1975

Wolfgang Wenk als Luftphotograph

Christoph Martin

Wenn Wolfgang Wenk nach einem seiner Flüge über die Heimatgemeinde Riehen zurückkehrte, so war es nicht selten, dass er über seine Eindrücke zu sprechen begann. Man konnte dann jeweils bald die überzeugung gewinnen, dass es sich bei diesen Flügen nicht lediglich um Ausflüge geographischer Art handelte, sondern ebensosehr um Flüge in die Geschichte seiner Gemeinde. Die gleiche Einsicht legen auch die sorgsam geordneten Luftaufnahmen nahe. Diese beredten Zeugnisse seiner unzähligen Flüge reichen chronologisch geordnet bis in die ersten Nachkriegsjahre zurück. Demgemäss stellen sie auch eine eindrückliche Dokumentation einer Zeitspanne dar, die für unsere wie für manch andere Gemeinde eine wichtige Entwicklungsphase gebracht hat. So kreisten denn auch seine äusserungen immer wieder um ähnliche Themenkomplexe, handle es sich nun um die Wahrung eines gewissen Masses an architektonischer Geschlossenheit oder um Probleme der Expansion ganz allgemein.

Wer sich nun also zum gestellten Thema Gedanken macht, sieht sich dazu aufgefordert, auch den geschichtsorientierten Anteil der Motivation zum Luftphotographieren sowie die offenkundigen Rückwirkungen dieses Unterfangens auf die praktische Tätigkeit Wolfgang Wenks in der Gemeinde miteinzubeziehen. Einmal eben, weil die vorliegenden Flugbilder verschiedene Entwicklungsstadien Riehens zeigen, und dann, weil das Geschick des Autors dieser Aufnahmen aufs innigste mit jenem unserer Gemeinde verbunden war.

Wenn diese Aspekte dennoch ausser acht gelassen werden, so handelt es sich dabei um einen bewussten Verzicht, der geleistet wird, da der Raum dazu hier nicht geboten ist und da der Schreibende dies nicht in kompetenter Weise durchführen könnte.

Wolfgang Wenk war ein leidenschaftlicher Flieger. Er begann damit schon zu einer Zeit, da das Fliegen noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit war. Ihn interessierten die historischen Aspekte der Fliegerei ebensosehr wie die technischen, die ihm unter anderem durch einen eigenen Flugzeugbau bis in jede Einzelheit vertraut waren. Aber auch die wirtschaftlichen und politischen Aspekte fanden sein Interesse, war er doch Mitbegründer der Baiair AG. Nicht an letzter Stelle aber dürften die erlebnismässigen Seiten des Fliegens gestanden haben. Die Fliegerei hat ihm unzählige schöne und glückliche Stunden gebracht, doch leider auch den Tod.

Wolfgang Wenk war aber auch ein passionierter Photograph. Auch mit dieser Liebhaberei reichte er bis zu den Anfängen zurück. In seiner sehenswerten Sammlung historischer Photographen- und Filmkameras finden sich die ungewöhnlichsten Stücke. Von jedem Apparat wusste er die Herkunft anzugeben und verstand, ihn zu bedienen. Auch in dieser Sammlung finden sich Stücke und Zubehör, die von seiner Hand stammen und Zeugnis ablegen von minutiös geplanter Präzisionsarbeit. Die Photo- und Filmausrüstungen waren wohl seine treuesten Reisebegleiter. Er nahm sie mit sich zu jeder Zeit und in alle Kontinente, so auch auf seine Flüge.

In Anbetracht solcher Voraussetzungen will es nun beinahe als Notwendigkeit erscheinen, dass Wolfgang Wenk zum Luftphotographen wurde.

Fliegen und Photographieren scheinen für Wolfgang Wenk in gewisser Hinsicht komplementäre Betätigungen gewesen zu sein. Beim Fliegen gewann er den überblick über das Ganze und beim Photographieren konnte er das Detail festnageln. Diese Komplementarität mag einer inneren Struktur seines Wesens entsprochen haben, denn es finden sich Analogien. So war denn seine Stärke im einzelnen Fachbereich mitbegründet in seiner umfassenden Vielseitigkeit. Seiner Neigung zu Präzision und Pünktlichkeit stand eine Grosszügigkeit im Denken und Handeln gegenüber. ähnliches offenbarte sich dann naturgemäss auch im alltäglichen Gespräch. Wo immer ein Sachproblem oder Detailgeschäft zur Diskussion stand, so war er stets bestrebt, dies im Rahmen eines historischen Bezugs oder einer möglichst weitreichenden Extrapolation zu tun. Diese Eigenschaft war derart ausgeprägt, dass angenommen werden darf, diese dialektische Zuwendung zum Einzelnen und zum Ganzen sei mehr als zufällig. Vielmehr scheint sich diese Verhaltensweise zu einem bewussten Denk- und Arbeitsprinzip auszukristallisieren.

