1985

Die Familie Fischer von Riehen

Michael Raith

Der Familienname Fischer ist eindeutig aus einer Berufsbezeichnung gewachsen. Und da es fast an allen Orten Fischer gab, ist die Zahl der - untereinander kaum verwandten - Geschlechter dieses Namens enorm gross. Vergleichbare Entwicklungen zeigen die Sippenbezeichnungen Müller, Schneider, Schmid, Beck oder Metzger. Vorab in ländlichen Gebieten sind aber bis ins 19. Jahrhundert alle diese Handwerker zur Hauptsache Bauern: Der unterschiedliche Nebenerwerb diente als Charakteristikum und wurde so zum erblichen Personenkennzeichen. In Riehen erscheinen 1382 Katharina Vischer: Sie besass von ihren Vorfahren erblehenweise die Fischenz (das Fischereirecht), was diesen wohl zur Familienbezeichnung verholfen hatte, dann 1396 Wernli Fischer, ein Bauer, und um 1400 Heini Fischer, ein Höriger des Bischofs von Basel. Die Bildung der Geschlechternamen dürfte auf den Dörfern vor allem im 14. Jahrhundert erfolgt sein; Fischer ist damit einer der ältesten für Riehen überlieferten. Die Dorfbäche, die Wiese mit ihren vielen Armen und nicht zuletzt der Rhein boten einem Fischer Auskommen, auch Angehörige anderer Familien haben sich dem Metier gewidmet, und noch 1847 wurde ein vollberuflicher Angler in der Riehener Berufsstatistik ausdrücklich erwähnt.

Leider kann aber der Stammbaum der alten Riehener Bauernfamilie Fischer nicht direkt auf das Jahr 1382 zurückgeführt werden. Die Personenstandsregister - im vorliegenden Fall das Taufbuch der reformierten Kirchgemeinde - beginnen erst 1568. Schon die ersten Seiten enthalten Eintragungen über verschiedene Träger des Namens Fischer, sie scheinen jedoch nicht in jedem Fall zusammenzugehören. Von einem Hans Fischer heisst es, er stamme aus Königsfelden. Ab 1571 wird seine Heimat dann doch Riehen genannt. Seine Nachkommenschaft verliert sich nach zwei Generationen. Er steht für viele nur vorübergehend in Riehen feststellbare Fischer-Familien. Manchmal verbanden sich diese mit alten Dorfsippen. Mit dem noch heute blühenden Geschlecht haben sie jedoch nichts zu tun.

Schon 1568 sind im erwähnten Register die Fischer von Bettingen verzeichnet. Eine Urkunde nennt sie in diesem Dorf schon 1511, eine ältere von 1391 kennt die Familie noch nicht. In Grenzach, dem alten Bettinger Kirchort, sind die Fischer ebenfalls schon im 16. Jahrhundert verbürgert. Während dieser Zeit tauchen sie merkwürdigerweise in Riehen nicht als Hauseigentümer auf, überhaupt fehlt in den konsultierten Akten (es gibt allerdings auch andere) von 1396 bis 1568 jede Nennung. Da Wanderungen von Bettingen nach Riehen damals häufig und die Unterschiede der Einwohnerzahlen zwischen beiden Gemeinden geringer als später waren, vielleicht sogar ein gemeinsames Bürgerrecht bestand, kann die Vermutung, die Riehener Fischer seien zunächst aus Bettingen gekommen, nicht von der Hand gewiesen werden. Ein Nachweis ist allerdings nicht zu erbringen.

Die Bettinger Fischer starben 1705 im Mannesstamm aus. In Riehen traten 1585 Anton Fischer («Thönge Vischer») und 1586 Niclaus Fischer auf. Es fällt auf, dass beide in unter sich verwandte reiche Dorffamilien hineinheiraten und ihren Kindern gleiche Namen gaben: vielleicht waren Anton und Niclaus Brüder. Zur gleichen Zeit wirkt in Grenzach ein Vogt Anton Fischer («Döny Vischer», erwähnt seit 1594, J1610), was als möglicher Hinweis auf die Herkunft gedeutet werden kann. Niclaus erkor in zweiter Ehe die Untervogtstochter Anna Weist (*1570) zu seiner Frau und wurde Geschworener, sein Sohn erster Ehe Simon (1586 bis ca. 1615) feierte mit Christina Weist (1589-1632/4), der Schwester seiner Stiefmutter, Hochzeit. Jacob Fischer (*1608), ein weiterer Sohn, ehelichte Chrischona Weinmann (* 1613), die Tochter des Riehener Weibels. Mit Samuel (1758-1821) erlosch die Fischer-Nachkommenschaft von Niclaus, während sie in anderen alten Familien weiterlebt.

