1986

Die Renovation des Riehener Gemeindespitals

Martin Christ

Im ]ahre 1852 hat mit der Gründung der Riehener Diakonissenanstalt durch Christian Friedrich Spittler das Spitalwesen in Riehen seinen Anfang genommen. In zwölf Betten wurden damals im sogenannten Stammhaus Patienten gepflegt, die nicht mehr zu Hause betreut werden konnten. Das Bedürfnis nach interner Pflege stieg rasch, so dass 1871 das nach den Plänen des bekannten Basler Architekten Paul Reber errichtete erste eigentliche Krankenhaus, das jetzige Mutterhaus, in Betrieb genommen wurde. 1907 konnte das heute noch als Spital benützte Gebäude am Spitalweg bezogen werden, 1939 erweitert durch den Flügel an der Schützengasse, fortan Neubau genannt. Beide Bauten stammen vom Architekturbüro Vischer (ehemals Vischer und Fueter). 1983-85 schliesslich kamen Umbau, Renovation und Anbau durch das gleiche Architekturbüro zustande.

Vorgeschichte
Riehen besitzt dank der Diakonissenanstalt das jetzt gemeindeeigene Spital. Dieses hat während Jahrzehnten zusammen mit den in der ganzen Schweiz und darüber hinaus tätigen Diakonissen den Ruf Riehens weit verbreitet. Das Spital der Diakonissenanstalt war in der Region ein fester Begriff. Für die Diakonissenanstalt wurde es aber vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl personell als auch finanziell zu einer drückenden Last. Der Rückgang neueintretender Diakonissen sowie die rapide Entwicklung der Medizin und die speziellen Probleme im Basler Spitalwesen haben gleichermassen dazu beigetragen. Für eine private Trägerschaft wurde es zusehends schwieriger, ein Allgemeinspital zu führen. 1961 musste daher die Diakonissenanstalt ihren Entschluss eröffnen, den Spitalbetrieb in den nächsten Jahren aufzugeben. Für manche, vor ab für die Einwohner Riehens, war das ein Schock. Die Gemeinde war nicht bereit, ein Verschwinden des Spitals einfach hinzunehmen. Sie beschloss deshalb nicht nur einen jährlichen Defizitbeitrag an das Spital, sondern befasste sich auch sofort mit Neubauplänen, in der Meinung, das bestehende Haus bleibe für andere Verwendung im Besitz der Diakonissenanstalt und eigne sich sowieso nicht mehr für einen modernen Spitalbetrieb.

Nach langem Hin und Her zwischen Gemeinde- und Kantonsbehörden, bei welchen zunächst die Ansicht vorherrschte, ein Riehener Spital sei überflüssig, kam es schliesslich zu einer Einigung. 1968 wurde von Gemeinde und Kanton zusammen von der Diakonissenanstalt der Sarasinpark als Baugelände für ein neues Krankenhaus erworben. Die schon weit gediehenen Neubaupläne scheiterten aber bald an der neuen Spitalsituation im Kanton, und es blieb der Gemeinde gar nichts anderes übrig, als von der sich aus dem Betrieb zurückziehenden Diakonissenanstalt das alte Gebäude zu übernehmen, erwies sich doch die Aufrechterhaltung eines Spitalbetriebs in Riehen als zwingend. 1973 wurde zwischen Gemeinde und Diakonissenanstalt ein auf sieben Jahre befristeter Mietvertrag abgeschlossen und das Basler Kantonsspital mit der Führung des Spitals betraut.

Den Gemeindebehörden war von Anfang an klar, dass für eine geregelte Betriebsführung im bestehenden Gebäude Sanierungsarbeiten in grossem Umfang notwendig würden. Es kam dazu, dass 1976, als die Gemeinde die zweite Hälfte des Sarasinparks vom Kanton übernahm, dieser die Auflage machte, Riehen dürfe keinen Neubau errichten, solange die Spitalverhältnisse in Basel sich nicht grundlegend ändern würden. Es musste also im bestehenden Gebäude etwas geschehen, wollte man in Riehen weiterhin ein Spital betreiben.

