1984

Pfeifen mit Pfiff

Hans Krattiger

Im Riehener Jahrbuch 1980 berichteten wir über eine ansehnliche und originelle Sammlung von Tabak-, hauptsächlich Schnupftabakdosen, die sich im Besitz eines Riehener Mitbürgers befindet und im Verlauf von Jahrzehnten zusammengetragen worden ist. Wo Tabakdosen sind, da müssen auch Pfeifen sein, und so ist es nicht verwunderlich, dass es in Riehen auch eine Pfeifen-Sammlung gibt. Zwar nicht unter dem gleichen Dach, aber gemeinsam haben die beiden Sammler, dass sie etwas sammeln, das zu ihren Lebensgewohnheiten gehört, auch wenn die Sammelobjekte mehr für die Vitrine als für den alltäglichen Gebrauch bestimmt sind. Da der Pfeifensammler ein passionierter Pfeifenraucher ist, besitzt er natürlich ein ganzes Arsenal von Pfeifen, die - griffbereit und zweckmässig geordnet - ausserhalb der Vitrine ihren Platz haben.

Entstanden ist die Sammlung nach dem Motto, das für unzählige Sammlungen auch gilt: «L'appétit vient en mangeant». Man raucht seine Pfeife, einmal diese, einmal jene, weil die gerauchte Pfeife zwischenhinein abkühlen muss, man bummelt über einen Flohmarkt und entdeckt da eine alte Pfeife, die man zwar nicht in den eigenen Mund stekken möchte, die aber originell und lustig anzusehen ist, weshalb fast unwillkürlich die Frage laut wird: «Was choschtet si?» Der genannte Preis wird als akzeptabel betrachtet, die Pfeife wird erworben, und schon ist - ohne dass es beabsichtigt war - der Grundstock zu einer Sammlung gelegt. So geschehen vor etwa zehn Jahren, und erst noch in Wien, wo es natürlich auch Flohmärkte gibt. Auf Wien folgten Basel, Paris, London, Bangkok und andere Städte, die auf Geschäfts- oder Ferienreisen aufgesucht wurden; und zu den Flohmärkten gesellten sich Antiquitätengeschäfte und Auktionen als Fundgruben zur äufnung der nun einmal angefangenen Sammlung; denn es ging auch unserem Riehener Pfeifensammler nicht anders als den meisten andern Sammlern: aus dem wie zufällig geworfenen Blick auf ein Objekt, aus der Neugier wurde, bald einmal die berühmt-berüchtigte Sammlerleidenschaft, von der dann auch noch Familienangehörige angesteckt wurden, so dass sich sozusagen ein gut harmonierendes Team an der Suche nach erstehenswerten Sammelobjekten zu beteiligen begann, wobei von Anfang an - wie es sich für einen echten Sammler gebührt - der Akzent nicht auf die Quantität, sondern die Qualität gelegt wurde. Dennoch ist die Vitrine schon recht ordentlich angefüllt.

Schon ein flüchtiger Blick in diese Vitrine genügt, um die Neugier wachzurufen, und zwar nicht nur die Neugier nach dem Aussehen der verschiedenartigen Pfeifen, die of fenkundig älteren Datums sein müssen, sondern auch nach den Anfängen des Pfeifenrauchens; eine Neugier, die umso nachdrücklicher ist, als ich selber nie Pfeifenraucher war. Eine Antwort finde ich im Buch «Von der Schönheit der Pfeife» von A. P. Bastien (Wilhelm Heyne Verlag, München), wo es heisst: «Es wäre ein historischer Irrtum zu glauben, das Rauchen sei in Europa erst mit der Einführung des Tabaks bekannt geworden. Zu allen Zeiten nämlich hat der Rauch auf den Menschen eine grosse Faszination ausgeübt, und seit der späten Antike spielte er bei bestimmten Anlässen eine wichtige Rolle», und zwar meistens eine kultische. Pfeifen aus prähistorischer Zeit wurden nicht nur in Nordamerika, sondern auch in Europa bei Ausgrabungen gefunden. Solche finden wir zwar nicht in der Riehener Sammlung, von der hier die Rede ist, dafür andere Objekte, die über Rauchergewohnheiten in früheren Zeiten Aufschluss geben. Geraucht wurde also schon, bevor der Tabak als Rauchstoff bekannt und üblich wurde; denn die Menschen hatten erkannt, dass sich auch Kräuter aller Art, also zum Beispiel Majoran, Thymian, Minze, Huflattich etc., in getrocknetem Zustand «verrauchen» lassen. Nach Europa kam der Tabak Anno 1498 und zwar im Gepäck von Rodrigo de Jerez, der als Begleiter von Christoph Kolumbus schon sechs Jahre vorher an der Ostküste Kubas Tabak rauchende Einheimische kennengelernt hatte. Und einmal in Europa angesiedelt, war der Siegeszug des Tabaks nicht mehr aufzuhalten, so wenig wie das Aufkommen des Pfeifenrauchens und einer florierenden Pfeifenindustrie.

