1976

Meine Jugendzeit in Riehen 1822 - 1838

Johann Jakob Schäublin

Johann Jakob Schäublin (1822—1901), der als Gesanglehrer und Waisenvater weit über seine Heimat hinaus bekannt wurde, verlebte in Riehen eine glückliche Jugendzeit. Im Jahre 1838 trat er in die Anstalt Beuggen ein, wo er zum Lehrer ausgebildet wurde, und 1840 erfolgte die Wahl des kaum 18jährigen zum Unterlehrer in Riehen. 1846 wurde er als Hauptlehrer für Mathematik und Gesang an die Realschule Basel und später ans Realgymnasium gewählt, wo er zwanzig Jahre lang mit Begeisterung lehrte. Sein besonderes Anliegen war der Gesangunterricht, und da für dieses Fach die Lehrmittel beinahe vollständig fehlten, schuf er im Jahre 1855 das Gesangbuch «Lieder für Jung und Alt», das weit über 100 Auflagen erlebte und für Generationen von Basler Schulkindern das Singbuch, kurz «der Schäublin» genannt, blieb. Viele andere Liedersammlungen folgten — Kinderlieder, geistliche Lieder usw.; Schäublins Einsatz für den Schul- und Volksgesang war vorbildlich. Auch in seiner nächsten Lebensstation als Vorsteher des Waisenhauses leistete er Bedeutendes. 32 Jahre lang, von 1866—1898 amtierte er als Waisenvater, und für ungezählte Waisenkinder wurde er zum wirklichen Vater.

In den letzten drei Jahren seines Lebens brachte Johann Jakob Schäublin seine Lebenserinnerungen zu Papier, und 1902, ein Jahr nach seinem Tod, erschien im Verlag R. Reich, Basel, ein schmales Bändchen mit dem Titel «Erinnerungen aus meinem Leben — von ]. J. Schäublin». Wir veröffentlichen aus diesem seit langem vergriffenen Büchlein, das uns freundlicherweise von Johannes Wenk-Madoery zur Verfügung gestellt wurde, einen Auszug aus Schäublins Erinnerungen an seine Jugendzeit, die ein lebendiges Bild vom Leben der Riehener Jugend zu Beginn des 19. Jahrhunderts vermitteln. L. S.

Ich wurde geboren in Riehen, Kanton Basel, den 29. Januar 1822, und am 3. Februar durch Herrn Pfarrer Lukas Wenk getauft. Ich erhielt den Namen Johann Jakob wohl deshalb, weil mein Grossvater mütterlicherseits auch so hiess. Meine Eltern waren: Theobald Schäublin von Riehen und Anna Gertrud Suter von Muttenz. Mein Vater war Gärtner bei Herrn Hoffmann-Merian1) von Basel, der ein Landgut in Riehen2) hatte.

Meines Vaters Jugendjahre fielen in die Zeit der schweizerischen Staatsumwälzung. Der damalige Schulunterricht in Riehen muss verhältnismässig gut gewesen sein, aber nicht durch die Thätigkeit des Schulmeisters, Kandidat J. J. Basler, der wenig Achtung verdiente, sondern durch den Eifer des Hilfslehrers Meyer, der auch die Schule in Bettingen besorgen musste; denn mein Vater war im Rechnen und besonders im Schreiben wohlgeübt. Riehen hatte eine sogenannte Deputatenschule, ähnlich wie Sissach, Liestal und andere Orte der Landschaft Basel. Nachdem er auf dem Ebenrain bei Sissach den Gärtnerberuf erlernt hatte, wurde er bei Grossvater Suter als Gehilfe angestellt und rückte nach seiner Verheiratung an dessen Stelle vor.

Meine Mutter verlebte ihre Jugend in der Gärtnerwohnung des Hoffmann'schen Gutes3), zur Sommerszeit in freundlichstem Verkehr mit mehreren gleichaltrigen Töchtern der die Familie Hoffmann besuchenden Herrschaften. Bis zu ihrer Verheiratung stand sie als Zimmermädchen im Dienste der Tochter des Gutsherrn, und dieser Aufenthalt übte auf ihren Charakter grossen Einfluss aus. Ihr angeborener und schon durch ihre Mutter gepflegter Sinn für Fleiss, Reinlichkeit und Geschmack wurde weiter gefördert zum Vorteil für die Erziehung von uns Kindern.

