1976

Vom Kettenackerverein zu den Autorenabenden

Samuel Schudel

Der Kettenackerverein und die Literarische Gesellschaft Riehen Vom literarischen Leben in unserer Gemeinde soll in den nachfolgenden Zeilen die Rede sein. Dazu bedarf es einer Rückschau in die Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Damals, als die Wogen der Roten Revolution und mancherlei Erneuerungsbewegungen das kriegswunde Europa schüttelten, fand sich ein Kreis junger Leute, die 1918 konfirmiert wurden, aus unserem Dorf zusammen, um über kulturelle, religiöse und aktuelle Lebensfragen in Diskussions- und Vortragsabenden zu einer Meinungsbildung zu kommen. Der Konfirmandenverein, wie er damals genannt wurde, gedieh zu einem blühenden Vereinswesen unter dem initiativen Präsidium von Walter U. Schär (Dr. Schär, Zahnarzt) und dem Patronat des seinerzeit noch einzigen Dorfpfarrers Dr. L. E. Iselin und seines Nachfolgers Karl Brefin. Man machte es ihnen nicht immer leicht, den jungen Leuten. Das konservative «Dorf» hielt anfänglich wenig von dem «neumodischen» Tun. Aber das «Pflänzlein» wuchs und entwickelte sich so, dass bald einmal eine Namensänderung sich aufdrängte. Man beschloss, im Andenken an den Riehener Reformator Kettenacker sich dessen Namen zu bedienen und nannte sich Kettenackerverein Riehen. Diskussionsabende wechselten mit Vorträgen und Dichterlesungen. Auch vergass man die Pflege des Volkstheaters nicht. Unter der Regie von Moritz Ruckhäberli und Pfarrer Karl Brefin gelangen recht beachtliche Aufführungen. Berichte über Dichterabende aus jener Zeit sind leider nur wenige noch bekannt. In den Aufzeichnungen von Werner Schär über den Kettenackerverein, im Jahrbuch 1968, lesen wir von einem Uhland-Abend oder einem Abend mit dem Thema «Totentanz in Malerei, Musik und Dichtung», einer Lesung mit dem Bauerndichter Alfred Huggenberger oder von Abenden mit dem Bettinger Poeten Julius Ammann, alias Sebastian Hämpfeli. Im Laufe der Jahre wandelte sich der Verein zur Literarischen Gesellschaft Riehen, die sich vornehmlich um Theateraufführungen bemühte, auf diesem Nebengeleise aber langsam in einen Dornröschenschlaf verfiel.

Zwischenzeit
Der Zweite Weltkrieg und die Krisenjahre zuvor waren nicht angetan, das kulturelle Leben in unserm Dorf zu fördern. Erst mit dem Beginn der «fetten» Nachkriegsjahre wachte das gesellschaftliche Leben wieder auf. Neugründungen entstanden. Die «Kunst in Riehen», ein Kind des Verkehrsvereins Riehen, ist ein besonders schönes Beispiel. Sie organisiert in den Winterhalbjahren Zyklus-Konzerte von hohem Niveau, die immer gut besucht sind, also einem echten Bedürfnis entsprechen.