Wenn auch die Riehener Pfeifen-Sammlung nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, so vermittelt sie doch einen instruktiven Querschnitt durch die seit dem Aufkommen des Pfeifenrauchens in Europa üblichen Herstellungs arten. Es begann mit von Hand geformten Tonpfeifen, die zuerst - Ende des 16. Jahrhunderts - in England, später auch in Holland (Gouda war lange Zeit ein Zentrum für die Herstellung handgeformter Tonpfeifen), Italien und anderen Ländern fabriziert wurden. Als Beispiel dieser Gattung findet sich in der Riehener Sammlung eine rotgebrannte Tonpfeife, die sich durch eine schöne, schlichte Form auszeichnet, aber nicht zu den Prunkstücken der Sammlung zählt. Tonpfeifen zeichnen sich dadurch aus, dass sie von feinem Material, leicht und porös sind, aber auch sehr zerbrechlich, weshalb sie nur in Ausnahmefällen, etwa als Hochzeitspfeifen, reichlich verziert wurden.

Zur Hauptsache besteht die Sammlung aus Porzellanund Meerschaumpfeifen, die um ihrer einzigartigen Beschaffenheit willen die Zierde der Sammlung bilden und in einzelnen Fällen vom stupenden handwerklichen Können der meistens unbekannten Künstler zeugen. Aber der Mann, der zum Beispiel das hier abgebildete Frauenporträt mit Hut als Zier eines Meerschaum-Pfeifenkopfs schuf, war schon ein Künstler, und auch der Unbekannte, der die Meerschaumpfeife mit dem grossen Pfeifenkopf samt Wappen und den Initialen SJ sowie einem silberüberzogenen Verbindungsstück zwischen Kopf und Holm schuf, verstand sein Metier. Meerschaum als Material für die Schaffung von Pfeifenköpfen ist ein Magnesium-Silikat, gräulich-weiss, leicht, porös und schwer brennbar; es wurde im Mittelmeerraum, hauptsächlich im türkischen Anatolien gewonnen. Und wie die Beispiele zeigen, eignet sich Meerschaum auch zum Schnitzen, so dass man unwillkürlich an Elfenbein-Schnitzereien erinnert wird.

Noch älter als Meerschaum- sind jedoch Porzellanpfeifenköpfe; denn dass Porzellan auch in den Dienst des Pfeifenrauchens gestellt werden könnte, fand man schon im 17. Jahrhundert heraus. Während an den Meerschaumpfeifen die oft kunstvoll gearbeiteten Schnitzereien zu faszinieren vermögen, sind es an den Porzellanpfeifen hauptsächlich Modellierung und Malerei. Auch in dieser Gattung wartet die Riehener Sammlung mit einigen köstlichen und kostbaren Exemplaren auf. Auf was für groteske Ideen die Porzellan-Künstler bisweilen kommen konnten, zeigen zum Beispiel der Gitarrist und der Hund, der gar manierlich «'s Männli» macht. Beliebt waren Porzellanpfeifen, da sie bemalt werden können, als Militär-, Studentenund Souvenirpfeifen, versehen mit Emblemen, symbolischen Figuren wie der stehenden Helvetia samt Schild, mit für Landschaften (Touristik-Hochburgen) und Städten charakteristischen Bergen oder Baudenkmälern, mit Inschriften und Daten wie «Pfeifenclub Klein-Basel, gegründet 1917» oder mit mehr oder weniger sinnreichen Sprüchen wie «Der schönste Zug meines Lebens», das Bekenntnis eines Mannes auf einem als Fass modellierten Pfeifenkopf. Man sieht, auch auf dem Gebiet der Pfeifenherstellung waren (und sind auch heute noch) der Phantasie keine Grenzen gesetzt, wie unter anderem auch die aus Holz geschaffenen «Meitlibei»-Pfeifen beweisen, die allerdings eher als Zigarren- oder Zigarettenmundstücke dienten.

Ergänzt und bereichert wird die Sammlung u.a. durch eine fein gearbeitete Pfeife aus Silber, durch drei in den Orient weisende Wasserpfeifen, durch unentbehrliche Pfeifenputzer und -etuis sowie ein paar Tabakdosen, die wie selbstverständlich den Weg in die Sammlung gefunden haben.

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