Unter treuer Obhut meiner Eltern verbrachte ich die ersten sechs Jahre meines Lebens auf dem schon genannten Landgute. Dem kleinen «Böbbi» wurde schon bei der Wiege viel gesungen, und zwar von beiden Eltern, die beide sangeskundig waren. Mein Vater hatte im benachbarten Weil einen musikalischen Freund, der im Klavier- und Orgelspiel sehr bewandert war und deshalb in der Kirche von Riehen das Amt eines Organisten versah. Als solcher gründete und leitete er einen kleinen Gesangverein für gemischte Stimmen, der freilich in dem damals durchaus unmusikalischen Riehen nicht zu lange mag bestanden haben. Zu jener Zeit waren die bekannten Lieder von Geliert, durch den Berner Musiker Käsermann in Musik gesetzt, zu Stadt und Land sehr geschätzt und bildeten auch im genannten Verein fast ausschliesslich den Gesangstoff. Als eifrige Mitglieder wiederholten meine Eltern die populärsten Nummern nach des Tages Arbeit an meiner Wiege zu ihrer Freude und meiner lieblichen Einschläferung.

Der schöne Hof und Garten bot uns heranwachsenden Kindern reiche Gelegenheit zum Aufenthalt im Freien und zu fröhlichem Spiel, soweit unsere Jugend dieses gestattete. Der untere Hof bestand, wie noch heute, aus der Gärtnerwohnung mit angebauter Scheune, der geräumigen Stallung für die Pferde im gegenüberliegenden Bau, dem Holzhaus, Hundestall und rechts neben dem Eingang dem Waschhaus. Der obere Hof enthielt das stattliche Herrschaftsgebäude, vor dem sich ein laufender Brunnen mit grossem steinernen Bassin befand, umgeben von stattlichen, wohlgepflegten Bäumen. Von der Landstrasse war der Hof, wie jetzt noch, durch ein schmiedeisernes Doppelthor abgetrennt. Oberhalb desselben ist ein hübsches Gartenhaus an die Landstrasse angebaut, das, mit Tisch und Stühlen versehen und beschattet von Gebüsch und riesigen Bäumen, den besuchenden Herrschaften angenehmen Abendaufenthalt bot. In diesen kühlen Räumen wurde unter heitern Gesprächen gevespert. Nach der Abreise der Gäste hatte meine Mutter die Aufgabe, abzuräumen und alles wieder in Ordnung zu stellen, wobei ich ihr als ältester helfen und die in den Gläsern verbliebenen Reste der feinen Weine vertilgen durfte. Noch heute ist mir der Geschmack dieser Feinheiten gegenwärtig, und wenn ich durch irgend welche Gelegenheit zum Genuss von Malaga, Madeira und ähnlichem komme, so werde ich im Geiste in jenes «Kabinettli» versetzt, wo mein verwöhnter Gaumen diese Herrlichkeiten zum ersten Male kostete.

Links vom Herrschaftshaus befand sich der Raum für die Kelter, wo sich zur Herbstzeit Gelegenheit bot, süssen Wein zu trinken, und daneben der Hühnerhof, der uns Kindern viel Vergnügen bereitete. Von da führte der Weg in den Gemüsegarten, der durch eine Böschung vom obern Teile abgetrennt war. Inmitten dieses Gartenteils befand sich ein stets gefülltes Bassin zum Zwecke der Begiessung der Pflanzen. Es war uns verboten, am Rande desselben zu spielen, ein Gebot, das leider nicht immer befolgt wurde. Als ich drei und mein Bruder Theobald anderthalb Jahre alt war, spielten wir zwei goldgelockte Buben bei diesem Behälter, in welchen das Wasser plätschernd einfloss. Plötzlich fiel der kleine «Debi» in das volle Bassin, glücklicherweise so, dass seine Locken noch über das Wasser hinausragten. Ich fasste die Haare mit beiden Händen und hielt seinen Kopf so lange über Wasser, bis auf mein Geschrei die Mutter herbeieilte und das Büblein vollends befreite. Welcher Art die Strafe war, vermag ich nicht mehr zu sagen.

