1979

Riehens eigene Buslinie

Nicolas Jaquet-Anderfuhren

Schon nach kurzer Zeit haben die Riehener «ihre» seit Mai 1979 von den Habermatten via Grenzacherweg/Dorfkern nach dem Steingrubenweg verkehrende Buslinie ins Herz geschlossen. Dies wohl aus drei Gründen: einmal erfüllen die kleinen Busse eine wichtige Transportaufgabe in der Gemeinde, dann bringen sie mit ihrer gelben Farbe eine fröhliche Note ins Strassenbild, und schliesslich herrscht in ihnen eine persönliche Atmosphäre.

Dass die Einwohner die im Auftrag der BVB von der Taxi-Zentrale AG betriebene Buslinie sozusagen als ihre eigene betrachten, obwohl die Kosten je zur Hälfte von der Gemeinde Riehen und den BVB getragen werden, liegt wohl daran, dass der Bus ausschliesslich auf Riehener Gemeindegebiet verkehrt und so die erste gemeindeinterne Linie bedient.

Die gute Benützung der Fahrzeuge schon in den allerersten Betriebswochen zeigt, dass dieser neue Dienst einem wirklichen Bedürfnis entspricht.

Weshalb eine Buslinie?

Riehen ist heute nicht mehr das kompakte Dorf, das es einst war. Während sich früher die Einwohner grösstenteils in unmittelbarer Nähe des Zentrums niederliessen und dementsprechend ihr Leben darauf ausrichteten, sind seit den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts weiter abgelegene Wohnsiedlungen entstanden, die zum Teil den Charakter von Aussenquartieren angenommen haben. Als deutlichstes Beispiel dieser Entwicklung kann das sich unterhalb der Geländestufe Gstaltenrain ausdehnende Niederholzquartier genannt werden.

Da die aussenliegenden Wohnquartiere oft schlecht oder gar nicht mit Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf und anderen Dienstleistungseinrichtungen versehen sind, besteht bei der Bevölkerung vermehrt das Bedürfnis, das Dorfzentrum mit seinem vielfältigen Angebot aufzusuchen. Aus diesem Grunde fällt dem öffentli
Nicolas JaquetAnderfuhren
chen Verkehrsmittel für die Verkehrsbeziehungen zwischen den einzelnen Dorfteilen eine wichtige Aufgabe zu. Es kann den Transport von Personen wesentlich billiger und umweltfreundlicher besorgen als das Auto und ermöglicht es auch denjenigen Personen, die keinen eigenen Wagen besitzen, bequem und rasch an ihr Ziel zu gelangen. Gedacht sei vor allem an junge Mütter mit Kindern, an Schüler und Betagte, die alle wesentlich am dörflichen Leben in der Gemeinde teilhaben. Schliesslich sind die Pendler zur Stadt zu erwähnen, die, wenn sie ein attraktives öffentliches Verkehrsmittel mit guten Verbindungen zur Stadt in der Nähe haben, eher auf ihr individuelles Fahrzeug verzichten.

Mit diesen Gedanken erläuterte der Gemeinderat im Februar 1977 seine erste Vorlage für die Einführung einer Buslinie von den Habermatten zum Steingrubenweg.

Mehr als zehnjährige Bemühungen Die Geschichte dieser Buslinie ist aber viel älter. Bereits im Dezember 1965, als sich der Bau des neuen Postgebäudes an der Bahnhofstrasse abzeichnete, forderte Max Henke in einer Kleinen Anfrage im Weiteren Gemeinderat die Schaffung einer Busverbindung Hörnli—Riehen Dorf. Erste Untersuchungen des Problems zeigten bald, dass die wohl günstigste Achse für eine solche Verkehrsverbindung der Grenzacherweg war. Im September 1969 diskutierte der Gemeinderat mit den BVB die Möglichkeit einer Buslinie vom Friedhof Hörnli durch den Grenzacherweg ins Stettenfeld. Zwei Jahre später, im September 1972, verlangte die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde eine Verkehrsverbindung von Riehen-Süd nach dem Dorf.

Die BVB erklärten aufgrund des Drängens der Gemeinde, dass die Einführung einer Linie Schäferstrasse-Kohlistieg-Grenzacherweg-Bettingerstrasse-Bettingen und zurück, also eine Kombination der damaligen Linien 32 und 35 möglich wäre. Der Gemeinderat begrüsste diesen Vorschlag, erachtete aber eine Verlängerung dieser Linie bis zu den Habermatten als notwendig. Auch der Verwaltungsrat der BVB stellte sich im Frühjahr 1973 positiv zu diesem Projekt ein.

Im Juli des gleichen Jahres beschloss aber der Regierungsrat, wegen der bestehenden finanziellen Schwierig keiten im Kanton, der Eröffnung dieser Buslinie nicht zuzustimmen, da das zu erwartende Defizit 300 000 Franken betragen hätte.

