1978

Riehen und Bettingen aus ungewohnter Sicht

Ludwig Bernauer

Gemessen mit englischen Verhältnissen, wo beinahe jede Kleinstadt ihre hochnoble «Photographic Society» hegt und pflegt, ist die Szene rings um Basel sehr nüchtern und bescheiden. Eine ganze Reihe von Fotoclubs sind zwar durchaus vorhanden, treten aber nicht stark an die öffentlichkeit. Deshalb haben im Frühjahr 1978 die Verkehrsvereine Riehen und Bettingen ihren Wettbewerb «Riehen und Bettingen aus ungewohnter Sicht» mit gedämpftem Optimismus lanciert. Die eingesandten Arbeiten waren jedoch überraschend zahlreich; 156 Fotojünger reichten insgesamt rund 400 Helgen ein und hofften auf gnädige Juryaugen. Besagte Jury hat sich dann in der Praxis allerdings nicht in erster Linie mit dem Thema der Aufgabe befasst, sondern mit der fotografischen Qualität. Dies ergab sich schon aus der Tatsache, dass eben «die ungewohnte Sicht» streng genommen, nicht gut vertreten war.

Nun sind 156 bildbegeisterte Seelen für ein Gemeinwesen von über 20 000 Köpfen nicht gerade überwältigend, in Riehen und Bettingen müssen ja gegen tausend Fotokästen herumliegen. Die Scheu, sich mit eigenen Werken einer kritischen öffentlichkeit zu stellen, mag immer noch gross sein, Wettbewerbe sind obendrein nicht jedermanns Sache. Das gestellte Thema hätte eigentlich so eine Art Invasion auslösen können, in der Art, dass plötzlich Männlein und Weiblein, behangen mit optischen Nothelfern, ihr vertrautes Revier einmal etwas näher beschnuppert hätten, vielleicht zu ungewohnten Tageszeiten, sogar bei Regen und Sudelwetter. Statt dessen wurde im wesentlichen das vorhandene Bildmaterial eingesandt und die Hoffnung gehegt, es sei da Ungewohntes drin. Die Weiblein übrigens waren schrecklich schwach vertreten, sind Fotoapparate zu schwer oder zu wenig elegant für zierliche Damenhände?

Im Allgemeinen und im Besonderen sind Leute, die Bilder anderer Leute jurieren müssen, geplagte Gestalten, in unserem Falle gingen die Beteiligten bemerkenswert unversehrt aus der Affäre hervor, wohl deshalb weil sie am Anfang ganz milde gestimmt waren und erst bei der Beurteilung der 20 Preisträger etwas die Zähne zeigten. Immer mehr erwies sich nämlich beim nähern Schauen, dass beim überwiegenden Teil der Arbeiten etwas zum Vorschein kam, das sehr oft bei solchen Gelegenheiten völlig übersehen wird, ich meine das Menschliche, Stille, Unspektakuläre, der ganze Reiz naiver Versuche, genau das, was raffinierte Beinahekönner nie zustande bringen. Zudem scheint die Freude an der Schwarzweissfotografie wieder gewachsen zu sein, und es waren eben ausgerechnet nur die liebenswürdig mangelhaften Schwarzweisshelgen, die das Menschliche in sich bargen. Bei den Farbversuchen kam fast immer eine Hilflosigkeit zum Vorschein, die nur im technischen Bereich Trost sucht. Auch wenn das antiquiert tönt, Amateure im Farbenrausch, ohne Höhen und Tiefen der Schwarzweisspraxis, sind in der Regel bloss Lieblinge der Filmindustrie. Der Wettbewerb der beiden Verkehrsvereine war ein Experiment. Er war aber auch direkt und indirekt eine Begegnung und in diesem Sinne wohlgelungen!

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