Die Riehener Fischer-Sippe
Anton Fischer (ca. 1560-1591/2), der Begründer der heutigen Bauernfamilie, wählte die vermutlich auch aus einer Untervogtsfamilie stammende Barbara Fuchs (1570 bis ca. 1607) zu seiner zweiten Frau. Niclaus Fischer (1591 — 1632/3), einziges Kind aus dieser Ehe, wurde Metzger und verband sich erst mit der Metzgerstochter Barbara Ruf (1598-1628/9) und darauf mit Salomea Müller (16051671). Diese Salomea war keine Geringere als die Tochter des noch heute durch ein Epitaph in der Dorfkirche verewigten Pfarrers Johannes Müller (1561-1631). Pfarrer in der Landschaft Basel konnte damals nur ein Stadtbürger werden, auch Müller war ein solcher. Ehen zwischen Baslern und Riehenern galten als Mesalliancen und kamen selten vor. Ob bei Niclaus Fischer und Salomea Müller die Liebe oder das Geld entschied, wissen wir nicht. Immerhin scheint der Pfarrer volkstümlich gewesen zu sein, stand er doch 88 mal einem Riehener Kind Gevatter, eine Tradition übrigens, die seine Tochter fortsetzte: Sie war von 1621 bis 1631 31 mal Patin. Müller engagierte sich auch nachhaltig für die Riehener Schule und erhielt von der Gemeinde auf seiner Grabtafel folgenden Denkvers:

Hiehar hat die Christliehe Gmein Begraben Neben Seins Weibs gbein Ihr Seelen-hirten Lebens satt, Der sie trewlich geweidet hat, Herr M. Johann Müller fromm Der das heilig Evangelium Allhie zu Riehen auff dem Land, Dahin er brüfft ward und gesand, Verkündet hat mit ernst und fleiss Ins vierzigst Jahr zu Gottes preis, Und zu der Menschen saligkeit, Desshalben Ihm jetzt ist bereit Auffgsetzt die Krön der Gerechtigkeit, Von unserem Herren Jesu Christ, Dem er gedient zu aller frist: Und ihm sein Seel in seine händ Befohlen biss ins letste end Der sie auch endlich auffgenommen, Da er auffs siebenzgst Jahr ist kommen.

Johannes Müller hatte den aus Auggen stammenden Pfarrer Eusebius Merz (1548-1616) zum Schwiegervater und Appolonia Merz-Ryff (1548-1611) zur Schwiegermutter, eine Schwester des berühmten Basler Kaufmanns, Politikers und Chronisten Andreas Ryff (1550-1603). Der Vater von Andreas, Theobald Ryff (1516-1586), diente erst als Landsknecht im Schmalkaldischen Krieg, war dann Hofschneider und Kämmerer eines Rheingrafen zu Daun, endlich Tuchhändler und Färber sowie Mitglied des Stadtgerichts in Basel. Diese bemerkenswerten Leute sind fast mit allen Deszendenten alter Riehener Familien verwandt. Interessanterweise führen die Anfänge der Ryff wieder nach Riehen zurück: Zwar stammt die Familie aus Ruffach im Elsass, doch wirkte Andreas, der Vater von Theobald Ryff, von 1516 bis zu seinem Tod 1522 / 3 als Schaffner des Klosters Wettingen im später Landvogtei geheissenen Riehener Verwaltungssitz.

Kehren wir zu Salomea Fischer-Müller zurück: Sie ging nach dem Tod ihres ersten Mannes 1634 in Liestal eine zweite Ehe mit dem dortigen Wirt und Basler Bürger Samuel Merian (1605-1671) ein. Solche Mehrfachheiraten waren typisch für die Zeit und trugen auch Versorgungscharakter. Es ist darüber spekuliert worden, ob diese sukzessive Polygamie die Unfähigkeit eines Teiles schon früherer Generationen zu lebenslänglicher Partnerschaft verdeckt hat. Für den vorliegenden Aufsatz mag die Frage auf sich beruhen bleiben.

