1981

Zur Geschichte des kantonalen Schulheims Gute Herberge

Ernst Würsch-Suter

Wer die Geschichte eines Erziehungsheimes verfolgt, stellt fest, dass die bauliche Entwicklung sich immer nach dem pädagogischen Konzept richtet. Dieses muss den Notwendigkeiten entsprechen, welche sich aus den erzieherischen Schwierigkeiten der Heimkinder ergeben. Hier kann nur andeutungsweise auf die innere und äussere Entwicklung eingegangen werden.

Bereits im Jahre 1901 wurde die Bedürfnisfrage nach einer Rettungsanstalt für verwahrloste Mädchen abgeklärt. Die Kommission legte ein Projekt für die Verwirklichung vor. 1902 stimmte der Regierungsrat Basel-Stadt grundsätzlich der Errichtung einer solchen Anstalt zu und erteilte dem Baudepartement den Auftrag, definitive Pläne vorzulegen. 1903 erfolgte der Ratschlag betr. die Errichtung einer Erziehungsanstalt für Mädchen in Riehen. 1904 wurde mit dem Bau des Hauses für ca. 30 Mädchen nach einem bewilligten Kredit von 147 000 Franken begonnen. Im Dezember 1905 konnte das neue Haus an der äusseren Baselstrasse 180 in Betrieb genommen werden. Das Heim erhielt den Namen: Kantonale Erziehungsanstalt für Mädchen «zur guten Herberge». Die ersten Heimeltern waren Herr und Frau Gräflin. Im Jahresbericht von 1907 lesen wir: «Ein geordnetes Anstaltsleben mit 30 wöchentlichen Unterrichtsstunden, Handarbeiten und Beschäftigung im Garten bringen sie (die Mädchen) gleichwohl in ihrer Erziehung in erfreulicher Weise vorwärts.» Neben Erziehungsschwierigkeiten werden auch schulische Probleme erwähnt. Einen wichtigen Platz nahm der Gemüse- und Obstgarten ein. Auch die Kleintierhaltung (Ziegen, Kaninchen und Hühner) diente der Selbstversorgung. 1908 heisst es u.a.: «Ein lebensfroher Geist durchweht unsere Räume, der sich insbesondere kundgibt im frohen Liederklang, sei es in der Anstalt selbst oder auf Spaziergängen an Sonntag-Nachmittagen und zweimal an Werktagen.» «Ein bedeutungsvoller Tag für die Gemeinde Riehen und nicht minder für unsere Anstalt war der 7. August, an dem die Strassenbahn BaselRiehen eingeweiht wurde und dabei unsere Anstaltsfamilie ebenfalls in eine gehobene Festfreude versetzte.»

1910 übernahmen Herr und Frau Holbro die Heimleitung. Das Haus war vollständig besetzt. «Die zur Aufnahme der Zöglinge bestimmten Räume genügten nicht, und so mussten das Krankenzimmer und ein Glättezimmer zu Schlafräumen eingerichtet werden. Die grosse Kinderzahl bedingte weiters die Einrichtung einer zweiten Familie und damit die am 1. Juli erfolgte Anstellung der zweiten Gehilfin (1912).» In diesem Jahr wurden riehenwärts ca. 12 a Ackerland dazugekauft (m2 = Fr. 8.23), und 1914 nochmals ca. 12 a nordöstlich der Anstalt (m2 = Fr. 10.—).

1913: «Die Anstalt bildet übrigens für die Mehrzahl der neu Eintretenden, die gewöhnlich in ungesunden Wohnungen, in Unreinlichkeit und ohne genügende Nahrung aufgewachsen sind, eine Art Sanatorium.» 1915: «Es muss auch wieder betont werden, dass der Anstaltsbetrieb im jetzigen Provisoriumsbau viel zu leiden hat.» Bereits 1916 stellte Herr Holbro das Gesuch um bauliche Er Weiterung des Hauses. Dabei hatte er eine genaue Vorstellung davon, wie ein Anbau zu realisieren wäre. Er belegte dies mit sauberen Skizzen.

Als Versorgungsgrund finden wir im Jahresbericht von 1917 folgende Angabe: «Alle Zöglinge sind mehr oder weniger schlechter Aufführung wegen bei uns; doch tragen bei einem namhaften Teil häusliche Zerrüttung oder Erziehungsunfähigkeit der Eltern erhebliche Mitschuld. Fünf der ausländischen. Zöglinge sind durch die Abwesenheit der im Kriege weilenden Väter noch vollends aus dem bisher nur mühsam eingehaltenen Geleise der Zucht gekommen und so der Versorgung anheimgefallen.»

1918 heisst es: «Im verflossenen Jahr wurde die Neubemalung der innern Räume vollendet, so dass wir jetzt in schönen, trauten Räumlichkeiten wohnen, was grosse erzieherische Momente in sich schliesst.» Es ist beeindruckend und lehrreich zu lesen, wie gross die pädagogische Verantwortung der Hauseltern und ihrer Gehilfen schon immer gewesen sein muss, die aus den scharfsinnigen Erörterungen über die psychische Situation der «Heimzöglinge» und über die erzieherischen Notwendigkeiten spricht.

