1980

Die Familie Unholz von Riehen

Michael Raith

Der Basler Regierungsrat beschloss am 9. Oktober 1923 auf ein entsprechendes Gesuch des Riehener Gemeinderates hin, eine neue Strasse «Unholzgasse» zu benennen. Die in jenem Jahre gefeierte 400 Jahre alte Verbindung Riehens mit Basel weckte da und dort im Dorf lokalhistorisches Interesse, eifrig las man das zum Jubiläum erschienene Werk von Pfarrer Dr. Emil Iselin (1861 — 1925): «Geschichte des Dorfes Riehen». Dass die Vergangenheit derart zu faszinieren vermochte, lag an der damaligen Gegenwart: die nach dem Ersten Weltkrieg wieder rasant einsetzende Bautätigkeit hatte zu einer starken Bevölkerungsvermehrung und diese zur Befürchtung der Alteingesessenen, Minderheit im eigenen Dorf zu werden, geführt. An das alte Riehen erinnernde Strassennamen sollten nun helfen, Neuzugezogene zu integrieren. Diese Idee fand vor allem im damaligen Gemeindeschreiber Karl Prack (1867—1945) einen vehementen Befürworter. Landvögte (Fürfelder, Supper und Wettstein), Gemeindepräsidenten (Sieglin, Unholz und Mory) und alte Familien im allgemeinen (Seidenmann, Siegwald und Grasser) kamen so auf Strassentafeln zu neuen Ehren.

Längst nicht alle vorgesehenen Altriehen-Strassen sind gebaut worden (vor allem nicht im Gebiet Auf dem Brühl/Im Bändli). Der Geschmack wandte sich zu Zeiten des Gemeindepräsidenten Eugen Seiler (1868—1950) wieder mehr der Flora zu (Arnikastrasse, Gerstenweg, Im Baumgarten). Warum gerade die an Angehörigen reichen Großsippen (Wenk, Löliger und Stump) keine Berücksichtigung erfuhren, muss offen bleiben, da es für die auch schon gehörte Vermutung, es sei gegenseitiger Neid gewesen, keinen Beleg gibt. Ob die alten Riehener Namen zur Verwurzelung der Neuriehener beigetragen haben, kann ebenfalls nicht entschieden werden. Im Rückblick betrachtet erfolgten die Namenserteilungen etwas zu unüberlegt und zu unsystematisch. So hat beispielsweise die Familie Grasser in Riehen nie eine bemerkenswerte Rolle gespielt. Und wenn der verdienstvolle Jakob Mory (1832—1916) für drei Jahre Gemeindepräsidium eine Strasse von 700 Metern Länge (übrigens noch zu Lebzeiten!) gewidmet erhielt, wieviele Meter hätte dann Otto Wenk (1873—1935) für 29 Jahre Präsidium zugut? In einem bestimmten Fall kam es sogar zu einer ausgesprochenen Fehlleistung: Iselin zählt in seinem Buch auf Seite 83 die Namen Riehener Einwohner aus dem 13. bis 15. Jahrhundert auf. Er nennt unter anderen einen Claus Frioß, was falsch «Frion» gelesen wurde. Niemand bemerkte den Fehler und die hohe Regierung taufte eine zu bauende Strasse in der Nähe der Rauracherstrasse entsprechend «Frionstrasse». Sie findet sich während Jahren in den Akten, wurde dann aber nicht erstellt.

Nach dieser Kritik ist aber zuzugeben, dass die Unholzgasse eine wichtige Erinnerung zu Recht pflegt: es hätte statt der Gasse sogar eine Strasse sein dürfen. Der so geehrte Heinrich Unholz-Sieglin (1809—1874) gehört zu den bedeutendsten Riehener Politikern des vergangenen Jahrhunderts. Nikiaus Löliger (1814—1899) und Heinrich Weissenberger (1840—1908) — sie wurden in den beiden vorausgehenden Jahrbüchern vorgestellt — verfügten zwar über ein weit stärkeres Temperament und gerieten deswegen immer wieder in heftige Auseinandersetzungen. Der ruhigere Unholz konnte vermitteln und auf diese Weise den Frieden erhalten, was dem damals kleinen Dorf zum Vorteil gereichte. So liess er als Gemeindepräsident in der Neujahrsnacht 1859 einige betrunkene Arrestanten frei und nicht nach Basel abführen, hätte das doch einen Krawall zwischen den vom Wein erregten Zuschauern und den diensttuenden Landjägern gegeben, was für einige Riehener Bürger mit mehrjährigen Zuchthausstrafen verbunden gewesen wäre.

