1977

Der Gross Elmer

Otto Laurin

Es war ein Morgen wie jeder andere. Das Licht des neuen Tages stieg sachte von den bewaldeten Höhen des Dinkelberges herab und legte sich über die Auen und Felder des unteren Wiesentals.

Vereinzelte Vogelstimmen klangen schüchtern durch die stille Morgenluft. Die Kirschbäume standen leer, die Kornäcker waren abgeerntet.

Im Dorf regten sich die ersten Frühaufsteher. Jakob Häusler lud die schweren Kannen, Kessel und Behälter auf sein Milchauto. Er zerhackte Eisstangen in die Butterkisten und blickte beim Atemholen zum leicht verschleierten Himmel empor. Kein Lüftchen ging. Es war doch nicht ganz wie sonst. Der Morgentau fehlte an den Pflanzen seines danebenliegenden Gartens. Etwas lag in der Luft. Er spürte eine leise Bedrückkung, verscheuchte aber sofort düstere Gedanken. Was anderes als ein Witterungsumschlag nach der langen Trockenperiode?

Im übrigen hatte er sich fest vorgenommen, in dieser schweren Zeit die gute Laune hochzuhalten und stets der alte, fröhliche Milchmann zu bleiben. Wer sollte denn sonst zu den unterdrückten Menschen einen Lichtschimmer Frohmut und ein klein wenig Freiheitsahnung hinübertragen in die Nachbarstadt ennet der Grenze? Als einziger Schweizer wurde er zur Ausübung seines Berufs noch durchgelassen. Für alle andern war die Grenze hermetisch abgeriegelt. Diktatur und Krieg herrschten!

Die Menschen drüben waren seine Kunden. Mit ihren Töpfen und Kännchen in der Hand warteten sie geduldig hinter den Türen, kamen hervor aus den düsteren Treppenhäusern, forschten in Jakobs Gesicht nach einem Lächeln, nach einem freundlichen Wort oder flüsterten ihm etwas ins Ohr — und kehrten mit ihrer kargen Magermilch- und Margarineration erleichtert ins Haus zurück. Jakob tat, was er konnte. Seine schwere Tagesarbeit liess ihm wenig Zeit zum Grübeln. Es war seine Art, alles nicht so tragisch zu nehmen, denn er glaubte an das Gute im Menschen; selbst in jenen Menschen, die schwarze Totenkopfmützen trugen. Bei aller Zurückhaltung liess er trotzdem geneigten Ohren oft seine Abscheu über die — wie er sagte —• todernste Spinnerei durchblicken, die doch jeder menschlichen Vernunft widerspräche. Seine harmlosen Karikaturen, sein komisch-kritischer Humor bewirkten besonders bei der älteren Generation das Zurückfinden zu bewährten Grundsätzen von Recht und Unrecht, die das amtierende Regime mit allen Mitteln der Propaganda ins Gegenteil umzukehren versuchte. Man schmunzelte dann herzhaft miteinander und sah wieder alles klarer als zuvor. Freilich war's nur ein gedämpftes Schmunzeln. Richtiges Lachen wäre gefährlich gewesen. überall horchten Verräter!

Dann gab es auch die andern. Die «Verhexten», wie Jakob sie schonungsvoll nannte. Jakobs Sohn Tobias, der an schulfreien Tagen auf der Tour mitfahren durfte, kann beispielsweise das Bild jener Mutter, die ihren 18jährigen Sohn als Fliegersoldat an der Front verlor, nicht so schnell vergessen. Tobias sass auf der kühlen Butterkiste, um eine Monatsrechnung zu addieren. Die Nachbarsfrauen jener Sammelhaltestelle berichteten ganz niedergeschlagen vom Tod des hoffnungsfrohen Jünglings Horst Schenker vom 4. Stock. Tobias verbarg sein Weinen, er hatte ihn gut gekannt, den Horst. Wie wird dessen Mutter über diesen Schmerz hinwegkommen? Da trat Frau Schenker zur Haustür heraus, festen Schrittes und ohne jedes Zeichen der Trauer rief sie stolz: «Er starb für den Führer. Wir kämpfen bis zum Endsieg . . .!»

Vater Häusler bog mit seinem fahrenden Milchladen in die nächste Strasse ein, während Tobias noch immer auf der Butterkiste sass und vor sich hinsann. Er musste zu Hause die Mutter fragen. Er wollte in den Schulbüchern nach Heldengeschichten forschen. Aber jetzt musste er herunterspringen, Kännchen zutragen und das Milchbüchlein fertig addieren.