Keine Buslinie ohne Defizitbeteiligung Die BVB studierten indessen das Projekt weiter und legten im April 1974 erneut verschiedene Linienvarianten vor. Dabei erachtete der Gemeinderat eine Linie HabermattenSteingrubenweg als die geeignetste und erklärte sich bereit, maximal einen Drittel des Betriebsdefizites zu übernehmen. Im März 1975 wurde dem Gemeinderat mitgeteilt, dass der Regierungsrat eigentlich erwarte, dass Riehen die Hälfte des Defizits übernehme, andernfalls bestünden wenig Aussichten auf eine Realisierung des Projektes.

Im September 1975 teilte der Vorsteher der BVB im Auftrage des Regierungsrates zudem dem Gemeinderat mit, dass einer über zwei Jahre dauernden Versuchsperiode für eine Busverbindung via Grenzacherweg zum Steingrubenweg unter der Bedingung zugestimmt werden könne, dass die Gemeinde Riehen das jährliche Betriebsdefizit dieser Linie zur Hälfte übernehme. Nachdem der Gemeinderat als mögliche Varianten zum BVB-Busbetrieb eine Betriebsführung durch die Gemeinde oder ein Privatunternehmen geprüft hatte, kam er im November 1976 zum Schluss, dass jede andere Lösung teurer und komplizierter wäre als die hälftige Defizitbeteiligung an einer von den BVB betriebenen Linie.

Die Verhandlungen mit den kantonalen Instanzen zeigten immer deutlicher, dass ohne eine Beteiligung der Gemeinde eine Buslinie durch den Grenzacherweg nie realisierbar war.

Kleinbusse statt Grossbusse Im Februar 1977 behandelte der Weitere Gemeinderat eine entsprechende Vorlage für die Einführung einer Buslinie Habermatten-Schäferstrasse-Kohlistieg-Grenzacherweg-Eisenbahnweg-Schützenweg-Schützengasse-HinterGärten-Steingrubenweg. Als Fahrzeuge waren normale BVB-Busse vorgesehen. Dieser Vorschlag des Gemeinderates befriedigte den Weiteren Gemeinderat nicht in allen Teilen. So wurde bemängelt, dass der Bus zu wenig nahe ans Zentrum fahre, dass er für die Bewohner der am Rand des Siedlungsgebietes gelegenen Altersheime keine Verbesserung der Verkehrsverbindungen bringe, dass zu gross dimensionierte Fahrzeuge vorgesehen seien und dass mit dem Betrieb der Buslinie kein privater Unternehmer beauftragt werden sollte.

Auf Grund dieser Einwände beschloss der Weitere Gemeinderat, die Vorlage an eine siebenköpfige Kommission zur weiteren Prüfung zu weisen. Diese stellte in ihrem Schlussbericht im Juni 1977 den Antrag, die Vorlage an den Gemeinderat zurückzuweisen mit dem Auftrag, diese im Sinne der im Kommissionsbericht dargelegten Erwägungen zu überarbeiten.

So beauftragte der Gemeinderat die Verwaltung, eine neue Linienführung zu studieren, damit der Bus möglichst direkt bis in Zentrum geführt werden konnte. Dieses neue, seit dem 28. Mai 1979 verwirklichte Projekt sah dank dem Einsatz von Kleinbussen vor, dass die Linie im Dorfkern nicht mehr östlich, sondern westlich der Bahn entlang geführt wurde. Dies ermöglichte es, bei der Post und an der Ecke Spitalweg/Wendelinsgasse, somit direkt beim Zentrum und den Einkaufsmöglichkeiten, Haltestellen anzulegen. Von der Wendelinsgasse aus ist auch die Musik schule an der Rössligasse in wenigen Schritten zu erreichen.

Da die BVB für den beschlossenen zweijährigen Versuchsbetrieb keine Kleinbusse anschaffen wollten und es ihnen auch aus personalpolitischen Gründen zweckmässig erschien, beauftragten sie die Taxi-Zentrale AG als privates Unternehmen mit dem Betrieb dieser Buslinie. Zum Einsatz gelangen sogenannte City-Busse, hergestellt von der Steyr-Daimler-Puch AG, Wien. Sie sind mit einem Dieselmotor mit einer Leistung von 55 PS ausgerüstet und verfügen über 14 Sitz- und 14 Stehplätze.

Die bisherigen Erfahrungen mit diesem neuen Angebot des öffentlichen Verkehrsmittels sind so erfreulich, dass seit dem Spätsommer am Mittag und am Abend Entlastungskurse eingesetzt werden müssen. Wenn die Entwicklung so weiter geht, dürfte der Versuchsbetrieb nach Ablauf der zwei Versuchsjahre in ein Definitivum umgewandelt werden.

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