1975

Rudolf Schmid - von der Gemeindeschreiberei zur Gemeindeverwaltung

Gerhard Kaufmann

Am 31. Juli dieses Jahres hat an der Spitze der Gemeindeverwaltung Riehen eine bedeutsame Ablösung stattgefunden: Rudolf Schmid-Wächter konnte an diesem Tag Verantwortung, Pult und Schlüssel eines Gemeindeverwalters seinem von ihm selbst bestens eingeführten Nachfolger, Peter Grieder, übergeben.

Der scheidende Verwalter hat im Jahre 1939 seine Tätigkeit in der damaligen Gemeindekanzlei an der Baselstrasse aufgenommen. 1953 wählte ihn der Gemeinderat zum Gemeindeverwalter. Rudolf Schmid hat somit während 36 Jahren im Dienste unserer Gemeindeverwaltung gestanden, alles in allem in einer ausserordentlich bewegten Zeit, denn die vergangenen dreieinhalb Jahrzehnte gehören zu einer Epoche, die unserer Gemeinde die augenfälligsten Veränderungen ihrer langen Geschichte beschert hat. Für eine im Nebenamt tätige Exekutivbehörde ist eine möglichst grosse Konstanz an der Verwaltungsspitze unabdingbare Voraussetzung. Dass mit Rudolf Schmid diese Konstanz über drei Generationen von Gemeindepräsidenten und einem ansehnlichen Harst von Gemeinderäten hinweg gesichert war, kann für unsere Gemeinde nicht hoch genug veranschlagt werden. Rudolf Schmid hat seine Aufgabe aber nicht allein darin gesehen, die Konstanz zu bewahren. Er war vielmehr derjenige, der mit den zunehmenden Aufgaben und Anforderungen mitgewachsen und mitgegangen, man darf ruhig sagen oftmals auch vorangegangen ist und unsere Verwaltung, so wie sie sich heute präsentiert, aus kleinen Anfängen entwickelt und aufgebaut hat.

Dieses Grösserwerden geschah nicht zum Selbstzweck, sondern es wurde der Gemeinde durch die Entwicklung aufgezwungen. Zwei Zahlenbeispiele mögen diese mit einer Unzahl von Problemen einhergehende Ausweitung kommunaler Verwaltungstätigkeit illustrieren: Im Jahre 1939 zählte unsere Gemeinde 7 000 Einwohner, es stand ihr ein Budgetbetrag von 0,5 Mio Franken zur Verfügung, 6 Mitarbeiter in der Verwaltung und 19 im Aussendienst besorgten die Gemeindegeschäfte. Für 1975 lauten die entsprechenden Zahlen 22 000 Einwohner, 24 Mio Franken und rund 100 Mitarbeiter. Dieses nicht nur als Folge der Bevölkerungszunahme, sondern ebensosehr durch eine Fülle neuer und zusätzlicher Aufgaben veranlasste Wachstum hat dazu geführt, dass im Laufe der Jahre aus der Gemeindeschreiberei die Gemeindeverwaltung und der Gemeindeschreiber zum Gemeindeverwalter wurde. Soweit hat Rudolf Schmid aus überzeugung mitgehalten, er hat sich aber geweigert, einen weiteren Schritt zu tun, den zum Manager. Zu Rudolf Schmids Arbeitsstil gehörte, sich Zeit zu nehmen für den Ratsuchenden, für den im Umgang mit Amtsstellen Unbeholfenen, für den in Schwierigkeiten Geratenen.

Schon vor Jahren, als ich — politisch noch völlig unbelastet — im Gemeindehaus zu tun hatte, beeindruckte mich, Vergleiche anstellend mit gemachten Erfahrungen in in- und ausländischen Amtsstuben, die Bereitwilligkeit des Gemeindeverwalters, sich für meine gar nicht weltbewegenden Probleme Zeit zu nehmen, mich anzuhören und mir mit Rat und Tat beizustehen. Erst viel später begriff ich, dass eine derart individuelle Behandlung des einzelnen Bürgers an Grenzen stösst, die — wir mögen es wahrhaben wollen oder nicht — bei einer Gemeinde von 20 000 Einwohnern erreicht und wohl auch schon überschritten sind.

Die Zeit, die sich Rudolf Schmid im Interesse des rat- und auskunftsuchenden Bürgers, Behördenmitgliedes oder Amtsinhabers nahm, war genau besehen nicht die seines Arbeitgebers, sondern seine Freizeit. Dem der täglich im Gemeindehaus zu tun hatte, war bekannt, dass der Arbeitstag des Verwalters oft 10, nicht selten 12 Arbeitsstunden und dass die Arbeitswoche nicht 5, sondern meistens 6, bei Wahlen und Abstimmungen sogar 7 Arbeitstage umfasste. Es hat nicht an guten Ratschlägen gefehlt, dieses mehr als nur gerüttelte Mass an Arbeit auf eine vertretbare Dimension zurückzuführen. Kaum jemand war aber bereit, auf die sich durch eine einmalige Sach-, Orts- und Personenkenntnis, sowie durch absolute Zuverlässigkeit auszeichnenden Leistungen unseres Verwalters zu verzichten.

Höhepunkte in der Tätigkeit von Rudolf Schmid dürfte zweifellos der Bezug des neuen Gemeindehauses gewesen sein, wobei die Hauptlast der Verantwortung bei den Vorarbeiten zu diesem Werk wiederum auf ihm selbst lagen, war doch damals die Bauverwaltung erst neu geschaffen worden und ein Adjunkt des Gemeindeverwalters noch unbekannt. Ein weiterer Höhepunkt hat das Jubiläumsjahr 1972 gebildet. Für unseren Gemeindeverwalter bestand dieser Höhepunkt wiederum in einer Fülle zusätzlicher Arbeit. Der Schreibende möchte es dem auf dreieinhalb Jahrzehnte Gemeindepolitik zurückblickenden Verwalter überlassen, abzuwägen, ob das Kommen und Gehen von Gemeinderäten und Präsidenten in Exekutive und Legislative ebenfalls als Höhepunkte seiner beruflichen Laufbahn zu taxieren sind. Sicher ist, dass dieses sich Einstellen auf immer wieder neue Chefs und Auftraggeber ein hohes Mass an Anpassungs- und Einfühlungsvermögen erforderte, eine Eigenschaft, die bei Rudolf Schmid in besonderem Masse vorhanden war.

Der scheidende Verwalter hat seinem Nachfolger eine in jeder Beziehung geordnete und intakte Verwaltung übergeben, eine Verwaltung, die auch von unseren Einwohnern gerne aufgesucht wird und die, bei aller Grosszügigkeit am rechten Ort und zur rechten Zeit den Ruf geniesst, eine sparsame Verwaltung zu sein.

Rudolf Schmid ist, frisch im Geist und mit jugendlicher Elastizität, in einen unbeschwerteren Lebensabschnitt eingetreten, den er dazu nutzen wird, sich all den Interessengebieten zuzuwenden, die in den vergangenen Jahrzehnten zwangsläufig zu kurz kommen mussten.

Der öffentlichkeit wird er weiterhin als Bürgerratsschreiber dienen, ein Aufgabenbereich, dem seine besondere Neigung gilt.

Gleich meinem Vorgänger, durfte ich mich als Gemeindepräsident in der Person von Rudolf Schmid auf einen in jeder Hinsicht loyalen und hilfreichen Mitarbeiter stützen. Es ist dies für mich keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Anlass zu grosser Dankbarkeit.

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