Dem Jahresbericht von 1923 entnehmen wir die Anzahl der Angestellten (bei 33 Mädchen): Hausvater - 2 Gehilfinnen - Schneiderin - Köchin. 1924: «Sehr dankbar sind wir den Behörden für die Teerung des Wirtschaftshofes und der Zufahrtswege. Es ist uns, als wenn das Anstaltsgut ein wertvolleres Ansehen erhalten hätte.» 1925: «Am 18. Dezember waren es zwanzig Jahre, dass die Anstalt zur guten Herberge eröffnet wurde. 226 Mädchen war sie in schlimmen Tagen eine Herberge und den meisten unter ihnen eine Genesungsstätte.» Neuanschaffungen im Jahre 1926: Garteneinfriedung gegen Riehen, zwei neue Gartenbrünnlein, Teermakadam an wichtigen Stellen des Areals, ein elektrischer Backofen, ein elektrischer Staubsauger. 1928: «Infolge der Errichtung eines Sportplatzes in der Nähe des Anstaltsareals musste die Kleintierzucht bis auf das Halten von Hühnern reduziert werden.»

1931: «Ein bedeutungsvolles Ereignis für unsere Anstalt war der November-Beschluss des Grossen Rates, nach welchem unser Haus um die Summe von 311 000 Franken baulich umgestaltet und vergrössert werden soll.» Im Jahre 1932 erfolgte der Anbau (nordöstlich), und der «Altbau» wurde nach neuen Plänen verändert. So wurde für die Heimeltern eine eigene Wohnung eingerichtet, und die Mädchen erhielten kleinere Schlafräume. Zwischen 1941 und 1948 leiteten Herr und Frau Kern die «Gute Herberge». 1948 übernahmen Herr und Frau Rufener die Stelle der Hauseltern. In seinem ersten Jahresbericht schreibt Herr Rufener: «Unser Haus trägt noch viel zu sehr den Charakter einer Anstalt und ist auch äusserlich noch kein Heim. Als Tagesräume stehen den Kindern nur die zwei Spielzimmer zur Verfügung. Immer ergibt sich hier eine Massensituation, die sich gerade bei unsern Kindern doppelt nachteilig auswirken muss.» Es folgen Pläne für eine innere Reorganisation (Aufteilung in drei Gruppen, mehr Personal, genügend Angestelltenzimmer und mehr Platz für die Zöglinge), «ein Sofortprogramm, das wir 1949 verwirklicht sehen möchten.» Für die weitere Planung wurde vorgesehen: völlige Durchführung des Gruppen- und Familiensystems, Ausbau des hauswirtschaftlichen Unterrichts, Angliederung einer Knabengruppe, Beobachtungsstation, Turnhalle. Durch grossrätlichen Beschluss wurde im Herbst (1949) ein erstes Umbauprogramm bewilligt, 52 600 Franken für bau liehe Verbesserungen und 24 000 Franken für Ergänzung des Mobiliars.

Ab 1950 wurden die Gruppenwohnungen etappenweise ausgebaut. 1952: Nach dreijähriger Wartezeit konnte wieder eine Waschküche eingerichtet werden. Am 18. Dezember wurde ein weiterer Kredit für folgende Erneuerungen bewilligt: neuer Kindereingang auf der Westseite, Garderobe- und Schuhputzraum, Verlegen der Bäder in die Nähe der Schlafräume, Ausbau des Dachstockes im Neubau zur Gewinnung von Einzelzimmern, Neumöblierung des Speisesaales u.a.m. 1953 wurden die kahlen Wände des Speisesaales durch die Malerin Margrit Ammann mit Themen aus La Fontaine-Fabeln ausgemalt. Im Jahre 1954 erhielten die Toiletten- und Baderäume neue Ausstattungen sowie Küche und Keller notwendige und zweckmässige Möblierung. Das geräumige Treppenhaus wurde renoviert, und im Herbst wurde der Hof hinter dem Haus neu planiert und geteert. Im Garten wurden Spiel- und Turngeräte aufgestellt: Rundlauf, Schaukel, Reck und Sprunggrube.

1955: Ein Blick auf die Angestelltenzahl weist uns auf die grosse Aufgabe hin, die ein Heimbetrieb zu erfüllen hat: ein Heimleiter-Ehepaar, drei Gruppenmütter, zwei Lehrerinnen, eine Haushilfe, zwei Schneiderinnen, eine Köchin, ein Gärtner und ein Hilfsgärtner. Herr Rufener macht im Jahresbericht aber auch auf die Probleme des häufigen Personalwechsels aufmerksam.