Meine Eltern hatten damals an uns kleinen Knaben wohl noch keine erhebliche Hilfe; wir verbrachten unsere Zeit mit Spielen und jugendlich heitern Gesängen.

Im Jahre 1828 verliess mein Vater die Gärtnerstelle, und wir zogen nun in ein eigenes Haus in der Rössligasse, jetzt Nr. 964). Schon der erste Herbst brachte einen so ausnahmsweis reichen Ertrag, dass sich der Vater eine obrigkeitliche Bewilligung erwarb, seinen gewonnenen Wein als «eigenes Gewächs» verwirten zu dürfen. Dadurch wurde ich schon früh, aber glücklicherweise nicht für lange, ins Gastwirtsleben eingeführt. Ich erinnere mich noch, dass unser Wein zum Preise von zwei Batzen alter Währung die Mass oder zu 20 Centimes der Liter ausgeschenkt wurde. Unsere Wohnstube wurde zur Wirtsstube, und hie und da musste auch die daneben liegende Küche diesen Zwecken dienen. Ich musste auch einmal Zeuge einer argen Schlägerei sein zwischen einem heissblütigen Schlossermeister und einigen Bürgern des Dorfes.

Der Schulbesuch begann für mich nach damaliger Schulordnung im Frühjahr 1828, um für die tägliche Benützung schon nach sechs Jahren zu Ende zu gehen. So ging's denn mit Schiefertafel und einigen Büchern in das jetzt noch bestehende alte Schulhaus, in das man durch einen gepflasterten Gang gelangte. Man trat zuerst in einen Vorraum, von dessen Mitte aus eine Kellertreppe in die Tiefe führte, gedeckt durch eine hölzerne Fallthüre, über die sämtliche Kinder, an Zahl sechzig bis siebzig, Knaben und Mädchen, zumeist mit grossem Gepolter passierten, um in der geräumigen Schulstube an ihre Plätze zu kommen, was auch nicht ohne Zank und entsprechenden Lärm abging.

Der unter der Zimmerdecke sich hinziehende Querbalken wurde durch eine eichene Säule gestützt, an welcher zwei wichtige Disciplinarmittel hingen, das eine um auf Geist und Gemüt, das andere um auf den Körper, besonders bei den Knaben, einzuwirken. Ersteres bestand in einer Tabelle, auf welche der Pfarrer, der Präsident der Schulkommission und Lokalinspektor war, den Spruch Ebräer 13, 17 in hübscher Frakturschrift geschrieben hatte und der vom Gehorsam der Schüler und vom Seufzen des Lehrers handelt; das zweite war, auch an einem Nagel hängend, der sogenannte «Fahrewedel» oder «Munizehe», der durch öftere Anwendung ziemlich zerfezt war und, zum Schrecken der Buben, zeitweise erneuert werden musste, was um so leichter war, weil der benachbarte Ochsenwirt und Metzger stets reichen Vorrat zur Verfügung hatte.

