1979

Gemeinsam unterwegs

Ruth Bernoulli-Spörri

Im Jahr 1979 gedachte die evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Basel-Stadt ihrer Entstehung vor 450 Jahren. Am 1. April 1529 trat in Basel die Reformationsordnung in Kraft: die bisher übliche Form der Messe wurde abgeschafft; Gottesdienst und Glaubenslehre der Kirche wurden neu nach der Bibel ausgerichtet. Auch soziale, wirtschaftliche und politische Veränderungen wurden in der Reformationsordnung gefordert, doch setzten sich diese nicht in gleicher Weise durch. Vorbereitet war die Erneuerung in Jahrzehnten reformerischer Bewegungen und Konzilien, zum Beispiel im Reformkonzil von Basel 1431 — 1448.

Da der reformatorische Durchbruch nicht in der gesamten Kirche vollzogen wurde, kam es zur nie beabsichtigten unheilvollen Spaltung, unter welcher Kirche und Gesellschaft schwer gelitten haben. Ist der Säkularisierungsprozess, der sich heute in den ehemals christlichen Völkern vollzieht, letztlich eine Folge dieser Spaltung der Kirchen? Wurde die Botschaft von der Versöhnung Gottes mit den Menschen — und der Menschen untereinander — unglaubwürdig durch eine Kirche, die in Konfessionen zerstritten nebeneinander herlebt oder sogar gegeneinander agiert?

Papst Johannes XXIII., der in einer von Gottes Geist gewirkten Eingebung — wie auch viele Reformierte glauben — im Januar 1959 ein zweites Vatikanisches Konzil ankündigte, war überzeugt davon, dass die Kirche, seit ihrem Anbeginn «Semper in reformatione», auch in der Gegenwart der Erneuerung bedürftig sei. Dass diese Erneuerung zugleich der inneren Einheit der Christen dienen müsse, stand für ihn fest. «Die katholische Kirche sieht es als ihre Pflicht an, alles Erdenkliche zu tun, damit das grosse Geheimnis jener Einheit erfüllt werde, die Christus Jesus am Vorabend seines Opfertodes von seinem himmlischen Vater mit glühenden Gebeten erfleht hat», so sagte der Papst wörtlich bei seiner Ansprache zur Konzilseröffnung am 11. Oktober 1962. In den vier Sessionen des Vaticanums II (1962-65) vollzog sich, vorbereitet durch jahrzehntelange Arbeit moderner katholischer Theologen, eine Erneuerung der römisch-katholischen Kirche, die der Reformation am Ende des Mittelalters vergleichbar ist.

Noch lebt die Kirche in getrennten Räumen, aufgespalten in Konfessionen mit ihren je besonderen Traditionen. Die Bevölkerung aber vermischt sich durch die berufsbedingte Migration immer mehr. So leben auch in Riehen Christen verschiedener Konfessionen eng nebeneinander. Könnten sie nicht noch vermehrt miteinander leben — und dies nicht nur im beruflichen und politischen Bereich, in Staat und Gesellschaft, sondern auch als Glieder der Kirche?

Um solche Fragen bemüht sich seit Anfang der 70er Jahre eine «Oekumenische Kommission Riehen-Bettingen», deren Mitglieder von Pfarreirat und Kirchenvorstand gewählt sind. Angeleitet durch den Impuls von verschiedenen engagierten Laien und Geistlichen wurde versucht, Anregungen aus der weltweiten oekumenischen Bewegung aufzunehmen und im Räume Riehen zu verwirklichen. Was führt uns weiter auf dem Weg zur Einheit unter den Kirchen, einer Einheit, die nicht Uniformität oder einheitliche Institution bedeuten muss? Die jahrhundertelange Spaltung verhinderte ein echtes, vorurteilfreies Kennenlernen der andern Konfession. Heute aber sind Kontakte möglich, und darum ist jede Möglichkeit der Begegnung zu ergreifen. Wie ein katholischer Christ wirklich ist, was er glaubt, wie er seinen Glauben ins Leben umsetzt, wie er Gottesdienst feiert, was er als Christ über heutige Weltprobleme denkt, das alles kann ich als Reformierte oder Reformierter authentisch nur erfahren, wenn ich mit katholischen Christen ins Gespräch komme und eine Zeit lang den Gottesdienst in ihrer Kirche mitfeiere.