Da kam auch schon die Haltestelle vor der Villa der Frau Aich, einer liebenswürdigen Witwe jüdischer Abstammung. Wiederum erstanden freudlose Bilder vor der jungen Seele des empfindsamen Tobias. Er hatte zugeschaut, wie unschuldige Judenfamilien erbarmungslos aus den Häusern gezerrt und verschleppt wurden. Er sah auch mit eigenen Augen, wie diejenigen, die sich über die Grenze flüchten konnten, von den Schweizer Grenzwächtern zurückgeschoben wurden, zurück ins sichere Verderben. Also blieb den Unglücklichen auch dieser letzte Ausweg verschlossen. Und Witwe Aich? Tobias bemerkte, wie sein Vater diesmal länger und leiser als sonst mit ihr sprach. Häusler kannte die Verhältnisse auf der Schweizerseite natürlich ganz genau und hätte schon raten können, wo die Chancen am besten sind . . .

Dass die Grenzwächter seines eigenen Landes so unmenschlich handeln konnten — wenn auch auf höheren Befehl —, war Tobias unerklärlich. Er kannte sie doch alle, wohnte in ihrer Nähe, und sie spielten nicht selten mit ihm und den Kameraden auf dem Zollplatz und den leeren Strassen. Sie waren es auch, die Abwechslung in das Leben der Bevölkerung im Riehener Grenzzipfel brachten. Die Andersartigkeit der Sprachen und Dialekte der vom Bündnerland, vom Tessin, aus der Ostschweiz und gar vom Welschland stammenden Zollhüter förderte das Zusammengehörigkeitsgefühl zur übrigen Schweiz. Alle hatten ein freundliches Wort übrig für unsere Jugend. Nur einer stand stets streng und unnahbar an seinem Posten, und die Kinder hatten grossen Respekt vor ihm.

Es war der Gross Elmer!

Eine riesige, hagere Gestalt, ernst und wortkarg. Er war Wachtmeister. Tobias und seine Kollegen mieden ihn, wo sie konnten. Mit dem musste nicht gut Kirschen essen sein. Wenn nur der Vater beim Grenzeintritt nie etwas im Milchauto versteckt hatte ! Es wäre nicht auszudenken gewesen, wie ein Mensch in der Art Gross Elmers reagiert hätte. Aber, eigenartig: bei Vater Häusler machte er nie eine Kontrolle. überhaupt verstanden sich die beiden nicht schlecht. — Trotzdem, für Tobias galt er als der gefährlichste unter den Grünen!

Man kennt die Elsässer Gemüsefrauen, die mit ihrer Ware über die Grenze nach Basel kamen. So gab es vor dem Zweiten Weltkrieg im Grenzdorf Riehen einen ähnlichen Erwerbszweig. Alte Lörracher erinnern sich vielleicht noch, wie damals die beliebten «Schwoizer Sennen» mit ihren Fuhrwerken Tag für Tag über die Grenze kamen, vollbeladen mit der köstlichen Schweizermilch, feiner Tafelbutter und mit dem echten emmentalischen Schweizerkäse. Die badische Nachbarstadt' hatte damals noch keine eigene Milchversorgung. Auch später, als eine eigene Molkereiorganisation eingerichtet wurde, wollte man auf die Schweizersennen und ihre Produkte nicht verzichten. Die Schweiz galt als das klassische Land der Alpweiden und Kuhherdén. So wurden die Eidgenossen allesamt zu Kuhschweizern!

Eine ganze Anzahl Riehener Milchmannen betätigte sich seit alters her in diesem Gewerbe. Milch und andere landwirtschaftliche Produkte konnten damals ohne jegliche Formalitäten im Nachbarsverkehr über die Grenze gebracht werden. Es bestand auch ein viel engeres Zusammengehörigkeitsgefühl unter der Bevölkerung vom Rheinknie bis zum Feldberg: Alemannenvolk Johann Peter Hebels!

Der letzte Schweizersenn war unser Jakob Häusler.

Als er an jenem Spätsommermorgen hinüberfuhr, ahnte er nicht, dass es das letzte Mal sein sollte!

Schon seit längerer Zeit verdüsterten lästige Ausfragereien und andere Schikanen durch die braune Macht das Gemüt Jakobs, aber weit mehr Mitleid hatte er mit der badischen Einwohnerschaft. Dass man auch mit ihm etwas im Schilde führen könnte, daran dachte er nicht. Er war Ausländer, ging seiner Arbeit nach und tat niemand etwas zu leide. So fuhr er auch heute wieder guten Muts hinüber und bediente seine Kunden.

