1981

Das Leben in der Guten Herberge heute

Josef und Sylvia Käslin-Schönenberger

Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, ob wir heute noch Heime, in unserem Fall ein Schulheim, brauchen. Wären nicht Alternativen wie Pflegefamilien, Wohngemeinschaften oder ein besser ausgebauter ambulanter Betreuungs- und Beratungsdienst für unsere verhaltensauffälligen Kinder sinnvoller?

Wir reden nur ungern von Alternativen zur Heimerziehung, weil wir meinen, dass es ganz einfach verschiedene Möglichkeiten der Erziehung gibt, und diese sollten sich nach den Bedürfnissen der Kinder oder Jugendlichen richten.

Wir haben das Glück, mit unsern ungefähr 40 Kindern im heimeligen Dorf Riehen und erst noch inmitten einer grosszügigen Gartenanlage beherbergt zu sein, eine wichtige Voraussetzung und grosse Hilfe für unsere Erziehungsarbeit. Unsere Kinder, die alle aus unvollständigen Familien kommen und oft eine bewegte Vergangenheit haben, leben auf drei Häuser verteilt in fünf verschiedenen Gruppen. Je ein Dreier-Team, bestehend aus zwei diplomierten Erzieherinnen /Erziehern und wenn möglich einer/einem Erzieherin/Erzieher in Ausbildung, betreut die Gruppen rund um die Uhr, lebt also in enger Gemeinschaft mit den Kindern zusammen.

Wenn wir versuchen, in einer heimeligen, familienähnlichen Atmosphäre den Kindern Zuwendung und Geborgenheit zu geben, so sind wir uns bewusst, dass wir die Familie nicht ersetzen können. Wir schätzen uns aber glücklich, dass viele unserer Mitarbeiter über Jahre hinaus im Heim bleiben und sich mit grosser Bereitschaft und Hingabe täglich mit den ihnen anvertrauten Kindern auseinandersetzen, sie zu verstehen suchen und ihnen ein Stück Heimat geben. Zu diesem Stück Heimat gehört ne ben einer gemütlich eingerichteten Wohnstube auch die persönlich gestaltete Schlafzimmerecke jedes Kindes.

Dass wir auch mit grossen Schwierigkeiten und Konflikten leben müssen, verschweigen wir nicht. Wir müssen bedenken, dass jedes Kind aus einem ganz andern Wohnmilieu mit ganz andern Lebensvorstellungen und -erwartungen kommt, dass jedes auch mit einem oder gar beiden Elternteilen Kontakt pflegt, dass in jeder Gruppe von Zeit zu Zeit wieder ein Kind weggeht und ein neues Gesicht auftaucht, dass aber auch die «Gruppeneltern» nicht über alle Jahre konstant bleiben wie beispielsweise die Eltern der Normalfamilie und vor allem auch, dass wir im Heim nicht die eigenen Kinder betreuen. Die genannten Hindernisse sind aber da, um überwunden zu werden. So können wir auch in unserem Heimalltag echte, familienähnliche Situationen erleben: Wie wichtig sind schon Wecken und das gemeinsame Frühstück für einen guten Start in den Tag. Dann nehmen Schule und das Erledigen der Aufgaben einen grossen Teil der Zeit in Anspruch. Ganz bedeutend ist das bewusste Planen und Verbringen der Freizeit. Den Kindern sind im Heim Möglichkeiten zu handwerklicher Betätigung in den Wohngruppen selber oder dann in einer eigens dafür eingerichteten Werkstatt gegeben. Eine sorgsam ausge wählte Kinderbibliothek wird unsern Leseratten gerecht. Der grosse Garten gibt vielfältige Gelegenheit zur körperlichen Betätigung, sei es nun beim Ballspiel auf der grossen Sportwiese oder an den Spielgeräten. Besonders beliebt ist immer wieder unser Schwimmbassin, wo die Kinder sich so richtig bewegen und austoben können. Gemeinsame Wochenenden und Lager fördern Zusammengehörigkeits- und «Familiensinn».

Einen Schwerpunkt bildet die musische Förderung unserer Kinder, das gemeinsame Musizieren, Singen oder Theaterspielen. Grosser Wert wird gelegt auf die individuelle Freizeitgestaltung in Kursen, Vereinen oder auch bei Freunden der öffentlichen Schule. Die Pflege solcher Aussenkontakte bildet eine unerlässliche Vorbereitung für die Zeit nach dem Heimaustritt.

Eine schwierige und anspruchsvolle Aufgabe für unsere Erzieher ist die Konfliktverarbeitung zusammen mit den Kindern. Gegeben dazu sind vor allem die Abende, oft vor dem Schlafengehen. Da kommen Gefühle und Probleme an die Oberfläche, können formuliert und dann im Gespräch vielleicht verarbeitet werden. Unsere Mitarbeiter besitzen eine recht umfängliche Selbständigkeit in der Gestaltung ihres Gruppenlebens, doch bringt dies auch eine grosse Verantwortlichkeit und erfordert viel Kraft, Geduld und Ausdauer. Wenn wir bedenken, dass neben dem «Alltäglichen» noch viele Stunden für Kontakte mit den Eltern, Gespräche mit Lehrern und Fürsorgern, für das Betreuen Ehemaliger dazukommen, so verstehen wir vielleicht, wie sehr die Persönlichkeit des Erziehers gefordert und wie anspruchsvoll seine Aufgabe ist.