Vor allem aber unterscheidet sich Heinrich Unholz durch seinen Werdegang von den bedeutenden Persönlichkeiten des damaligen Riehen. Zwar bekleideten schon sein Vater und sein Grossvater öffentliche Amter, doch zur eigentlichen regimentsfähigen Oberschicht gehörten sie nicht. Der Unholzsche Erbbauernhof ging in den Besitz seines älteren Bruders über, und Heinrich blieb gar keine andere Wahl: er musste Arbeit als Knecht annehmen. So diente er auf dem Gut des reichen Riehener Civilgerichtspräsidenten Nikiaus Sieglin-Schultheiss (1783—1835), dessen Frau eine Erbtochter der Dorfweibelfamilie war. Noch schwerer als die berufliche Chancenlosigkeit wog der Umstand, dass Heinrich Unholz schon zweimal wegen Jugendsünden im Gefängnis gesessen hatte. Einmal beteiligte er sich an den Hänseleien gegen den Samuel Weissenberger (siehe «z'Rieche» 1979, S. 56), weswegen ihn 1827 das Korrektionelle Gericht des Kantons Basel zu vier Monaten Einzelhaft verurteilte, da er «sich durch Lädenaufreissen und Kothwerfen am thätigsten bezeugt, und auch früheremal dessen bezichtigt worden». Schon zwölf Monate Einsperrung erkannte das Appellations gericht 1830 wegen Beleidigung und Schlägerei mit Münchensteinern auf dem Weg von Basel nach Riehen.

Die negativen Informationen hören dann auf. Der christliche Glaube half Heinrich Unholz zu einem neuen Anfang. Er wurde ein tüchtiger Bauer und selbst als er — mit ämtern überhäuft — Teile seiner Güter verpachten musste, galt der Landwirtschaft seine Neigung. Nach dem Tod der Witwe von Nikiaus Sieglin reichte ihm die Tochter Anna Barbara Sieglin (1814—1874) die Hand zum Bund fürs Leben, und Pfarrer Lucas Wenk hielt eine noch heute erhaltene Traupredigt. Diese Ehe veränderte die materiellen Verhältnisse des Heinrich Unholz völlig. Ihm gehörten nun die grossen Höfe Baselstrasse 30 (Neues Wettsteinhaus) und 28 (abgebrochen um 1900). In der Ehe dieser ungleichen Partner bildete die pietistische Frömmigkeit die Verbindung. Die Frau Anna Barbara wird als kränklich und eigen, der Mann Heinrich als schweigsam und innerlich geschildert.

Offensichtlich herrschten damals im politischen Leben noch andere Maßstäbe als heute, denn Heinrich Unholz empfahl sich gerade durch seine Eigenschaften für öffentliche ämter. Zuerst wurde er 1845 zum Civil- und Gescheidsrichter, dann 1849 in den Gemeinderat und gleich darauf zum Gemeindepräsidenten gewählt, seit 1850 gehörte er dem Grossen Rat an, und 1851 erfolgte die Ernennung zum Präsidenten des Gescheidsgerichts, später bekleidete er auch die ämter eines Civilgerichtspräsidenten (1861) und eines Eidgenössischen Geschworenen (1857). Obschon solche ämterhäufungen für die Zeit typisch sind, hat Unholz diese vielen Ehren nicht gesucht. Ständig versuchte er, sich seiner ihm aufgezwungenen Verpflichtungen zu entledigen und der Statthalter des Landbezirks, Dr. Johann Jakob Christ, hatte alle Mühe, ihn zurückzuhalten. So schrieb er 1854 als Antwort auf ein Rücktrittsschreiben an Unholz: «. . . Sie sind im blühendsten Mannesalter, haben weniger Geschäfte als früher, da Sie einen grossen Teil Ihrer Güter verpachtet haben und Ihre Gerichts = Gescheids= und übrige Amtsstellen beschäftigen Sie nicht ununterbrochen». So blieb Heinrich Unholz bis kurz vor seinem Tod den verschiedenen Mandaten treu und stieg von Stufe zu Stufe.

