1985

Autoren aus Riehen: Urs Widmer

Valentin Herzog

Es gibt eine ganze Anzahl Schriftsteller, deren Name eng mit Riehen verbunden ist, sei es, dass sie hier aufgewachsen sind, heute hier wohnen oder entscheidende Jahre ihres Lebens in Riehen verbracht haben. Das Riehener Jahrbuch möchte in den nächsten Jahren in loser Folge diese Autoren vorstellen, vom jungen, noch unbekannten Schreiber bis zum international anerkannten Schriftsteller. Den Anfang soll der wohl bekannteste unter ihnen machen, Urs Widmer, der in Riehen seine Jugendzeit verbrachte. Valentin Herzog, Vorsitzender der Literaturinitiative ARENA, stellt ihn und sein Werk vor. 
Red.

Ich bin Urs Widmer nur ein paarmal begegnet, meist an literarischen Anlässen; wenn ich aber an ihn denke, sehe ich ihn unwillkürlich an einem Wirtshaustisch sitzen, z.B. im Warteck an der Baselstrasse; er dreht das Bierglas in der Hand, schweigt, hört zu, beobachtet mit flinkem Blick. Mit seiner schlotternden Strickjacke, dem gemütlichen Schnauz und der wilden Haarmähne könnte man ihn am ehesten für einen leicht exzentrischen Gärtner halten, allenfalls für einen Rheinschiffer auf Heimaturlaub. Den Dr. phil. (er hat über deutsche Nachkriegsliteratur promoviert) sieht man ihm jedenfalls nicht an - den prominenten Autor von über einem Dutzend Büchern noch viel weniger. Man muss ihn schon ein klein wenig herausfordern, seinen - zumindest in fremder Umgebung spürbaren - Hang zur Einsilbigkeit durchbrechen, bis sein Gesicht ganz wach wird, bis sein Wortwitz anfängt zu funkeln. Zwar gehört Urs Widmer nicht zu jener ebenso amüsanten wie anstrengenden Gattung von Menschen, die für eine gelungene Pointe kaltlächelnd ihre Seligkeit verkaufen würden - dazu ist er wahrscheinlich sich selbst gegenüber viel zu skeptisch - und ausserdem hat er's nicht nötig; doch die Lust am Umgang mit der Sprache, am drastischen Bild, am geschliffenen Ausdruck und an der überraschenden Wendung prägt seine Redeweise. Und sie prägt vor allem natürlich auch seine Bücher, seine Romane, Erzählungen und Theaterstücke.

Was bei der - stets genussreichen - Lektüre Urs Widmers immer wieder auffällt, das ist die Perfektion, mit der er die verschiedensten Sprachebenen beherrscht: Vom mythischen Raunen wechselt er blitzartig in eiskalten Technologie-Slang; Kinderbuchton kann sich mit vaterländischem Jargon und Abenteuerstil mischen: «Einmal stand Babar bei Wind und Wetter mit entsichertem Gewehr am Rhein, da hörte er ein leises Plätschern. Babar hat tausend Diensttage, aber da hat ihm das Herz doch ein bisschen geklopft, als da möglicherweise der Adolf gekommen ist.» («Das Normale und die Sehnsucht»).

Solch wohlkalkulierte Lockerheit im Umgang mit der Sprache entwickelt sich nicht erst am Schreibtisch. Urs Widmer, Sohn des bekannten übersetzers (Balzac u.a.) und Französisch-Pädagogen («Pas à pas») Walter Widmer, muss in einer sprachlich sehr anregenden Atmosphäre aufgewachsen sein - und überdies in einer Familie, wo die Wort-Neugier des Kindes nicht durch elitäre Verbote verkrüppelt wurde, wo man ihm freie Wahl liess zwischen Schiller und «Globi».

1948 war die Familie Widmer mit dem zehnjährigen Urs nach Riehen gezogen, zuerst an die Bettingerstrasse, dann in das grosse alte Haus an der Wenkenstrasse 46 - es dürfte damals schon im Schatten mächtiger Bäume gestanden sein, auch wenn es wohl noch nicht ganz so märchenschlossartig eingewachsen war wie heute. Von hier aus besuchte Urs Widmer das Realgymnasium, wo auch sein Vater unterrichtete, was für den Jungen «zeitweise schlimmer war, als wenn er Polizist gewesen wäre». Nach dem schulischen «Alptraum mit einigen Sonnenstrahlen» bezog Wid mer das Dachgeschoss des Elternhauses, studierte Germanistik und Romanistik, lebte zwischendurch zwei Jahre in Frankreich. Erst 1967 aber kehrte der fast Dreissigjährige Riehen endgültig den Rücken, heiratete und nahm in Frankfurt eine Stelle als Lektor beim Suhrkamp Verlag an. Wenig später etablierte er sich in der Main-Metropole als freier Schriftsteller.

