1984

Zur Geschichte der Familie Vögelin von Riehen

Michael Raith

Der in vielen Varianten auftretende Name Vögelin, Vögeli oder Vogel scheint mir weniger die Bezeichnung des Vogelfängers beziehungsweise Vogelhändlers, sondern eher ein vergleichender übername - wie beispielsweise Krebs und Leu - zu sein. Noch unsere heutige Umgangssprache benennt einen bestimmten Menschentyp «Vogel», wobei der abwertende Unterton nicht ursprünglich zu sein braucht. Die Verkleinerungsform entspricht einer im alemannischen Dialektgebiet oft zu beobachtenden Tendenz. Warum der in fast jedem deutschschweizerischen Kanton verbürgte Name anlässlich der Einführung des Zivilstandes (1874) an den meisten Orten offiziell «Vögeli» und nur in beiden Basel, im Kanton Zürich sowie in der Gemeinde Dörflingen SH «Vögelin» geschrieben wurde, bleibt unklar. Vermutlich beruht die unterschiedliche Schreibweise auf stärkerem oder schwächerem städtischen Einfluss. Diesem ist wohl die eher schriftsprachliche Konsonantenendung zuzuschreiben.

Vorkommen
Die Familiennamen mit der Wurzel «Vogel» finden sich im ganzen deutschen Sprachraum, ein früher Beleg ist 1297 in Hamburg datiert. In der Schweiz kommt der Vogel-Name im allgemeinen und der Diminutiv im besonderen häufig vor. Ursprüngliche Schwerpunkte gibt es derart viel, dass hier auf eine Nennung verzichtet werden muss, was angesichts der Tatsache, dass wir es nicht mit einander verwandten Sippen zu tun haben, leicht zu rechtfertigen ist. Die interessante Stadtzürcherfamilie Vögelin kann mit der gleichnamigen aus dem Baselbiet nicht zusammengebracht werden. Allenfalls besteht eine Stammesgleichheit mit den Vögeli aus Hägendorf SO. Paul Suter weist auf die ursprüngliche Heimat der Familie im Solothurnischen und ihre - möglicherweise durch die Reformationszeit motivierte - Wanderung über den Jura hin. Ein «Fridlin Vegelin» sitzt eventuell 1447 noch in Mümliswil SO, Uli Vögelin ist seit 1537 in Reigoldswil erwähnt. Von ihm stammen die Zweige in Reigoldswil und Lauwil (dort seit spätestens 1600) ab. Die Lauwiler Vögelin verbreiteten sich nach Lampenberg (dort 1734 eingebürgert) und Bennwil (1737), die Reigoldswiler nach Riehen (1731). Vier dieser fünf alten äste haben sich bis 1970 in folgenden Gemeinden eingekauft: - Reigoldswiler Vögelin: 1881, 1904, 1919, 1940, 1941, 1950, 1951, 1952, 1956 und 1957 in der Stadt Basel, 1945 in Riehen sowie 1929 und 1941 in der Stadt Zürich.

- Lauwiler Vögelm: 1892,1915 und 1920 in der Stadt Basel, 1884 in Rüti ZH und 1953 in der Stadt Zürich.
- Bennwiler Vögelin: 1920 in der Stadt Basel.
- Riehener Vögelm: 1903, 1904 und 1923 in der Stadt Basel, 1904 in Bettingen BS.

Die vorliegende Arbeit beschränkt sich auf die Riehener Vögelin, was gut verantwortet werden kann, weil Werner Hug in seinen 1980 in Muttenz erschienenen «Stammtafeln Vögelin Voegelin» das die Gesamtfamilie betreffende Material bereits zusammengetragen hat.

