1985

Riehen im Zweiten Weltkrieg

Nicolas Jaquet-Anderfuhren

Das Thema «Riehen im Zweiten Weltkrieg» sprengt angesichts der Fülle von Material eigentlich den Rahmen eines Jahrbuch-Artikels. Die Ausführungen auf den folgenden Seiten mögen daher vom Leser lediglich als Streiflichter aus jener für die Riehener Bevölkerung zum Teil schwierigen Zeit betrachtet werden.

Schon vor dem Krieg wurde Riehen als Grenzgemeinde mit den nationalsozialistischen Aktivitäten von jenseits der Grenze konfrontiert. Der Zweite Weltkrieg brach 1939 ja nicht plötzlich über Europa herein, sondern schon bald nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 zeigte sich das wahre Gesicht der Nazis und ihr Drang, Europa und die Welt zu erobern. In Riehen tauchten die ersten deutschen Grenzgänger auf, die an ihren Autos oder Velos Hakenkreuzwimpel mitführten und an ihrer Kleidung Abzeichen der Partei oder anderer nationalsozialistischer Organisationen trugen. Da die Bevölkerung im Kanton der neuen Strömung in Deutschland grösstenteils wenig Sympathien entgegenbrachte, war es nicht verwunderlich, dass es zu Zwischenfällen kam und solche Wimpel abgerissen und deren Träger belästigt wurden. Auf jeden Fall beschwerte sich die Stadtverwaltung von Lörrach schon am 7. Juni 1933 beim Basler Regierungsrat über solche Vorkommnisse. Bereits am 14. März 1933 wurde am Bahnhof Riehen neben der deutschen Nationalflagge zum ersten Mal die Hakenkreuzfahne gehisst und von schweizerischen Polizisten bewacht, die teilweise von deutschen (vermutlich bewaffneten) Bahnpolizisten unterstützt wurden. Dieser Vorfall beunruhigte den Riehener Gemeinderat so sehr, dass er an den Regierungsrat eine Anfrage richtete, ob solches Tun gestattet sei. Der Regierungsrat antwortete, dass die derzeitigen Gesetze und der Staatsvertrag von 1852 über die deutschen Eisenbahnstrecken in der Schweiz ein Einschreiten der Behörden zur Zeit nicht er
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laube. Die Flagge wurde übrigens am 15. März 1933 vom damaligen Redaktor der Arbeiter-Zeitung Werner Hungerbühler heruntergerissen.

Eine grosse Bedeutung bei den Nationalsozialisten hatten die verschiedenen Gedenkfeiern, wie Tag der Machtübernahme (30. Januar), Geburtstag des Führers (20. April), Maifeier, Erntedankfest usw. Solche Feiern fanden natürlich auch in den deutschen Nachbargemeinden statt, und die Marschmusik von solchen Anlässen hallte jeweils schon in der Vorkriegszeit bis in den Riehener Dorfkern.

Der Krieg bricht aus
Als sich die Kriegsgefahr immer mehr abzeichnete, verstärkte der Bundesrat die militärischen und wirtschaftlichen Abwehrvorbereitungen. Der militärische Verteidigungsplan sah vor, dass Riehen durch ein den Grenztruppen angehörendes Detachement, das sich aus dem baselstädtischen Territorial-Bataillon 128 rekrutierte und grösstenteils aus Riehener Einwohnern bestand, verteidigt werden sollte. Die Grenztruppen hatten damals den Auftrag, die Mobilisation der Gesamtarmee zu schützen und den Aufmarsch eines Feindes zu verlangsamen, bis die Armee ihre Stellungen bezogen hatte.

Am frühen Morgen des 29. August 1939 rückte im Schulhaus Erlensträsschen mit der Mobilisation der Grenztruppen das Detachement Riehen ein und begann gleich mit dem Bau von Barrikaden und Tanksperren an den Einfallstrassen Lörracherstrasse und Weilstrasse, aber auch im Dorfkern, in der Baselstrasse, Schmiedgasse, Rössligasse und andern Orten. Gleichzeitig wurde in Zusammenarbeit mit dem Grenzwachtkorps die verstärkte überwachung der Grenze aufgenommen. Das Detachement Riehen umfasste rund 90 Mann. Die Riehener Wehrmänner waren sich bewusst, dass sie im Ernstfall ihren eigenen Boden zu verteidigen und für Familie, Haus und Heim zu kämpfen hatten. Am 12. September 1939 nachmittags besuchte General Guisan mit seinen Begleitern Riehen, leider war es jedoch nur wenigen Einwohnern vergönnt, diesen populären Heerführer für kurze Zeit zu sehen.

Da die Riehener ihre Soldaten kannten, bestand die Gefahr, dass diese durch Gespräche von ihren Aufgaben abgelenkt wurden. Das Stadtkommando erliess deshalb im Oktober 1939 einen Befehl, dass den Schildwachen auf Posten jede Unterhaltung verboten sei und der Soldat, der ein Gespräch anknüpfe, sich einer schweren Bestrafung aussetze.

