kapitel des Evangeliums nach Matthäus aus. Am Beispiel einiger über problematische Attribute verfügender Ahnfrauen wird dort die Menschlichkeit des Erlösers betont. Schon Huldrych Zwingli hatte am 1. Januar 1519 seine Predigttätigkeit in Zürich mit dem nämlichen Text begonnen. Die geschilderte und vom Abt gerügte Interpretation war aber keineswegs originell, sondern ging auf den 397/8 geschriebenen Commentarius in Matthaeum des Kirchenvaters Hieronymus (? 347-419) zurück. Zwingli und Kettenacker verdankten die Kenntnis des Hieronymus vermutlich der von Erasmus in den Jahren 1516 bis 1520 in Basel besorgten Gesamtausgabe der Werke dieses altkirchlichen Autors.

Und damit schliesst sich der Kreis: Erasmus, Kettenacker und Zwingli kannten sich und standen miteinander in vielfacher Beziehung.

Auffälligerweise wandte sich Erasmus nicht an den zuständigen Abt von Wettingen. Dieses Amt versah von 1521 bis zu seinem Tod im Jahr 1528 der seit 1486 erwähnte Thurgauer Andreas Wengi. Das Kloster wurde 1227 gegründet. Nach der Legende war dem Stifter auf einer Wallfahrt ins Heilige Land in Seenot ein Meerstern als Zeichen der Hoffnung erschienen. Ein Meerstern ist zunächst ein Stern über dem Meer, in seiner lateinischen Form stella maris (oder maris stella) eine übersetzung des hebräischen Mirjam (entspricht dem neutestamentlichen Maria) und damit ein Ausdruck der Mariensymbolik, dann aber auch der poetische Name des Klosters Wettingen, in dessen Wappen - in Riehen an der Landvogtei, Kirchstrasse 13, um 1430 angebracht und noch heute dort zu sehen - er Eingang gefunden hat.

Wettingens Mutterkloster stand in Salem bei überlingen am Bodensee und ging auf das Jahr 1134 zurück, Salems lediglich rund zehn Jahre älteres Mutterkloster befand sich in Lucelle (Lützel), heute ein Grenzweiler zwischen dem Département Haut-Rhin und der jurassischen Gemeinde Pleigne. Dort regierte von 1495 bis 1532 der aus Thann stammende Abt Theobald Hillweg (1450-1535). Die Stadt am Rheinknie kannte er aus seiner früheren Tätigkeit im Basler Lützelhof gut, ob er allerdings als überzeugter Gegner der Reformation das Anliegen des Erasmus positiv aufgenommen hat, ist zu bezweifeln. Seine Antwort kennen wir jedoch nicht. Nun aber sei der lateinisch geschriebene Brief des Erasmus in einer deutschen übersetzung wiedergegeben:

Erasmus von Rotterdam grüsst irgendeinen Abt [wahrscheinlich = Theobald Hillweg].

«Wenn mir nicht schon von deiner einzigartigen Bildung lobend berichtet worden wäre, ehrwürdiger Vater, hätte ich gefürchtet, dass du mich für einen schamlosen Schreier halten würdest, der Unbekanntes an Unbekannte und zuviel an einen Einflussreichen schreibt, obwohl mich die Sache eigentlich wenig betrifft; aber die Frömmigkeit wird leicht die durch die christliche Gnade gelehrte Erlaubnis zu dieser Kühnheit geben.

Ambrosius Siragrius, Pfarrer der Riehener Kirche, ist mit Hunger bedroht, wenn die Dinge so weitergehen: bis jetzt kenne ich die von irgendwelchen Leuten ausgestreuten Denunziationen - der ehrwürdige Vater Andreas [Wengi] von Meerstern ist darüber sehr aufgebracht nicht. Ambrosius hat mir persönlich berichtet, dass im Gottesdienst gesagt worden sei, die Vorfahrenreihe Christi enthalte Sünderinnen. So schrieb Hieronymus zur Ehre Christi und unserer Beruhigung. Und er [ = Kettenacker] hat das Volk als Zeugen, dass er keine Sünde sagte, es sei denn, Hieronymus schrieb eine Sünde.

Mir erscheint Ambrosius als Mann mit wenig Schlechtigkeit. Nicht ohne Aufwand hat er dieses Priesteramt erreicht und mit viel Kosten hier [dh. in Riehen] gebaut. Man könnte ihn nicht beseitigen, ohne dass es ein grosser Verlust wäre. Er ist sehr beliebt beim Volk. Und wenn man etwas ändert, ändert man es, wenn es sich um menschliche Dinge handelt, meistens zu etwas Schlechterem. Ein altes andalusisches Sprichwort sagt: du hast Schlechtes gegeben und Schlechtes empfangen. Nun kann man fast sagen: du hast Schlechtes gegeben und noch Schlechteres empfangen.

Falls die Haltung von Ambrosius bis jetzt anders sein sollte, als es sich geziemt, wird eure Ermahnung sie leicht wieder gutmachen. Gemäss deiner Frömmigkeit wirst du den Zwist zwischen Ambrosius und dem verehrungswürdigsten Vater von Meerstern schlichten wollen: dank deines Einflusses wirst du das sehr leicht können. Ich bezweifle nicht, dass Ambrosius das Seine zur Behebung der Zwietracht tun wird. Ich verbürge mich dafür.

Wenn in dieser Sache deine Menschlichkeit uns berücksichtigt und Ambrosius hilft, so bin ich dir sehr dankbar. Wenn die Richter aber ungerecht sein sollten, so bitte ich dich, dennoch Erasmus unter diejenigen zu zählen, welche deiner Frömmigkeit nach allen Arten gefällig zu sein begehren: dass uns der Herr Jesus Christus lange unversehrt bewahre!

Basel, IS. Mai. Im Jahre IS24.»

Literatur:
P(ercy) S(tafford) Allen (Hg.): Opus epistolarum Des. Erasmi Roterodami, Oxford 1901-1958, Band V, Nr. 1447 p. 455f. Gerard J. M. Bartelink: Hieronymus, in: Martin Greschat (Hg.): Gestalten der Kirchengeschichte, Stuttgart 1981-1986, Band 2, S. 155 Albert Bruckner (Hg.): Helvetia sacra, Bern 1972ff., Band III/3 Teil 1, S. 303 und 461 Erasmus von Rotterdam Vorkämpfer für Frieden und Toleranz (Ausstellungskatalog), Basel 1986 Ulrich Gabler: Huldrych Zwingli - Eine Einführung in sein Leben und Werk, München 1983, S. 45 Rudolf Pfister: Kirchengeschichte der Schweiz, Zürich 1964-1985, Band 1,S. 134 und 138 Michael Raith: Das kirchliche Leben seit der Reformation, in: Riehen Geschichte eines Dorfes, Riehen 1972, S. 167-170 (mit Anmerkungen) Michael Raith: Gemeindekunde Riehen, Riehen 1980, S. 38 und 138

Für ihre Mitwirkung bei der Übersetzung danke ich Astrid Köning.

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