In Riehen hat sich die Art und Weise, wie sich die Konfessionen in der Feier des Gottesdienstes begegnen, im Laufe der Jahre gewandelt. Anfangs bot die jährlich wiederkehrende Gebetswoche für die Einheit der Christen im Januar die Möglichkeit, zu oekumenischen Wortgottesdiensten einzuladen; solche wurden dann gelegentlich auch während des Jahres angeboten. Später bekam ein grösserer Kreis von Gemeindegliedern die Möglichkeit, einen Pfarrer der anderen Konfession kennenzulernen, da er im Kanzeltausch in der Schwesterkirche predigte. Mit der Zeit verstärkte sich der Wunsch, an einem normalen Gottesdienst der andern Konfession teilnehmen zu können. Dies wünschten nicht nur mit besonderem Nachdruck die zahlreichen Mischehepaare, sondern auch weitere oekumenisch interessierte Gemeindeglieder. So wurden nun an bestimmten Sonntagen die Gottesdienste zu «Gottesdiensten der offenen Tür» erklärt. Da konnte die Schwellenangst, sich zu einem Gottesdienst der «fremden» Konfession einzufinden, leichter überwunden werden: man war ja erwarteter Gast. Aus diesen erfreulichen Erfahrungen gewann ich persönlich den Mut, häufiger auch an normalen Sonntagen den katholischen Gottesdienst mitzufeiern, und lernte so den Glauben der Schwesterkirche gewissermassen von innen her besser kennen und schätzen.

Oekumenische Fürbittegottesdienste, die im Jahr 1978 von Laien und dem evangelischen Kirchenchor mitgestaltet wurden, bahnten schliesslich den Weg zu dem wöchentlichen oekumenischen Mittwochabendgottesdienst in der Dorfkirche, der seit Anfang 1979 gefeiert wird. Auf die kurze Predigt, die — von Mittwoch zu Mittwoch abwechselnd — ein evangelischer oder ein katholischer Pfarrer hält, folgt jeweils die von seinem anderskonfessionellen Kollegen geleitete Abendmahls- oder Eucharistiefeier, zu der alle Anwesenden eingeladen sind. Die Möglichkeit, miteinander den christlichen Gottesdienst in seiner Fülle erleben zu können, verbindet Christen im Herzstück des Glaubens: in der Zugehörigkeit zu Jesus Christus. Dass eine Kirche die Glieder der andern Kirche zum eucharistischen Mahl einlädt, auch wenn die Einheit der Konfessionen noch nicht erreicht ist, ist für viele ein starker Ausdruck der Hoffnung auf die Vollendung der Einheit. Von dieser Feier gehen Kräfte aus, auch sonst die Begegnung zu intensivieren. Immer mehr Frauen und Männer aus verschiedenen Konfessionen sollen sich kennenlernen, sich verstehen lernen, sich in aller Verschiedenartigkeit der Glaubensformen gegenseitig schätzen und ernstnehmen lernen.

Auf verschiedenen Altersstufen finden in Riehen bereits interkonfessionelle Begegnungen statt. ältere Menschen besuchen wöchentlich den Betagten-Treffpunkt in St. Franziskus, wo sie nicht nur miteinander essen und plaudern, sondern auch Gottesdienst feiern und sich über interessante Themen orientieren lassen und gegenseitig aussprechen.

In der werktätigen Generation ist es ganz besonders erfreulich und verheissungsvoll, dass die Gremien der Verantwortlichen in Kirchgemeinde und Pfarrei den Weg zueinander gefunden haben. So treffen sich der evangelische Kirchenvorstand und der katholische Pfarreirat zu gemeinsamen Sitzungen und sogar Arbeitswochenenden über hängige Fragen. Wie wichtig, dass bei einem «Wechsel der Besatzung», nach Neuwahlen, diese für das oekumenische Klima in Riehen so bedeutsame Tradition weitergepflegt wird! Von ebenso grosser Bedeutung ist die regelmässige Arbeitssitzung des Oekumenischen Teams, das heisst der Amtsträger beider Konfessionen, wo Geistliche, Jugendbeauftragte, Gemeindehelferinnen und Sozialarbeiterinnen die oekumenischen Anlässe planen und vorbereiten. Hier lernen sich die Amtsträger immer besser kennen und auch begleiten in ihrer ganz persönlichen oekumenischen Entwicklung. Von dieser oekumenischen Zusammenarbeit der vollamtlichen Amtsträger strahlt eine Kraft der Zusammengehörigkeit aus auf das Leben der Kirchen in Riehen.

