1983

Aus meiner Jugendzeit

Marie Strohbach-Tanner

Es war für mich ein besonderes Gefühl, als ich im vergangenen Jahr bei der Vernissage des Jahrbuches z'Rieche im Berowergut an der Baselstrasse 77 in Riehen verweilen durfte. Dieses Haus hat für mich aus meiner Jugendzeit vor zirka 70 Jahren eine ganz besondere Erinnerung.

Meine Eltern waren die Milchlieferanten der damaligen Herrschaft des Berowergutes, von uns nur «d'Burgimaischter» genannt. Jeden Abend musste ich an diesem Gartentor läuten (es ist übrigens immer noch die gleiche Glocke zum Ziehen wie früher) und die leere Milchkanne abholen. Damals verkaufte man die Milch noch offen, und sie wurde in unserer Küche im Meierhof abgefiltert und verteilt. Meine Brüder hatten das Amt, die Milch frühmorgens vor der Schule beim damaligen Gärtner im Gärtnerhaus an der Ecke Bachtelenweg/Baselstrasse abzuliefern.

Wie schaute ich als Kind sehnsüchtig in diesen schönen Garten und hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal in späteren Zeiten all das auch geniessen oder beschauen dürfe.

Wenn ich am Glockenstrang zog, kam das Stubenmädchen - damals sagte man noch die Magd - im schwarzen Rock und weisser Schürze. Sie übergab mir mit einem freundlichen Wort die Milchkanne. Wir kannten einander gut, war sie doch jahrelang bei dieser Herrschaft (was ja dazumal auch üblich war). Manchmal sah ich auch die Frau Burgimaischter, eine nette Dame, immer in Schwarz gekleidet, am Fenster in der unteren Stube sitzen. Sie war eine gütige Frau, wie man damals von ihr sagte.

Die Herrschaft war nur im Sommer auf diesem Landsitz in Riehen, den Winter verbrachte sie in Basel im dortigen Wohnsitz. Bevor die Herrschaft in die Stadt zog, durfte ich im Herbst ein grosses Paket in Empfang nehmen. Da waren für uns Kinder allerhand nützliche Sachen darin: Schürzen, Strümpfe, für die Buben Hemden und Unterwäsche. Wir konnten jeweils kaum warten, bis alles ausgepackt war.

Ich freute mich immer, wenn diese Herrschaft im Frühling wieder in Riehen einzog. Darum habe ich ans Berowergut eine besonders liebe Erinnerung und benütze gerne jede Gelegenheit, dieses Haus zu betreten, besonders auch bei Ausstellungen.

Anmerkungen: Die Autorin, Frau Marie Strohbach-Tanner (* 1901) lebt in Bettingen.

Meine Eltern: Heinrich Tanner (1868-1913), seit 1893 Landwirt und Fuhrhalter im hinteren Meierhof, und seine Frau Rosina Tanner-Karltn (1867-1952) Herrschaft des Berowergutes: Besitzerin war Anna Katharina Burckhardt-Vonder Mühll (1834-1917), Witwe des letzten Basler Bürgermeisters Carl Felix Burckhardt (* 1824). Er starb am 15. September 1885 im Berowergut in Riehen. Offener Milchverkauf: bis 1943 konnten die Riehener Milchproduzenten direkt an die Kunden verkaufen. Meine Brüder: Fritz Tanner (1897-1976), Karl Tanner (18981961), Hans Tanner (1903-1983) und Walter Tanner (19051980) Der damalige Gärtner: Johann Georg Werner-Brosi (18471914), seit 1880 Herrschaftsgärtner, Baselstrasse 71 Wohnsitz in Basel: St. Alban-Vorstadt 34 Literatur: E(milie) Forcart-Respinger: «Alte Häuser, Alte Geschichten», Basel 1936, S. 19-27 (Memoiren der Frau Bürgermeister) Eduard His: «Bürgermeister Carl Felix Burckhardt-Vonder Mühll», in: Basler Staatsmänner des 19. Jahrhunderts, Basel 1930, S. 189-205 M. R.

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