1981

Als Riehen noch wirklich ein Dorf war

Nicolas Jaquet-Dolder

An der Schmalfront des Klösterlis erinnert eine Gedenktafel, dass Leonhard Euler, geboren 1707, einen Teil seiner Kindheit als Sohn des Ortspfarrers in Riehen verbracht hat. Jung an Jahren war er nach Russland gezogen und ist nie wieder in die Heimat zurückgekehrt. Bei seinem Tod 1783 hat sein Landsmann Nicolaus Fuss an der Kaiserlichen Akademie von Petersburg ein Bild Eulers gezeichnet, durch das Riehen erstmals ins Rampenlicht der weiten Welt gerückt ist. Wir vernehmen: «Die ersten Jahre seiner Kindheit brachte er in Riehen zu; und wahrscheinlich hatte er diesem ländlichen Aufenthalt in einem Lande, wo überhaupt die Sitten sich langsamer als anderswo verschlimmert haben und dem Beyspiel seiner Eltern jene Einfachheit des Charakters und jene Unbefangenheit der Sitten zu danken, die ihn sein ganzes Leben durch ausgezeichnet und vermutlich allein in den Stand gesetzt haben, die lange und glänzende Laufbahn zu vollenden, die seinen Namen unsterblich gemacht hat.»

Dieses von der Verschlimmerung der Sitten weitgehend verschonte Bild von Riehen hat sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erhalten. Das Dorf hat seit seinem übergang vom Kloster Wettingen an die Stadt Basel drei Besiedlungsstufen mitgemacht. Die erste als Dorf städtischer Herrensitze, die zweite als Dorf christlicher Hilfsbereitschaft und die dritte als Vorortssiedlung von Basel.

Die Zeit der Herrensitze hat dem Ort ein äusseres Gepräge verliehen, das heute noch weitgehend besteht. Riehen war seit Beginn des 16. Jahrhunderts kein Dorf, dessen Schicksal in den Händen der Bauern lag. Basels Oberschicht, die im Unterschied zu anderen eidgenössischen Orten keinen überlieferten ländlichen Grundbesitz zu eigen hatte, setzte sich vorwiegend aus Kaufleuten zusammen. Der Sommersitz in Riehen diente der Erholung und bildete eine Versorgungsbasis, verbunden mit einer langfristigen Kapitalanlage. Innerhalb des eigentlichen Dorfes waren am Ende des 18. Jahrhunderts 15 städtische Landgüter zu verzeichnen, die von jeder Steuer befreit waren. Zwischen diesen, rund ein Viertel der Dorffläche beanspruchenden Herrensitzen drängten sich die meist bescheidenen Anwesen der Bauern, die im Dorf selbst keinen grossen Landumschwung besassen.

In der Zeit christlicher Hilfsbereitschaft ist ein ausgedehnter, im Dorf gelegener städtischer Grundbesitz an Werke übergegangen, die von Christian Friedrich Spittler ins Leben gerufen worden sind. Als treibende Kraft und Seele der 1780 in Basel gegründeten Christentumsgesellschaft hat er Riehen gleichsam zum Mittelpunkt seines vielseitigen Wirkens gemacht. Das Areal, auf dem heute das Gemeindehaus mit seiner Parkanlage liegt, wurde 1833 erworben, um eine Taubstummenanstalt einzurichten. Die dort stehenden alten Lindenbäume hatten die Unsitte, einmal die Blüten und dann wieder die Blätter zu verlieren. Der Verfasser, den seine Dorfkameraden Nikchi nannten, war noch Zeuge, wie die Jugend der Anstalt im ausgedehnten Hof gegen die Schmiedgasse diese Blüten und Blättlein jeweils vom Boden aufgelesen haben, um zum Sonntag das Landgut in altem Glänze erstrahlen zu lassen. Die ehemalige ausgedehnte Vischersche Liegenschaft, im Oberdorf längs der Eisenbahn gelegen, wurde 1852 für die Diakonissenanstalt erworben. Das Klösterli wurde zeitweilig zur Ausbildung von Zöglingen herangezogen, die berufen waren, Menschen in der Sprache der äthiopier zu bekehren.