Reichhaltig war und ist das Angebot von gemeinsamen Anlässen für die mittlere Generation: von Suppentagen über gesellige Veranstaltungen bis zu den oekumenischen Gottesdiensten. Für interessierte Gemeindeglieder werden Vorträge, Seminare und Diskussionen über aktuelle Fragen organisiert. Themen waren zum Beispiel 1972 «Gemeinsam überleben», 1973 «Was uns eint, was uns noch trennt», 1974 «Veränderung der Welt», 1975 «Gemeinsames Bibelverständnis», 1976 «EucharistieAbendmahl», 1978 fünf gewichtige Vorträge von verschiedenen Universitätsprofessoren über zentrale Fragen des christlichen Glaubens: die Heilige Schrift, das Kreuz Jesu, der Osterglaube, die Kirche, der Gottesdienst. Und im Jahr des Reformationsjubiläums 1979 fanden drei Vorträge statt unter den Titeln: «Die Reformation in katholischer Sicht», «Reformatorisches Christentum», «Der Auftrag der reformierten Kirche in der oekumenischen Bewegung». — Bibelwochenenden, Bibelabende, Lesekreise und immer weitere Anlässe der Erwachsenenbildung, die von den Kirchen veranstaltet werden, stehen in Riehen offen für Glieder aller Konfessionen. Probleme des heutigen Menschen, der seinen Glauben im täglichen Leben zu verwirklichen sucht, werden aufgegriffen, und miteinander werden Lösungen gesucht. Diese gemeinsame Arbeit, diese Offenheit füreinander, das Hören aufeinander und Lernen voneinander sind ein Weg zur Einheit: einer Einheit, in der Gegensätze nicht vertuscht, sondern versöhnt werden, in der Eigenständigkeit und Verschiedenartigkeit anerkannt und in ihrem Wert geschätzt werden. — Viele dieser Aktivitäten wurden von der Oekumenischen Kommission angeregt.

Und wie steht es mit den Kindern, der Jugend, der heranwachsenden Generation? — In der Bevölkerung von Basel und Riehen beträgt seit Anfang der 70er Jahre die Zahl der konfessionellen Mischehen unter den Neuverheirateten mehr als ein Drittel! Diese vielen Ehepaare erleben die immer noch bestehende Trennung der Kirchen besonders schmerzlich, gerade auch im Blick auf ihre heranwachsenden Kinder. Den Problemen der konfessionell gemischten Ehen wurde denn auch an der Synode 72 der römisch-katholischen Kirche der Schweiz spezielle Beachtung geschenkt. In Riehen engagierte sich eine Gruppe von Mischehepaaren seit 1971 in diesen Fragen und befasste sich besonders mit dem Problem der Erziehung und Unterweisung der Kinder im Geist der Oekumene. Unterstützt von Geistlichen beider Konfessionen erarbeitete sie das Konzept eines oekumenischen Religionsunterrichtes in der Primarschule. Diese Eltern sind überzeugt, dass das Gemeinsame des christlichen Glaubens in seiner Bedeutung alles Unterscheidende der Konfessionen weit übertrifft (siehe dazu: Feiner/Vischer, Neues Glaubensbuch. Der gemeinsame christliche Glaube. Herder-Verlag, 1973). Deshalb sollen die Kinder in ihrer religiösen Unterweisung in der Schule zuerst gemeinsam, als ganze Schulklasse, durch ihren Klassenlehrer die Botschaft des Evangeliums vernehmen; über konfessionelle Eigenheiten sollen sie später unterrichtet werden. Durch Elternbefragungen und Verhandlungen mit den kirchlichen Behörden wurde der Weg zu diesem Experiment (ausdrücklich als solches bewilligt!) geebnet, und seit 1974 kann in je einer Primarklasse pro Jahrgang in jedem Schulhaus in Riehen der Religionsunterricht in oekumenischer Ausrichtung erteilt werden, falls ein Klassenlehrer dazu bereit und ausgebildet ist. Die Befürworter dieses Unterrichtes hoffen, dass dieses zeichenhafte Experiment auch die konfessionellen Unterrichtskräfte anspornt, ihre Unterrichtsweise zu überprüfen und sie in oekumenischer Aufgeschlossenheit den heutigen Bedürfnissen und Erkenntnissen anzupassen.