Der leichte Dunst des frühen Morgens überzog gegen Mittag vollends das Himmelszelt. Es war drückend heiss. Am Grenzerpfad im Stettengraben standen die Kirschbaumreihen mäuschenstill. Kein Blatt regte sich. Allmählich zogen schwarze Wolken auf.

Der Gross Elmer war auf einem Patrouillengang unterwegs zum abgelegenen Maienbühl hinauf. Mit dem Feldstecher gewahrte er oben am Stettenloch zwei Gestalten auf der anderen Seite des Stacheldrahtverhaus. Ein deutscher Grenzwächter und ein SS-Mann. Als die ersten Tropfen fielen, suchten die beiden Schutz vor einem verfallenen Streuhüttchen. Elmer duckte sich ganz in der Nähe unter das Vordach eines Geräteschopfs und lauschte angespannt einem Gespräch. Das Gewitter war inzwischen losgebrochen. Die Deutschen verhandelten den «Fall Häusler». Sie erklärten einander, was für Befehle erlassen worden waren, um den einzigen im Gebiet noch vorhandenen Volksaufwiegler und Reichsverächter unschädlich zu machen. Der Grüne, ein alteingesessener Stettemer machte Einwände. Das sei doch purer Unsinn, der Häusler sei ein harmloser guter Teufel! Aber der schwarze Preusse wies ihn scharf zurecht. Wenn dieser Mensch wirklich so harmlos wäre.müssten sie beide jetzt bei diesem Hundewetter nicht hier draussen stehen, um einen geplanten Fluchtversuch zu vereiteln, der scheinbar von diesem Kuhschweizer (das klang sehr verächtlich) angeregt wurde.

Jetzt kannte Elmer den Plan und die Absichten. Er musste schnell handeln. Um 2 Uhr kehrte Häusler normalerweise von der Tour zurück. Es blieben 20 Minuten. Der Gross Elmer missachtete die dienstliche Weisung zur Fortsetzung des Patrouillenganges. Sich der Folgen seines Handelns wohl bewusst, lief er im strömenden Regen zum Zollhaus zurück, wo Häuslers Wagen schon eingefahren war. Er hiess ihn aussteigen und zog ihn mit sich ins Wachthaus. Hier drin waren sie ungestört. Kurz und bündig verriet Elmer ihm das hinterhältige Vorhaben und warnte ihn vor der drohenden Gefahr.

Kein Wunder, dämmerte es langsam in Jakobs Kopf, haben mir die deutschen Beamten vorhin sämtliche Schriften abgenommen und mich auf eine Stunde später zu einer Vorsprache herzitiert, mit der Begründung, es stimme etwas nicht. — Der Gross Elmer riet ihm dringend davon ab. Er solle sich unter keinen Umständen mehr auf deutschen Boden begeben. Vorwand und Absichten seien ihm ganz klar. Die deutschen Braunhemden kennten kein Erbarmen und machten auch vor Ausländern nicht Halt. — «Aber die Leute müssen doch ihre Milch haben», widersprach Häusler, «und dann mein Geschäft, meine Existenz? Soll ich etwa meine Familie verhungern lassen, jetzt im Krieg, wo in der Schweiz keine Arbeit zu finden ist? Ach, ich werde doch bestimmt die Sache mit den Behörden in Ordnung bringen können. Ich habe ja gar nichts verbrochen!» Der Gross Elmer redete auf ihn ein, er dürfe nicht so gutgläubig sein, man wisse von Verbindungsleuten in Bern genau Bescheid, was für Kräfte drüben am Werk seien, er solle an seine Familie denken!

Jakob Häusler kam nach inneren Kämpfen schweigend aus dem Zollhaus, schaute ein letztes Mal hinüber und fuhr heimzu — als letzter Schweizersenn! Er konnte die Welt nicht verstehen. Aber sein Entschluß war richtig. Jetzt musste er versuchen, die Kundenfamilien, denen er zum Freund geworden war, zu vergessen, auch Witwe Aich an der Gretenerstrasse, und er musste alles ihm lieb Gewordene und mühsam Aufgebaute fallen lassen!

Der Gross Elmer wurde in den Innendienst eines Basler Güterzollamts zwangsversetzt, wegen Zuwiderhandlung gegen Dienstvorschriften. Seine Beteuerungen, einem Menschen das Leben gerettet zu haben, zählten bei den Vorgesetzten nicht. Erschwerend wirkte, dass ausgerechnet an jenem Gewitternachmittag einer deutsch-jüdischen Flüchtlingsgruppe das Durchkommen bei der unbewachten Grenzstrecke nahe der Waldschneise am Maienbühlsträsschen geglückt war.