In den ersten 50 Jahren ihres Bestehens fanden 521 Kinder in der Herberge ein Heim. Im Jahre 1958 wurde die Liegenschaft äussere Baselstrasse 194 (ehemals im Besitz von Dr. Veillon) mit ca. 7000 m2 Umschwung durch den Staat angekauft. Dadurch konnte das Mädchenheim zum Kinderheim (mit Koedukation) erweitert werden. 1960 wurde das Haus umgebaut und zum Kinderhaus mit zwei Gruppen (später eine Grossfamilie) eingerichtet. Im Parterre befand sich auch eine Kindergartenstube.

Jahresbericht 1961: «Unumgänglich ist eine sehr starke Vermehrung des Erziehungspersonals geworden, die die geforderte Arbeitszeitverkürzung ermöglicht. Hoffentlich kann auch bald die von den Heimleitern geforderte Lohnverbesserung des gesamten Heimpersonals verwirklicht werden.» 1962 führte der Personalmangel in der regionalen Heimerziehung zur Gründung der Berufsbe gleitenden Ausbildung für Heimerziehung Basel (BAHEBA) durch die Trägerheime Bürgerliches Waisenhaus, Klosterfiechten, Zur Hoffnung und Gute Herberge, wodurch unser Heim auch zu einer Ausbildungsstätte für Praktikanten wurde. 1968: «Ich habe an Beispielen unserer Not beim Hauspersonal, bei den Lehrkräften und bei den Erzieherinnen gezeigt, welche Schwierigkeiten und Widerstände sich bei den Anstellungs- und Lohnbedingungen stellen. Die Notlage ist so gross, dass wir gezwungen sein werden, diesen Frühling eine Kindergruppe zu schliessen.»

Die Lektüre der Jahresberichte von 1948-1970 von Herrn A. Rufener bietet nicht nur ein anschauliches Bild von der inneren und äusseren Entwicklung unseres Heimes, sie regt auch die eigene Auseinandersetzung mit den Aufgaben, Grenzen und Möglichkeiten der Heimerziehung in meisterlicher Form an.

Im Jahre 1970 wurde die Liegenschaft äussere Baselstrasse 192 (aus dem Besitz der Erbengemeinschaft FreyBurckhardt) mit grossem Umschwung durch den Staat angekauft. Ursprünglich sollte darin eine Lehrlingsgruppe des Sonderschulheimes Zur Hoffnung Platz finden. Schliesslich konnte aber die «Gute Herberge » das Haus übernehmen.

Von 1971 bis 1973 leiteten Herr und Frau Guggisberg das Heim. 1972 wurden im Parterre der «Mittleren Herberge», die immer noch leerstand, der heimeigene Kindergarten und die Unterstufe der Heimschule eingerichtet. Nach gründlicher überholung und zweckmässiger Ausstattung des mittleren Stockwerkes bezog 1974 eine Erziehungsgruppe diese Wohnung. Der obere Stock wurde zu einer hübschen Erzieherwohnung ausgebaut.

Gegen Ende des Jahres 1973 übernahmen Herr und Frau Käslin die Heimleitung. Sie führten das begonnene Werk des inneren Ausbaues tatkräftig weiter. 1975 organisierten sie, zusammen mit ihren Mitarbeitern, ein dreitägiges «Beedli-Fescht» mit dem Erfolg, dass mit eigenen Mitteln ein Schwimmbad gebaut werden konnte. Es wird von Kindern und Erwachsenen während der ganzen Sommerzeit eifrig frequentiert. - Dem Interesse vieler junger Männer an der Heimerziehung und dem Bedürfnis nach männlichen Betreuern entsprechend konnte mit der Zeit für jedes Erzieherteam auch ein Mann angestellt werden.

1978 erfolgte der Ankauf der Liegenschaft äussere Baselstrasse 186 für weitere Bedürfnisse (Heimleiter- und Erzieherwohnung, Besprechungs- und Sitzungsräume) der «Guten Herberge». Hand in Hand mit der äusseren Gestaltung des Heimes vollzieht sich in einem verantwortungsvollen, demokratischen Prozess die Arbeit am Heimkonzept der «Guten Herberge», die vom Auftrag und ihren Gegebenheiten her der Erziehungsaufgabe gerecht werden will.

Die geschichtlichen Daten dieser Zusammenfassung dürfen nicht dazu verleiten, unser Heim wie ein Baudenkmal zu betrachten. Die Entwicklung der Menschen, der Kinder, Erzieher und Lehrer und sämtlicher Mitarbeiter, die in diesem Heim leben, ist das Hauptanliegen. Haus und Menschen sind miteinander verknüpft. Das Haus und seine Umgebung sind die äusseren Bedingungen, in denen Erziehung, Bildung und Reifung ermöglicht und unterstützt werden. Die Jahresberichte der «Guten Herberge» geben ein lebhaftes Zeugnis davon.

Erarbeitet aus den Beständen des Staatsarchivs Basel-Stadt
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