1976

Liederkranz Riehen - der älteste Dorfverein

Hans Keil

Mitte des letzten Jahrhunderts: Basel — eine durch Stadtmauern und Gräben noch völlig umschlossene Stadt mit stolzen Stadttoren, deren Pforten abends um 9 Uhr geschlossen und morgens um 6 Uhr wieder geöffnet wurden. Nachts waren die Strassen und Häuser durch Petroleumampeln spärlich erleuchtet. Erst 1851 beschloss das Parlament die Einführung einer öffentlichen Gasbeleuchtung. In den Strassen herrschte noch relative Sauberkeit; jeder Hausbesitzer musste die Strasse vor seiner Liegenschaft selbst «rein» halten, was nicht immer einfach war, da sich der ganze Verkehr mit Pferd und Wagen vollzog. Trottoirs wurden erst nach und nach erstellt, und die Strassen waren durchwegs gepflästert.

Riehen — ein Bauern- und Winzerdorf mit rund 1600 Einwohnern, von denen jeder den Nachbarn persönlich kannte und vielfach mit ihm verwandt war. Zu dieser Zeit herrschten noch recht rauhe Sitten auf dem Lande. Die beiden in Riehen stationierten Gendarmen hatten oft Mühe, kleinere oder grössere Schlägereien und Händel zu schlichten. Die Dorfjugend hatte noch keine Töffli, mit denen sie ihren übermut befriedigen konnten. Die Chronik berichtet von zahlreichen übeln Streichen und losen Sitten. Riehen war ein Dorf, nicht besser und nicht schlechter als andere Orte, von Basel mehr oder weniger isoliert. Jeder Riehemer, der nach Basel wollte, musste am Stadttor einen Zoll entrichten, wie jeder andere Fremde auch. — Was wurde an kulturellen und geselligen Veranstaltungen geboten? Man traf sich sonntags in der Kirche oder ab und zu im Wirtshaus bei einem Glas Schlipfer, wobei dann gelegentlich wohl auch ein Lied angestimmt wurde. Es fehlten alle weitern Unterhaltungsmöglichkeiten, die wir heute als Selbstverständlichkeit betrachten wie Kino, Schallplatten, Radio und Fernsehen. Auch die Politik warf noch keine hohen Wellen — es gab keine Parteien. Das also war die Zeit, zu der man sich in Riehen Gedanken machte, den übermut der Jugend durch Gründung eines Vereins in geordnetere Bahnen zu lenken. Nachdem schon im Jahre 1810 der berühmte schweizerische Sängervater Hans Georg Nägeli den ersten Männergesangverein gegründet hatte, breitete sich der Volksgesang in unserem Land mächtig aus, so dass am 5. Juni 1825 das erste schweizerische Gesangfest in Aarau durchgeführt werden konnte. Auch in Basel fasste der Volksgesang tiefere Wurzeln, und es entstand ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aller jener Elemente, die Gutes und Schönes anstrebten.

Auch nach Riehen sprang im Jahre 1841 der zündende Funke über. Der Sohn des Herrn Pfarrer Hoch, Inhaber eines Knabeninstituts, Wilhelm Hoch, und der damalige Riehener Lehrer, Herr J. J. Schäublin, beschlossen, einen Sängerverein zu gründen, und schon bald war eine kleinere Zahl sangeslustiger Jünglinge und Männer beisammen. Herr Hoch verfasste die Statuten, die leider verlorengegangen sind. Die übungen fanden einmal wöchentlich statt, und als übungsinstrument diente die Violine. Eine Liedersammlung von 18 Nummern, zusammengestellt von Herrn Schäublin, diente als übungsstoff. Der damalige Ortsgeistliche, Herr Pfarrer Wenk, war dem Volksgesang nicht zugeneigt. Er befürchtete einen Abfall von der Kirche und einen Drang zur Weltlust. Herr Schäublin war da aber anderer Ansicht und setzte sich über solche Bedenken wohlgemut hinweg. Bald schon zeigten sich im Dorf die Früchte seiner Arbeit. Unsere Sänger Hessen öfters im Dorf ihre Lieder erschallen, was besonders unter den jungen Leuten Begeisterung hervorrief.