* Auf diese Geschehnisse folgten Jahre der Bewährung für Jakob, für Elmer, für die Freunde im Wiesental, für Europa! Der fürchterlichste aller Kriege brachte unermessliches Leid über die ganze Menschheit. Und als endlich an jenem unvergesslichen Maientag des Jahres 1945 die Kirchenglocken das Ende des Völkerringens verkündeten, drangen allmählich die unglaublichsten Nachrichten von den Greueltaten Nazideutschlands über die Grenze. Jakob Häuslers Dankbarkeit gegenüber Gross Elmer stieg von Tag zu Tag. Es stand fest: er hatte ihn vor unheilvollem Schicksal bewahrt.

Dieser Grenzwachtmeister war nun dazu ausersehen, in nicht allzuferner Zukunft wiederum eine bestimmte Rolle zu spielen. Sein früheres Amt am Riehener Zollposten war ihm kurz nach Kriegsende wieder anvertraut worden, und so ging er ungebrochen und in alter Strenge seinen Pflichten nach. Den alten Nachbarn und den Kindern war es zwar, als ob die harte Schale jetzt eine ganz feine Ahnung eines gütigen Herzens durchschimmern liesse.

Die Post brachte eines Tages einen Brief mit unbekannter Handschrift in Häuslers Haus. Mutter Häusler las ihn Jakob vor: «Lieber Schweizersenn, Sie denken, ich sei nicht mehr am Leben. Aber ein gütiges Schicksal und — ja — Ihre Ratschläge haben mich gerettet. An einem gewittrigen Nachmittag kamen wir bei der geschilderten Stelle unbemerkt und unversehrt auf Schweizerboden und weiter ins gelobte Land. Seither waren wir im Fribourgischen interniert. Fahren Sie immer noch hinüber mit der guten Schweizermilch? Ich selbst werde nie mehr zurückkehren können und gedenke, nach Kalifornien auszuwandern. Aber ich bin vollkommen mittellos. Könnten Sie mir, guter Herr Häusler, einen letzten Gefallen tun? Da auch in Lörrach der Krieg gewütet hat, wird zwar wenig Hoffnung bestehen. Alle meine Ausweisschriften legte ich vor meiner Flucht zu der goldenen, sehr wertvollen Raucherdose meines Mannes in ein gutes Versteck in meinem Haus. Beides brauche ich, um drüben ein neues Leben beginnen zu können ...»

Sie schilderte im Brief genau die Lage des Verstecks im Estrich der Villa Aich, bedankte sich tausendmal für den Liebesdienst und überliess alles weitere vertrauensvoll dem erstaunten Jakob Häusler.

Wie gern hätte er geholfen, aber diesmal gab es unüberwindbare Klippen. Die französischen Besetzungsbehörden liessen niemand durch. Französisch konnte er auch nicht. Er überlegte hin und her und wartete vergeblich auf einen günstigeren Zeitpunkt. Nach Tagen der Ratlosigkeit setzte sich Mutter Häusler eines abends hin, um Witwe Aich endlich die unerfreuliche Nachricht mitzuteilen. Da trat Tobias nach Feierabend beschwingt zur Tür herein, nahm ihr lächelnd die Feder aus der Hand und meinte besänftigend: «Erspare dir diese Mühe, liebe Mutter! Wer weiss, vielleicht kannst du morgen schon Erfreulicheres berichten und dann die ersehnten Dinge in einem Päckli gerade mitschicken.» — «Was soll das heissen?» forschte die Mutter.

Tobias war inzwischen zu einem grossen, freundlichen Jüngling herangewachsen und ging in der nahen S'.adt Basel einer kaufmännischen Tätigkeit nach. Er setzte sich an den Tisch.

«Macht euch keine Sorgen. Der Zufall will es, dass mich mein Chef beauftragt hat, morgen das Hauptquartier der französischen Militärverwaltung in Lörrach aufzusuchen. Ich bin der einzige, der sich drüben auskennt und sollte ein Durchreisevisum für einen dänischen Geschäftsfreund besorgen. Man wird mich schon durchlassen. Wenn ich einmal drüben bin, werde ich mich um die Angelegenheit der guten Witwe Aich nebenbei auch gerade kümmern können.» — «Lass lieber die Finger davon, Tobias!» mahnte die besorgte Mutter. Aber Tobias liess sich von seinem Vorhaben nicht abbringen.

