1986

Aus der «guten» alten Zeit: Riehens Waschhaus

Michael Raith

Es muss spätestens um 1950 gewesen sein: voll Mitleid betrachteten wir Kinder auf dem Weg zum Schwimmbad die im Waschhaus tätigen armen Frauen. An mehr als zwei kann ich mich zwar nicht entsinnen. Sie waren in Sozialwohnungen zuhause: man hatte diese in den Gebäuden der ehemaligen Taubstummenanstalt an der Schmiedgasse eingerichtet. Bei uns daheim stand damals allerdings auch noch keine elektrische und vollautomatische Waschmaschine; noch sehe ich meine Mutter schrubbenderweise in der vom feuchten Dampf des Kochofens erfüllten Waschküche, aber das geschah doch immerhin in den eigenen vier Wänden, und der Fortschritt zur Bequemlichkeit veränderte diesen Bereich in wenigen Jahren völlig. Dem Waschtag ist bis heute das Odium des Strapaziösen geblieben, trotzdem: die Mühen von früher lassen sich mit denen von heute kaum vergleichen. Sicher bot das gemeinsame Waschen auch Spass und Unterhaltung, dennoch halte ich es für ein überzeugendes Beispiel dafür, dass die alte Zeit nicht nur gut war.

Diese Moral zu Beginn deswegen, weil das Waschhaus mit der Adresse Weilstrasse 23 heute dank seiner romantischen Lage am idyllischen Riehener Mühleteich weitherum nostalgische Assoziationen weckt. Da ich fast jeden Tag dort spazieren zu gehen pflege, habe ich dafür alles Verständnis. Aber ich bin froh, dass heute niemand mehr gezwungen ist, es zu benutzen. So erinnert es, zusammen mit Marktfrauenbänken und Taunerhäuschen, an die Geschichte der einfachen Leute von Riehen.

Gebaut wurde das Waschhaus durch die Gemeinde im Jahre 1862, weil die Bauern in den Dorfbrunnen kein Seifenwasser haben wollten. Das weiche Teichwasser aus dem kristallinen Schwarzwald soll sich für Waschzwecke besonders geeignet haben. Selbstverständlich war das zuerst «Waschhütte» genannte Etablissement öffentlich und gebührenfrei, gewaschen wurde aber auch an anderen fliessenden Gewässern. Obwohl das Wiesental damals bereits stark industrialisiert war, hören wir noch nichts von Gewässerverschmutzung. Wegen seines vielfältigen Nutzens und weil man es damals noch nicht sozusagen überall und unbeschränkt erhalten konnte, kam dem Wasser ein hoher Stellenwert zu. Trotz niedriger hygienischer Ansprüche sorgte der Umstand, dass viele nur wenige Kleider besassen und sich mehr auch nicht leisten konnten, für die Wichtigkeit des Wäschewaschens.