Wie die Vögelin nach Riehen kamen
Der Schäfer Christian, erster Vertreter des Vögelin-Geschlechts in Riehen, wurde am 3. August 1658 in Reigoldswil getauft. Er war das zehnte und jüngste Kind seines in zwei Ehen verheirateten Vaters, des Oberbürtener Senns Hans Vögelin. Dieser starb, als der Bub fünf Jahre alt war. Der Hof kam an den ältesten, Ulrich (1635-1720), ein weiterer Bruder konnte bei diesem wohl als Knecht arbeiten, einem Dritten gelang es, den Reisenhof bei Läufelfingen zu pachten, und drei andere Geschwister zogen in das durch den Dreissigjährigen Krieg verwüstete Deutschland. Auch Christian konnte wohl in seiner engeren Heimat kein Auskommen finden. Vielleicht schon 1670, eventuell erst 1680, jedenfalls in jungen Jahren gelangte er nach Riehen. Erstmals erwähnt - und dieses Datum bildet die Grundlage des von der Familie am 12. November 1983 im Wenkenhof solenn begangenen Jubiläums - ist er hier am 25. Juni 1683, dem Tag seiner Hochzeit. Seine Frau, Elsbeth Hauswirth (1641-1694), stammte aus Riehen und war wohl die Witwe des in lothringische Dienste gezogenen Martin Speiser. Solche Vernunft- und Versorgungsehen kamen damals oft vor, der Altersunterschied zwischen Frau und Mann wurde in Kauf genommen. Kinder aus dieser Ehe gab es nicht. Kein Vierteljahr nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Christian Vögelin ein zweites Mal und zwar Eva Schneider (1672-1744), ebenfalls von Riehen. Bürger seiner Wohngemeinde wurde Christian nicht, vielmehr liess er sich 1719 seine Reigoldswiler Heimatberechtigung bestätigen.

Seine vier Söhne aus zweiter Ehe - Hans (1696-1735), Christian (1697-1746), Jakob (1702-1746) und Simon (1708-1746) - starben jung, sammelten keine grossen irdischen Güter und hatten, von Simon abgesehen, keine weitreichenden Nachkommensscharen im Mannesstamm. Doch nahm sie der Rat zu Basel unter dem 20. Januar 1731 zu Bürgern von Riehen an. Christian, der Stammvater, war damals allerdings schon zwei Jahre tot.

Allerlei Schicksale
Die den Namen Vögelin tragenden Nachkommen von Hans (1696-1735), dem Schäfer (er hatte dieses Amt wohl von seinem Vater übernommen), starben 1810 mit Anna Maria Link-Vögelin aus. Ihr Onkel Hans (1729-1796) hatte sein Leben als stummer Korbflechter verbracht. Christian (1697-1746) junior war Leinweber und Schweinehirt. Seine Frau Maria Meyerhofer (1703-1746) betrog ihn mit dem deswegen abgesetzten Gerichtsredner Hans Wenk (1692-1763); aus dieser Verbindung ging ein Sohn Jacob (1731-1772) hervor. Er bekam, obwohl seine Eltern in flagranti «aufm offentl Feld... [vom]SchweinHirt... beysamen angetroffen» worden waren, den Namen Vögelin. Dieser illegitime Zweig, der eigentlich Wenk heissen sollte, starb 1889 aus. Ihm entstammt der ledige Schlosser Johann Jakob (1821-1888), von 1868 bis 1882 Mitglied des Gemeinderates. Offensichtlich verzieh Christian seiner Frau, gebar sie ihm doch 1734 noch einen ehelichen Sohn. Mann und Frau starben 1746 am nämlichen Tag und wurden in ein Grab gelegt. Der letzte männliche Nachkomme dieses von mancherlei Krankheit und Unglück heimgesuchten Zweiges, der Liestaler Drahtzieher Abraham Vögelin, starb 1793.

Von Jakobs (1702-1746) Kindern kamen allein Töchter zu Jahren, Verena Schultheiss-Vögelin (1744-1812), an der Schmiedgasse wohnhaft, starb als letzte. So setzte nur der Jüngste, nämlich der genannte Simon Vögelin (17081746), die Familie in Riehen bis zum heutigen Tage fort. Nach seinem frühen Tod heiratete seine Frau Judith Stürm (1709-1759) im Jahr 1754 den Witwer Johannes Kilchmann (1675-1759) von Riehen, seines Zeichens ein Schneider. Auch hier starben die Ehegatten gleichzeitig und man bestattete sie gemeinsam. Judith Stürm trug übrigens von ihrer Mutter Judith Vouga her welsches Blut in ihren Adern. Zwei Söhne hatten Nachkommen: Fridlin (1731-1786), dessen Familie noch heute in Riehen blüht, und der Schäfer Simon (1733-1807), dessen Urenkel unter Beibehaltung des Bürgerrechts von hier fortzogen.