Nachdem Polen von den Deutschen erobert war und an der Westfront vollständige Ruhe herrschte, wurde das Détachement Riehen am 9. Dezember 1939 entlassen und im Turnus durch verschiedene Truppen abgelöst. Mit dem Wiederaufgebot der ganzen Armee nach dem deutschen überfall auf Belgien, Holland und Luxemburg rückte am 11. Mai 1940 auch das Detachement Riehen wieder ein. Am 13. Mai 1940 erhielt die Gemeindeverwaltung den Auftrag, Kantonnemente für weitere 230 Mann bereitzuhalten, die gegen 3 Uhr morgens in Riehen eintreffen sollten. Diese Truppen kamen aber nicht, sondern bezogen in der Stadt Quartier, wo insgesamt Truppen in einer Stärke von 12 000 Mann untergebracht waren. Für Riehen, wie auch für die ganze Schweiz, waren diese Tage wohl diejenigen mit der höchsten Spannung während des ganzen Krieges, musste sich doch in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai an der Westfront entscheiden, ob der deutsche Durchbruch gelingen werde. Während die Armee in höchster Alarmbereitschaft ihre Stellungen bezogen hatte, bemächtigte sich ganzer Bevölkerungsteile in den meistgefährdeten Gebieten an der Nordgrenze, so auch in unserem Kanton, eine unheilvolle Aufregung, die in vielen Haushaltungen zur Panik wurde. Manche glaubten, keinen festen Boden mehr unter ihren Füssen zu haben, verzweifelten bereits an der Möglichkeit einer erfolgreichen Verteidigung gegen einen deutschen Angriff und strebten danach, Riehen und die Stadt auf dem kürzesten Weg zu verlassen. So fand zu dieser Zeit ein Exodus in die Gebiete in der Zentralschweiz, Graubünden, Berner Oberland und am Genfersee statt.

Wenn es sich auch meistens um die Flucht der wohlhabenderen Kreise handelte, so verliess doch nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz den angestammten Wohnsitz. Wohl soll es einige Erbitterung der Zurückgelassenen gegeben haben, und man hörte, bei der Masse des Volkes entstehe der Eindruck, dass man sie hilflos ihrem Schicksal preisgebe. Die meisten hielten es aber, so schreibt Edgar Bonjour in seiner «Geschichte der schweizerischen Neutralität im Zweiten Weltkrieg» mit dem Riehener Nationalrat Albert Oeri, Chefredaktor der Basler Nachrichten, der sich weigerte, Mitte Mai zur Sitzung einer Nationalratskommission nach Vitznau zu verreisen: «Ich glaube, so lange das Dorf Riehen nicht evakuiert wird, nachts dorthin zu gehören, weil ich als alter Füsilier meine Uniform, mein Gewehr und 106 Patronen bereitliegen habe und durchaus schussfähig bin. Tagsüber aber gehöre ich auf meine Redaktionsstube. Es würde einen peinlichen defätistischen Eindruck machen, wenn ich mich ins Landesinnere verzöge, solange Basel von der Schweizerischen Armee nicht geräumt wird.» (Albert Oeri an Regierungsrat Carl Ludwig, Basel, 15. Mai 1940).

Zehn Tage vor dem deutsch-französischen Waffenstillstand verlangte am 12. Juni 1940 das baselstädtische Polizeidepartement vom Gemeinderat, dass im Banne Riehen, so wie im ganzen Lande, auf Veranlassung des Armeekommandos sämtliche Wegweiser mit Ortsbezeichnungen zu entfernen seien, um so einem allfälligen Feind die Orientierung zu erschweren.

Weit weg vom Réduit
Nachdem Frankreich kapituliert hatte, war die Schweiz vollkommen von den Achsenmächten umringt. Dies veranlasste den Bundesrat, das Gros der Armee in die Alpenstellung, das sogenannte Réduit zurückzunehmen, da man nur auf diese Weise noch eine wenigstens teilweise Verteidigungsmöglichkeit unseres Landes sah. Mit diesem neuen Verteidigungsplan wurde die militärische Situation Basels und Riehens grundlegend anders. Am 9. Juli 1940 wurde das Detachement Riehen entlassen, am Tag darauf das Stadtkommando Basel aufgelöst, da die Stadt ja nicht mehr verteidigt werden sollte. Unsere Gegend lag nun weit ausserhalb der schweizerischen Hauptverteidigungslinie und die Bewohner wären im Kriegsfall schon von der ersten Stunde an dem Zugriff des Feindes ausgesetzt gewesen und mussten sich auf eine dauernde Besetzung durch fremde Truppen gefasst machen. Fritz Grieder schreibt in seinem Buch «Basel im Zweiten Weltkrieg» allerdings, dass die Be völkerung den Réduit-Plan mit Ruhe aufgenommen habe. In Riehen waren weiterhin Truppen untergebracht, einesteils zu Bewachungszwecken der teilweise weiterhin bestehenden Sperren, andererseits zur Verstärkung des Grenzwachtkorps.

Zu den Aufgaben des Gemeinderates gehörte es während der ganzen Kriegszeit, die nötigen Kantonnemente, Magazine, Stallungen und Büros sowohl für die Truppen der Armee als auch für den Luftschutz bereitzuhalten. Eine Unterkunftsliste im Gemeindearchiv zeigt, dass man insgesamt über Unterkünfte für 1 000 Mann und 125 Pferde verfügte. Ab Juli 1940 war es möglich, die in Riehen stationierten Truppen in Liegenschaften der Gemeinde unterzubringen, wodurch die Kosten für die Bereitstellung und Instandhaltung der Kantonnemente wesentlich reduziert werden konnten.