Die noch ins letzte Jahrhundert fallende Umschichtung innerhalb des Dorfes hat bis zum Ersten Weltkrieg die Zusammensetzung der Menschen in der alten Landgemeinde vorübergehend stark verändert. Der Statistiker stellt fest, dass seit 1870 die weiblichen Einwohner in Riehen gegenüber den männlichen ständig zugenommen haben. Im Jahre 1910 standen 1459 Männer und Knaben 1795 Personen weiblichen Geschlechts gegenüber. Um eine künftige Erforschung der Ursache dieser Erscheinung zu erleichtern, sei kundgetan, dass an Sonn- und Feiertagen die Trägerinnen der vertrauten Diakonissentracht im Dorfbild allgegenwärtig waren.

In Riehen fehlte um 1900 alles, was nach neuzeitlicher Weltanschauung für das menschliche Glück wichtig ist: kein elektrisches Licht, kein Gas, kein Anschluss an die städtische Trinkwasserversorgung, keine Kanalisation, schlechte Verbindungen mit der Stadt und vieles andere. Die Wasserversorgung war immerhin durch eine gemeindeeigene Quelle gesichert. Sie versorgte die Brunnen in den Herrengärten und lieferte das Wasser für zehn öffentliche Brunnen.

Nikchis Schulweg zeigte noch keine Spuren einer neuen Zeit. Er führte durch das schmale Bäumligässchen zur Oberdorfstrasse. Dort steht noch das Haus, das Riehen in den Rang erhebt, einen künftigen Vizekönig in seinem Dorfbann herangezogen zu haben. Längs der Oberdorfstrasse zog sich damals der Aubach. Er ist heute nicht mehr zu finden, weil er zur Verbreiterung der Strasse zugedeckt worden ist. Das Gewässer zog sich beidseits in steinerne Quader gefasst gegen das Unterdorf. Der Schulweg führte an einem ehemaligen Landgut vorbei, das den eigenartigen Namen «Landpfrundhaus» führte. Dort lebten die «Pfruender», die mit Zugewandten aus Bettingen und Kleinhüningen ihre alten Tage beschlossen. Frühere Generationen hatten beim «Sängerstübli» dem Bach einen Knick versetzt, um weiteren Anwohnern die wasserspendende und selbstreinigende Gunst des Aubachs zukommen zu lassen. Dem schönen Haus im Sarasin-Park gegenüber, allwo Riehens Jugend heute in die Kunst der Musik eingeführt wird, befand sich der unscheinbare Stall, in dem der Gemeindemuni Unterkunft bezogen hatte. Bei der damaligen Sittenstrenge war der Jugend der Einblick in das Gehaben an dieser Stätte versagt. Als die Zahl der Bauern immer mehr zurückging, ist dieses Zeichen der Gemeindeautonomie aufgehoben worden. An Dorfschmiede und Wagner vorbei, durch die Rössligasse zur Baselstrasse. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, dass dereinst das überschreiten der Strasse erst nach Betätigung metallener Druckknöpfe zulässig wäre, um von unbekannter Obrigkeit die Gunst des überquerens zu erbitten. Das einzige Schulhaus befand sich damals an der Ochsengasse. Es bot vier Primarklassen Unterkunft; es steht heute noch, allerdings aufgestockt und herausgeputzt. Die Sekundarschüler, die dort nicht Platz hatten, wurden behelfsmässig in der Nachbarschaft untergebracht. Die Stadt, in deren Händen das Erziehungswesen lag (und heute noch liegt), hatte der Bevölkerungszunahme dadurch Rechnung getragen, dass zu Beginn eines Schuljahres jeweils zusätzliche Schulbänke nach Riehen geliefert wurden. Nikchi erinnert sich mit Freude seiner Aufnahme in die Dorfschule, wo rund 60 Knaben und Mädchen zu einer Schulklasse vereinigt waren. Unser Lehrer war Herr Eger aus altem Riehener Stamm. Er besass die Kunst, ordentlich gute Disziplin zu halten, was bei solcher Schülerzahl heute undenkbar erscheint. Zu seinem Andenken hat einer der Kameraden geschrieben: «Wir merkten aus eigenem Instinkt, dass unser Schulmeister uns nur gut wollte und uns für unseren späteren Lebenskampf vorbereiten möchte.» In einer etwas feinfühligeren Zeit ist später die Ochsengasse neu mit Erlensträsschen bezeichnet worden. Das «Ochsen» in der Schule war mit neuzeitlicher Lehrauffassung unvereinbar geworden. Immerhin war zu bedenken: In ganz Basel gibt es keine «Strässchen»; in Riehen ist diese einzigartige, im Dialekt nicht aussprechbare Wortbildung erfunden worden und ist zweimal zu finden.