Der Gemeinderat liess zunächst eine Analyse des Bauzustandes vornehmen, wobei aufgrund von vorangegangenen betrieblichen Abklärungen nur an eine substanzerhaltende Sanierung und nicht an betriebliche Neuinvestitionen gedacht wurde. Immerhin ergab sich für die rein werterhaltende Sanierung eine Kostensumme, die der Diakonissenanstalt als Besitzerin niemals zuzumuten war. Daher beschloss die Gemeinde 1979, das Haus im Baurecht zu erwerben. Sofort wurde die Projektierung der Renova tion in Angriff genommen, wobei sich bald zeigte, dass eine rein bauliche Sanierung nicht ausreichte, dass vielmehr für die Aufrechterhaltung eines geregelten Spitalbetriebs auch beträchtliche Neuinvestitionen unabdingbar wurden. Zusammen mit der Spitalleitung wurde ein Vorprojekt ausgearbeitet, aufgrund dessen der Weitere Gemeinderat im August 1980 einen Projektkredit von 500 000 Franken und nach Vorliegen des definitiven Projekts im April 1982 einen Objektkredit von 20,1 Millionen Franken bewilligte.

Renovation
Für Projektierung und Ausführung konnte wiederum das Architekturbüro Vischer gewonnen werden. Dieses war ja mit dem Haus von jeher vertraut, was sich im Verlauf des ganzen Bauvorgangs immer wieder sehr bewährt hat. Um es vorwegzunehmen: der grosse Aufwand für das anspruchsvolle Vorhaben hat sich restlos gelohnt. Aus einem veralteten und zum Untergang verurteilten Haus ist ein in jeder Hinsicht geglückter Bau entstanden, der trotz einzelner verbliebener Unzulänglichkeiten voll befriedigt und von Patienten und vom Personal ganz akzeptiert worden ist. Dass «Tageshüti» und Nachtwache für rasche Erreichung von hilfebedürftigen Patienten ein Trottinett benützen, ist wohl eine nicht nur für Riehen typische Einrichtung.

Für die Sanierung mussten verschiedene neue Erkenntnisse eines gemischten Spitalbetriebs in Betracht gezogen werden. Von Anfang an stand fest, dass auf eine chirurgische Abteilung nicht verzichtet werden durfte. Dies nicht nur aus traditionellen Gründen, sondern es war neben der chirurgischen Grundversorgung der Riehener Bevölkerung auch diejenige der medizinischen Alterspatienten und der Betrieb des Ambulatoriums zu garantieren. Andererseits musste aber auch der veränderten Altersstruktur der Patienten, vor allem der medizinisch-geriatrischen Abteilung, Rechnung getragen werden. Ferner war für die Umbauzeit ein reduzierter Betrieb sowohl der chirurgischen wie auch der medizinisch-geriatrischen Abteilung und des Ambulatoriums zwingend vorzusehen, wobei die unumgängliche Immissionsbelastung so klein wie möglich zu halten war. Trotz dieser Vorbedingungen musste die Bauphase so kurz wie möglich gehalten werden. Aus dem Vorhergesagten ergaben sich folgende Zielsetzungen: Das Spital muss der Grundversorgung in Chirurgie und Medizin sowohl für akut- als auch chronischkranke Patienten genügen.

Die Bettenzahl soll maximal 110 betragen.

Ein leistungsfähiges Ambulatorium ist vorzusehen.

Die Renovation soll den Betrieb für die nächsten 30-40 Jahre sicherstellen.

Bauliche und technische Infrastruktur sind zu sanieren oder zu ersetzen.

Raumkonzeption und Ausrüstung sollen die gewandelten Anforderungen von Patienten und Personal berücksichtigen.

Die Renovation soll die baulichen und gestalterischen Qualitäten, vor allem des «Altbaus», erhalten.