Das Baujahr 1862 kennzeichnet lokalgeschichtlich eine Zeit reger Tätigkeit und vieler Veränderungen. Das bedeutendste Ereignis bildete der Bahnbau und in seiner Folge die Neuerstellung der seinetwegen abgebrochenen Häuser an der Schützengasse. Wenig später (1864) wurde die Kapelle im Gottesacker an der Mohrhaidenstrasse errichtet. Die Realisierung dieser Projekte stellte die damals finanzschwache Gemeinde vor etwelche Probleme, im Falle des Waschhauses löste man sie durch den Einsatz des aus dem Loskauf des Gemeindezehntens erwirtschafteten Uberschusses. Die Ausführung beider öffentlichen Bauvorhaben wurde Gemeinderat Samuel Stump-Stump (1802-1866) übertragen: ursprünglich Schmied, hatte er das Gemeindepräsidium bekleidet ( 1840 /1 ) und darauf 17 Jahre lang sogar der Kantonsregierung angehört. Er beschloss seine politische Laufbahn im Gemeinderat, also in derjenigen Behörde, in welcher er sie einst begonnen hatte. Die Ehrenamtlichkeit der Ratsherrenstellen und das Zensuswahlrecht der Zeit sorgten dafür, dass nur reiche Leute in hohe Amter gelangen konnten. Samuel Stump gehörte zu ihnen. Vielleicht war es Neid, der ihm die anderwärts erzählte Geschichte von der Bemalung seiner neuerbauten Behausung mit schwarzer Farbe eintrug (RJ 1969 S. 56f.) Dass Reichtum noch keine endgültige Sicherheit biete, hatte Samuel Stump am Beispiel seines Cousins zweiten Grades, Theobald Stump-Wenk (1801-1870), erlebt: dieser war ihm 1858 als Riehens Vertreter in der baselstädtischen Exekutive gefolgt, betätigte sich, obwohl ursprünglich Landwirt, ebenfalls in der Baubranche, fallierte dann aber als Unternehmer wegen der Neuerrichtung der Schützengasse 1861, was seinen Ausschluss aus allen Amtern zur Folge hatte (RJ 1980 S. 26).

Kehren wir zum Waschhaus zurück. Samuel Stump verlangte für seinen Bau 2200 Franken, erstellte gleichzeitig eine Brücke über den Neuen Teich, was im Zusammenhang mit dem Bau der durch den Badisch-Schweizerischen Staatsvertrag von 1852 ermöglichten Weilstrasse (RJ 1984 S. 140) stand, und erhielt total 2397 Franken und 20 Rappen. Knapp 75 Jahre hielt die Konstruktion. Erst 1935 wurde eine Renovation nötig: das Gebäude erfuhr eine Reduktion um die Hälfte. Nun blieb es wieder ruhig, wenn auch nicht mehr so lange. Nachdem sich die letzte Wäscherin verflüchtigt hatte, stellte sich die Frage der Nutzung. Der Gemeinderat verfolgte das Projekt eines Pfadfinderheims. Architekt Jean Mory (1894-1961) wurde mit Abklärungen beauftragt, die Sache dann aber wegen der Um fahrungsstrasse zurückgestellt. Nach deren endgültigem Scheitern (1969) zogen weitere zehn Jahre ins Land, dann wurde das Dach wieder einmal gedeckt und neue Waschbretter angebracht, das Waschhaus selbst blieb als sozialgeschichtliches Baudenkmal unverändert stehen. Eine darüber hinausgehende Funktion erfüllt es nicht. Trotzdem hat sich die kommunalpolitische Kritik noch nicht an ihm vergriffen, was eigentlich erstaunen müsste, ist es doch jetzt nicht einmal mehr möglich, im Waschhaus das zu tun, wofür es mit Gemeindemitteln errichtet wurde: nämlich Wäsche zu waschen! Aus Angst vor Vandalenakten bleibt der Bau nämlich geschlossen. Was uns bleibt, ist die Freude seines Anblicks.

Quellen (soweit nicht im Text genannt):
Gemeindekunde S. 95
Staatsarchiv Basel: Gemeindearchiv Riehen, Protokoll Gemeinderat A 1,5 (S. 108 und 131).
Gemeindearchiv Riehen: Dossier Waschhaus Weilstrasse 23.
Hans Bühler: Das alte Waschhaus in Riehen, in: Der Hausbesitzer, Basel, Dezember 1981 Hermann Schneider: Das Wenkenross, Riehen (1972), S. 89-94 Eduard Wirz: Die Wäscherinnen, in RJ 1963, S. 25-32

Immer wieder haben sich Künstler vom alten Waschhaus inspirieren lassen: Es hat Hermann Schneider, den unvergessenen Riehener Dichter, zur besinnlichen Weihnachtsgeschichte «Das Licht am Teich» und Eduard Wirz, den wohlbekannten Erzähler des Giggishans, zum humorvollen Episodenbericht «Die Wäscherinnen» angeregt.

 


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