Den Ausgleich zu seiner Betätigung in ämtern und Sitzen, die mehr seinen Weitblick und seinen Willen zur besseren Gestaltung der Zukunft forderten, suchte Wolfgang Wenk häufig in seinem Photoatelier und seiner Werkstatt. Dort wandte er sich dann dem technischen Detail zu, dem andern Extrem im Gesamtsprektrum seiner Betätigungen. Oft sah man ihn dann stundenlang hinter einer Drehbank stehen und mit peinlicher Sorgfalt und Sachkenntnis irgend ein Messinstrument oder Zusatzteil zu seinem Flugzeug anfertigen. Solche Hinwendung zum Detail gereichte ihm dann wiederum oft dazu, den überblick über eine Gesamtheit zu erleichtern.

Wenn Wolfgang Wenk an seinem Flugzeug oder seinen Filmkameras hantierte, so war selbst der in dieser Hinsicht Unbegabte fasziniert von der tiefen Freude an allem Technischen und dem ausgeprägten Pioniergeist, die ihm treibende Kräfte waren. Was diese Freude an der Technik anbelangt, atmete er zweifellos den Geist seiner Zeit, einer Zeit, in der sich die technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften jagten. Dennoch wies er aber immer wieder auf die Gefahren und die Fragwürdigkeit eines blinden Fortschrittglaubens hin. Wolfgang Wenk war stets auf der Suche nach neuen Wegen und blieb dennoch der Tradition verpflichtet. Vielleicht dürfte man ihn etwas überspitzt als konservativen Pionier bezeichnen.

Als Motiv für seine Luftaufnahmen bevorzugte Wolfgang Wenk Ballungszentren und die menschenleeren Gebiete der Schweizeralpen. Es war eindrücklich, ihn, den Architekten, über die Faszination der unberührten Alpenwelt erzählen zu hören. Auch hier wiederum nährte er aus einem Gegensatz seine Studien über das Gleichgewicht von Mensch und Natur. Auf diese Weise mag sich in ihm auch die planerische Idealvorstellung einer besiedelten Gartenlandschaft gebildet haben. So war er denn auch stets bestrebt, im Rahmen seiner Möglichkeiten diese Erkenntnis für sein Dorf verwirklichen zu helfen. Er äusserte sich befriedigt, dass dieser Siedlungstypus wenigstens quartierweise den Charakter Riehens prägt.

Anhand seiner Luftaufnahmen von Riehen befasste er sich unter anderem auch mit der Entwicklung seiner Gemeinde. Längst vor der Zeit, da dieses Thema in aller Leute Mund war, beschäftigten ihn auch schon die Grenzen des Wachstums. Er sah diese Grenzen für seine Gemeinde kategorischer gesetzt, als dies auf andere Bereiche zutreffen mag.

Viele Luftaufnahmen legen Zeugnis ab von einem differenzierten künstlerischen Gestaltungswillen. Er scheute die Mühe nicht, dasselbe Objekt zehnmal und öfters anzufliegen, bis Richtung, Ausschnitt und Distanz genau seinen Vorstellungen entsprachen. Derselbe Wille zur gestalterischen Komposition findet sich bereits in den Aquarellen und Zeichnungen aus seiner Jugend- und Studienzeit. Diese Darstellungen bestechen sehr oft durch die Unverrückbarkeit der Bild- und Farbgestaltung.

Zuletzt dürfen nun die technischen Schwierigkeiten des Luftphotographierens, die Wolfgang Wenk zu meistern hatte, nicht unerwähnt bleiben. Er war weder im Besitz eines für Luftaufnahmen geeigneten Flugzeugs, denn seine Tiefdeckermaschine gab die ungehinderte Bodensicht nur in einer Steilkurve frei, noch besass er eine vollautomatische Kamera. Deshalb setzte er sich zum Ziel, aus den ihm zur Verfügung stehenden technischen Mitteln ein Optimum herauszuholen. Mit seinem Hang zur Perfektion scheute er es nicht, wochenlang dauernde Proben mit Filmund Kameramaterial durchzuführen. Dazu gehörte die Erprobung des Materials bei verschiedenen Witterungsverhältnissen sowie die Auskundung der besten Tageszeiten und Besonnungsverhältnisse. Die eigentlichen Photoflüge mussten dann nach genauer Vorplanung kurzfristig, innerhalb weniger Stunden durchgeführt werden, sobald alle gewünschten Bedingungen erfüllt waren. Bei vorher eingestellter Kamera war es nun der Geschicklichkeit des Piloten anheimgestellt, jenen Punkt anzufliegen, der den geplanten Daten entsprach. Die Aufnahme selbst erfolgte dann in einer Steilkurve, und der günstigste Zeitraum war auf Sekunden beschränkt.

Das Resultat dieser Bemühungen hat den Einsatz gelohnt. Die Aufnahmen von Riehen in ihren schönen spätsommerlichen Farben haben viele Betrachter erfreut. Sie sind das Vermächtnis eines Menschen, der sein Dorf geliebt hat.

^ nach oben