Das Schulmobiliar war so einfach als möglich. An den Wänden hingen mehrere Wandtafeln nebst einer grossen Zahl von Lesetabellen. Statt eines Pultes stand am Ende des Hauptganges ein kleiner Tisch, auf dem die Absenzenliste lag, und für die Erwärmung des Lokals stand in einer Ecke ein grosser grüner Ofen, der mit dem benachbarten Fenster eine freundliche Nische bildete, in die man sich, zumal zur Winterszeit, nicht ungern zur Strafe hinweisen liess. Als die Schülerzahl zu Anfang der dreissiger Jahre erheblich zunahm, musste auch der Vorraum mit der Kellerfallthüre Schulzwecken dienen, indem dort die jüngsten Schuler ihre Leseübungen unter Leitung der sogenannten Monitoren vorzunehmen hatten. Der damalige Schulmeister, an den ich mit Achtung und Dank zurückdenke, war Joh. Ulr. Jundt von Bottmingen. Jundt, ein grossgewachsener Mann, stand bei meinem Eintritt schon in vorgerückten Jahren; auf seinem weissgesprenkelten Haar trug er eine schwarze Zipfelkappe mit kleiner Quaste. Er hatte seine sehr zahlreiche Simultanschülerschar in drei Doppelklassen eingeteilt, so dass immer die eine Hälfte einer Klasse mündlichen Unterricht des Lehrers erhielt, die andere Hälfte und die übrigen Abteilungen still beschäftigt wurden durch Schönschreiben, Abschreiben und Rechnen. Glücklicherweise hatten damals die Pädagogen Bell und Lankaster den sogenannten wechselseitigen Unterricht erfunden, der darin bestand, dass ältere und besonders intelligente Schüler kleine Gruppen jüngerer Schüler an verschiedenen Stellen des Schullokals nach Anleitung des Lehrers unterrichteten. Diese Gruppen nannte man in der Schulsprache «Kreise»; sie waren nummeriert und hatten für eine bestimmte Zeit ihre bezeichneten «Monitoren». Dass ich auch öfter als Monitor tätig sein durfte oder musste, wird als selbstverständlich gelten.

Der gesamte Unterricht bewegte sich in ziemlich engen Grenzen. Für die unterste Abteilung wurde die Lesefibel benützt als Hauptlehrmittel für den ersten Leseunterricht; sie enthielt auch einige einfache Bibelsprüche und Gebete zum Memorieren. Für den weitern Religionsunterricht mussten die Schüler Gesangbuch und Katechismus (Nachtmahlbüchlein) anschaffen. Etwas später wurde eine kleine, billige Sammlung der populärsten Gellertlieder und die von einigen Pfarrern Basellands verfasste, schön gedruckte und mit sogenannten «nützlichen Lehren» versehene biblische Geschichte eingeführt, die auch in den Schulen der Stadt benützt und erst vor etwa 20 Jahren verdrängt wurde. Lesebücher besassen wir nicht.

Für den Unterricht in Geschichte, Geographie und Naturkunde hatte unser Pensum äusserst wenig Raum, wohl auch deshalb, weil der gute Schulmeister in diesen Stücken nur geringe Kenntnisse hatte und es ihm an Zeit fehlte, solche zu erwerben. ähnliches gilt für den Unterricht im Rechnen. Im Bereich des Rechnens mit ganzen Zahlen und verschiedenen Sorten war der Lehrer noch ziemlich bewandert; weit weniger in der Bruchlehre, und weiter hinauf beschränkte er sich darauf, uns in der obersten Klasse die gerade und umgekehrte «Regeldetri» so gut es ging zu erklären. Die betreffenden Aufgaben wurden an die grosse Wandtafel geschrieben und von den Schülern auf den Schiefertafeln gelöst. Es ist begreiflich, dass Besprechung und Korrektur sehr mangelhaft war, weil die Zeit hierfür zumeist fehlte.

Dem Schreibunterricht wendete der Schulmeister grosse Aufmerksamkeit zu. Er hatte selbst eine deutliche, hübsche Handschrift in den alten Basler Formen, und wir besassen auch für die verschiedenen Schriftformen und die arabischen und römischen Ziffern von Schreiblehrer Matzinger trefflich erstellte Vorschriften. Leider waren die Schultische der Art, dass eine gute Haltung der Schreibenden fast unmöglich war, obschon der Schulmeister, zwischen den Bänken durchgehend, es nicht an Schlägen auf die unrichtig gestellten Knöchel fehlen liess. Man schrieb damals mit Kielfedern, welche, stumpf geworden, wöchentlich einige Male neu gespitzt werden mussten. Es war keine leichte, sondern eine sehr zeitraubende Arbeit für den Lehrer, dieses Geschäft für ungefähr 50—60 Schüler der obern Klassen zu besorgen, und er war mir dankbar, als ich in dieser Kunst soweit gefördert war, dass ich nach der Schulzeit zu ihm sitzen und ihm helfen konnte. So bestand seine Thätigkeit bei diesem wichtigen Zweig des Unterrichts in der That aus: «Federe schnide, Tinte rüere Und dernebe d'Hand no füehre.»