Als ich den damals schon recht bekannt gewordenen Autor am 7. Dezember 1973 im Literarischen Forum kennenlernte, notierte ich mir: «Dr. Urs Widmer, hemdsärmlig, Strickjacke, wuchtiger Kopf, flankiert von einer zarten älteren Dame, die an ihrem Weinglas nippt und erzählt, wie ihr Ursli früher am liebsten mit einer Puppenstube und einer Schachtel voll Zwerge gespielt habe, welche schliesslich das ganze Puppenhaus bevölkert hätten...» Diese kindliche, wenn auch für einen Jungen jener Jahre vielleicht etwas ungewöhnliche Spielerei (der Psychologe würde von Realitätsflucht sprechen) wäre nicht weiter erwähnenswert, hätte Urs Widmer nicht seine Vorliebe für skurrile Phantasiewelten schliesslich zu seinem Beruf gemacht: Der Schriftsteller versetzt sich und seine Leser gerne in Handlungsabläufe, in denen Wirklichkeitsfragmente und Phantasien, Fiktionen und Clichés hektisch durcheinanderwirbeln; im Gegensatz zur naiven Puppen- und Zwergenspielerei übernehmen Widmers Texte allerdings eine konkrete und wichtige Aufgabe: nämlich (Zerr-)Spiegel der Realität zu sein, dem Leser Vertrautes in un vertrauter Weise zu zeigen und ihn so zu notwendiger Auseinandersetzung mit scheinbar Selbstverständlichem zu zwingen.

Urs Widmer bedient sich dabei einer eigenen Technik: In die Spiegel-Welt seiner Texte baut er Bruchstücke bereits vorgefundener, mehr oder weniger literarisch vorgeprägter Fiktionen ein. Ganz ähnlich wie er einst das Puppenhaus mit den gar nicht dahingehörenden Zwergen bevölkerte, durchsetzt er heute seine Erzählungen und Stücke mit Situationen und Figuren aus Wildwestromanen, Abenteuerund Expeditionsberichten, aus Detektivgeschichten, Science-Fiction-Büchern - kurz aus dem ganzen Bereich der Trivialmythen unserer Zeit.

In dem Stück «Die lange Nacht der Detektive» ( Uraufführung: Basel, 1973) sieht das beispielsweise so aus, dass Dr. Watson, Maigret, Jerry Cotton und andere sich zu Sherlock Holmes' achtzigstem (!) Geburtstag in einem turbulent-melancholischen Verwirrspiel treffen. In «Nepal» dagegen - letzte Saison sehr eindrucksvoll mit Walo und Daniel Lüönd in der Basler Komödie zu sehen - schaffen sich zwei Stadtstreicher in einem Lagerschuppen voll von theatralischen Requisiten ihre eigene Welt aus dumpfen ängsten, blühender Sehnsucht und verqueren Vorstellungen: «In Amerika gitts jetzt Theater, die probe gar keini Schtügg me. Die schpritze jedem Zueschauer eifach 20 Gramm Heroin iine, und jede luegt sich si eige Schtügg aa.»

Urs Widmers vielleicht bekanntestes Buch sind die «Schweizer Geschichten» (1975). Vorwiegend im Luftballon reisen drei Personen durch die Schweiz, erleben groteske Abenteuer und lassen immer wieder die Clichés zusammenprallen - die ausländischen über die Schweiz und die schweizerischen über die Ausländer. Mit der gespielten Naivität eines 19.-Jahrhundert-Ethnologen erforscht und reponiert der Ich-Erzähler die Banal-Mythen des Alpenlandes von der Basler Fasnachts-Seligkeit bis zum Whymper-Kult in Zermatt, von den Liebesbräuchen im Emmental bis zur Morgarten-Tradition. Dabei entschleiert er wahrscheinlich mehr von der psychologischen Befindlichkeit der Schweizer Gesellschaft, als ganze Stapel von zeitkritischen Leitartikeln es zu tun vermöchten.

Urs Widmers vorletztes Buch, «Die gestohlene Schöpfung» (1984), kombiniert Elemente eines hochaktuellen Computer-Krimis mit phantasievoll erfundenen «indianischen» Schöpfungsmythen und einer tränenschweren Liebesgeschichte zu einem brillanten Märchen über das gestörte Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit.

Auf zwei weitere Bücher sei am Rande verwiesen: «Das Normale und die Sehnsucht. Essays und Geschichten» (1972) dürfte der beste Einstieg in die literarische Welt Urs Widmers sein. In diesem Buch stehen Sätze, die, wenn man sie einmal gelesen hat, nie mehr aus dem Kopf herauswollen: «Das also ist Amerika. Da komme ich daher in meinem blauen Bauernkittel. Der Bahnhof von Amerika ist riesengross, und die Kugeln pfeifen mir um den Kopf.» Ein literarischer Leckerbissen ganz eigener Art sind «Shakespeare's Geschichten» (1978). Urs Widmer und Walter E. Richartz haben darin den ganzen Shakespeare in eine Folge turbulent witziger, geistreich verfremdeter Slapstick-Texte verwandelt, die dem heutigen Leser wahrscheinlich ungefähr das vermitteln, was Shakespeare seinen Zeitgenossen bieten wollte und musste: Sensationen und Vergnügen mit ein paar gedanklichen Widerhaken.

