1982

Gespräche

Rosmarie Tscheer

Dazwischen Menschen

Tram, Autobusse, Lastwagen,
Lärm von Motorfahrzeugen
und dazwischen Menschen.
Gesprächsfetzen,
ein zum Gruss
erhobener Arm,
und wieder Autobusse,
Lastwagen
und Motorfahrzeuge.

Menschen, vom Lärm umtost,
eingekeilt zwischen
Routinearbeit
und täglichem Kleinkram.
Immerfort und erfolglos
auf der Suche nach
Mitteilung,
nach einer Antwort
auf ihre Fragen,

nach den Umrissen
eines Echos,
nach den Spuren eines
Zusammenhangs
zwischen den abgerissenen
Gesprächen,
die wie Vögel fortfliegen,
im Winde flattern
und verwehn
wie Stoffresten
von abgewetzten Tüchern.


Spital

Abteilung der Betagten
Weisse Gänge, weisse Türen.
Manchmal eine wie zufällig
nicht geschlossen,
und durch die Türöffnung
werden weisse Kissen,
Betten mit Bügeln sichtbar,
Menschen
mit rückwärts gewendeten Blicken.

Auf den Gängen braune Stühle
und in den Stühlen das gesammelte Warten
auf das Unvermeidliche,
von dem man hofft,
dass es eine Weile noch
vermeidbar sei.

Gedämpftes Sprechen
in dieser Welt,
die sich vor die frühere,
die wirkliche geschoben hat,
in diesen geraden Korridoren,
die mählich länger werden.


Mauern und Menschen

Mauern.
Uber den Mauern Blütenzweige,
die über den grauen Stein hinausranken.
Die unergründlichen Gesichter
der Stiefmütterchen aus samtenem Blättergrund.

Hinter den Mauern uralte Bäume mit knorrigen Stämmen.
Rundherum Rasenflächen,
über die dann und wann
ein eiliger Schritt geht.

Im steinernen Hof
ein Brunnen mit blauem Trog,
in den zuweilen gelbe Blütenblätter fallen
und das Lachen und Schreien der Kinder,
die aus der Welt jenseits der Mauern kommen.


Der Kastanienbaum im Pfarrgarten

Kastanien zwischen braun-gelb farbenen Blättern.
Vor kurzem herabgefallene Kastanien mit glänzender Haut
auf dem Kies und zwischen spärlichem Herbstgras.

Im Spiel aufgehobene und wieder fortgeworfene Früchte
wie Gedanken, die rasch geformt,
kaum erwogen, achtlos liegen gelassen werden,

als ob sie zu lebensvoll, lästig
und gänzlich unangebracht wären
in der bleichgesichtig werdenden Zeit.


Der Herbst kommt

Der Herbst kommt, Freunde,
der Herbst und die Zeit der langen Gänge
auf blätterübersäten Wegen
mit dem Wind als Begleiter.

Richtet euch in euren vier Wänden ein
mit dem ausgehenden Jahr,
mit den Worten, die nicht gesagt,
mit den Briefen,
die nie geschrieben wurden.

Bescheidet euch mit euch selbst
und nehmt die Stille zur Gefährtin.
Es ist unnötig, die Läden zu schliessen,
denn niemand wird hereinsehen.
Niemand wird kommen

ausser dem roten Kater.


Gespräche


Wer vermöchte zu leben
ohne das Gespräch mit Freunden?

Die Kastanien sind abgefallen.
Die Nussbäume stehen ohne Früchte.
Die Trauben sind längst ausgepresst in der Kelter.

Gedanken voller Zuneigung
überstehen den Kahlschlag der Zeit.

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