Mit dem Gesangunterricht war es übel bestellt. Der Schulmeister war nicht musikalisch, vermochte kein Instrument zu spielen, und auch seine Stimme war ungeübt und unrein. Es wurde wenig gesungen; und doch sollte zur Zeit der jährlichen Schulprüfung Ende April ein passendes Schullied erklingen. Einige Choralmelodien konnten noch mühsam erlernt werden, obschon auch diese recht widerlich und krächzend zu Gehör kamen. Das einzige figurierte Schullied, an das ich mich erinnere, hatte folgenden banalen Text: O, wie ist es schön In die Schule gehn Und was lernen drin ; Jeder Augenblick Mehret hier mein Glück, Schwebt genützt dahin.

Wir Schüler waren von der Wahrheit dieser Dichtung nicht überzeugt.

Jährlich einmal, am Schlüsse des Schuljahres, wurde eine Prüfung abgehalten, bei welchem Anlass auch Prämien zur Verteilung kamen.

Der letzte Akt fand in der Kirche statt und gewann dadurch viel an Feierlichkeit und Würde. Im übrigen verliefen die Prüfungen in einfachster Weise. An Stelle von Schulreden und schönen Festgesängen traten einige Körbe, gefüllt mit lieblich duftenden «Ankeweggli», die nach Schluss uns allen durch Herrn Pfarrer Wenk verteilt wurden.

Nach Bestimmung des damaligen Schulgesetzes durfte jeder Schüler, welcher vor dem 1. Mai eines Jahres das zwölfte Altersjahr zurückgelegt hatte, die sogenannte Alltagsschule verlassen, um dann in die Repetierschule überzutreten, welche wöchentlich einmal an einem bestimmten Nachmittag abgehalten wurde. Die Mädchen waren hiervon befreit, was um so gerechtfertigter war, als der weibliche Arbeitsunterricht noch nicht eingeführt war. Die den Knaben zugemessene Zeit war jedoch so dürftig, dass von einem auch nur einigermassen befriedigenden Resultat keine Rede sein konnte. Unter Lärm und Geschrei kam man zur Schule und ebenso verliess man sie wieder. Für meine Eltern war dieses für mich im Frühjahr 1834 eintretende Ereignis eine grosse Wohlthat. Als ältester, kräftiger und grossgewachsener Sohn konnte und wollte ich gerne in Haus und Feld mithelfen. Ich verliess die Schule mit mangelhaften Kenntnissen, aber ohne ein Gefühl der Bitterkeit.

Oft musste ich meine Mutter nach Basel auf den Markt begleiten, beladen mit verschiedenen Gegenständen, welche säuberlich und wohlgeordnet in einem Korb, der über einer Hutte (Kräze) befestigt war, zum Kaufe einluden. Marktzeit war jeweils der Vormittag. Nach Schluss derselben wurde in einem einfachen und heimeligen Wirtshaus an der Riehenstrasse bei Frau Weiss (der Gottebäsi) eingekehrt. Als ich einmal einen Korb früher Kirschen allein nach Basel trug, stürzte ich in der Nähe des Bäumlihofes und warf den reichlich gefüllten Korb prächtiger Kirschen auf die staubige Strasse. Nachdem ich sie wieder aufgelesen, setzte ich meinen Weg mit einiger Bekümmernis fort bis zu den ersten Lehenhäusern an der Riehenstrasse. Dort befand sich ein kleines laufendes Brünnlein, das «Niechtenbrünnlein» genannt. Hier stellte ich meinen Korb unter die Brunnenröhre, und die Früchte hatten bald wieder ein so appetitliches Aussehen, dass der Erlös ausnahmsweise günstig war. Weniger erfolgreich erwies sich eine andere Marktfahrt, bei der ich unter anderem auch eine Schüssel Sauerkraut hatte, welche durchaus keinen Liebhaber fand. Mit diesem Rest durchzog ich die Strassen und rief: «Chromet Surchrut». Leider umsonst! An der Freienstrasse wagte ich es, an einem Hause anzuläuten. Ein weiblicher Kopf erschien unter dem Fenster. «Was willst du?» Antwort: «Wollen Sie nicht eine Portion Sauerkraut geschenkt erhalten?» «Mach, dass du fort kommst!» und das Fenster schloss sich wieder. Mich überkam völlige Mutlosigkeit; mitten auf der Rheinbrücke warf ich die saure Ware in den Rhein und wanderte nach Hause, ohne bei der «Gottebäsi» etwas genossen zu haben.