Anderntags war er mit seiner Mappe unterwegs durch die verlassenen Strassen Lörrachs, an zerfallenen Häusern vorbei, zur Visumstelle. An seiner Seite ging als Begleitperson ein bewaffneter französischer Soldat. Damit hatte er nicht gerechnet. Wie sollte ihm jetzt der Abstecher ins Quartier der Villa Aich gelingen? Aber einstweilen brauchte er die Hoffnung nicht aufzugeben. Eigenartigerweise steuerte sein Begleiter nämlich direkt auf dieses Quartier zu. Jetzt bog er gar in die Gretenerstrasse ein, blieb nach 10 Schritten vor einem schmiedeisernen Gartentor stehen und wies Tobias zum dahinterliegenden Hauseingang. Hier also hatten sich die Franzosen eingenistet. Es war die Villa Aich! Im Innern war ein grosses Durcheinander und Gewimmel von Menschen, die in den Büros ein- und ausgingen. Während er auf sein Visum warten musste, konnte er unbemerkt ins obere Stockwerk gelangen, um seinem «Nebengeschäft» nachzugehen. Heute war sein grosser Glückstag. Alles fand sich unversehrt im geschilderten Versteck. Er verstaute es in seiner Aktenmappe zwischen die Zoll- und Frachtpapiere, die er aus beruflichen Gründen stets bei sich trug, und die mit einem Kartonmäppchen zusammengebunden waren.

Nun los, Richtung Riehen!

Er hätte ein Liedlein pfeifen mögen, wenn ihn der Anblick der ausgestorbenen Stadt nicht so deprimiert hätte.

Wer mochte wohl am Schweizer Zoll Dienst haben? Zum ersten Mal kam ihm dieser Gedanke. Als junger Spediteur musste er ja wissen, was erlaubt war und was nicht. Er wurde plötzlich unsicher.

Kaum hatte er sich mit einem freundlichen «au revoir» vom französischen Begleiter verabschiedet, gewahrte er auch schon eine grosse hagere Gestalt drüben an der Zollbarriere Wache halten . . .

Er zögerte einen kurzen Moment. Umkehren konnte er nicht mehr. So gab es für Tobias keine andere Wahl. Schon stand er am Durchgang und vor ihm — der Gross Elmer!

Wohin er wolle, was er drüben getan habe? Und dann die Gewissensfrage: «Etwas zu verzollen?»

Wahrscheinlich tönte Tobias' Stimme nicht so überzeugend. Er solle mitkommen. Sie schritten miteinander zum Wachthaus, und Tobias sah ein Unheil auf sich zukommen, das seine Laufbahn zunichte machen konnte; er, Tobias als Schmuggler! Und wenn er erst gewusst hätte, welchen Wert dieses Ding in der Tasche hatte!

Es lief alles so schnell ab, dass er nicht mehr fähig war, zu überlegen, zu erklären, zu beichten. Zuerst kam die Leibesvisitation. Kittel und Schuhe ausziehen, Taschen umkehren, sich abtasten lassen. Elmer zeigte auf die Mappe, die Tobias fest an sich hielt. Was hier drin sei, wollte Elmer wissen. — Ach, nur eben das Visum, das er besorgen musste und dann einen Haufen Fracht- und Zollformulare, die er für seinen Beruf brauche! — Tobias musste selbst staunen über seine Unverblümtheit.

Gross Elmer setzte sich an den Tisch, nahm einen Block aus der Schublade und erwähnte, dass er jetzt die Personalien aufnehmen müsse. Unterdessen solle der junge Herr den Inhalt der Mappe auf dem Tisch ausbreiten.

Umständlich stellte Tobias die Mappe auf den Tisch. Jetzt war er verraten. Er gab sich so gelassen wie möglich, öffnete sie langsam und wollte mit Auspacken beginnen.

Elmer hub mit der Fragerei an. Vorname? — Tobias. Geschlechtsname? — Häusler. — Dann folgte eine Pause. Elmer stutzte, betrachtete Tobias von Kopf bis Fuss, stand auf und rief erfreut aus: «Ja, bist Du der Sohn des Milchhändlers Häusler aus Riehen? — Bist aber eine schön lange Stange geworden, Du! Komm, pack' den Plunder zusammen. Nichts für ungut wegen der Visitation. Und sag' zu Hause schöne Grüsse. Kennst mich doch wohl noch, den bösen Grünen, oder . . .?»

Dieser Erzählung wurde der 1. Preis im Kurzgeschichten-Wettbewerb des Riehener Jahrbuches 1976 zugesprochen.

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