1980

Freuden mit Stift und Pinsel

Robert Käppeli

Die Lust am Zeichnen war in mir schon in meiner frühesten Jugend erwacht. Wohl ein Erbstück! Mein Onkel hatte den Beruf eines Bildhauers gewählt. Leider ist von seinem Werk nicht viel übriggeblieben. Er hielt indessen ein wachsames Auge auf meine kindlichen Versuche, und er geizte nicht mit seinem Lob, wenn mir etwas gelang. So kam ich langsam voran.

Mit dem Eintritt in die Kantonsschule in Luzern änderte sich manches. Mit dem Unterricht wurde allmählich ernst gemacht. Das bedeutete Konzentration, Arbeit, Arbeit auch zu Hause. Eine gewisse Hilfe bot meine Zeichenkunst. Sie diente mir für die Anfertigung von Karikaturen, die ich während den Pausen mit Kreide auf die grossen schwarzen Tafeln zeichnete. Es waren vornehmlich die Professoren, die ich aufs Korn nahm. Und siehe da: Diese Grossen nahmen mir meine harmlosen Streiche keineswegs übel. Im Gegenteil, sie schienen eher enttäuscht, wenn ihr Konterfei längere Zeit ausblieb. Denn meine Zeichnungen hatten offensichtlich die Diskussion im Lehrerzimmer etwas aufgeheitert. Und das färbte im positiven Sinne auf die Einschätzung meiner Leistungen ab, was mir sehr zustatten kam.

Eine andere gute Seite hatten diese «scherzi». Unser Zeichenlehrer, der unvergessliche Eduard Renggli, begann sich meiner anzunehmen, und ihm verdanke ich's, wenn ich die Zeichenkunst mit der Zeit ganz leidlich zu beherrschen begann. Er dispensierte mich von seinem notgedrungen eher langweiligen Unterricht. Wenn es das Wetter einigermassen erlaubte, durfte ich in der Stadt freigewählte Objekte zeichnen. Nun herrschten in der Stadt damals noch reichlich strenge Sitten. Ein geistlicher Herr beobachtete mich beim Abzeichnen der Schwingergruppe von Siegwart und, da diese Männer nur notdürftig bekleidet waren, musste ich auf die Vorstellungen des Spirituals der Schule hin meine übung vorzeitig abbrechen.
 
Einem anderen Luzerner Künstler, Karl Schobinger, verdanke ich meine Freude am Aquarellieren. Er war der Meinung, dass ich kaum je ein vollwertiger Künstler werden würde. Ich schien ihm zu vielseitig und deshalb zu unbeständig, womit er wohl recht hatte. Aquarellieren, das war nach seiner Meinung die richtige Beschäftigung für mich. Die klassische Aquarellierkunst ist infolge der Tücken, die sie birgt, so etwas wie eine sportliche übung, dazu eine geradezu ideale Freizeitbeschäftigung. Später im Leben wurde mir in London Einblick in die Annalen der «Royal Society of Painters in Water-Colours» gewährt. Diese Gesellschaft, eher eine Art «Club», blickt auf eine lange, ehrwürdige Geschichte zurück. Ihre Mitglieder waren bis in die jüngste Zeit fast ausnahmslos Männer, die einem bürgerlichen Beruf nachgingen und die Aquarellmalerei als ausgesprochene Liebhaber betrieben. Mit sehr unterschiedlichem Erfolg natürlich. Und doch sind in diesem Kreis grosse Männer zu finden, Künstler im wahren Sinne des Wortes, deren Aquarelle höchste Bewunderung verdienen. Wenn ich auch schon aus zeitlichen Gründen nie hoffen durfte, mich mit diesen eigentlichen Pionieren der Wasserfarbenmalerei messen zu können, so hat diese Erfahrung doch nachhaltig mein Bemühen um die Beherrschung der Aquarelltechnik gestärkt.

Meine Beschäftigung mit der Malerei hatte somit immerzu und unbedingt den Charakter einer Liebhaberei. Das hindert nicht, dass sie mir zeitlebens unendlich viel Freude bereitet hat. Wohin immer mich mein anfänglich sehr wechselvolles Schicksal verschlug, immer waren meine Zeichen- und Malutensilien dabei, und wie es unter den gegebenen Umständen nicht anders sein konnte, die Erzeugnisse meines Fleisses sind heute über die ganze Welt verstreut und haben vielen Freunden und Bekannten offenkundig Freude bereitet.

Im späteren Leben habe ich damit begonnen, für einen engeren Freundeskreis oder für ganz bestimmte Zwecke Monographien zu verfassen, über die Jagd etwa, über das Elsass, über Indien und, für meine Mitarbeiter im Beruf, über meine Jugend- und Wanderjahre. Diese Schriften sind von mir illustriert, in der Meinung, den Inhalt in Ergänzung des mitunter etwas spröden Stoffes anschaulicher und ansprechender zu gestalten. Sie sind, nach der Ansicht der Empfänger jedenfalls, Zeugnis eines vielgestaltigen und spannungsreichen Lebens.

Man hat mich oft gefragt, wie ich neben meiner verantwortungsvollen Arbeit Zeit und Musse für meine Liebhaberei finden konnte. Es ist im Grunde eine müssige Frage. Ein Mensch in meiner früheren Stellung im Beruf kann sich buchstäblich zu Tode arbeiten. Ich glaube nicht, dass er damit der Sache dient, die ihm anvertraut ist. Die geistige, die physische Ermüdung, die Unterdrückung des Gemüts, der Freude am Schönen, das alles behindert die Entfaltung der besten Anlagen des Menschen, jener Anlagen, auf die es nach meiner Meinung ankommt, wenn ein bedeutsames Werk gelingen soll, die Intuition nämlich und ein frischer Wille, Entscheidungen zu treffen.

Dazu braucht es als Korrelat zur Arbeit eine vernünftig gestaltete Musse, und unter den vielen Möglichkeiten, sie zu nutzen, ist die Malerei sicherlich eine der sinnvollsten. Sie ist still und belästigt niemanden, und sie löst den Geist vorübergehend völlig aus der ungemein harten Gedankenwelt des tief in die Problematik seines Berufes eingesponnenen Industriellen.

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