Salome (1624-1648/9), Tochter aus der Ehe FischerRuf, heiratete den Weibel und späteren Untervogt Simon Hauswirth (1617-1675), ihr Halbbruder Johannes (*1632) aus der Ehe Fischer-Müller die Ochsenwirtstochter Maria Fuchs (*1631) aus der uns schon bekannten Familie. Sie brachte ihrem Mann die Liegenschaft Rössligasse 26 ein. Zwei Söhne von Johannes und Maria Fischer-Fuchs setzten die Familie fort: Johannes Fischer-Schmid (16551726) und Niclaus Fischer-Mettler (1666-1709). Die den Namen Fischer tragenden Nachkommen des Niclaus starben 1864 aus, psychische Gebrechen hatten einzelne Angehörige dieses Zweiges belastet: Von Einfältigkeit, Verwirrung und einem Suizid in den Wiesenfluten - die unglückliche Anna Maria Fischer (1756-1785) wurde deswegen «allhier in der Stille des Nachts begraben» - berichten die Akten.

Johannes Fischer-Schmid erhielt von zwei Söhnen Enkel: Der erste, ebenfalls Johannes (1688—1754) genannt, heiratete die reiche Magdalena Seidenmann (1702-1733), und war Vater des Johannes Fischer-Eger (1723-1804): dieser diente der Gemeinde als Geschworener, Fürsprech und Vormund, hatte aber keine ihn überlebenden Kinder, auch wurde er 1790 blind und übelhörig. Der zweite Sohn von Johannes Fischer-Schmid, Niclaus Fischer-Hauswirth (1694-1762), bekleidete die ämter eines Gerichtsredners, Richters und Gescheidmitglieds. Er hatte Claus FischerGöttin (1722-1793) zum Sohn, dem Johannes ( =Hans) Fischer-Wenk (1749-1829) folgte. Johannes Fischer und seine Frau Magdalena Wenk (1747-1832), von ihrer Mutter her eine Seidenmann-Erbin, sind wohl die Bauherren des Fischerhauses an der Baselstrasse 24, jedenfalls haben sie sich am Stall mit den Initialen «HF MW 1789» verewigt.

Dieser Johannes wirkte als Landwirt, Gescheidsmitglied, Bannbruder, Richter, Einzüger öffentlicher Abgaben und Gemeinderat. Fünf seiner Kinder heirateten: Anna Maria (1773-1846) den Brückli-Müller und späteren Gemeinderat Johannes Wenk (1767-1812), Magdalena (1775-1851) den Beck und späteren Gemeinderat Friedrich Stump (1773-1835), Nikiaus (1782-1864), ein Landwirt, die aus Sumiswald BE stammende Anna Magdalena Schütz (1805-1866), Johannes (1786-1855) die Riehenerin Anna Magdalena Eger (1803-1843) und Hans Jakob (1787-1861) die ebenfalls in Riehen beheimatete Anna Schultheiss (1793-1866).

Wesentlich mehr als Namen und Daten haben sich hier nicht überliefert. Johannes Fischer-Eger (siehe auch Seite 21 ff.) erwarb auch durch seine Ehe viel Land und bewohnte den Hof Baselstrasse 24. Seine Kinder wurden zum Teil recht alt, so Anna Magdalena (1822-1902), Johannes (1824-1905), ein Mitbegründer des CVJM, und Anna (1830-1901), verheiratet mit Johannes Singeisen. Hans Jakob Fischer-Schultheiss hatte einen Sohn - Johann Jakob Fischer-Stump (1820-1886), Landwirt an der Wendelinsgasse und Mitglied des Gescheids - und eine Tochter: Anna Magdalena Fischer (1826-1892).