Im Sommer 1942 begann der Arbeitsdienst Lörrach im Auftrag des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin, auf deutschem Boden, längs der Schweizergrenze, vom Grenzacherhorn bis zum Rheinhafen Kleinhüningen einen Stacheldrahtverhau dachförmiger Art von 8 m Breite und 3 m Höhe zu bauen. Zweck dieser Installation war es, Kriegsgefangenen und sonstigen schwarzen Grenzgängern den Grenzübertritt nach der Schweiz zu verunmöglichen. Die deutsche Seite wollte sich den Bau von 3 600 m dieses Zaunes um den Grenzzipfel der Eisernen Hand in Riehen ersparen, und Kommissär Hahn aus Lörrach gelangte am 5. August 1942 an den Chef der baselstädtischen Grenzpolizei, Polizeileutnant Perret, und schlug vor, dass die Schweiz zwischen den Grenzsteinen 74 und 50 oberhalb des Maienbühls - unter Abnabelung der Eisernen Hand mit einem eigenen Zaun die Verbindung zwischen den beiden deutschen Teilstücken herstellen sollte. In diesem Zaun hätte man zwei Tore einbauen können, die es den Riehener Landwirten erlaubt hätten, tagsüber in der Eisernen Hand zu arbeiten. Aus rein grenzpolizeilicher Sicht wäre für die Schweiz auf diese Weise die überwachung der Grenze, vor allem im Hinblick auf ausreisewillige Schweizer, aber auch zum Schutz vor der Einreise von unerwünschten ausländischen Elementen, von Vorteil gewesen. Der Polizeioffizier des Territorialkommandos Basel schrieb aber damals an seinen Kommandanten, diese Vorteile schweizerischerseits hätten auch Nachteile. Eine Abriegelung der Eisernen Hand sehe aus wie die Einladung an die deutschen Grenzorgane, den abgeschnittenen Gebietsteil der Eisernen Hand als deutschen Boden zu betrachten. Die Schweiz dürfe jedoch nicht von vornherein auf diesen Geländestreifen verzichten.

Vom Territorialkommando ging diese Angelegenheit zum Kommando des 2. Armeekorps und von dort zum Generalstabschef der Armee. Dieser entschied, dass es sich nicht um eine militärische, sondern um eine politische Angelegenheit handle und überwies das Schreiben an das Eid genössische Militärdepartement. Nach Konsultation des Politischen Departementes antwortete das EMD am 1. Februar 1943, dass dem deutschen Ansuchen nicht entsprochen werden könne. Durch ein Abtrennen dieses Grenzzipfels würde ein schweizerisches Desinteresse an einem Stück eigenen Bodens sichtbar. Am 16. Februar 1943 wurde der deutsche Kommissär Hahn von den schweizerischen Grenzpolizeiorganen entsprechend informiert.

Am 23. Juni 1943 ging in der Nähe des Zollamtes Lörracherstrasse auf Schweizergebiet ein Störballon nieder. Wiederholt wurden solche Ballone auf Schweizergebiet abgetrieben. Sie boten eine gewisse Gefahr, hatten sie doch branderzeugende Eigenschaften und führten mitunter auch Sprengladungen mit sich. Die Bevölkerung wurde daher im Sommer 1943 vom Territorialkommando gewarnt, solche Ballone und deren Bestandteile zu berühren.

Am 21. September 1943 notierte Gemeindeschreiber Samuel Stump in seinem Journal, dass die Territorialfüsilierkompanie 22 Riehen verlassen habe und es im Dorf nun keine Truppen mehr gebe. Im Winter 1943/44 nahmen die Fliegeralarme beträchtlich zu und wurden gegen das Früh jähr 1944 beinahe zur täglichen Erscheinung. Beinahe Nacht für Nacht überflogen Hunderte von alliierten Bombern in Geschwadern unsere Gegend auf dem Weg zu ihren Zielen in Deutschland. In klaren Nächten sah man die Flugzeuge silbern am Himmel glänzen, bei trübem Wetter dröhnten sie über den Wolken.

Dem Kriegsende entgegen
Mit den Schwierigkeiten, welchen die deutsche Wehrmacht mit der Zeit an der Ostfront gegenüberstand, verringerte sich die Gefahr für die Schweiz, Opfer eines deutschen überfalles zu werden. Die Situation für unseren Grenzzipfel änderte sich dagegen im Herbst 1944, als die alliierten Truppen das Rhonetal aufwärts gegen die Schweiz vorstiessen und der Grenze entlang zum Rhein drangen. Für die Deutschen konnten so die Basler Rheinbrücken eine Fluchtmöglichkeit über Riehen ins eigene Land bieten, während für die Alliierten der gleiche Weg eine Abkürzung, allenfalls zum Einkesseln deutscher Truppenteile, darstellen konnte.

Um diesen Gefahren zu begegnen, ordnete der Bundesrat am 5. September 1944 eine Teil-Kriegsmobilmachung an, und am 6. September abends haben 60 Radfahrer der Radfahrerkompanie 24 bei den Dorfeingängen diverse Posten bezogen. Ohne Ablösung verliess diese Truppe aber drei Tage später wieder unsere Gemeinde. In den ünterlagen des Gemeindearchivs ist ein Brief zu finden, wonach der Riehener Nationalrat Albert Oeri, Chefredaktor der Basler Nachrichten, am 14. September 1944 ein persönliches Schreiben an General Guisan gerichtet hatte, worin er ausführte, Riehen sei ohne militärischen Schutz, und der General gebeten wurde, die Gemeinde mit Truppen zu belegen. Am 21. September 1944 kamen dann 9 Mann des Füsilierbataillons 80, die einen Beobachtungsposten einrichteten und am 25. September 1944 wurde die HD Bewachungskompanie 5 nach Riehen verlegt. Ebenfalls kam ein Detachement der Ballonkompanie 2, die zu Beobachtungszwecken im Moos einen Fesselballon aufsteigen liess. Als eigentliche Kampftruppe traf am 14. Oktober mit 200 Mann die Füsilierkompanie 11/57 in Riehen ein. Als die Franzosen mit der Beschiessung badischer Dörfer und Städte begannen, verirrten sich hin und wieder auch Granaten nach Riehen.