Es würde zu weit führen, das ganze Raumprogramm mit den zugrundeliegenden Flächenplänen zu erläutern. Im Vordergrund stand die Erleichterung der Arbeit des Pflegepersonals im Interesse der Patienten. Eine Auskernung stand nicht zur Diskussion, vielmehr musste die vorhandene Bausubstanz optimal genutzt werden. Verschiedene Projektierungsschritte zeigten allerdings, dass unter dem Gebot der Aufrechterhaltung des chirurgischen Betriebes während der Renovation ein Neubau des Operationstraktes sinnvoller war als die Errichtung eines Provisoriums. Für die Renovation der Bettenabteilung mit ihren Nebenräumen und der Angliederung von Nassräumen an die Patientenzimmer war der «Altbau» mit seinen grosszügigen Dimensionen geradezu ideal, während der «Neubau» von 1939 dies nicht im gleichen Sinn zuliess. Immerhin konnte auch hier eine befriedigende Lösung sowohl für die Patienten als auch für das Pflegepersonal gefunden werden.

Bauvorgang
Das Ziel war, in knapp drei Jahren das ganze Bauvorhaben durchzuziehen. Im Winter 1982/83 wurde mit Vorbereitungsarbeiten, welche vor allem die Kanalisation und gewisse technische Bereiche betrafen, begonnen. Die eigentliche Bauphase begann im Mai 1983 mit der Errichtung des Behandlungstraktes, wovon der Spitalbetrieb zunächst nur am Rande betroffen wurde. Im Oktober 1983 wurde der Flügel Schützengasse («Neubau») geschlossen, um seine Renovation in Angriff zu nehmen. Zu diesem Zweck wurde die geriatrische Abteilung in ein vorher eingerichtetes Provisorium im Landpfrundhaus verlegt. Die Behandlungsräume konnten im Erdgeschoss, im ersten Oberge schoss und im Dachgeschoss des Flügels Spitalweg («Altbau») geschickt untergebracht werden. Die Fertigstellung des Anbaus mit der Operationsabteilung im ersten Obergeschoss und den Behandlungsräumen für die Physiotherapie im Erdgeschoss sowie die Renovation des Flügels Schützengasse erfolgten termingerecht, so dass im November 1984 ihr Bezug bei gleichzeitiger Räumung des Flügels Spitalweg stattfinden konnte. Sofort wurde dessen Renovation in Angriff genommen, was einen gewaltigen Einsatz von allen beteiligten Instanzen erforderte, galt es doch, die ganze technische Infrastruktur zu ersetzen, den Dachstock für die geriatrische Abteilung auszubauen und vor allem die Nassräume für die Patientenzimmer einzufügen. Der dadurch entstandene Verlust an Betten konnte mit dem Dachstockausbau und der Nutzung des alten Operationstraktes als Bettenabteilung mehr als kompensiert werden. Im Frühj ahr und Sommer des Jahres 19 8 5 sah der Bauplatz erschreckend aus, doch konnten trotz des vermeintlichen Chaos Umbau und Renovation Ende des Jahres termingerecht abgeschlossen werden.

Das Erreichte
Ein modernes Spital, dessen Ambiance nicht verloren gegangen ist, war das Resultat aller Bemühungen. Es hat sich bewahrheitet, dass es richtig war, die chirurgische Abteilung, deren Untergang vor zwanzig Jahren programmiert war, beizubehalten und ihr die notwenigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Die Bettenzahl von 1966 (damals fand bekanntlich praktisch eine Halbierung statt), wurde in annähernd gleicher Höhe beibehalten, gleichzeitig aber die Effizienz von Operationsabteilung und Ambulatorium gesteigert. Die Richtigkeit dieser Massnahme hat sich bereits während der letzten Umbauetappe gezeigt, als bei reduzierter Bettenzahl die Belegung oft über 100% betrug. Durch die Anstellung eines zweiten Chirurgen wurde dem auch von Spitalseite im Juli 1986 Rechnung getragen.