Neben diesen und andern Geschäften wurde die volkstümliche Kunst nicht vernachlässigt. Das einfache Volkslied, das meine sangeskundige Grossmutter aus dem Hessenlande mitgebracht und durch mündlichen Unterricht auf meine Mutter übertragen hatte, war bei uns recht eigentlich zu Hause. Zur Winterszeit sangen wir mit Eltern und Geschwistern im Zimmer, im Sommer in Feld und Wald oder abends vor dem Hause auf dem «Bänklein» ; zur Herbsteszeit bei der Weinlese in den Rebgeländen, und zwar immer die alten Lieder in ungezählter Wiederholung.

Aber auch das Instrumentale wurde ein bisschen gepflegt. Unser Nachbar, der Rössliwirt, ein freundlicher Mann, rief mich eines Tages zu sich und übergab mir eine alte Zither, die ich mit Jubel nach Hause trug, sofort besaitete und dann eifrig zu spielen begann. Von Unterricht war natürlich keine Rede, und doch erweckte dieses Instrument in mir die Lust nach weiterer Bethätigung. An der nächsten Messe kauften mir die Eltern an einem Stand ein Piccolo mit nur einer Klappe, wie sie die Pfeiffer zur Fastnachtszeit auch jetzt noch benützen. Ich war im Zweifel, ob das Instrumentchen auch normal sei und liess es daher bei einem Herrn Aenishänsli, der bei der Mühle wohnte, prüfen. Es war mir schon ergötzlich, ihn darauf spielen zu hören. Er empfahl mir, bei Drechslermeister Kaufmann in Weil einige Stunden zu nehmen. Da wir beide nur am Sonntagvormittag Zeit hierzu hatten, so pilgerte ich jeden Sonntag nach Weil hinüber und erhielt dort bei diesem Meister, der in der That ein musikalisches Genie war, eine reichliche Unterrichtsstunde für den geringen Preis von sechs Kreuzern badische Währung.

Damit war nun freilich meine Sehnsucht nicht gestillt; aber für weiteres fehlten mir Instrumente und ■— Zeit. Es trat ein Ereignis ein, das mich als ältesten Sohn so sehr in Anspruch nahm, dass Musik und Gesang für geraume Zeit in den Hintergrund treten mussten.

Bei Anlass einer Hochzeit wollte mein Vater den Seinigen aus dem nahen «Rössli» etwas Gebäck und eine Flasche Wein bringen. Auf einer der obersten Stufen der steilen Treppe, die in unsere Wohnung führte, glitt er aus, die Flasche zerbrach und verletzte ihn am Handgelenk derart, dass sofort der Arzt Weissenberger herbeigerufen werden musste. Glücklicherweise war Verbandmaterial bei der Hand; man bereitete dem Vater in der Mitte des Wohnzimmers ein Lager, das er lange Zeit nicht verlassen konnte. Mit grosser Besorgnis schauten wir der Zukunft entgegen, lag doch die Hauptkraft für unsere Feldarbeit darnieder. Ich aber erlebte, was schon Hunderte vor mir erlebt hatten, dass ich Aufgaben übernahm und ausführte, die mir nur die momentane Familiennot zuwandte, und ich erinnere mich noch des Glücks, das ich empfand, als ich, vom Felde heimkehrend, meinen Eltern berichten konnte, ich habe ein ganzes Stück Reben allein vollständig gereinigt. Aus unmittelbarer Anschauung konnte ich auch ersehen, was eine treue Hausfrau vermag, wenn Not oder Krankheit über eine Familie hereinbricht. Dies vermehrte in hohem Grade unsere Liebe und Hingebung für die Mutter.