Der Stamm von Fridlin Vögelin-Enckerlin
Auch nach der Reformation blieben katholische Vornamen beliebt. Im Kloster Säckingen, Besitzer von Riehens Nachbardorf Stetten, verehrte man den Alemannenapostel Fridolin. Seine Popularität wirkte wohl über Judith Vögelin-Stürms Vater in die Familie hinein. Es kam allerdings zu Verwechslungen zwischen Friedrich und Frid(o)lin, die Kurzform Fritz trug dann den Sieg davon.

Fridlin Vögelin baute mit seiner aus Weil stammenden Gattin Magdalena Enckerlin (1724-1789) im Jahr 1778 das definitiv 1980 verschwundene Kleinbauernhaus Baselstrasse 42, nach den angebrachten Initialen zu schliessen schrieb er sich «Fögelin». Der einzige Sohn hiess wieder Fridlin (1755-1840), wohnte «bei der Wacht, hinten im Gässlein» [= Erlensträsschen 8], diente der Gemeinde als Schützenmeister und Vormund, konnte - keine reine Selbstverständlichkeit für die Zeit - lesen und schreiben, besass eine Bibel, «eigen Land [mit] meistens genug Frucht», sowie ein eigenes Haus, «doch ist Geld darauf», auch gingen seine Söhne zur Schule. Seine Frau Margaretha Eger (1765-1836) «ward 1797 beinahe ganz verwirrt». Von den neun Kindern setzten drei die Familie fort: Wendelm (1789-1863), Johannes (1803-1856) und Philipp (1806-1876).

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien vom starkentwickelten Zweig der Nachkommen Wendelins einige wenige Beispiele erwähnt: der Bannwart Ernst Vögelin (1882 1936), der Strassenmeister Ernst (*1914), der Künstler Alfred (*1953), der Weinhändler Fritz (Friedrich 18811933), von 1925 bis 1927 und von 1928 bis 1930 Mitglied des Weiteren Gemeinderates sowie Vater von acht Töchtern und der Bankdirektor Arnold ( * 1910 ).

Johannes (1803-1856) hatte einen Sohn, der ebenfalls Johannes Vögelin (1834-1897) hiess. Dieser betrieb die Dreikönigswirtschaft (siehe S. 89), übernahm 1863 die Postablage Riehen und sass von 1876 bis 1891 im Gemeinderat. Fünf Jahre lang trug deswegen die Hälfte der Dorfexekutivemitglieder den Namen Vögelin. Johannes Vögelin gehörte auch von 1873 bis 1887 als freisinniges Mitglied dem Grossen Rat an. Unter seinen Nachkommen finden sich viele Postbeamte. Stammhalter ist heute der in Arlesheim wohnhafte Glasschleifer Hans (*1924) mit seinen Söhnen und Enkeln.

Von den zwölf Kindern des Landmannes Philipp Vögelin (1806-1876) verpflanzte der Strassenwart Friedrich (1837-1891) das Geschlecht nach Bettingen. Sein Bruder, der an der Rössligasse 41 wohnhafte Schuhmacher und Landwirt Philipp (1848-1906) bekam sechs Mädchen und vier Buben. Von diesen wurde Louis (1883-1936) später Landwirt und Adolf (1893-1961) Bankprokurist, er gehörte als radikales Mitglied dem Weiteren Gemeinderat von 1945 bis zu seinem Tod an und präsidierte das Parlament in den Jahren von 1951 bis 1954; von 1946 bis 1958 war er erster Präsident der Bürgerkorporation, von 1959 bis 1961 Einzelrichter (sein Bild wurde im Jahrbuch 1974, S. 81, veröffentlicht). Sein einer Sohn Hans Adolf (* 1923) verfasste als Historiker viele Darstellungen, unter ihnen einen Beitrag zur Riehener Dorfgeschichte von 1972, der andere Sohn, Kurt Vögelin (!:'1925), ist Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Aesch-Pfeffingen BL.