Die Basler Kantonsregierung, der Kleine Rat, zählte damals 15 Mitglieder. Seit 1833 stammte traditionellerweise eines davon aus Riehen. Das höchste einem Landbürger offene Amt war dieser Ratsherrensitz. Obwohl in Privatkorrespondenzen von Ratsherren aus der Stadt das Riehener Regierungsmitglied oft schlicht «Bauer» genannt wurde, haben sich keine Klagen über Kleinräte aus den Landgemeinden erhalten. (Leider lassen die zeitgenössischen Protokolle der Regierungsverhandlungen keine Rückschlüsse auf die Beiträge der einzelnen Ratsherren zu.) Sie scheinen ihre Sache wenigstens recht gemacht zu haben. Der gute Eindruck wurde durch den Ratsherrn Theobald Stump (1801 — 1870) etwas getrübt: als zum Ersatz der durch den Eisenbahnbau nötig gewordenen Häuserabbrüche an der Schützengasse Neubauten entstanden, beteiligte er sich finanziell, übernahm sich dabei und geriet in Konkurs, was seine Entfernung aus allen politischen ämtern zur Folge hatte.

Der Grosse Rat wählte zu seinem Nachfolger Heinrich Unholz. Er gehörte der höchsten Behörde bis 1873 an: Schwerhörigkeit zwang ihn zum Rücktritt. Auch plagten ihn Husten und ein böses Bein. Obwohl er sich während vieler Jahre in Baden durch eine Kur Linderung von seinen Leiden suchte, starb er, wenige Monate vor seiner Frau, im April 1874. Sein Grabstein hat sich erhalten und steht im Hof der Firma N. + J. Wenk (Zugang Frühmesswegli).

Der Eindruck, einen durch eine reiche Heirat emporgekommenen Würdenträger vor sich zu haben, ist verständlich aber falsch. Unholz schrieb viel, flüssig, klar und — keine Selbstverständlichkeit für Riehener Gemeinderäte vor hundert Jahren — fehlerfrei. Was ihm aufgetragen war, erledigte er prompt und zuverlässig. Heikle Aufgaben — wie zum Beispiel die Absetzung des senilen Pfarrers Lucas Wenk oder die Entfernung des unwürdigen Gemeinderates Johann Jakob Schmid («z'Rieche» 1969, S. 56f.) im Jahre 1851 — löste er souverän. Eleganz der Sprache verrät seine Begrüssungsrede für Pfarrer Christoph Stähelin, den Nachfolger Wenks, und Eleganz der Kleidung erhalten gebliebene Photographien: er war der bestangezogene Riehener Gemeindepräsident des letzten Jahrhunderts.

Das politische Interesse von Heinrich Unholz ging über Riehen und Basel hinaus. Er nahm lebhaften Anteil an den Ereignissen der Zeit. Seine Sicht trägt konservative, pietistische und sogar ein klein wenig spekulative Züge (Napoleon III. als Tier aus dem Abgrund nach Apk. Joh. 13), wie uns ein Brief aus dem Jahre 1859 zeigt. An den Kämpfen um die Verbindlichkeit des Basler Bekenntnisses von 1534 für die reformierten Pfarrer beteiligte er sich intensiv. Die Anforderungen an einen Riehener Politiker kannten im alten Riehen ein anderes Profil als im modernen. Heinrich Unholz war aber nichts weniger als ein arrivierter Bauernknecht; seine Qualitäten wurden in Stadt und Dorf geachtet. Darum erhielt er auch knapp fünfzig Jahre nach seinem Tod, als die Erinnerung noch nicht ganz verblasst war, eine Strasse. Nach ihm hat kein Bürger Riehens mehr der Kantonsregierung angehört.