J. J. Schäublin beschreibt in seinen 1899 verfassten Lebenserinnerungen (siehe auch Seite 7) die Gründung des ersten Riehener Männerchors wie folgt: « Dieser Winter (1841/42) brachte auch eine andere erfreuliche Neuerung. Durch meine Thätigkeit im Hoch'schen Institut war ich in ein freundschaftliches Verhältnis zu Wilhelm Hoch, dem ältesten Sohne des Direktors, getreten, der damals das Pädagogium in Basel besuchte. Wir beide vereinigten uns zu dem Vorhaben, in Riehen einen Männerchor zu gründen. Das war nun freilich eine ungewöhnliche und keineswegs kleine Aufgabe, da der Gesangunterricht in meinem Dorfe seit Jahren darniederlag. Es fiel zwar nicht schwer, eine Anzahl junger Männer zusammenzubringen, welche Lust und Eifer zeigten, in einem Verein einfache vierstimmige Chorlieder einzuüben, und es mögen etwa vierundzwanzig Mitglieder an den ersten Proben teilgenommen haben. Aber die Schulung und Leitung der gänzlich ungeübten Sänger erforderte viel Arbeit und grosse Geduld, und diese Hauptaufgabe fiel natürlich mir zu, während Hoch nur die Eröffnungsrede hielt. Weil jeglicher Gesangstoff fehlte, so trafen wir eine passende Auswahl aus verschiedenen Sammlungen von Männerchören, die wir dann autographisch in Basel herstellen liessen. Ich erinnere mich noch unserer ersten Aufführung in der Kirche an einem schönen Sonntagmorgen im Frühjahr 1842. Wir hatten hiefür die Hymne von Gluck: «Leih aus deinen Himmelshöhen» gewählt, eine äusserst gefährliche Komposition, deren Wahl ein Missgriff war, der sich auch durch Misslingen derart rächte, dass wir nie mehr in der Kirche auftraten.»

Im Jahre 1846 verlor der Verein seinen rührigen Leiter, Herrn Schäublin, da er an die Realschule nach Basel berufen wurde. Daher mussten die Gesangsstunden für einige Zeit eingestellt werden. 1849 wurden die übungen unter der Leitung von Herrn Lehrer Hotz wieder aufgenommen, aber der Verein zerfiel noch, bevor das Jahr zu Ende war. Ein weiteres Jahr hielt es ein Doppelquartett unter der Leitung von Herrn Hans Wenk aus. Im Jahre 1852 übernahm Herr Hans Plüss von Ryken, Aargau, die Leitung des Männergesangs. Diese Chorgemeinschaft zählte 23 Mitglieder — Statuten existierten nicht. Dass sich diese Schar junger Männer unter der Leitung von Herrn Plüss viel Mühe gab, merkte man nach und nach auch ausserhalb des Vereinslokals. Ein Zyklus von gutgewählten, melodischen Liedern bildete den allmählich angesammelten Schatz, mit dem sich der Chor öfters dem Publikum vorstellte. Die Erkenntnis des wohltuenden Einflusses der Gesangpflege auf Charakter und Gemüt wurde durch den Einfluss der Mitglieder wesentlich gefördert. Sitte und Anstand traten mehr und mehr in den Vordergrund. Herzliche Beziehungen mit andern Gesangvereinen wurden angeknüpft, und der Gesangverein hatte sich allmählich derart konsolidiert, dass er sich erstarkt und lebensfähig fühlen konnte und trotz aller Anfeindungen gewisser Kreise eine gründliche Organisation durch die Schaffung von Statuten durchführte. Anfangs 1856 wurden die Vereinsstatuten beraten und gleichzeitig der Antrag zur Anschaffung einer Vereinsfahne gestellt. Eine Kollekte der Mitglieder ergab den damals ansehnlichen Betrag von Fr. 200.—, womit die Finanzierung gesichert war. Die Töchter im Gasthaus «Zum Rössli», Rosine und Marie Völlmy zusammen mit einer Freundin aus Basel verfertigten mit grossem Geschick, Opfern und Mühe die Fahne. Als im Frühjahr 1856 der Verein zur Teilnahme am Basellandschaftlichen Kantonalgesangfest in Muttenz auf Ende Juni eingeladen wurde, musste noch schnell ein Name für den Chor geschaffen werden. Es wurden verschiedene Vorschläge gemacht. Aus der Konkurrenz ging dann der Antrag von Herrn J. J. Schäublin siegreich hervor, der «Liederkranz Riehen» lautete. Zusammen mit der Jahrzahl 1856 wurde er in die neue Fahne eingestickt.