Die ersten vier Monate 1945 brachten Riehen eine stärkere militärische Belegung, die ihren Höhepunkt am 24. April, dem Tage des Rheinüberganges und der Besetzung der badischen Nachbarschaft durch alliierte Truppen er reichte. Zwei Bataillone, unterstützt von Detachementen der Leichten Truppen mit motorisierten Mitrailleuren und motorisierten Infanteriekanonen samt Artilleriebeobachtern, standen an diesem Tag in Riehen. Am gleichen Tag, um 4.50 Uhr, wurde die Bahnbrücke Weil-Lörrach über die Wiese unter einer grossen Detonation von den Deut sehen gesprengt. Einige Stunden später fielen Weil, Tüllingen und Lörrach kampflos in die Hände der Franzosen. Am Tag darauf wurde der Beobachtungsposten der Schweren Motorkanonen Batterie 204 aus Riehen abgezogen und zwischen dem 12. und 15. Mai 1945 verliessen die letzten in Riehen einquartierten Truppen die Gemeinde.

Grenzwachtkorps in vorderster Linie
Wie in Friedenszeiten, so versah das Grenzwachtkorps während des ganzen Aktivdienstes von 1939 bis 1945 den Dienst an den Grenzübergängen und der Grenze entlang im Zwischengelände. Mit der Mobilmachung der Grenztruppen am 29. August 1939 verfügte der Bundesrat die teilweise Schliessung der Grenzen. Zu den wenigen in der Schweiz für Pferdefuhrwerke und Motorfahrzeuge noch geöffneten Grenzübergängen gehörte derjenige an der Lörracherstrasse.

Die Gebiete längs der Grenze wurden vom Territorialkommando gleich nach Kriegsausbruch zur Sperrzone erklärt und ihr Betreten war nur Anwohnern, Landbesitzern, Landwirten, Personen mit amtlichen Aufgaben usw. gestattet.

Wie von Gewährsleuten zu erfahren war, war der damalige Dienst im Grenzwachtkorps besonders hart, galt es doch, die Grenze viel schärfer zu überwachen als in Friedenszeiten. Einer unserer Gesprächspartner kann sich noch erinnern, wie ihm bei Kriegsausbruch am Zollposten Bettingen eine Bauernfrau half, mit dem Traktor Baumstämme zum Bau einer Barrikade heranzuschleppen. Auch von einer andern Barrikade weiss er zu berichten. Wenn diejenige in der Rössligasse nachts geschlossen war, konnte man nur noch durch das Sängerstübli ins Oberdorf gelangen.

Patrouillen wurden in den meisten Fällen allein gemacht, denn bei der Grenzwache galt die Devise, dass der Mann allein am besten viel sehen könne, ohne dabei gesehen zu werden. Und damit er nicht gehört wurde, hat sich ein anderer Gewährsmann, wie er erzählte, anstelle der offiziellen Nagelschuhe auf eigene Kosten Marschschuhe mit Gummisohlen gekauft. Nachts gab es zeitweise Patrouillen, auf die auch Soldaten mitkamen. Oft galt es, vier bis fünf Stunden am gleichen Posten im Gelände auszuharren, selbst bei 10° unter Null. Eine Patrouille der Grenze entlang vom Posten an der Lörracherstrasse via MaienbühlChrischona bis zur Hörnligrenze und zurück dauerte etwa 5 Stunden und musste manchmal vom gleichen Mann zweimal pro Tag gemacht werden.

Der Dienst war nicht nur hart, sondern oft auch gefährlich. Häufig stiess man auf einzelne Flüchtlinge oder kleine Gruppen, unser Gewährsmann erlebte es aber auch, dass er einmal im Maienbühl auf rund drei Dutzend Flüchtlinge stiess. Allein mussten die Flüchtlinge jeweils auf den Zollposten geführt werden, wo sie vom Militär übernommen wurden. über die Flüchtlingspolitik der Schweiz wurde schon viel geschrieben, und es scheint, dass mancher Grenzwächter auf diesem Gebiet Schönes, aber auch Unerfreuliches erlebt hat, worüber er lieber nicht spricht. Unter den Flüchtlingen befanden sich auch deutsche Deserteure und so konnte es vorkommen, dass diese, wenn sie nicht wussten, wo sie sich befanden, die Waffe zückten, oder dass deutsche Posten Flüchtlingen über die Grenze nachschössen. Doch nicht nur Flüchtlinge kamen über die Grenze, sondern auch Spione wurden durch das Gelände eingeschleust. Trotz der starken Abriegelung hörte man auf dem Zollposten über gewisse Kanäle immer wieder, was jenseits der Grenze vorging. So hat man manchmal auch erfahren, wenn Spione eingeschleust werden sollten. In einem Fall gelang es einem Spion, in der Dunkelheit an den im Gelände aufgestellten schweizerischen Posten vorbeizukommen. Ein Grenzwächter nahm an, dass dieser kaum zu Fuss in die Stadt gehen wollte, und eilte auf den ersten Tramkurs, in dem er dann den Spion verhaften konnte. Viele Geschichten über Flüchtlinge und Spione waren, meist nur hinter vorgehaltener Hand, im Umlauf; einige davon wurden im Laufe der Zeit niedergeschrieben und zum Teil auch im Riehener Jahrbuch veröffentlicht (siehe Anhang).

Nach den immer stärker werdenden Bombenangriffen der Alliierten auf deutsche Städte kehrten mit der Zeit täglich ausgebombte Auslandschweizer über den Grenzüber gang an der Lörracherstrasse in die Heimat zurück. Mit dem Nahen des Kriegsendes wurden ab 4. April die Züge der Wiesentalbahn durch die Grenzwache unmittelbar nach der Einfahrt in die Schweiz angehalten und kontrolliert. Verschiedene Züge mit unerwünschten Passagieren oder verschlossenen Gepäck- und Güterwagen wurden jeweils zur Rückfahrt veranlasst. Mit dem beginnenden Zusammenbruch Deutschlands nahm auch die Zahl der Zwangsarbeiter, die aus Deutschland flüchteten, zu. So wurden zwischen dem 21. und 24. April 1945 vom Territorialkommando 1496 Personen an der Grenze in die Schweiz übernommen. Im Juni 1945 wurden die Grenzmarkierungskreuze entfernt, ein Zeichen, dass der Krieg in Europa nun endgültig vorbei war.