Ganz anderer Art scheint der zweite Unholz, der als Politiker bekannt wurde, gewesen zu sein; der Schustermeister und Krämer Hans Jacob Unholz (1764—1833) ist noch heute bekannt als Redner unter dem Freiheitsbaum von 1798 und als Gründer der Firma N. + J. Wenk (1805). Bis zur Staatsumwälzung trat er politisch nicht hervor, immerhin genoss er im Lörracher Pädagogium eine ausgezeichnete Ausbildung. Die unblutige Basler Revolution (1797/8) kam in Riehen von oben, vorbereitet durch die Tätigkeit des Obervogtes Lukas Le Grand und des Pfarrers Johann Rudolf Huber; Fortschrittsglaube und Frömmigkeit hatten sich in der Idee der Menschenfreundlichkeit gefunden. Es ging nun darum, diese Idee in die politische Praxis umzusetzen. Die Epoche der Helvetik (1798—1803) steht für diesen — leider gescheiterten — Versuch.

Die erhaltene Rede Hans Jacob Unholz' (abgedruckt z.B. in der «Jubiläumsschrift 1805—1980» der Firma N. + J. Wenk) von 1798 — die Bürgerkorporation Riehen feiert dieses Ereignis noch heute jährlich mit einem Essen — verrät den Einfluss des Pfarrers. Sonst aber erwies sich Hans Jacob als durchaus selbständig. Einige Monate nach seiner Ansprache wählten ihn die Riehener in den ersten, damals noch «Munizipalität» geheissenen Riehener Gemeinderat. Ein knappes Jahr später trat er allerdings bereits wieder zurück.

Die Gründe sind nicht bekannt. Es muss aber in Hans Jacobs Wesen eine Schwierigkeit gegeben haben. Nach dem Tod seines Vaters kam es zwischen ihm und seinem Bruder Wernhard (1767—1801) wegen eines Schnaps brennhafens zu einem kleinen Erbschaftsprozess, in dem der Jüngere über den älteren aussagte: «Derselbe veranlasse Streit genug und. . . werde noch mehr veranlassen.» Seit 1814 gehörte der «Alt Municipal» wieder dem Gemeinderat an. Da widerfuhr ihm ein Ungeschick, das zeigt, wie auch das alte Riehen seine Probleme hatte: Unholz wurde angeklagt, bei einer Notschlachtung ein Kuhmaul gestohlen zu haben. Das konnte ihm zwar nicht bewiesen werden. Der Gemeinderat entband ihn jedoch für die Dauer des Prozesses seiner Pflichten, nicht aber seiner Rechte. Die Zeitgenossen waren weniger auf den Ochsenmaulsalat als auf die Freiheit vom Wachen und Fronen neidisch. Der Verdächtigungen und des Neides müde, trat Hans Jacob 1816 zurück. Nach 1820 zog er in die Stadt, wo er an der Rheingasse ein Gemischtwarengeschäft betrieb. Er starb «an doppeltem Beinbruch und Rückenwunde», offensichtlich also an einem Sturz («z'Rieche» 1969, S. 55 f.).