Der heute blühende Zweig der Familie geht auf Nikiaus Fischer-Schütz zurück. Der älteste Sohn, ebenfalls ein Nikiaus Fischer (1835-1883), starb jung, sein Sohn - Nicolaus Fischer-Schöni ( 1864-1953), ein Kaufmann - zog von Riehen fort und bürgerte sich 1904 in Basel ein. Männliche Nachkommen sind nicht vorhanden. Ebenfalls ohne überlebende Kinder - das Töchterchen mit dem auffälligen Namen Hulda Frieda Caesarea Fischer (1886) wurde nur zwei Monate alt - verstarb Johannes Fischer-Mehlin (18371921), Landwirt an der Schützengasse 8 in Riehen, ebenso sein taubstummer Bruder Johann Jakob Fischer (18391925). Von den Schwestern heiratete die jüngste den Land mann Johannes Stump (1833-1894) und die älteste Magdalena (1834-1866) - hinterliess bei ihrem frühen Tod ein damals knapp siebenjähriges Büblein: Wilhelm (1859-1906). Er wurde Landwirt, übernahm den Hof an der Baselstrasse 24 und starb ebenfalls früh. Seine Frau Anna Fischer-Sulzer (1864-1934) zählte sich zum Kreis der erweckten Riehener Gemeinschaft. Ihre Kinder Hans, Ernst und Anna wurden durch diesen Geist geprägt: Hans Fischer-Schultheiss (1889-1967) bewirtschaftete den Hof an der Baselstrasse weiter, er wirkte bei der Gründung des CVJM-Posaunenchores (1913) und dem Bau des Vereinshauses am Erlensträsschen (1914) tatkräftig mit. Als sich die Schweizer Bauernschaft nach dem Ersten Weltkrieg zur selbständigen politischen Kraft entwickelte, war Hans Fischer auf kantonaler Ebene ihr bekanntester Vertreter. Die Liste der von ihm ausgeübten öffentlichen Amter ist lang: Mitglied des Grossen Rates, Mitglied, Statthalter und Präsident des Weiteren Gemeinderates, Präsident der Inspektion der Schulen von Riehen und Bettingen, Kommandant der Riehener Feuerwehr etc. Hans Adolf Vögelin hat in «Riehen - Geschichte eines Dorfes» (1972) vom aus ungeschickter Gutmütigkeit begangenen Lapsus Hans Fischers berichtet ( S. 3 61 ). Der Angegriffene zog sich aus der Politik zurück. Seine markante Bauerngestalt inspi rierte Künstler: Jean-Jacques Lüscher (1884-1955) malte ihn und seine Angehörigen im Wandbild «Ernte» in der Alten Kanzlei und Otto Roos (1887-1945) meisselte den Charakterkopf in ein Säulenkapitell des Basler Kunstmuseums (siehe Jahrbuch z'Rieche 1965, S. 16).

Ernst Fischer-Gerster (1891-1943), der Bruder von Hans, bewirtschaftete den Hof Baselstrasse 67. Als «Stiller im Lande» tat er viel Gutes. Seine Freizeit stellte er dem Brüderrat der Freien Evangelischen Gemeinschaft, dem CVJM, dem Kirchenvorstand der Reformierten Kirchgemeinde und dem Einzelrichteramt zur Verfügung. Trotz seines schon lange zurückliegenden tragischen Unfalltodes berichten noch heute manche von der eindrucksvollen Glaubensstärke Ernst Fischers. Seine Schwester Anna Fischer (1895-1972) erteilte treu während vieler Jahre Sonntagsschule.

Von den heute noch lebenden Angehörigen der Familie seien nur kurz die Inhaber öffentlicher Amter erwähnt: Hans Fischer junior (*1922), Sohn von Hans FischerSchultheiss, verlegte den Bauernbetrieb von der Baselstrasse an den Leimgrubenweg und gehörte von 1970 bis 1974 dem Weiteren Gemeinderat an, während seine Frau Hedwig Fischer-Zellweger (*1923) von 1966 bis 1972 Mitglied des Reformierten Kirchenvorstandes war. Willi Fischer-Pachlatko (*1949), der älteste Sohn, ist seit 1976 Leiter des Landpfrundhauses und seit 1979 Mitglied des Weiteren Gemeinderates.

Die Familie Fischer umfasste - im Gegensatz zu den Wenk oder Schultheiss - nie viele Mitglieder, auch bekleideten ihre Vertreter selten höchste Dorfämter. Die bis in die Gegenwart reichende Treue zur Scholle und zur politischen Mitverantwortung beeindrucken durch ihre Kontinuität. Auch die über Generationen zu beobachtende Verbundenheit mit dem evangelischen Glauben charakterisiert die Sippe. Blicken wir weiter zurück, so erfahren wir über die Angehörigen, wie das leider die Regel bildet, fast nur Fakten: Lebensdaten, Liegenschaftsbesitz, ämter. Das birgt die Gefahr in sich, dass Familiengeschichten wie Telefonbücher anmuten. Aber auch ein Telefonbuch kann seinen Reiz besitzen. Oft befriedigt es allerlei Neugierden. Privatsphären sind hier wie dort zu schützen. Aber wie beim Telefon-, so beim Jahrbuch: die Nennung von Namen kann Erinnerungen wecken und zum guten Gespräch einladen.

Der Verfasser dankt dem Bearbeiter des Historischen Grundbuchs Riehen, Herrn Fritz Lehmann, für bereitwillig erteilte Auskünfte.

Aus Platzgründen wird von einer Publikation der verwendeten Literatur und Archivalien abgesehen.

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