1979

Musikgeschichte in Metall

Hans Boltshauser

Eine Sammlung ganz besonderer Art stellen wir heute im Riehener Jahrbuch vor: die Medaillensammlung von Hans Boltshauser. Hans Boltshauser wurde 1898 in Basel geboren. Nach seiner musikalischen Ausbildung am Konservatorium und an der Musikakademie Berlin wirkte er viele Jahre als Geiger und Bratschist in Sinfonie- und Theaterorchestern des In- und Auslandes. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges kehrte er mit seiner Familie nach Basel zurück, und seit acht Jahren lebt er mit seiner Gattin in Riehen.

Erst spät und eigentlich recht zufällig stiess Hans Boltshauser auf das Gebiet der Medaillen. Als er im Jahre 1952 im Basler Historischen Museum die Goethe-Medaille eines ihm gänzlich unbekannten Johann Heinrich Boltshauser entdeckte, war seine Neugier geweckt. Auf Veranlassung des damaligen Museumsdirektors Prof. Dr. Hans Reinhardt forschte er dem Werk seines Uronkels nach, was bald zu einer Publikation über diesen bis anhin ziemlich unbekannten Medailleur führte. Aus einem interessierten Laien wurde so in kurzer Zeit ein fachkundiger, engagierter Sammler und Forscher. Heute besitzt Hans Boltshauser u.a. eine der umfassendsten Sammlungen von Medaillen auf Goethe, über welche noch in diesem Jahr aus seiner Feder ein Buch erscheinen wird. Im folgenden lässt er die Leser des Riehener Jahrbuches einen Blick tun in das zweite Hauptgebiet seiner Sammlung: die Medaillen auf Musiker. LS An den Anfang dieser kleinen Arbeit über eine Medaillensammlung auf Musiker möchte ich zur ersten Abklärung des etwas abseitigen Gebietes die Orientierung eines der grössten Medaillensammlers setzen: Prof. Dr. W. von Wurzbach schreibt in seinem zweibändigen Katalog seiner über 10 000 Exemplare zählenden Sammlung: «Medaillen sind keine Münzen, welche ein Zahlungsmittel darstellen. Medaillen sind künstlerische Denkmäler auf alle nur möglichen Personen und Ereignisse. Das Sammeln von Medaillen hat zu allen Zeiten wenig Pflege gefunden, weil zur Beurteilung dieser Werke wissenschaftliche Voraussetzungen erforderlich sind. Wenn das Sammeln kein kritikloses Zusammentragen sein soll, ist eine auf das Sammelgebiet ausgerichtete Vorbildung in historischer Hinsicht und ein solides Kunstverständnis erforderlich. Das sind Momente, die beim Münzensammeln entfallen, weil es für jedes Gebiet viele Münzkataloge — wie bei den Briefmarken — gibt. Bei den Medaillen muss sich der Sammler in den meisten Fällen in ausgiebigen Forschungen sein Orientierungsmaterial selbst herstellen».

Die Sammelgebiete sind unerschöpflich. Man kann Personenmedaillen (fast jede Berufsart ist vertreten), 'Historische Ereignisse', Städtebilder, Tiere, Pflanzen und vieles andere sammeln. Besonders interessant ist es, das Lebenswerk eines Künstlers zusammenzutragen.

Der Ursprung der Medaille stammt aus einer Zeit, in der es an Vervielfältigungsmöglichkeiten noch fehlte. Als erster, eigentlicher Medailleur gilt der italienische Maler Antonio Pisano (1380—1451) in Verona. Er benutzte die runden Metallscheiben, um ein Abbild der ursprünglich gemalten Portraits seiner Auftraggeber an Freunde und Gönner verschenken zu können.

In Deutschland wurde die Medaille durch Hans Schwartz im 16. Jahrhundert eingeführt. Frankreich, das Dorado der Medaille, hat eine Tradition durch Ludwig XVI., welcher 1775 an die Monnaie (Münzanstalt, Paris) den Auftrag erteilte, eine Geschichte in Metall zu schaffen, ein Auftrag, welcher bis in die heutige Zeit gewissenhaft ausgeführt worden ist.

Oesterreich hat seit 1839 in seinem Wiener Hauptmünzamt mit hervorragenden Medaillenkünstlern einen eigenen Stil entwickelt. Was die Schweizer Medailleure anbetrifft, haben sie meist ihr Wirkungsfeld ins Ausland verlegen müssen, wo sie, wie z.B. Jakob Stampfer (1505— 1570), Jean Dassier (1676—1763), Joh. C. Hedlinger (1691 — 1771), Joh. Melchior Mörikofer (1701 — 1761), H. Fr. Brandt (1789—1845), Antoine Bovy (1797—1877) zu hohem Ansehen gelangt sind. Zu ihnen ist auch der Riehener Hans Frei (1868—1947) zu zählen, von welchem ich drei ausgezeichnete Musikermedaillen und Plaketten erwähnen kann.

Oft werde ich gefragt, wie ich dazu gekommen sei, mich mit Medaillen zu befassen. Ein Museumsbesuch im Jahr 1952 überraschte mich mit der Tatsache, dass ein in der Familie vergessener Johann Heinrich Boltshauser (1754—1812) — ein Uronkel — Münzmeister und Hofmedailleur der Fürsten Carl Theodor (1724—1799) und Grossherzog Karl Friedrich (1727—1811) von Baden am Hofe in Mannheim war. Er schuf die erste Medaille auf Johann Wolfgang von Goethe in der Wertherzeit. Dieser Umstand war es, der mich mit den Jahren zum eifrigen Medaillensammler und Forscher gemacht hat.

Meine «Musikgeschichte in Metall» reicht vom Jahre 980 (Guido von Arezzo) bis in die jüngste Gegenwart. Da es 3000 bis 4000 Musiker-Medaillen gibt, sind die Möglichkeiten sehr gross. Wenn man bedenkt, dass es z.B. auf Beethoven und Wagner je über 200 verschiedene Versionen gibt, so kann man sich von der Vielfältigkeit des Motivs eine Vorstellung machen. Es ist besonders interessant, die verschiedenen künstlerischen Auffassungen zu vergleichen und sich an ihnen zu erfreuen. Mit den zeitgenössischen Medailleuren, vielen Sammlern und Institutionen kommt man in persönliche Verbindung, was den Horizont beträchtlich erweitert.

Ich habe versucht, aus dem vielfältigen Material einen kleinen Ausschnitt zu geben. In chronologischer Reihenfolge sind dabei zwölf Musiker zum Zuge gekommen. Die Abbildungen, hergestellt von Karl Eugster, mussten dabei teilweise Verkleinerungen, bzw. Vergrösserungen erfahren. Die richtigen Dimensionen stehen bei den Beschreibungen. Wenn es mir gelungen ist, einzelne Leser für das Medaillen-Sammeln anzuregen, ist der Zweck dieser kleinen Abhandlung erreicht.

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