Der erfolglose Politiker reüssierte als Geschäftsmann. Wie Vater, Grossvater und Bruder erlernte er den Schusterberuf. Daneben betätigte er sich als Straussenwirt und Weinhändler. Als er spätestens 1805 seine Detailhandlung an der Schmiedgasse 5 eröffnete, konnte er nicht wissen, dass diese Firma länger als jede andere in Riehen bestehen und sich in ihrer Branche als grösste Privatfirma behaupten würde. Nach seinem Wegzug übernahm der Sohn Johann Jakob Unholz (1794—1849) das Geschäft und verlegte es 1841 an die Baselstrasse 48 (heute Areal Schmiedgasse). Er diente der Gemeinde seit 1820 als Salzauswäger und von 1835 bis zu seinem Tode als Gemeindeschaffner ( = Gemeindekassier). Seine Witwe Elisabeth Unholz-Gysin (1802—1874) führte den Laden weiter und erhielt 1865 das einzige für Riehen verliehene eidgenössische Patent zum Pulververkauf. Ihre Tochter Maria Katharina (1836—1921) ehelichte den Kaufmann Carl Weber (1834—1900), der die Firma seit 1862 führte. Sein Schwiegersohn und Nachfolger Jonathan Wenk (1869— 1927) war ein Sohn der Tochter Anna Maria (1845— 1915) des Ratsherrn Heinrich Unholz; so fanden sich die beiden Zweige der Familie Unholz im ältesten Riehener Familienbetrieb wieder.

Es gab — bzw. gibt — bis heute 144 als Angehörige der Familie Unholz zur Welt gekommene Riehener. Das ist relativ wenig (Löliger: 245 Angehörige, Weissenberger: 169 Angehörige, Wenk: 611 Angehörige). Wie an den Beispielen des Ratsherrn Heinrich und des Firmengründers Hans Jacob Unholz zu zeigen war, übersteigt die Bedeutung der Familie Unholz für Riehen ihre bescheidene Anzahl. Sehen wir uns darum diese Sippe etwas näher an.

«Unholz» ist Abfallholz. Das kann ein Hinweis auf den Beruf oder den Wohnort des ersten Namensträgers sein. Die Familie ist noch heute in der Stadt Zürich und in Küsnacht ZH verbürgert. Sie stammt aus der Gemeinde Riesbach, die 1893 in die Stadt Zürich eingemeindet wurde. Aus Zürich ist auch ein Familienwappen überliefert. Der Stammvater Peter Unholtz erblickte wahrscheinlich in der Mitte des 16. Jahrhunderts in Riesbach das Licht der Welt. Sein 1663 im Zürcher Grossmünster getaufter Urenkel Hans Ulrich erlernte den Beruf eines Maurers und kam in den 1690er Jahren nach Riehen. Hier heiratete er die Witwe Barbara Basler (1667—1738) und starb 1724. Warum er gerade nach Riehen kam, wissen wir nicht.

Die Familie musste weit über dreissig Jahre bis zur Erteilung des Bürgerrechtes warten. Am 7. Februar 1728 bewilligte der Basler Rat dem Stammhalter Hans Conrad Unholz (1707—1768) Aufenthalt und Kirchgang zu Riehen, er verlieh ihm aber erst am 16. September 1730 das Bürgerrecht. Ausnahmsweise opponierten die Riehener dieser Aufnahme nicht; für einmal waren sie zwar nicht gerade dafür, sondern geteilter Meinung. Damit kann die Sippe Unholz in diesem Jahr ihr 250 Jahre altes Riehener Bürgerrecht feiern. Als Wohnort des Hans Conrad ist schon 1728 die Liegenschaft Rössligasse 21 bezeugt; sie blieb fünf Generationen lang in Familienbesitz und brannte 1891 ab. Sie stand dort, wo das Bachgässchen in die Rössligasse mündet.

Hans Conrad junior (ä"1731) wollte die Mutter seines Kindes nicht heiraten und begab sich in französische Dienste. Um 1755 starb er auf Korsika. Seine drei Brüder pflanzten das Geschlecht in Riehen fort. Noch heute gliedert sich die Familie in die drei durch sie begründeten äste. Wernhard Unholz (1732—1793), ein Schuster, heiratete 1757 Eva Krey (1735—1807) von Wollbach und baute mit ihr 1763 das Haus Schmiedgasse 5 (es wich 1927 dem Neubau des Restaurants «Winter» und dieser 1959 dem heute die Filiale des Schweizerischen Bankvereins beherbergenden Bau). Von seinen Söhnen Hans Jacob und Wernhard haben wir bereits gehört. Die zehn Enkel des ersteren starben alle — mit zwei Ausnahmen — jung: Elisabeth Unholz (1825—1859) wurde die Frau des Arztes Adam Schaub (1804—1877); Johannes Unholz (1832—1860) wirkte 1857/8 als Rössliwirt; Maria Magdalena (1827—1889) ehelichte den Metzgermeister Johannes Stump (1824—1897); er war seit 1843 Ochsenwirt, später auch Grossrat, Richter usw., seine Nach kommen finden sich in den Familien Deck, Lais und Spreyermann) und von Maria Katharina Weber-Unholz, mit welcher dieser Ast 1921 erlosch, war bereits die Rede.