Luftschutz in Riehen
Zu Beginn des Krieges verfügte der Kanton Basel-Stadt über ein Luftschutz-Bataillon, in Kompanien den Quartieren zugeteilt. Die 5. Kompanie hatte ihren Standort in Riehen. Der Luftschutz war eine paramilitärisch organisierte Hilfdiensttruppe, welche die Aufgabe hatte, die Bevölkerung vor den Gefahren des Luftkrieges zu schützen. Die Vorbereitungen für den Luftschutz der Bevölkerung begannen schon in der Vorkriegszeit. So fand im Juni 1937 in Riehen und im Hirzbrunnen-Quartier die erste Verdunkelungsübung im Kanton statt. Aus diesem Anlass übergab das Elektrizitätswerk der Gemeinde Riehen eine Liste mit rund 30 Strassenkreuzungen, die in der Finsternis mit blauen, von der Gemeinde anzuschaffenden Lampen kenntlich zu machen waren.

Während sich die eigentliche Einsatzstelle der 5. Luftschutzkompanie im Schulhaus Burgstrasse befand und das Material für den Einsatz in Baracken des dortigen Schul hofes lagerte, dienten die Gebäulichkeiten der alten Taubstummenanstalt, die damals auf dem Areal des heutigen Gemeindehauses stand, ab 1940 dem Luftschutz als Ausbildungs- und Unterkunftsstätte für die verschiedensten Kurse sowohl der Riehener Kompanie als auch des ganzen Bataillons. So fanden in unserer Gemeinde Wiederholungskurse, Kurse für Atemschutzgeräte, Feldweibel-Kurse, Luftschutz-Offiziersschulen, Kurse für angehende Kompaniekommandanten und auch Rekrutenschulen statt. Wie der Riehener-Zeitung zu entnehmen ist, zog die Ende Juli 1941 zu Ende gegangene Rekrutenschule mit Marschmusik durchs Dorf, und bei der Vereidigung der Truppe vor der Bataillonsfahne intonierte der Musikverein Riehen den Fahnenmarsch.

Ab 7. November 1940 ordnete der Bundesrat an, dass die Schweiz ab 22 Uhr voll zu verdunkeln sei. Später wurde die Zeit auf 23 Uhr und ab 9. November 1942 auf 20 Uhr angesetzt. Ein Grund für diese Anordnung bestand darin, dass eine hell beleuchtete Schweiz alliierten Fliegern eine gute Orientierungsmöglichkeit für ihre Flüge nach Deutschland geboten hätte. Vier Tage nach der Einführung dieser Massnahme beschloss der Riehener Gemeinderat, zur besseren Kenntlichmachung in der Nacht die Trot toirrandsteine in der Gemeinde so weit als möglich weiss zu streichen. Die Kontrolle der Einhaltung der Verdunkelungsvorschriften oblag der Luftschutztruppe. Wie streng die Kontrolle war, zeigt die Tatsache, dass sich die Riehener Gemeindeverwaltung im Jahre 1941 in der gleichen Woche mehrmals vorwerfen lassen musste, dass die Strassenbeleuchtung an der Kilchgrundstrasse und den anschliessenden Strassen jeweils erst um 23.07 Uhr anstatt exakt um 23.00 Uhr ausgeschaltet worden sei.

Die zunehmenden Bombardierungen Deutschlands durch die alliierten Luftstreitkräfte bewogen den Bundesrat, um Fehlabwürfe auf unser Land zu vermeiden, die Verdunkelung ab 12. September 1944 aufzuheben und die Grenze durch das Brennenlassen aller Strassenlampen und sogenannte Fliegerkreuze gut erkennbar zu machen. Der Riehener Gemeinderat bemerkte zu dieser Massnahme, dass durch das Brennenlassen sämtlicher Strassenlampen während der ganzen Nacht der Gemeinde Mehrkosten entstehen würden. Allerdings kam das Elektrizitätswerk der Gemeinde entgegen, indem es für diejenigen Lampen, die normalerweise nur bis Mitternacht brannten, für die Zeit zwischen Mitternacht und 5 Uhr einen Sondertarif zugestand. Im weitern wurde der Kirchturm beflaggt, auf Dächern wurden Fahnen ausgelegt und Schweizerkreuze aufgemalt. Ebenfalls wurden grosse Schweizerkreuze aus Holz im freien Feld aufgestellt.

Um die Zivilbevölkerung vor Luftangriffen und Artilleriebeschuss zu schützen, mussten neben den Luftschutzkellern in Privatliegenschaften auch öffentliche Luftschutzkeller gebaut werden. Diese zweite Massnahme wurde in Riehen relativ spät, nämlich erst im Frühjahr 1940 in Angriff genommen. An einer Konferenz im Baudepartement vom 29. Januar 1940 wurde von Riehener Seite dem Kanton vorgeworfen, dass die Gemeinde bis zu jenem Zeitpunkt in der Frage des Baus von Luftschutzkellern vom Kanton in keiner Weise begrüsst worden sei. Schliesslich fand man eine Lösung mit drei öffentlichen Luftschutzkellern mit einem Fassungsvermögen von je etwa 50 Personen: im damaligen Gemeindehaus (heute Alte Kanzlei), im Hinterhaus Baselstrasse 1 (Schlosserei Mory) und im Restaurant Rheinischer Hof (heute Restaurant Niederholz). Auf Veranlassung des Kantons wurde im Südflügel des Diakonissenspitals zudem eine Sanitätshilfsstelle eingebaut.

