1981

Dorffest 1981 - verwandeltes Riehen

Kurt Schaubhut

Riehen, ein eher beschauliches Dorf ohne die intensive Betriebsamkeit der Industrie, in einer prächtigen Landschaft an den Ausläufern des Schwarzwaldes gelegen, scheint üblicherweise wie eine ruhige Oase, lediglich gestört durch den nimmerruhenden lauten Verkehrsstrom, der durch die Baselstrasse braust. Dieses Dorf, das einwohnermässig ebensogut Stadt sein könnte, sich aber die heimelige Atmosphäre eines Dorfes bewahrt, schien sich am ersten Septemberwochenende 1981 völlig verwandelt zu haben. Von aussen kaum wahrnehmbar, entwickelte sich vom 4.-6. September im Dorfzentrum der weitverzweigten Gemeinde ein Leben, das der Gemeinde einen kaum für möglich gehaltenen Akzent verlieh. «Riehener Dorffest 1981» hiess das Zauberwort, das die Menschen, die in Riehen ihre liebgewordene Heimat haben, aber auch viele Fremde aus Basel und den Grenzorten der badischen Nachbarschaft, in ihren Bann zog. «Chumm au» hiess das Motto, und ein Signet, in dem fünf Büchsen die sonst im Riehener Wappen geschichteten Steine ersetzen, deutete an, dass sich unbewegliche Steine in eine frohe, spielerische Ambiance verwandelten. Wer es wagte, die vom Verkehrslärm erfüllte Hauptstrasse zu verlassen und in den Kern des Dorfes einzudringen, der wurde einer seltsamen, einmaligen Wandlung gewahr. Aus dem friedlichen, ruhigen, oft fast vereinsamten Dorfkern war ein Zentrum voll Leben, Fröhlichkeit, undefinierbarer Düfte, die den Appetit weckten, musikalischer Vielseitigkeit, ein Gewirr von originellen Buden, Ständen, Beizlein geworden, das von einem Strom von Menschen erfüllt wurde, denen die Freude über dieses neue, lebendige Gesicht Riehens aus den Augen strahlte. Tout Riehen feierte sein Dorffest. Ist es ein anderes Fest als die zahllosen üblichen? Schon die Eröffnung mit Glockengeläut deutete dies an, denn wo sonst ein Gemeindeoberhaupt mit Mühe einen Fassanstich vornimmt und den ersten Schluck trinkt, läuteten hier die Kirchenglocken, und wenig später zogen Tambouren durch das Dorf, die verkündeten, dass Riehens Dorffest nach wochenlangen Vorbereitungen und vierjähriger Pause Wirklichkeit geworden war.

Traumhafte Spätsommertage mit Temperaturen, die den nahenden Herbst vergessen Hessen, spendeten einen idealen Rahmen. Und was konnte man alles in diesem fröhlichen Rahmen entdecken? Inmitten einer bunten Vielseitigkeit ein Meerschweinchenrennen, ein grunzendes Schwein, das dem richtigen Schätzer seines Gewichts für eine ganze Zeit den Kauf von Fleisch erspart, einen Ski-Langlaufparcours, wo kleine zukünftige Langlaufmeister mit Begeisterung ihre Kunst probierten, ein Handballtor, in dem einem der vielgeprüfte Torwart leid tun konnte, Judo-Vorführungen, Ponyreiten, und wer von diesen und anderen Fitnessübungen den rechten Appetit bekam, für den wurde die Wahl unter den unzähligen Leckerbissen schwer, die in vielen heimeligen Beizlein offeriert wurden. Da gab es unter anderem vietnamesische Frühlingsrollen und Teespezialitäten, Beinschinken unter den Klängen des Posaunenchors, Radette, sogar Eglifilets und Wildsaupfeffer, Chili con carne, unzählige Würstchensorten, frisch, gegrillt oder gebraten, Kasseler Rippenspeer, und für Liebhaber des Süssen Kuchen und Torten in allen Variationen. Zu diesen Gaumenfreuden kam natürlich das Passende für den Durst, angefangen vom Champagner über den Festwein bis zum beliebten Kaffee. Was wäre aber ein Dorffest ohne beschwingte Musik? Allein das offizielle Programm bot eine tönende Palette von den Handharmonikaklängen bis zu den heissen Rhythmen der «Methusalem» Rock-BluesGruppe und der mitreissenden Guggemusik, nicht zu vergessen der Leierkastenmann, die Jodler, der Musikverein, und natürlich fehlte auch eine Ländlerkapelle nicht. Aber auch aus jedem Winkel klangen bekannte Melodien, die zum Hören und Verweilen einluden. Besonders erfreulich das spontane Mitwirken von Musikanten, die aus Freude am Dabeisein die unzähligen Festbesucher erfreuten und die jungen und jüngsten Schüler der Musikschule, die mit ihrem Kindermusikfest das tönende Festprogramm noch vergrösserten.

Hatten all diese Darbietungen fitnessartiger, lukullischer oder musikalischer Natur den Zweck, zum Wohlbefinden und zu frohen Stunden beizutragen, so war doch zweifellos das Schönste und Bleibende an diesem Riehener Fest das ungezwungene, gemütliche Zusammensitzen mit alten oder neuen Freunden, mit Bekannten und Verwandten, mit Familien und ihren Kindern, das ein Gefühl der Zusammengehörigkeit in sich barg. Riehens Dorffest ist vor allem ein Kontaktfestival, ein Treff für alle, ein Fest, bei dem der Begriff «Dorfgemeinschaft» nicht zitiert, sondern erlebt wird. Und da das Riehener Dorffest im Jahr der Behinderten die eine Hälfte des Reingewinns Behinderten zukommen liess, die andere Hälfte aber den einsatzfreudigen Vereinen, so wurde es zu einem Fest, das Freude, Wohlbefinden, Musik, Freundschaft und Unterhaltung mit dem Wert der Humanität vereinte. Ein Fest aber auch, das bei allem Frohsinn nicht überbordete, sondern eine besonders liebenswerte Atmosphäre ausstrahlte. Deshalb, und weil es so schön war, darf man sich schon auf das nächste Dorffest freuen.

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