Während dieser Wernhard-Ast vor allem an der Ecke Baselstrasse/Schmiedgasse zuhause war, blieben die Angehörigen des zweiten Astes an der Rössligasse 21 wohnen: es handelt sich um die Nachkommen des Schustermeisters Leonhard («Lieni») Unholz, der 1739 geboren wurde und 1797 an der Wassersucht starb. Obwohl er, um seine Familie ernähren zu können, teilweise sogar als Taglöhner arbeiten musste, gelang ihm doch als erstem seines Geschlechts der Aufstieg in mittlere Dorfämter: 1786 beliebte er als Armenschaffner, 1791 als Weinsticher und — kurz vor seinem Tod — als Bannbruder. Er konnte, wie eine zeitgenössische Quelle besagt, lesen und schreiben, auch besass er eine Bibel und ein Haus, er lebte vom Handwerk, und sein eigenes Land gab ihm für ein halbes Jahr Brot. Das Amt eines Armenschaffners bekleidete später sein älterer Sohn, der Schustermeister Hans Jakob Unholz (1771—1838): durch seine Tochter Anna Maria Häner-Unholz (1809—1871) und seine Enkelin Elise Seckinger-Häner (1849—1911 ) wurde er ein Stammvater der Familie Seckinger.

Männliche Nachkommen hatte aber lediglich der zweite Sohn Leonhards, der ebenfalls Leonhard Unholz (1773—1848) hiess und auch als Armenschaffner diente. Gleich seinem Vater und Grossvater arbeitete er als Schuhmacher. Finanzielles Glück war ihm nicht durchwegs beschieden, und 1818 musste er seine sämtliche Habe verganten. Andere, die das taten, wanderten nach Amerika aus. Er aber blieb hier. Vier Töchter blieben ledig und eine fünfte — Ursula (1803—1876) — wurde die Frau des Maurers Johann Jakob Wenk ( 1810—1870). Leonhard (1801 —1875), der ältere Sohn, errichtete im elterlichen Hause eine Küferwerkstatt. Sein Bruder Heinrich war der berühmte Ratsherr; von seiner Tochter Anna Maria Wenk-Unholz war bereits die Rede, eine weitere Tochter Elise (1849—1924) starb ledig und Lydia, die älteste (1842—1917), durfte den Mann ihres Herzens nicht heiraten. Es war das Heinrich Weissenberger («z'Rieche» 1979, S. 62—64), der nachmalige Gemeindepräsident. Der streng konservative Vater Heinrich Unholz mochte aber die Hand seiner Tochter nicht dem freisinnigen Fort schrittsdenken geben, für beide damals jungen Leute gewiss eine herbe Enttäuschung. In der Folge verehelichte sich Lydia Unholz mit dem Aargauer Jakob Eichenberger (1843—1885), sie hatte ihn kennengelernt, als er während des Aktivdienstes 1870/1 in Riehen die Landesgrenze bewachen half.