Die um diesen oekumenischen Unterricht in der Primarschule auftauchenden Fragen — es fällt ja auch die konfessionelle katholische Eucharistie-Unterweisung der Zweitklässler zur Vorbereitung der Erstkommunion in die Zeitspanne dieses oekumenischen Unterrichts — führten zu einer erfreulichen Neuerung in der evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt: Nach Beschluss der evangelischen Synode werden bereits Kinder nach entsprechender Einführung im Unterricht zur Abendmahlsfeier der Kirchgemeinde zugelassen, während sie früher bis zu ihrer Konfirmation warten mussten. Auch im 7. Schuljahr wird vielerorts der Religionsunterricht oekumenisch gestaltet, und wir hoffen, dass die Unterrichtenden aller Schulstufen die Kinder in aufgeschlossener Weise mit den andern Konfessionen bekanntmachen. — Unsere Heranwachsenden kümmern sich, sofern sie überhaupt am kirchlichen Leben interessiert sind, kaum noch um die Grenzen der Konfessionen. Sie gehen dorthin, wo «etwas los ist», wo sie sich angesprochen fühlen, sei es nun das Meet-in im Pfarreiheim St. Franziskus, das Singen mit Chester Gill in der Dorfkirche oder das Morgenlob in der Kornfeldkirche. Und im Freizeitzentrum Landauer wird auch nicht nach der Konfession gefragt!

Die Türen zu den Kirchen, zu den Gemeindehäusern und dem Pfarreiheim stehen offen, und sie werden von vielen hin und her durchschritten. Steht also in Riehen mit der Gemeinschaft der Kirchen alles zum besten? Sind alle Fragen gelöst?

Wenn auch im neuen Rauracherzentrum, von dem wir einmal hofften, es werde ein oekumenisches Zentrum in Riehen, die Sozialarbeiter der evangelisch-reformierten und der römisch-katholischen Kirche ihre Büros heute auf demselben Boden haben, so erfahren wir doch schmerzlich, dass noch lange nicht alle Glieder der evangelischen Im ökumenischen und katholischen Gemeinde in Riehen sich als auf dem Religionsunterricht sdben Grund aufgebaut empfinden. Konservative Kreise vpvtip hyyipn clip Ivi marschüler gemein- 'n beiden grossen Konfessionen distanzieren sich auch in sam die Botschaft Riehen von mancher Neuerung und begehren nicht, sich des Evangeliums. mit andern auf einen gemeinsamen Weg zu machen. Und mit Sorge müssen wir Reformierte merken, dass unsere Zusammenarbeit mit den katholischen Mitchristen, über die wir uns dankbar freuen, den evangelischen Freikirchen in Riehen grosse Mühe bereitet. Es lässt uns jedenfalls keine Ruhe, dass die Beziehungen mit der Pilgermission St. Chrischona und dem Vereinshaus am Erlensträsschen sowie mit der FETA (der freien evangelischen theologischen Akademie) recht lose geworden sind. Unsere Brüder und Schwestern wählen wir nicht aus, sie sind uns gegeben. Wir suchen den Kontakt auch mit den Mitchristen in Riehen, welche Mühe haben, uns auf dem eingeschlagenen Weg zu verstehen und zu folgen, — und wir bleiben im Glauben und in der Fürbitte ihre Schwestern und Brüder. Unsere Hoffnung richtet sich auch darauf, uns (zusammen mit den Katholiken) im Gespräch und im Gottesdienst auch mit ihnen wieder zu finden.

Oekumene, Einheit, meint Gemeinschaft und Beziehung unter allen Christen. Es gibt einen oekumenischen Gottesdienst in Riehen, der seit Jahren gefeiert wird (vielleicht war es überhaupt der erste oekumenische Gottesdienst in Riehen!), der auf evangelischer Seite auch von den evangelikalen Kreisen mitgetragen wird: der oekumenische Gottesdienst zum Weltgebetstag der Frauen. Dieser weltweit nach derselben Liturgie gefeierte Gottesdienst erinnert uns daran, dass 'Oekumene' ja dem Wortsinne nach die ganze von Menschen bewohnte Erde meint. Die Christen in Riehen, die sich in oekumenischer Offenheit als Kirchen miteinander auf einen Weg gemacht haben, wissen, dass die Kirche — auch die Einheit der Kirche — kein Selbstzweck ist. Es geht um die Einheit der Menschheit, um Gemeinschaft und Frieden unter den Menschen. Die Kirche darf in ihrem Denken und Tun nicht um sich selber kreisen. Ihr Blick muss ständig auf den ganzen Kreis der Erde gerichtet sein. Die Botschaft von der versöhnenden Liebe Gottes vermag uns dazu zu befreien, dass wir miteinander, als Christen verschiedener Konfessionen und Kirchenformen gemeinsam die Probleme des eigenen Lebens und die Probleme der Welt in Angriff nehmen — in Richtung auf mehr Solidarität, mehr Gerechtigkeit, mehr Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit. Dazu sind wir unterwegs.

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