Für den Luftschutzkeller in der heutigen Alten Kanzlei bestand die Weisung, dass er bei Fliegeralarm, ferner bei Artilleriebeschuss, Bombardierungen von Lörrach usw. durch die damals noch im gleichen Haus untergebrachte Polizei geöffnet werden sollte. Als am 19. November 1944 die Kirchgänger um 10.30 Uhr die Dorfkirche verliessen, wurde Fliegeralarm gegeben. Deutlich waren Fliegergeräusche und Abwehrfeuer hörbar, so dass sich die Kirchgänger in den nebenanliegenden Luftschutzraum begeben wollten. Beide Türen waren jedoch verschlossen. In einem scharfen Schreiben gelangte tags darauf die Gemeindeverwaltung an das Kommando des Luftschutzbataillons und erklärte, es könne nicht im Belieben der gerade auf dem Posten anwesenden Polizeileute stehen, ob und wann sie die Zugänge zum Luftschutzkeller öffnen wollen. Neben der Luftschutztruppe gab es während des ganzen Krieges auch die Hauswehren, die in den einzelnen Liegenschaften die ersten Lösch- und Rettungsaktionen einleiten sollten. So hat zum Beispiel die kantonale Luftschutzstelle vom 6. Mai bis zum 4. Juni 1940 in Riehen 352 Hausluftschutzwarte aus der Bevölkerung ausgehoben und ausgebildet.

Der Luftschutz war bei der Bevölkerung nie eine sehr populäre Angelegenheit, wurde doch der Einzelne durch die verschiedenen Vorschriften und Pflichten in seiner Freiheit eingeengt. Dennoch freute es den Kommandanten der Riehener Luftschutzkompanie, Hauptmann Sprüngli, dass die Gemeinde den Bedürfnissen der Luftschutztruppe immer entgegengekommen sei. Am 21. Juni 1945 wurde die Riehener Luftschutzkompanie um 17 Uhr auf dem Riehener Bahnhofplatz feierlich entlassen.

Rationierung und Anbauschlacht
Damit die Bevölkerung und die Wirtschaft im Falle eines Krieges überleben konnten, hatte der Bundesrat bereits vor dem Krieg Massnahmen für die Lagerhaltung von Rohstoffen und Nahrungsmitteln getroffen. Nach der deutschen Besetzung Prags forderte der Bundesrat am 5. April 1939 die Bevölkerung auf, Lebensmittelvorräte für zwei Monate anzulegen. Auf diese Weise war es möglich, mit der Kriegsmobilmachung am 2. September 1939 den Verkauf einiger Lebensmittel einzustellen und zwei Monate später, auf Anfang November die endgültige Lebensmittelrationierung einzuführen. Von Ende Oktober bis Anfang November 1939 gab die Riehener Gemeindeverwaltung an die Bevölkerung die ersten Rationierungskarten aus.

1939 wurden Hülsenfrüchte, Hafer, Gerste, Mehl und tierische Fette rationiert; 1940 folgten Zucker, Reis, Teigwaren, öl, Butter (die Abgabe von Rahm an Private war völlig verboten); 1941 kamen Fettspeck, Kaffee, Tee, Kakao, Käse, Nährmittel, Kindermehle und Eier an die Reihe; 1942 waren Fleisch, Hirse, eingemachte Früchte, Honig, Brot und Milch daran und 1943 wurden schliesslich Schokolade und Zuckerwaren der Rationierung unterstellt. Damit waren ausser Kartoffeln, Gemüse, Obst, Wild, Geflügel, Fisch und Fischkonserven sämtliche Lebensmittel rationiert.

Neben der Rationierung war es zur Sicherstellung der Ernährung nötig, dass ein möglichst grosser Teil der nicht landwirtschaftlichen Bevölkerung sich selber mit Gemüse und Kartoffeln versorgte. Zu diesem Zwecke musste in jeder Gemeinde, so auch in Riehen, jede irgendwie für den Gemüse-, Kartoffel- oder Getreideanbau in Frage kommende Fläche genutzt werden.

Einerseits wurden die privaten Gartenbesitzer angehalten, Gemüse zu pflanzen. Andererseits wurde auch die von der Landwirtschaft zu bearbeitende Fläche erheblich ausgeweitet. Zwischen 1940 und 1941 hat die Gemeinde nach und nach alle geeigneten Flächen in den Dienst der «Anbauschlacht», wie diese Aktion genannt wurde, gestellt. Insgesamt wurden 111 Parzellen Gemeindeland von je rund zwei Aren an unbemittelte und kinderreiche Familien abgegeben. Jede freie Fläche, so auch Spielplätze, Trainingsplätze, Rasenflächen in Parks und Anlagen usw. wurden umgepflügt und zur Bebauung an Landwirte oder Familien abgegeben. Zur überwachung der Vorschriften über die Förderung und Vermehrung des Ackerbaues setzte der Gemeinderat eine Ackerbaustelle unter der Leitung von Gemeinderat Jakob Sulzer ein.

Der Einbezug aller Gärten, Anlagen, Parks und weiterer Freiflächen genügte für das Anbauwerk noch nicht. Um weitere Anbauflächen zu erhalten, wurden 1941 bis 1943 im Gebiet Moos, Arteläcker und Auf Lichsen Meliorationen durchgeführt. Ferner mussten auf Weisung der Bundesbehörden rund 8 Hektaren Wald, vorwiegend hinter dem Hörnli, im Ausserberg und im Rotengraben gerodet werden.

Zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung hatte der Gemeinderat im Herbst der Jahre 1940 bis 1942 jeweils 10 Tonnen Kartoffeln angekauft, um diese im darauffolgenden Frühjahr als Speisekartoffeln oder als Saatgut an die Ortsbevölkerung abzugeben. Grundsätzlich mussten die in Riehen produzierten Kartoffeln in der Gemeinde verwendet werden. Lieferungen nach der Stadt waren nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel an Verwandte, gestattet. Als die Gemeinde 1942 auf St. Chrischona Kartoffeln gekauft hatte, schritt das Eidgenössische Kriegsernährungsamt ein und erklärte, es sei der Gemeinde Riehen nicht gestattet, Kartoffeln aus einer anderen Gemeinde zu beziehen. Die Angelegenheit wurde von «Bern» dann nicht mehr weiterverfolgt, da Riehen damit argumentiert hatte, dass die Chrischona zwar politisch in der Gemeinde Bettingen liege, wirtschaftlich jedoch eher Riehen angeschlossen sei.

Um von den geernteten Früchten und Gemüsen auch in der Winterszeit zehren zu können, wurde neben dem Einmachen als geeignetes Konservierungsmittel das Dörren propagiert. Der Gemeinderat weigerte sich allerdings, eine eigene Dörranlage anzuschaffen, sondern beschloss, Privaten beim Ankauf von kleinen Dörrapparaten eine Gemeindesubvention von 20% zu leisten, ein Angebot, von dem 192 Private Gebrauch machten. Der Kanton stellte dann aber der Gemeinde in der alten Taubstummenanstalt an der Schmiedgasse drei grosse Dörröfen unentgeltlich zur Verfügung. Drei Frauen leiteten diese Dörranlage, und viele freiwillige Helfer waren ihnen behilflich. 1942 wurden dort beispielsweise 6 566 kg Gemüse, davon 5 802 kg Bohnen und 5 303 kg Früchte, die von Privatpersonen gebracht worden waren, gedörrt.

Eng verbunden mit einem erfolgreichen Mehranbau war die Schädlingsbekämpfung. Zu diesem Zwecke wurden Spritzaktionen durchgeführt, Schulkinder mussten Kartoffelfelder nach Kartoffelkäfern absuchen, und von den Behörden war das Sammeln von Maikäfern vorgeschrieben, wofür ebenfalls Schulkinder eingesetzt wurden.

Während 1940 in Riehen rund 154 Hektaren Ackerland bebaut wurden, waren es 1945 212 Hektaren. Die von Kleinpflanzern bebaute Fläche wurde vom Gemeinderat auf rund 32 Hektaren geschätzt, womit sich die gesamte Anbaufläche in der Gemeinde 1945 auf rund 244 Hektaren belaufen haben dürfte.

Neben den Lebensmitteln waren sämtliche wichtigen Rohstoffe und natürlich auch die Treib- und Brennstoffe der staatlichen Bewirtschaftung unterstellt. Mit diesen Fragen hatte sich aber die Gemeindeverwaltung nicht zu befassen, da hierfür die Kantonale Zentralstelle für Kriegswirtschaft in der Stadt zuständig war. Wegen der Knappheit an Brennstoffen gab es auch zahlreiche Einschränkungen im Schulbetrieb. So wurde das Schuljahr 1941 /42 bereits am 20. Februar abgeschlossen. Für den darauffolgenden Winter wurde in den Schulen dann neu der Halbtagsunterricht eingeführt mit maximal 5 Stunden täglich. Auf diese Weise konnten zwei Schulen in einem Schulhaus untergebracht werden, so dass man, um Heizmaterial zu sparen, die Hälfte aller Schulhäuser schliessen konnte. In Riehen mussten, wie aus Unterlagen hervorgeht, die Schüler vom Erlensträsschen ins Schulhaus Burgstrasse gehen.

Natürlich wurden auch die verschiedensten Altmaterialien gesammelt, j a sogar Knochen. Im Jahre 1943 fasste der Gemeinderat den Beschluss, dass diese Sammlung wieder durch die Kantonale Zentralstelle für Kriegswirtschaft durchgeführt werden sollte, nachdem der landwirtschaftliche Verein, der Organisator dieser Sammlung, mitgeteilt ha,tte, dass er sein Magazin wegen der üblen Ausdünstungen des gesammelten Materials nicht mehr zur Verfügung stellen könne. Die Tatsache, dass der Gemeinderat ein Gesuch an die Sektion für Kraft und Wärme des Kriegsindustrie- und Arbeitsamtes in Bern machen musste, um 100 1 Benzin und Petrol für den Betrieb der Trottoirwalze, des Rasenmähers auf der Grendelmatte und als Notbeleuchtung zu erhalten, zeigt, wie schwierig die Lage war.

Als in den ersten Monaten des Jahres 1945 die Gasrationierung verschärft wurde, organisierte der Gemeinderat eine Gemeinschaftsverpflegung, bei der man täglich im Dorf und im Niederholz für 35 Rappen und einen halben Mahlzeitencoupon rund 7 dl nahrhafte Suppe beziehen konnte. Das Interesse an dieser Gemeinschaftsverpflegung war aber nicht sehr gross und nur 50 bis 100 Personen bezogen dafür Abonnemente, so dass diese Aktion nach zwei Monaten wieder eingestellt wurde.

Staatsfeindliche Umtriebe
Nach Auffassung der deutschen Regierungsstellen sollte das Leben der Reichsdeutschen im Ausland ausschliesslich durch die NSDAP (Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei) bestimmt werden. In Basel lebten damals mehrere tausend Deutsche, wovon etliche auch in Riehen.