Eduard Unholz (1843—1906), der einzige erwachsen gewordene Sohn Leonhards, setzte als einziger den Ast fort, während seine Schwester Lydia (1846—1927) zur Stammutter der 1906 eingebürgerten Familie Linder wurde. Eduard wirkte als Küfer und Wirt, er lebte zeitweise in der Stadt, auch war er Vater von zehn Kindern. Der Sohn Fritz (1890—1965) trat in die Dienste der Ständigen Feuerwache, ebenso dessen Schwiegersohn, der Feuerwehroffizier Ernst Schmid-Unholz (*1914). In Riehen wohnen blieb Eduard Unholz-Freiermuth (1879—1944). Zuerst arbeitete er als Briefträger. 1920 übernahm er den Lindenmeyerschen Pachtbauernhof an der Baselstrasse 23. Als Vertreter der Bauernpartei gehörte er von 1924 bis 1936 dem Weiteren Gemeinderat an. Unsterblich gemacht hat ihn der Kunstmaler Jean Jacques Lüscher mit seinem im «Tramstübli» entstandenen Bild «Dorfwirtschaft»: es hängt heute im Gemeindehaus. Heute sind die fünf zu Jahren gekommenen Söhne des Eduard Unholz die einzigen in der Gemeinde lebenden Vertreter ihrer Familie: Eduard (s' 1910) ist der Vater der Staatsanwältin Marianne Unholz, Ernst (*1912) übernahm den Landwirtschaftsbetrieb des Vaters und gehörte von 1946 bis 1948 — ebenfalls als Vertreter der Bauernpartei — dem Weiteren Gemeinderat an. Sein Enkel Michael Tobias Unholz (*1977) setzt die Familie in der zehnten Riehener Generation fort. Walter (*1913) machte sich 1945 mit einer eigenen Mechanikerwerkstätte selbständig. Hans (s'1915) wirkte von 1956 bis 1978 als allseits beliebter Gemeinde weibel. Sein Schwiegersohn Willi Bertschmann-Unholz ist seit 1974 Bettinger Bürgerrat. Der PTT-Zustellbeamte Paul (*1921) wirkt im Männerchor und in der Bürgerkorporation als Vorstandsmitglied.

Der dritte Ast der Familie hat Riehen schon vor hundert Jahren verlassen, besitzt aber nach wie vor das Bürgerrecht und ist alljährlich am Essen der Bürgerkorporation vertreten. Ahne ist ein Bruder von Wernhard und Leonhard Unholz mit Namen Johannes (1744—1779), von Beruf Schneider und wohnhaft an der Oberdorfstrasse 7. Sein Sohn Johannes (1769—1828), von Beruf ebenfalls Schneider, zog an die Gartengasse 27. Von seinen sieben Kindern setzte einzig Johannes (1803—1870), nun an der Schützengasse 52 zuhause, die Familie fort, während der Landwirt Nikiaus Unholz (1807—1877) — sein Bauernhof stand am Davidsgässchen 4 — keine Söhne hatte.

Der vierte Johannes Unholz (1834—1903) war Gärtnermeister und zog in die Stadt. Sein Sohn hiess wieder Johannes (1874—1934) und heiratete die Württembergerin Luise Stoll (1876—1967); sie wirkte während 45 Jahren im Basler Stadttheater als Garderobiere. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter und der Sohn Albert (1894— 1966), von Beruf Eisendreher, hervor, dessen drei Söhne — Werner (*1920), Swissairmitarbeiter in Bülach ZH; Albert (»1922), SBB-Beamter in Basel und Jürg (»1934), Pfarrer in Zürich — mit ihren insgesamt acht Kindern den Bestand garantieren. Ein Bruder des Gärtnermeisters Johannes hiess Jakob (1837—1895) und hatte einen Bauernhof am Krämergässchen 12. Sein Sohn Adolf (1881 — 1940) ging zum Zoll und wohnte in Bern. Dessen Sohn Adolf Rudolf (!|'1910) verpflanzte die Familie in den Tessin, zwei seiner vier Töchter sind verheiratet. Ein dritter Bruder — Samuel (1842—1905) — kam als kaufmännischer Angestellter auf die Saline Schweizerhalle. Sein Sohn Hans Ludwig (1876—1947) lebte als Elektriker in Basel. Er hatte zwei Söhne: Hermann Gottlieb (*1904) zog nach Genf, wo er Vater von wieder zwei Söhnen und Grossvater von drei Enkeltöchtern wurde. Der zweite Sohn Max (*1908) feierte 1973 seine 50jährige Mitarbeit in der Firma Sauter AG in Basel, wo er als Maschinenzeichner, dann als Konstrukteur und zuletzt als Gruppenchef gewirkt hatte.