Gleichermassen konnten aber auch die Ansprüche der akutmedizinischen und der geriatrischen Abteilung sowohl durch die neuzeitlich gestalteten Pflegeabteilungen als auch durch die Modernisierung der dazugehörigen betrieblichen Einrichtungen und Apparaturen voll befriedigt werden. Die augenfälligsten änderungen sind neben dem neuen Behandlungstrakt der Ausbau des Dachstocks, wo sich früher Schwesternzimmer befanden, sowie die voll rollstuhlgängigen Toiletten und Douchenräume und im technischen Bereich z.B. die Sauerstoff- und Vakuumanschlüsse in sämtlichen Zimmern, versorgt durch die Zentralen im Erdgeschoss und im Keller.

Verteilung der Räume nach Umbau und Renovation
Die alten Säle mit sechs Betten mussten verschwinden; an ihre Stelle sind einige angenehme Zimmer mit vier Betten getreten. Das erneuerte Spital hat nun 24 Zimmer mit einem Bett, 27 Zimmer mit zwei Betten, 3 Zimmer mit drei Betten und 5 Zimmer mit vier Betten, verfügt also über 59 Zimmer mit total 107 Betten. Durch die bisher fehlenden Nassräume sowie durch zahlreiche Ausgussräume und Schwesternstützpunkte konnten die Wege für das Personal erheblich verkürzt werden. Auch wurden die notwendigen Aufenthaltsräume für Patienten und Personal geschickt verteilt.

Ausserhalb der Bettenstationen befinden sich die folgenden Räume im renovierten Spital: Keller: Werkstatt, Lager, Heizzentrale, Luftschutzraum und allgemeine technische Einrichtungen.

Erdgeschoss: erweiterte Eingangshalle mit Sitzgelegenheiten und Getränkeautomat. Im Flügel Schützengasse wie bisher der Empfang, Administration, Chefärztesprechzimmer, Sekretariate, Sitzungszimmer sowie ein zusätzliches Sprechzimmer für den zweiten Chirurgen. Im Operationstrakt die physiotherapeutische Abteilung. Im Flügel Spitalweg Garderoben und Aufenthaltsräume für das Personal, Lagerräume sowie der zum Mehrzweckraum umgestaltete ehemalige Theoriesaal. Auf gleicher Ebene befindet sich die Küche, die dem Diakonissenhaus untersteht und nicht renoviert wurde.

1. Obergeschoss: Im Flügel Schützengasse Ambulatorium, Endoskopieraum, Röntgen, EKG, Laboratorien. Im Anbau zwei Operationssäle mit den dazugehörenden Nebenräumen, welche zum Teil auch im Flügel Schützengasse, zum Teil im übergang zum Flügel Spitalweg (Wachstation) liegen.

4. Obergeschoss: Im Flügel Schützengasse Ergotherapie, Ruheraum und Pikettzimmer für Personal, ein Zimmer für die Seelsorger.

Rückblick und Ausblick
Im bisherigen Betrieb hat sich gezeigt, dass das «alte neue Spital» voll zu befriedigen vermag. Das Spital hat seinen Stil behalten. Die Material- und Farbenwahl ist zurückhaltend, aber überzeugend. Alte Strukturen blieben, wo immer möglich, erhalten, z.B. die alten Granittreppen und die alten Fenster mit Eichenholzrahmen in den Zimmern des Altbaus zum Garten. Neu, aber ansprechend, sind die aus technischen Gründen angebrachten Holzdecken in den Gängen, während die Decken in den Patientenzimmern zu Recht in der alten Höhe verblieben, was vor allem in den jetzigen Vierbettenzimmern wohltuend empfunden wird. Das äussere des Hauses weist ausser dem Anbau des Operationstrakts keine auffälligen Veränderungen auf, es erhielt aber eine tadellos gelungene Auffrischung. Garten und Umgebung sind stilvoll instandgestellt worden. Mit Recht darf behauptet werden, dass sich sämtliche Investitionen gelohnt haben und dass Riehen für die nächsten Jahrzehnte mit seinem Spital zufrieden sein wird.

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