Autorenabende in Riehen
Noch immer aber ruhte das literarische Leben in seinem friedlichen Schlummer. Es fehlte in Riehen nicht an einem interessierten Kreis. Dieser holte sich seine «Nahrung» in Basel oder besuchte die Lesungen des Hebelbundes in Lörrach. Es fehlte an der Initialzündung, an einer Persönlichkeit, die zusammen mit zwei, drei Gleichgesinnten etwas tat. Und das müsste in Riehen doch zu finden sein. Diesen Gedanken trug seit einiger Zeit NZ-Redaktor Hans Krattiger mit sich herum. Er wusste, dass er in Johannes Wenk-Madoery (Hebelbundmitglied) einen kundigen Mitarbeiter finden würde. Beide waren sich darüber einig, dass ein kleiner Arbeitskreis beweglicher und leistungsfähiger sei als ein vielköpfiges Gebilde. So wurden zwei weitere Personen, ein Buchhändler und ein Vertreter der Presse für die Publizität, zugezogen. Im Bekanntenkreis Hans Krattigers fand sich beides (René André und Samuel Schudel). Auch ein Name für das im Frühjahr 1975 «neugeborene Kind» war bald gefunden, man nannte es schlicht und einfach « Autorenabende in Riehen». Lag es anfänglich noch im Bereich des Möglichen, dass die Organisatoren die unumgänglichen Auslagen für Propaganda und Autorenhonorare selbst berappten, musste doch bald einmal eine finanzielle Beihilfe angestrebt werden, umso mehr auch, weil man von Anfang an auf Eintrittsgelder verzichten wollte, damit der Besuch der Veranstaltungen wirklich jedermann möglich sei. Gemeinderat Dr. Paul Meyer (Ressort Kulturelles) riet dem Gründerkreis, sich als Zweigorganisation dem Verkehrsverein Riehen anzuschliessen. So besteht nun in dessen Schosse neben der Kommission für die «Kunst in Riehen» auch eine solche für die literarischen Veranstaltungen. Es liegt den Mitgliedern dieser Kommission fern, die literarischen Aktivitäten in der Stadt, insbesondere diejenigen des «Literarischen Forums» konkurrenzieren zu wollen, vielmehr sind die Lesungen in unserem Dorf als sinnvolle Ergänzung gedacht. Auch sollen sie in erster Linie den persönlichen Kontakt des Publikums mit den literarisch Schaffenden ermöglichen. Und da in den letzten Jahren die Mundartdichtung einen besonders schweren Stand hatte, beschloss man, vorwiegend Autoren aus dem alemannischen Sprachraum, also aus dem Elsass, der badischen Nachbarschaft und aus der Nordwestschweiz, welche zumeist in Mundart und Schriftsprache schreiben, zu Worte kommen zu lassen. Autoren auch, die nicht in erster Linie extrem abstrakten Modeströmungen verpflichtet sind. Das soll aber nicht heissen, dass die Organisatoren sich gegen alles Neue oder Engagierte verschliessen. Nein, sie wollen durchaus offen bleiben auch für neue Richtungen, sofern sie echte Aussagekraft spürbar werden lassen.

Erster Versuch
Nun nahm Gestalt an, was so lange schlummerte, die erste Blüte am Zweig der Autorenabende war aufgegangen. Am 19. März 1975 hatten viele Freunde guter Literatur der Einladung zum ersten Riehener Autorenabend in der Schlipferhalle Folge geleistet. Mit Esprit verstand Hans Kräftiger die in Allschwil wohnende Schriftstellerin Hedy Weber-Dühring vorzustellen, deren Novellen «Die Strasse mit den Vogelbeerbäumen» und «Agi» im Verlag der Riehener-Zeitung erschienen sind. Einmal auf solch persönliche Weise einen Blick in das Schaffen der Schriftstellerin tun zu können, sei wirklich beglückend, schrieb Hans Krattiger in seinem Bericht in der RZ. Mit einem Abschnitt aus dem Essay «Endstation Basel», mit den Erzählungen «Nadja», «Weisse Narzissen» und «Ein Portrait» zog Hedy Weber-Dühring die Hörer in den Bann ihrer Dichtkunst, die sich vor allem durch Schlichtheit und Schönheit der Sprache, aber auch durch die von Menschenkenntnis geprägte Darstellung von Personen und die empfindsame Schilderung von Stimmungen und Situationen auszeichnet. Von geistreichem, ironiegewürztem Humor, der ihr eigen ist, zeugten die Glosse «Garbo und Bardot» sowie die Plauderei einer Elsässerin über ihre Erfahrungen mit Damen der Basler «besseren» Gesellschaft — eine köstliche Parodie in Elsässer Mundart.

Dies war also der Start, ein in jeder Beziehung erfolgreicher Anfang, der die Organisatoren zum Weitermachen beflügelte. Man beschloss, nur während den Winterhalbjahren Lesungen durchzuführen, dann nämlich, wenn die Abende lang und einladend sind. Die Sommermonate boten Zeit, das Programm für die Saison 1975/76 vorzubereiten. Ab Oktober soll jeweils am Anfang des Monats bis zum April ein Autorenabend stattfinden, also pro Saison sechs Abende. Die Beziehungen, welche Johannes Wenk durch sein jahrelanges Mitwirken im Hebelbund zu vielen Autoren pflegte, kam den Organisatoren bei der Programmgestaltung sehr zustatten.