Zahlreich sind die Feste und Veranstaltungen, die diese Fahne begleitet hat: Gesangfeste, Jahresfeiern, Hochzeiten, Ständeli und Beerdigungen. Sie existiert heute noch, wenn auch bei einem Vorstandsmitglied zu Hause (da es leider nicht mehr möglich ist, den vorhandenen Fahnenkasten in einem Stammlokal zur Schau zu stellen).

Im Oktober 1873 wurde auf Antrag des damaligen Dirigenten, Herrn König, seines Zeichens Musiker und Mitglied des Theaterorchesters Basel, der Verein von einem Männerchor in einen Gemischten Chor umgewandelt. Grund dazu war das ungünstige Stimmenverhältnis und der Mangel an Tenören. Einer Einladung an die hiesigen Jungfrauen leisteten 15 Damen Folge. Fast gleichzeitig schloss sich der Jünglingsverein «Eintracht» mit 14 Mitgliedern dem Liederkranz an. Nun konnte sich der Chor gut entwickeln. Der Vereinsname lautete ab diesem Datum «Gemischter Chor Liederkranz Riehen». Er nahm bald an verschiedenen Gesangsfesten und Wettgesängen teil, die teils mit dem Prädikat «ausgezeichnet», ab und zu aber auch nur mit einem «Eichenkranz» belohnt wurden. Ereignete sich ein derartiger «Betriebsunfall», so tat dies jedoch der allgemeinen guten Stimmung der Sänger keinen Abbruch. War der Vortrag gut, so war eben jeder einzelne Sänger gut, geriet einmal etwas daneben, so wurde die Schuld einzig und allein dem Dirigenten in die Schuhe geschoben, und er musste die Konsequenzen tragen. Die Vereinschronik erwähnt insgesamt 20 Dirigenten, die seit der Gründung die musikalische Leitung innehatten, teils während vieler Jahre.

1881 wurde unter Mitwirkung zahlreicher Vereine der Umgebung das 25jährige Jubiläum gefeiert. Zur Finanzierung hatte der Verein für Fr. 500.— Aktien à Fr. 10.— gezeichnet.

Verschiedene «Hochs» und «Tiefs» zeichneten den weiteren Weg des Vereinslebens. Die Zahl der Gründungsmitglieder reduzierte sich infolge überalterung und Wegsterbens immer mehr, und im Jahre 1918 starb der letzte der Gründer des Liederkranzes, J. Löliger-Manner. 1926 trat der Verein dem Kantonalverband Baselstädtischer Gesangvereine bei.

Während des 1. und 2. Weltkrieges musste die Vereinstätigkeit zeitweise reduziert und sogar kurzfristig ganz eingestellt werden, aber zwischen den beiden Kriegen entfaltete sich der Chor zu respektabler Grösse. Die Vereinschronik verzeichnet zahlreiche Konzerte und die Beteiligung an vielen Gesangfesten, von welchen der Liederkranz meistens mit guter Qualifikationsnote und lorbeerkranzgeschmückter Fahne ins Dorf zurückkehrte. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich nach und nach ein Wandel zu gehobenerer Gesangsliteratur bemerkbar. Madrigalchöre, Werke zeitgenössischer Komponisten, aber auch Opernchöre standen öfters auf dem Programm. Auch im Radio durfte sich der Liederkranz verschiedentlich hören lassen.