Im Jahre 1834 übernahm mein Vater die Pacht im Lehengute des Herrn Werthemann5), das unterhalb des Schulhauses gelegen war. Das Gut hatte nichts Grossartiges, aber etwas ungemein Heimeliges, so dass wir nicht ungern unser Haus verliessen, um hier einzukehren. Unsere Familie hatte sich inzwischen um ein Schwesterlein und ein Brüderlein vermehrt, so dass die Zahl der Mündlein schon recht stattlich war. Die übernahme der Pacht erforderte viel Geld : Schiff und Geschirr, das dem Vorgänger gehörte, musste angekauft und wohl auch ergänzt werden, desgleichen der vorhandene Viehstand, der dürftig genug war. Wie es mit den Kühen bestellt war, weiss ich nicht mehr; um so lebendiger stehen mir die abgemagerten Pferde vor Augen, und doch wäre es meines Herzens Wonne gewesen, einen hübschen Zug mit anständigem Geschirr zu haben, um meinen Altersgenossen imponieren zu können.

Der richtige und einträgliche Betrieb der Wirtschaft erforderte nun aber auch die Beschaffung von tüchtigen Rindern. Um nicht in die Hände von Juden zu fallen, die sich bald genug mit ihren Offerten einstellten, entschloss sich der Vater, den Viehmarkt in ölten zu besuchen und dort den Bedarf zu decken. Ich durfte ihn begleiten und so meine erste Schweizerreise ausführen. Nach vielem Besichtigen und Feilschen kauften wir drei ältere Kühe und zwei «Kalbelen» zusammen, die wir auf der Hauptstrasse nach Hause transportierten. Als wir wohlbehalten in Riehen wieder angelangt waren, machte mir der Vater das jüngste der Rinder zum Geschenk, und ich gab mich nun mit stolzem Eifer der Pflege der Tiere hin, dass sie bald ein hübsches, glänzendes Aussehen gewannen. Ich lernte mit Daumengriff melken, und da die sorgfältige Mutter die Milchbesorgung und die Butterbereitung aufs Beste ausführte, so stand dieser Teil der ökonomie bald in schönster Blüte.

Es ist begreiflich, dass der Ertrag der Landwirtschaft in den ersten Jahren unserer Pacht nicht auf der Höhe stand, die man nach der Zahl der Grundstücke hätte erwarten dürfen. Es fehlte an Dünger, und Kunstdünger war damals noch wenig bekannt und wohl auch nicht beliebt. Der vorige Pächter hatte den Betrieb vernachlässigt, und es kostete viel Mühe, die Wiesen und äcker zu verbessern. Besonders die ersteren blieben im Ertrag zurück, und es dauerte Jahre, bis die Heu- und Emdstöcke einen Winter über ausreichten, und wenn, wie das hie und da geschah, ein später Frühling eintrat, so kehrte die Futternot bei uns ein. Was diese «Not der schweren Zeit» auf sich hat, das musste ich leider mehrmals erfahren, lag mir doch zumeist die Fütterung des Viehs, das Zurüsten und Verteilen des Futters ob und somit auch ein grosser Teil der Verantwortung für die Dauer der Vorräte. Es war wohl eine Folge jugendlicher Unerfahrenheit und angeborener Gutmütigkeit, dass ich bei Beginn eines Winters die Vorräte zu hoch taxierte und, wie der reiche Mann im Evangelium beim Anblick des Futterstocks dachte: du hast einen Vorrat für viele Monate; gönne nun den lieben Tierlein reichliches Futter, dass sie gedeihen und glänzen. Wenn dann der Frühling verzog und es auf der Heubühne leer und immer leerer aussah, so war die Not da, und der Vater sagte etwa: du musst die Folgen der Verschwendung tragen. In ganz besonderer Weise trat das für mich im strengen Winter 1836/37 ein. Als damals unsere Heubühne leer war, stöberte ich überall herum, ob nicht irgendwo ein Flöckchen Heu oder Emd zu finden sei; ich fütterte Gerstenstroh, zerhackte Rüben, kurz, ich tat das Möglichste, um dem Mangel zu steuern; aber schliesslich war der Ankauf von Heu nicht mehr zu umgehen. Man denkt vielleicht: wie stellte sich der Vater zu meiner Drangsal? Sie ging ihm, wie der Mutter, auch zu Herzen, aber er wollte mich die Folgen meiner Unachtsamkeit im Verbrauch recht eindringlich erfahren lassen, und nicht weniger scheute er sich, bei andern Bauern zu bekennen, sein Bedarf sei zu Ende. Vielleicht hoffte er auch, die Leute würden mit dem sonst beliebten Buben Mitleid haben und ihn nicht abweisen. So wanderte ich denn erfolglos von Haus zu Haus und fragte nach Heu und Emd und nicht nach dem Preis, bis ich endlich bei Herrn Fischer im Unterdorf meinen Zweck erreichte. Unter einem Strom von Thränen bat ich ihn um einige Centner Heu, und er erbarmte sich meiner und gab mir teilnehmend das Gewünschte.