Die Veranstaltungen im Winter 1975/76
Am 2. Oktober 1975 begann der erste Zyklus mit dem Minnesänger aus dem Schwarzbubenland, also keinem geringeren als Albin Fringeli, Ehrenbürger von Nünningen, Dr. h. c. der Universität Basel, Inhaber des Hebelpreises, der Schweizerischen Schiller-Stiftung und des Solothurner Kunstpreises. Der ehemalige Bauernbub von Bärschwil, aus dem ein berufener Pädagoge, Dichter und Schriftsteller wurde, zählt heute 77 Jahre. Aber wer gäbe dem Junggebliebenen dieses Alter? Da sass ein Jüngling, den Schalk in den Augen, wusste Heiteres und Besinnliches mit starker Ausstrahlungskraft vorzutragen. Seine Erzählungen und Gedichte sind von einer wohltuenden, schlichten Urwüchsigkeit, sie verraten den hellhörigen Beobachter, der ganz mit seiner Scholle, seinen Landsleuten verwachsen ist. Die Berichterstatterin in der RiehenerZeitung schrieb: «Es waren voll ausgereifte Früchte, die er uns bot. Würzige, herzhafte Hausmannskost, und wir nahmen sie mit gesundem Hunger entgegen». Der gut besuchte Abend, der im Bürgerkeller des Landgasthofes Riehen stattfand, war ein weiterer Erfolg und Beweis, dass man sich auf dem rechten Wege befand.

Für den nun folgenden Abend am 2. November liess man sich etwas Besonderes einfallen. Blasius, für jeden rechten Basler ein Begriff, den wollte man in Riehen haben und im Rahmen der Gedächtnisausstellung «Walter Schüpfer» den Dichter zu Gast beim Maler zu Worte kommen lassen. Es ist wohl kaum nötig, Dr. Felix Burckhardt, alias Blasius, den Lesern extra vorzustellen. Der vollbesetzte Gemeindehaussaal bewies schon seine Popularität zur Genüge. Beglückend, was er mitbrachte, ein Füllhorn voller baslerischer Köstlichkeiten, ein Feuerwerk gereimter Einfälle, die er mit unverkennbarem Charme weiterzugeben verstand. Man staunt immer wieder, über was für eine reiche Palette unser Stadtpoet verfügt. Witz, Humor, leiser Sarkasmus, Heiterkeit, Wehmut, tiefe Empfindung, reine Lyrik — all das bietet Blasius, und zwar in untadeliger sprachlicher «Verpackung». Der Abend war ein richtiges Geschenk, und die Besucher gaben ihrer Freude mit lebhaftem Applaus Ausdruck.

Vorweihnachtlicher Autorenabend. Hans Krattiger freute sich, an diesem Autorenabend einmal zwei Riehener Autorinnen vorstellen zu können. Frau M. Largiadèr las ihren Reisebericht: «Weihnachten in Mexico» vor. Der Autorin gelang es,diesen Bericht so lebendigzu schreiben und vorzutragen, dass man mit ihr zusammen all das Geschilderte gleichsam miterlebte. Mit vier Gedichten stellte abschliessend Frau Largiadèr ihre Begabung als Poetin unter Beweis und erntete verdientermassen viel Applaus. Die zweite Autorin des Abends, Frau Luise Wolfer, wählte aus ihrem grossen Repertoir zwei reizende Adventsgeschichten, die ihre besondere Begabung als feinfühlige Erzählerin aufleuchten Hessen. Auch Frau Wolfer erntete viel Applaus und zusammen durften die beiden Autorinnen zum Schluss noch manches ihrer gedruckten Werke signieren.

Jean Dentinger, ein elsässischer Troubadour, lebt in der Schweiz, schloss ein Chemie-Studium ab, arbeitet als Korrektor, dichtet, komponiert, singt und begleitet seine Lieder selbst. Weitere Hobbies : Malen, Geschichtsstudium. Ein aussergewohnlich vielseitiger junger Mann. Er kam zu uns am 8. Januar 1976, brachte seine Gitarre, ein Spinett und einen Strauss heiterer und besinnlicher Geschichten und Lieder mit. Man weiss nicht recht, sollte man den Dichter oder den Musiker Dentinger mehr bewundern. Er verkörpert nach uraltem Vorbild eine Art neuzeitlicher Troubadour, der, bezogen auf unser Atomzeitalter, sein Talent nicht nur im Singen von Liebesliedern erschöpft, sondern er spornt seine Mitmenschen zum Denken, zum Mitfühlen und zum gegenseitigen Verstehen an.