Mit der Wahl von Herrn Rupert Bausenhart zum neuen Dirigenten im Jahre 1953 nahm der Chor wiederum einen starken Aufschwung. Er verzeichnete gleich 18 neue Aktivmitglieder. Erstmals wurde grosser Wert auf Stimmbildung und gute Aussprache gelegt, was zwar einigen Mitgliedern nicht so ganz behagte, dem Chor aber zu vielen Spitzenleistungen verholfen hat.

1956 wurde der 100. Geburtstag des Liederkranzes (2./3. Juni) im grossen Festzelt auf dem Areal, wo heute das neue Gemeindehaus steht, gefeiert. Unter der Mitwirkung zahlreicher Vereine und dem Ehrenpräsidium von Herrn Nationalrat Dr. Jaquet wurde gleichzeitig eine neue Fahne geweiht. Es war ein herrliches Fest, das in die Geschichte Riehens eingegangen ist. Unser leider inzwischen verstorbener «Dorfpoet» Eduard Wirz hat zu diesem Anlass eine witz- und geistsprühende Festschrift verfasst.

1976 — Riehen zählt über 20 000 Einwohner, der Liederkranz Riehen verfügt über rund 50 Aktivmitglieder. Es sind zahlreiche «Neu-Riehemer» dabei, einige kommen sogar von auswärts (Bettingen, Basel, Arlesheim, Aesch etc.). Die Erkenntnis, dass heute nur noch ganz begrenzte Zuhörergruppen angesprochen werden können, hat den Liederkranz bewogen, sich mehr und mehr der Kirchenmusik zu widmen, wobei allerdings das Volkslied weiterhin gepflegt wird. Grossartige Konzerte haben in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass sich der Liederkranz auch auf dem Gebiet seriöser geistlicher Musik durchaus mit Chören aus der Stadt Basel messen kann.

Dass der Chor daneben aber auch die Geselligkeit und die zwischenmenschlichen Beziehungen pflegt, betrachtet er als selbstverständlich.

Alljährlich durchgeführte Familienabende, Maskenbälle, Kegelabende, Ständchen und andere Veranstaltungen tragen dazu bei, die Freundschaft und Geselligkeit zu pflegen. Dazu kommen Sängerreisen per Car, Eisenbahn und Flugzeug kreuz und quer durch die Schweiz, ja sogar ins Ausland (Wien, Venedig, London etc.).

Leider kämpft der Chor — wie alle Gesangvereine — um einen gesunden Nachwuchs. Allzugross ist der Einfluss von Radio, Fernsehen, Sport und Film auf die Jugend von heute. Es ist ausserordentlich schwer, junge Leute beizuziehen und für die Sache des Chorgesangs zu begeistern. Frauen sind dabei noch eher zu gewinnen als Männer. Dabei wären doch die Möglichkeiten sehr günstig, sich an diesem Hobby zu beteiligen. Das einzige Handicap ist ein für die Gemeinde Riehen nicht gerade zur Ehre gereichendes übungslokal (das alte Gemeindehaus bei der Dorfkirche), das dem Chor immerhin kostenlos zur Verfügung gestellt wird, und der dort stehende, stets arg verstimmte Flügel. Aber vielleicht ist gerade er es, der bewirkt, dass der Chor an seinen Konzerten sehr präzise und stimmlich rein singt. — Wie dem auch sei: der Liederkranz sieht mit guter Zuversicht seinem 125jährigen Jubiläum entgegen und erfreut sich nach wie vor einer treuen Gefolgschaft.

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