Hatte ich im Sommer von früh bis spät reichlichste Gelegenheit, mich zum tüchtigen Mithelfer in Feld und Wald auszubilden, so benützte ich die langen Wintertage, um mir auch auf andern Gebieten der Landwirt schaft einige Fertigkeit anzueignen. Alljährlich mussten die Geräte für die Futterbereitung, Rechen und Gabeln usw. geflickt, zerbrochene Karren erneuert und etwa fehlende Gegenstände neu angeschafft werden. Weil nun alles dies Geld gekostet hätte, so kam ich auf den Gedanken, diese Arbeit selbst auszuführen, und bald war ich so weit, dass ich die Geräte, namentlich Stosskarren von verschiedenen Formen, mit einer gewissen Eleganz zustande brachte.

In solch abwechslungsreicher Thätigkeit gingen die Jahre rasch dahin, und es zeigte sich da die alte Erfahrung, dass ein neuer Gegenstand, der Sinn und Streben in Anspruch nimmt, einen andern verdrängt, der bisher dominiert hatte. Die Musikstunden in Weil hatten längst aufgehört, ohne dass etwas anderes von Musik an die Stelle getreten wäre.

Mittlerweile trat nun, nach erfolgter Konfirmation im Frühjahr 1837, an mich und meine Eltern die Frage meiner Berufswahl heran. Was mich betraf, so konnte es sich bei der Wahl nur um ein Handwerk handeln, und da schwankte ich zwischen dem Beruf eines Gärtners oder eines Schreiners, entsprechend meinen bisherigen Beschäftigungen. Es machten sich aber bald auch andere Einflüsse geltend, die schliesslich die Oberhand gewannen. Die Schülerzahl in Riehen war so stark angewachsen, dass Abhilfe der dadurch erzeugten Mißstände dringend nötig war, und in der Folge sollte für die Landgemeinden ein neues Schulgesetz ausgearbeitet werden. Da nun für Riehen sicher eine zweite Lehrerstelle in Aussicht stand, so legten Pfarrer und Schulmeister meinen Eltern den Gedanken nahe, mich Lehrer werden zu lassen, damit ich nach erlangter Ausbildung dieselbe übernehmen könne ... So verliess ich im Jahre 1838 meine Heimat, um in der Anstalt Beuggen zum Lehrer ausgebildet zu werden. Der Abschied aus meinem Familienkreis fiel uns allen schwer, und ich erfuhr damals an mir, was ich in meinem spätem Leben oft beobachtete, dass die Gefühle des Heimwehs bis zu einem gewissen Grade von der örtlichen Entfernung unabhängig sind. Denn als mein guter Vater, der mich auf einem Bernerwägelein an meinen Bestimmungsort begleitet hatte, wieder abgereist war, da stellte ich mich ans Fenster, verfolgte mit den Augen den Weg, den er genommen hatte, und weinte bitterlich.

Anmerkungen der Redaktion:
1) 1769-1832. 2) Laroche-Gut seit 1807. 3) Ecke Baselstrasse/Bachtelenweg. 4) Heute Rössligasse 12. 5) Rektorat Erlensträsschen.

Das Rüdin'sehe Landgut, später Werthemann'sehe Liegenschaft, in der ]. J. Schäublin einen Teil seiner Kindheit verbrachte.


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