Zu erwähnen bleibt noch, dass wir auch ein Ausbildungsheim sind, d.h. junge Menschen bei uns die Ausbildung zum diplomierten Erzieher absolvieren können. Die «Berufsbegleitende Ausbildung für Heimerziehung in Basel» (BAHEBA) dauert vier Jahre. Sie umfasst mindestens ein halbjähriges Vorpraktikum, anderthalb Jahre praktische Arbeit im Heim mit einem Schultag wöchentlich, ein Theoriesemester und anschliessend wieder anderthalb Jahre Praxis mit Schultag. Wir haben, wie eingangs erwähnt, stets vier bis sechs Erzieher in Ausbildung. Darüber sind wir froh; denn diese jungen Menschen, meist in einer Zweitausbildung, bringen viele Fähigkeiten und neue Ideen in unsere Gemeinschaft und helfen, angeleitet von ihren Ausbildern, über längere Zeit hinweg mit, wertvolle Erziehungsarbeit aufzubauen und mitzutragen. Die Vertiefung der gewonnenen Erfahrungen geschieht in Gesprächen mit dem Praktikumsleiter.

Wenden wir uns noch unsern Lehrkräften am eigenen Kindergarten, an der Unter- und Mittelstufe zu. Sie fragen sich vielleicht, ob eine Heimschule überhaupt noch nötig sei, gibt es an der öffentlichen Schule heute doch soviel verschiedene Schultypen. Unsere Heimschule soll aber jenen Kindern einen «heilpädagogischen Schonraum» bieten, die aus schulischen, pädagogischen oder psychologischen Gründen in der öffentlichen Schule nicht bestehen könnten. Besonders unmittelbar nach dem Heimeintritt erlaubt oft die psychische Verfassung eines Kindes den Besuch der öffentlichen Schule nicht. Zudem wäre es für grössere Klassen und deren Schulbetrieb eine kaum noch zumutbare Belastung. Daher hat unsere Heimschule nach wie vor wichtige Aufgaben zu erfüllen, nämlich das Motivieren unserer Kinder zur Lernbereitschaft, angemessenes Training zur Lernfähigkeit, Vermittlung des Lehrstoffes nach Lehrplan bei Berücksichtigung der Lernstörungen, individuelle Förderung und soziale Schulung. Um all diesen Anforderungen einigermassen gerecht zu werden, d.h. um diese Schwierigkeiten zu erkennen und bewusst und mit grossem Verständnis anzugehen, müssen unsere Lehrer über eine zusätzliche heilpädagogische Ausbildung verfügen.

Neben den obligaten Schulfächern erhalten unsere Kinder vermehrt Handarbeits- und Werkunterricht, Turnen, Schwimmen, Sport sowie Rhythmik- und Instrumentalunterricht. Wir freuen uns, dass das Engagement unserer Mitarbeiter es möglich macht, einen grossen Teil unserer Kinder nach einiger Zeit in die öffentliche Schule zu integrieren. Wir sind auch dem Rektorat und der Lehrerschaft der Schulen von Riehen dankbar, dass sie solche Versuche stets zu unterstützen bereit sind und mit uns zusammenarbeiten.

Es ist uns aber auch ein Anliegen, jene langjährigen Mitarbeiter zu erwähnen, die ausserhalb des Schul- und Gruppenbereichs viel zur vertrauten Atmosphäre und zur «Beheimatung» unserer Kinder beitragen. Es sind unsere treuen Helfer im Garten oder Büro, in der Werkstatt oder im Haus, in der Glätterei und der Nähstube oder in der Küche; und so oft verschwindet ein Kind eben dort, wo es sich wohl fühlt, hilft vielleicht etwas mit oder aber plaudert ein Weilchen, um - wer weiss - etwas zu vergessen oder seine Sorgen abzuladen. Die spontane Bereitschaft dieser Mitarbeiter, unsern Kindern solche Begegnungen zu ermöglichen, deren Wert zu spüren und nicht nur die erbrachte Leistung allein zu sehen, freut uns immer wieder; denn gerade auch diese Kontakte sind für die positive Entwicklung unserer Kinder äusserst wertvoll.

Im Erleben des Alltags mit unsern Kindern und Mitarbeitern spüren wir immer wieder viel Freude, Vertrauen und Wohlsein. Dies bestätigt unsere überzeugung, dass Heimerziehung auch heute noch ihre Bedeutung hat und eine von vielen Möglichkeiten ist, junge Menschen auf ihr Leben vorzubereiten.

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