Wir waren recht einfach gekleidet; die «geblätzte» Hose entehrte nicht. Auch war das Kind als Verbrauchermarkt noch nicht entdeckt, weil den Eltern gemeinhin die Mittel fehlten, um diesen erfolgreich zu gestalten. Im Winter trugen wir männiglich Holzschuhe, nicht nach Elsässertyp. Als Sohle diente ein dickes Holzbödelein, an das ein Schaft aus grobem Leder angenagelt war. Wem vorbehalten war, zur weiteren Ausbildung die Realschule oder das einzige Gymnasium im Kanton zu besuchen, war auf die Grossherzoglich Badische Eisenbahn angewiesen.

Die Monatskarte für Schüler kostete 3 Mark, und da Kursschwankungen noch nicht erfunden waren, machte dies 33A Franken. Aus zolltechnischen Gründen hatten die Riehener den Vorzug, in einem eigenen, am Schlüsse des Zuges angehängten Wagen hin und her befördert zu werden. Es fuhren aber nur wenige Züge.

Wer glaubt, der Ubergang vom alten Dorf zum heutigen Riehen sei mit nennenswerten politischen Auseinandersetzungen verbunden gewesen, irrt. Auch fehlte ein entscheidender, von der Stadt ausgehender politischer Einfluss. Dafür spricht der Umstand, dass noch Jahre nach dem Ersten Weltkrieg die Wahlen in den Basler Grossen Rat mit einer ausserhalb der Parteien stehenden Dorfliste durchgeführt worden sind.

Das Schicksal von Riehen lag in der Zeit des entscheidenden Durchbruchs zur Vorortssiedlung im glückhaften Zusammentreffen von drei in gleicher Geisteshaltung wirkenden Gestalten, denen es beschieden war, gemeinsam dem Dorf den Weg in die Zukunft vorzuzeichnen. Dieses Dreigestirn war gebildet aus dem Ortspfarrer Emil IselinTobler, dem Chefarzt der Diakonissenanstalt Emmanuel Veillon-Stückelberg und dem Gemeindepräsidenten Otto Wenk-Faber. Die Eigenart jedes einzelnen dieser Männer bestand darin, neben der Amts- oder Berufstätigkeit dem Gemeinwesen ein unvorstellbares Mass von freien Stunden zu opfern. Pfarrer Iselin war der Chronist des Dorfes, der über die urkundliche Forschung hinaus seine Geschichtsschreibung durch die menschlichen Verbindungen mit der Einwohnerschaft zu bereichern wusste. Daneben war er der unbestrittene Kenner des Anbaus von Obstbäumen aller Art. Auch das kirchliche Wesen war in diesen Jahren vom Umbruch erfasst. Die alten Kirchenglocken waren zu ersetzen, weil vermutlich der Gleichklang schon längst gestört war. Um die Glocken in Bewegung zu setzen, galt es, in wiegendem Rhythmus die langen Seile zu handhaben. Für die Hilfe jugendlicher Kräfte war man dankbar. Eine im Jahr nach dem Basler Erdbeben von 1356 gegossene Glocke noch zum Klingen gebracht zu haben, verstärkt den Glauben an die Vergänglichkeit der Dinge. In dieser Zeit trennte sich die Kirche vom Staat. Bis dahin war die sonntägliche Kinderlehre mehr oder weniger obligatorisch. Ein Schüler hatte jeweils auf pfarrherrlichem Formular die abwesenden Kameraden anzukreuzen, um daraufhin auf dem Dienstweg die notwendigen Monierungen in die Wege zu leiten. Für die Ruhe während des Gottesdienstes gegen Lärm von der Aussenwelt sorgte ein Wächter vor der Kirchentür; seine Funktion war durch einen knotigen Stock gekennzeichnet; am Arm trug er zudem eine Armbinde mit irgendeinem Hoheitszeichen. Auch dieser Brauch ist dahingegangen, schon bevor der Lärm vor der Dorfkirche zum brutalen Normalzustand geworden war.