Helene Bossert. Den 5. Autorenabend bestritt im vollbesetzten Bürgerkeller des Landgasthofes die Sissacher Mundartdichterin Helene Bossert. Als Kind einer Posamenterfamilie war sie schon früh an harte Arbeit gewohnt. Später hat sie ihr Brot als Haushälterin in einer Basler Familie verdienen müssen und dann als Liebling der Musen ihre frohen und bitteren Erfahrungen und Erlebnisse in den Dienst ihres dichterischen Schaffens gestellt. Bekannt wurde die Dichterin vornehmlich durch ihre Radiosendungen «Krankenvisite». In der Riehener-Zeitung schrieb die Berichterstatterin, FrauM.Largiadèr, über denAbend: «Während mehr als einer Stunde liess dann Helene Bossert den unerschöpflichen Born ihrer Fantasie sprudeln, indem sie in bunter Folge Prosa und Poesie in ihrem urwüchsigen Oberbaselbieter-Dialekt zum besten gab. Mit ihrem sprühenden Temperament vermochte sie das Publikum vom ersten bis zum letzten Wort in ihren Bann zu schlagen.» Blumen und viel Beifall beendeten den unterhaltsamen Abend.

Hans Räber — ein Basler Schriftsteller besonderer Prägung. Die Mehrzahl seiner Geschichten bewegen sich im Geschehen der Basler Fasnacht und tragen weniger ihre heiteren Züge, vielmehr zeigen sie menschliche Schicksale auf, die sich eben «Under dr Larve» abspielen, wie der Titel eines seiner Bücher lautet. Hans Räber — sein Brotberuf: Werbeleiter und Redaktor, seine Schwäche: Tambourmajor, und seine Berufung: Dichter und Schriftsteller, einer der es versteht, tiefgründig in die Gefühlssaiten seiner Leser und Hörer zu greifen, ein Meister der Erzählkunst. Wir hatten ihn am 4. März 1976 in Riehen, hörten im ersten Teil seine neueste Basilisken-Geschichte «Die Unvolländeti», eine fein empfundene Liebesgeschichte ohne Happy-End. Anschliessend Kostproben aus seinem noch nicht veröffentlichten Roman «Ein Basler Totentanz» und zum Schluss, frei erzählt, die ergreifende Geschichte eines erblindeten Laternen-Malers «Im Haiggy sy letschti Ladärne». Hans Kräftiger vermerkte zum viel applaudierten Abend: Trotz seines fasnächtlichen Charakters sei es die ernsteste der bisherigen Lesungen gewesen.

Paula Hollenweger. — Der letzte Autorenabend des vergangenen Winters fand am 1. April, wiederum im Sali des Landgasthofes, statt. An Stelle des erkrankten Hubert Baum, Freiburg i. Br., konnte kurzfristig Paula Hollenweger, die Heimatdichterin aus dem badischen Dörfchen Feldberg bei Müllheim, gewonnen werden. Die nunmehr 76jährige Paula Hollenweger hat das Dichten und Schreiben schon in jungen Jahren ausgeübt. Heute kann sie auf eine ansehnliche Sammlung Gedichte, Geschichten und Sagen blicken, die sie weit über ihre regionalen Grenzen bekannt machten und ihr auch verdientermassen die Hebelgedenkplakette einbrachten. Aus dem Füllhorn ihrer reichen Begabung trug Paula Hollenweger über 20 ihrer Gedichte vor, Poesie in alemannischer Sprache, die ihre tiefe Verbundenheit mit der heimatlichen Scholle deutlich macht und in ihrer einfachen, schlichten Art, und durch das Mitschwingen einer tiefgläubigen Seele, so glaubhaft wirkt. Die Erzählerin Hollenweger brachte ihr grosses Talent auch mit einer Reihe von Sagen zum Aufleuchten, welche sie vor dem Vergessenwerden rettete. Zum Abschluss dieses beglückenden Abends stellte Hans Kräftiger fest, dass wir diesen «Hebelgeist», der da wieder einmal umging, mehr denn je nötig haben. Der gute Besuch der Abende beweise, dass sie einem echten Bedürfnis entsprechen.

Überblickt man die sieben Abende, so stellt man fest, dass sie ein buntes Mosaik meisterhaft geformter Gedanken waren und uns reich beschenkt haben. Es ist schon so, dass der direkte und persönliche Kontakt mit dem Autor und seinem Werk tiefer gehende Eindrücke zu vermitteln vermag, als das beim Lesen der Fall ist.

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