Auswanderungen über die Landesgrenzen hinaus sind nicht belegt, ein einziger Unholz wurde 1864 als verschollen erklärt. Zwei erwähnte Glieder der Familie erwarben sich zusätzlich zu demjenigen von Riehen auch das Bürgerrecht der Stadt, nämlich der Sauter-Mitarbeiter Max im Jahr 1929 und der Pfarrer Jürg 1958. Bürgerrechtsverzichte kamen nicht vor. Die Geschichte der Familie ist vor allem durch Paul Wenk, der — zusammen mit Hans Lengweiler — schon 1936 einen Unholz-Stammbaum herausgab, erforscht worden. Sein Augenmerk galt besonders den Zusammenhängen zwischen der Firma Wenk (heute Baselstrasse 46) und der Kaufmannsfamilie Unholz, weswegen sich diese wichtigen Ausführungen zur Riehener Wirtschaftsgeschichte in den Jubiläumsberichten des Geschäftes aus den Jahren 1937, 1955 und 1980 befinden.

Durch Heiraten von Unholz-Töchtern ist die Erbmasse der Familie in vielen Riehener Geschlechtern anzutreffen. Der Gemeindepräsident Otto Wenk hatte den Ratsherrn Heinrich Unholz zum Grossvater. Aus der Ehe WeberUnholz gingen der Gemeinderat und Stockschirmfabrikant Ernst Weber (1866—1930; siehe «Riehen — Geschichte eines Dorfes», S. 368) und der Gemeindeschreiber und Wirt Emil Weber (1864—1929) hervor. Ungefähr gleichzeitig mit der Familie Unholz erhielten die Löliger (1728) und die Seckinger (1737) den Riehener Bürgerbrief. Ebenfalls aus dem Zürichbiet kamen die Sulzer (1581 Hettlingen), die Götschin (1630 Horgen) und die Wirth (1763 Oberstammheim).

Die drei Familienzweige der Unholz entwickelten sich selbständig. Durch die Ehe Wenk-Weber verbanden sich Nachkommen des ersten und des zweiten Astes. Die gemeinsamen Stammeltern ausgenommen, bestanden sonst aber keine Verwandtschaften zwischen den verschiedenen Sippenteilen. Der dritte Ast verliess Riehen früh, die ihm angehörenden Männer haben sich teilweise schon sechs Generationen zurück mit auswärtigen Frauen verheiratet. Aus diesen Gründen ist es nicht möglich, allen Angehörigen der Familie Unholz Gemeinsames aufzuzeigen. Sicher ist aber, dass die Familie lebt und gedeiht; die neunte Generation der jetzt Erwachsenen ist mit 24 echten Angehörigen zahlreicher als jede vorherige. Riehen hat der Familie Unholz einiges zu danken. Von den wesentlichen Dingen des Alltags, die unser Leben ja weit mehr als die grossen Dinge bestimmen, kann leider nicht die Rede sein, weil über sie keine Akten bestehen. Aber der weitsichtige Geschäftsmann Hans Jacob Unholz und der lebenserfahrene Ratsherr Heinrich Unholz — die Würde seiner Persönlichkeit verschaffte, was damals noch möglich war, den Landgemeinden die nötige Achtung des Kantons — waren Riehener, deren Andenken nicht allein durch eine Strassentafel zu pflegen ist.

Sechs Bilder und wertvolle Hinweise verdanke ich Herrn Johannes Wenk-Madoery. Ein Bild wurde freundlicherweise von Frau Helene Lais-Wanner zur Verfügung gestellt. Einige Informationen entnahm ich den lokalgeschichtlichen Arbeiten von Pfarrer Dr. Emil Iselin und Dr. Hans Adolf Vögelin. Herr Fritz Lehmann und das von ihm aufgebaute Historische Grundbuch Riehen gewährten mir einmal mehr wesentliche Einblicke in die Entwicklung des Liegenschaftsbesitzes.

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