Der Stamm des Schäfers Simon Vögelin
Simon Vögelin (1733-1807), der Schäfer, wohnte im Oberdorf und zwar an der Schützengasse 66, er konnte lesen, aber nicht schreiben, besass Bibel, Haus und eigen Land mit genug Frucht. Zwei Frauen überlebte er, die dritte ihn. Der Sohn Simon (1759-1800) an der Bielergasse [ = Bäumligasse] hatte nur noch für ein halbes Jahr Frucht und eine sehr alte Bibel ohne Versabteilung, dafür brachte ihm seine Frau Anna Maria Schlup (1753-1814) von ihrem ersten Mann ein Haus in die Ehe mit. Im Jahr 1795 «kam [er] als verwirrt ins Almosen» ( = Nervenklinik), er starb «im Spittahl, war verruckt». Von seinem gleichnamigen Sohn Simon (1788-1863) gibt es Nachkommen, die letzte Trägerin des Namens Vögelin - Luise Brütsch-Vögelin (1850-1913) - starb jedoch vor siebzig Jahren.

Der Schäfer Simon überlebte auch seinen zweiten Sohn, den Schneider Fridlin Vögelin (1761-1795) an der Baselstrasse 53. Dessen Sohn hiess wieder Simon (1787-1837), er wurde Vater von zwölf Kindern. Von diesen hinterliessen Nachkommen im Mannesstamm: Simon Vögelin (1822-1884), er heiratete als Bahn- und Landarbeiter nach Muttenz, und Martin Vögelin (1830-1890), er kam als Posamenter nach Birsfelden. Sein in Luzern geborener Enkel Karl Anton Vögelm (1901-1982) verpflanzte die Familie nach Belgien.

Die Familie Vögelin ist eine der rund vierzig, seit über hundert Jahren eingebürgerten und blühenden Riehener Familien. Ihre erste Erwähnung in unserer Gemeinde erfolgte vor dreihundert Jahren und die Einbürgerung 47 Jahre später. Die ursprünglich arme Familie gelangte vermutlich durch Fleiss und Sparsamkeit - «gute» Heiraten scheinen es weniger gewesen zu sein - zu bescheidenem Liegenschaftsbesitz und kleineren Dorfämtern. Das 19. Jahrhundert schaffte der Familie Vögelin hinderliche Privilegien ab, doch Hessen Industrialisierung und Kinderreichtum nur bescheidene Entwicklungen zu, manche Angehörige mussten auswandern, einige sogar nach Amerika. Andere aber wussten die Möglichkeiten des nach 1875 entstehenden modernen Basel zu nutzen: oft als Beamte konnten sie sich selbst und mehr noch ihren Kindern anspruchsvolle Laufbahnen ermöglichen. Die ursprünglich in Riehen nicht regimentsfähige Sippe der Vögelin stellte einige bekannte Dorfpolitiker.

Schlussbetrachtungen
Es bleibt indessen sehr problematisch, die den gleichen Namen tragenden Nachkommen einer Person des ausgehenden 17. Jahrhunderts an einem gemeinsamen Maßstab messen zu wollen. Vermutlich stammen alle Riehener Vögelin vom Schäfer Christian (1658-1729) nur einmal ab. Das ist im Schnitt zehn Generationen her. Und selbst wenn der letzte gemeinsame Vorfahr zwei bis drei Generationen später angesetzt werden kann, so muss die gemeinsame Erbmasse immer noch nach Hundertsteln bemessen werden. Deswegen sind allgemeinverbindliche Aussagen über die Familie Vögelin nicht zu verantworten. Doch stellen die bis jetzt über dreihundert Riehener Vögelin allein durch ihre Anzahl ein unübersehbares Faktum dar. Die Familiengeschichte erzählt weder im Guten noch im Bösen Spektakuläres. Doch dem, der sie zu lesen versteht, erteilt sie eine eindrucksvolle Lektion über Leid und Freud am Beispiel einer grossen Nachkommenschaft.

Bilder zur Geschichte der Familie Vögelin finden sich auch im Artikel «Gruss aus Riehen»: auf der Ansichtskarte Riehen um 1905 (S. 119) gewahrt man die vonErnst Vögelin-Schaub (1860-1907), Sohnvon Johannes Vögelin- Wirz, und später von seiner Witwe an der Baselstrasse 38 geführte Wirtschaft, und die dem «Sängertag Riehen 1904» gewidmete Karte (S. 120) zeigt in der Bildmitte das Haus Schützengasse 27, Wohnort von Friedrich Vögelin-Weber (1846-1902), ein Enkel von Wendelin Vögelin (1789-1863). Johannes Vögehn-Wirz (1834-1897) wirtete von 1861 bis 1875 zu Dreikönigen, siehe S. 89.

^ nach oben