Dr. Veillon, dem Alter nach der zweite im Dreigestirn, hat während fünf Jahrzehnten das Diakonissenspital betreut. Neben seinem beruflichen Tagesprogramm entzog er sich keiner Arbeit, welche dem Zusammenhang der Menschen im Dorf und einer künftigen Ausrichtung auf die Stadt nützlich war. Ein weites Arbeitsfeld bot ihm die Präsidentschaft des 1900 gegründeten Verkehrsvereins in Riehen. Auf dem Gebiet der Wissenschaft hat er sich in der Bekämpfung des Kropfes einen Namen gemacht. Wer als Schüler in die Stadt kam, war immer wieder der städtisch überheblichen Frage von Kameraden ausgesetzt: «Wo hesch di Gropf gloh?» Dieses alte Riehener übel stand in keinem Zusammenhang mit dem dorfeigenen Trinkwasser, wie dies oft behauptet worden ist. Die Verdienste von Dr. Veillon, Riehen von diesem Leiden befreit zu haben, sind unbestritten. Die «Chropf-Clique» an der Basler Fasnacht ist eine Erinnerung an ein der Vergangenheit angehörendes Minderwertigkeitsgefühl.

Otto Wenk-Faber ist 1901 in den Gemeinderat eingetreten und hat von 1906 bis zu seinem Tode 1935 als Gemeindepräsident Riehens Schicksal mit kraftvoller Hand gesteuert. Im Jahre 1900 zählte die Gemeinde 2590 Einwohner, und das Ausgabenbudget war auf Fr. 30 000.— angesetzt. Dies zeigt, dass für Planungen und Expertisen kaum Raum vorhanden war. In allen Dingen galt es zu handeln und vor allem, rasch zu handeln. Warum gibt es in Riehen keine Industriesiedlung, warum keine mehrstöckigen, hohen Häuser? Weil der Gemeindepräsident und seine Freunde im Dreigestirn für das Dorf eine glückliche Zukunft ins Auge gefasst hatten. Nikchi hat noch an den Gemeindeversammlungen im alten Gemeindehaus teilgenommen, wo an der Wand des grossen Raumes in lateinischer Sprache geschrieben stand: «Das Wohl des Staates - oberstes Gesetz.» Keiner aus dem Dorf und keiner aus der Stadt kannte die Verhältnisse besser als Otto Wenk, und deshalb deckte sich das Wohl des Staates allezeit mit seinen Plänen. Damit hatte sich der Bürger abgefunden. Seine Gestalt, fast ein Kopf grösser als das übrige Volk, und sein sicherer Schritt, mit dem er sich durch das Dorf bewegte, Hessen den geborenen Führer erkennen. Auch wenn das Feuerhorn ertönte und die Mannschaft ausrückte, um eines der alten Bauernhäuser zu retten, stand der Gemeindepräsident in vorderer Linie und erteilte in funkelndem Helm mit rotem Helmbusch auch auf diesem Schauplatz seine Befehle.

Nikchi erinnert sich an eine Zeit, in der Verfügungen und andere Kundgebungen der Behörden im Dorf noch ausgeschelit worden sind. Diese Funktion oblag dem im Gemeindedienst stehenden «Wächter». Vom Unterdorf zum Oberdorf, von einem Standort zum anderen schreitend, gab er die Dinge bekannt, die für die Anwohner von Nutzen sein konnten. Damit sich allerorts Fenster und Haustüren öffneten, wurde die Ansage mit dem Läuten einer schweren Handglocke eingeleitet und auch geschlossen. Solche Urformen des Kommunikationswesens noch miterlebt zu haben trägt zum seelischen Ausgleich bei gegenüber den Bestrebungen der Technokraten auf diesem und manch anderen Gebieten.

^ nach oben