Mit dem Ausbruch des Krieges und den Erfolgen der deutschen Wehrmacht wuchs dann das deutsche Nationalgefühl zusehends. Dies machte sich bald in einer Zunahme der den nationalsozialistischen Organisationen angeschlossenen Mitglieder in unserem Kanton bemerkbar, stieg diese Zahl doch von wenigen hundert vor dem Krieg bis 1941 auf etwa 4000 an. An den verschiedensten Veranstaltungen wie Vorträgen, Diskussionen, musikalischen Darbietungen, Feiern usw. wurde nationalsozialistisches Gedankengut verbreitet.

Die Indoktrination der deutschen Bevölkerung im Kanton, also eines Teiles der Gesamtbevölkerung, bot zwar eine gewisse Gefahr, doch hatte sich schon in der Vorkriegszeit gezeigt, dass die Basler in ihrer grossen Mehrheit dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden und diese Haltung auch in den Kriegs)ahren beibehielten. Es bestand aber die Gefahr, dass diese deutschen Organisationen dennoch im Untergrund wühlen konnten und bei einem überfall der Wehrmacht auf unser Land für die verschiedensten Sabotagehandlungen hätten eingesetzt werden können, wie dies in andern Staaten der Fall war. Vor allem war auch die Spionage recht gross. Eine gute Ausgangsbasis dazu boten die Anlagen der Deutschen Reichsbahn mit dem weiträumigen Gelände des Badischen Bahnhofs und den über Riehener Gebiet führenden Bahnlinien nach Grenzach und Lörrach.

Der Bericht des Regierungsrates über die staatsfeindlichen Umtriebe im Kanton Basel-Stadt aus dem Jahre 1946 nennt zahlreiche Namen von Deutschen, die Spionage zuungunsten der Schweiz betrieben haben. Einige von ihnen wohnten auch in Riehen. Sie wurden gerichtlich verurteilt und nach dem Krieg ausgewiesen. Andererseits gab es auch etliche Schweizer, die gegen ihr eigenes Vaterland Spionage trieben. Auch hier wurden viele ertappt, zum Teil mit Gefängnis bestraft, zum Teil hingerichtet. Andere Schweizer sympathisierten einfach mit dem Nationalsozialismus und waren Mitglieder entsprechender schweizerischer deutschfreundlicher Organisationen. Wieder andere Schweizer wollten selbst für die Idee der Nationalsozialisten kämpfen und versuchten, durch illegalen Grenzübertritt, vor allem über Riehener Gebiet nach Deutschland zu gelangen. Sie wurden dort in die Waffen-SS eingegliedert oder bei Untauglichkeit dem Arbeitsdienst zugewiesen.

Der Chronik des Zollpostens Lörracherstrasse ist zu entnehmen, dass im Juli 1942 die Ausreise von Schweizern nach Deutschland besonders gross gewesen sein soll.

Verglichen mit der Bevölkerung kriegsführender Nationen sind wir Schweizer und mit ihnen wir Riehener noch glücklich durch die Kriegsjahre gekommen. Die Lage unseres Dorfes an der Grenze bewirkte, dass wir die nationalsozialistischen Aktivitäten im Nachbarland aus besonderer Nähe erlebten, was natürlich eine grosse psychische Belastung mit sich brachte. Ebenso bedrückend in der schweren Zeit, besonders im Frühjahr 1940, war die rechtsrheinische Lage unserer Gemeinde, welche die Furcht auslöste, dass man bei einer allfälligen Sprengung der Basler Rheinbrücken im Falle einer akuten Gefahr völlig von der Schweiz abgeschnitten wäre. Daneben gab es natürlich viele persönliche Entbehrungen, vor allem auch auf familiärem und beruflichem Gebiet, die der Einzelne durch die langen Militärdienstleistungen in Kauf nehmen musste. Gerade die jüngeren, im Auszug eingeteilten Jahrgänge waren davon besonders betroffen, betrug doch die durchschnittliche Aktivdienstzeit in diesen Fällen beinahe zwei Jahre.

Mit allen zu treffenden Massnahmen auf dem Gebiet der militärischen, wirtschaftlichen und geistigen Landesverteidigung waren auch die Gemeindebehörden stark engagiert. Dennoch fanden sie, vor allem in der zweiten Kriegshälfte auch Zeit, sich mit der Zukunft zu befassen. So wurde damals die Planung der Dorfkerngestaltung ausgearbeitet, deren schöne Lösung uns noch heute zugute kommt.

Quellen: Gemeindearchiv Riehen; Staatsarchiv Basel-Stadt; Riehener Zeitung; Gränzbsetzig 1940 (Erinnerungsheft Detachement Riehen), Basel 1940; Chronik Zollposten Riehen; Grieder Fritz: Basel im zweiten Weltkrieg, Basel 1957; Bonjour Edgar: Geschichte der schweizerischen Neutralität, Bd. IV, Basel 1970; Bericht des Regierungsrates über die Abwehr staatsfeindlicher Umtriebe in den Vorkriegs- und Kriegsjahren, Basel 1946.

Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg in Riehener Jahrbüchern:
1967: Niggi Basler: Riehener Schmuggel- u. Grenzgeschichten, S. 75-85
1968: E. St.-K.: «Riehener» Kirschen 1945, S. 79-80
1969: Niggi Basler: Auf Schmugglerpfaden zur Eisernen Hand, S. 105 f.
1970: Walter Haebler: Der blinde Hausvater und der französische Offizier, S. 72-75
1977: Otto Laurin: Der Gross Elmer, S. 34-44
1978: Rolf Soiron: Schweizerkreuz und Christenkreuz, S. 29-45
1979: Hans Derendingen Mein letzter Feldzug, S. 105-109.

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