Ende 1984 ist Urs Widmer von Frankfurt nach Zürich gezogen. Eine Rückkehr nach Riehen, meint er im Gespräch, sei für ihn nicht in Betracht gekommen - «das wäre absurd gewesen, all diese alten Wege wieder aufzunehmen. Man braucht doch so etwas wie Herausforderung, einen Rest von Neuem.» Dass er dennoch «ab und zu» nach Riehen kommt, hängt meist damit zusammen, dass seine Mutter hier lebt, und von Zeit zu Zeit auch damit, dass die Literaturinitiative ARENA ihn zu einer Lesung einlädt: «Das ist dann immer ein besonderer Besuch, das kann keine Routine sein. Einerseits hoffe ich, Freunde hier zu treffen, und es kommen ja immer auch ein paar; andrerseits werde ich hier von latenten ängsten geplagt: Ich schaue ins Publikum und sehe da ältere Damen und Herren und denke, vielleicht bin ich mit denen in die Schule gegangen, und jetzt erkenne ich sie nicht mehr. Riehen ist ein Ort, der mich aufs eigene Alter aufmerksam macht.»

Trotz dieser gefühlsmässigen Gespaltenheit hat Urs Widmer für Riehen einen seiner einfallsreichsten und witzigsten Texte geschrieben. Und das kam so: Im Sommer 1984 vergab die ARENA an einige bekannte Autoren den Werkauftrag, das Thema «Insel Schweiz» literarisch zu behandeln. Urs Widmer nahm die Metapher beim Wort und verfasste eine Rede an die «lieben Bürger von Riehen»: «Dabei wäre eine Insel, eine wirkliche Insel, die die Schweiz hiesse und die Schweiz wäre, etwas durchaus Reizvolles, nicht wahr? Gerade Sie hier in Riehen hätten viel davon (mehr jedenfalls als die Bewohner von Göschenen). Sie lebten am äussersten Ende des in ein blaues Meer hinausreichenden Landzeigefingers; er wäre, zusammen mit dem Kap von Chiasso, eine der reizvollsten Gegenden der Schweiz. Mit nacktem Hintern sässen Sie auf glühenden Ufersteinen, denn wenn schon denn schon, nicht wahr, eine kalte Nordseeinsel soll unsere Schweiz nicht sein. Ich kenne Helgoland nicht, wer aber Helgoland kennt, weiss, was ich meine. Delphine springen aus den tiefen Wassern, und vielleicht haben Sie dort, wo das Zollamt steht, so etwas wie einen dorischen Tempel hingebaut. Säulen würden sich dort jedenfalls gut machen. überhaupt stelle ich mir Ihre Gestade voller Lavendel vor, mit blühenden Oleandern und Olivenbäumen, zwischen denen Ihre Ziegen weiden. (...) Ja gerade eben noch waren wir Binnenländer und mussten zähneknirschend die Spötteleien der Wasservölker anhören; und jetzt... rudern die Tüchtigsten von uns mit ihren Gummibooten ins Meer hinaus und schleppen die Netze hinter sich her, mit denen sie im Jahr zuvor noch die Kirschen vor den Spatzen beschützt hatten; nun zappeln Makrelen darin.»

Dass Urs Widmer sich nicht damit begnügt, die Schweiz einfach zur Insel werden zu lassen, versteht sich; doch sei das Weitere hier nicht verraten; der ganze Text wird in einer vorläufig auf 1987 geplanten ARENA-Anthologie erscheinen. Und mit etwas Glück wird dies dann ein Anlass sein, Urs Widmer wieder einmal öffentlich in seiner alten Heimat zu begrüssen.

Neben den im Text erwähnten Werken liegen von Urs Widmer folgende Bücher vor (alle bei Diogenes): Alois, Erzählung - Die Amsel im Regen im Garten, Erzählung - Die Forschungsreise, ein Abenteuerroman - Die gelben Männer, Roman - Ziist oder die Aufschneider, ein Traumspiel in hoch- und schweizerdeutscher Fassung - Vom Fenster meines Hauses aus, Prosa - Das enge Land, Roman (dasjenige unter Urs Widmers Büchern, dem der Autor selbst mehr Beachtung wünschen möchte, als ihm bisher zuteil geworden ist) - Liebesnacht, Erzählung.

1985 ist die Erzählung Indianersommer erschienen. Sie handelt von fünf Malern und einem Schriftsteller, die das menschenfressende Grossstadtleben nicht mehr ertragen. («Nie hatte einer eine Ahnung, welche Jahreszeit herrschte... Jeden Tag wurde in den Zeitungen das Szenario des Endes beschworen.») Darum unternehmen sie einen - natürlich absurden - Versuch, auszubrechen ins Land der Indianer.

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