1975

Riehens neue Post

Urs Weber

Volle zehn Jahre hat es gedauert von den ersten Studien für eine neue Post im Riehener Dorfzentrum bis zum fertigen Neubau. Die Komplexität der Probleme in bezug auf Bau, Standort und Umgebung konnte nur gelöst werden dank einem guten Zusammenspiel der massgebenden Instanzen der Gemeinde Riehen, des Kantons Basel-Stadt, der Deutschen Bundesbahn, der Baukreisdirektion III der Direktion der Eidg. Bauten, der Hochbauabteilung PTT, der Kreispostdirektion Basel und «last but not least» des projektierenden und bauleitenden Architekten. Die vielen Mühen und die lange Wartezeit haben sich jedoch gelohnt. Die neue Riehener Post «Riehen 1» dient der öffentlichkeit vorzüglich und ist in einem Haus untergebracht, das allgemein als Bereicherung des Riehener Dorfkerns empfunden wird.

Das Postgebäude befindet sich am Rand des Dorfkerns, an der Stelle des vormaligen Riehener Bahnhofs der Wiesentalbahn. Der Bahnhof wurde im Zusammenhang mit dem Post-Neubau in eine bescheidene Haltestelle verwandelt, die für die geringen Benützerfrequenzen der Bahn — man kann aus zolltechnischen Gründen nicht per Bahn von Riehen zum Badischen Bahnhof in Basel gelangen — vollauf genügt.

Das neue Postgebäude wendet dem Bahntrasse den Rücken zu. Der gesamte Postbetrieb wickelt sich ohne Kontakt mit dem Bahnbetrieb ab, und der Kontakt mit dem Basler Postzentrum geht über die Strasse. Ob unter diesen Umständen der Standort an der Bahn nicht für andere Zwecke hätte reserviert bleiben müssen, ist eine Frage, die für die fernere Zukunft offen bleiben muss. Für die Gegenwart liegt die Post an ihrem neuen Ort zweifellos günstig, in der Nähe des Ladenzentrums und des Gemeindehauses.

Die Nähe des Gemeindehauses ist beim Neubau sofort spürbar, denn die Formensprache ist derjenigen des Gemeindehauses angeglichen. Der Architekt, der mit dem Bau des Postgebäudes beauftragt wurde, ist Giovanni Panozzo (BSA/SIA), der seinerzeit auch die Pläne des Gemeindehauses schuf. Die formalen Intentionen des Gemeindehauses waren also dem Architekten der Post ohne weiteres geläufig, und den Entscheid für das jeweils der Umgebung Entsprechende fällte er «en connaissance de cause». Die Rücksicht auf die Umgebung ist auf diese Weise zu einer der hervorstechenden Eigenschaften des PTT-Gebäudes geworden. Sie geht von der Wahl der Materialien und Farbtöne bis zur Verteilung der Bau-Massen.

Zunächst ist das Bauvolumen bemerkenswert: 30 400 Kubikmeter. Diese Raum-Masse hat der Architekt in einem Bau — oder vielmehr in einer kleinen Gruppe von Bauten — in einer Art und Weise untergebracht, dass sie sich diskret darbietet, ohne klotzige Großspurigkeit, sozusagen als «Understatement». Der Bau erscheint viel kleiner, als er wirklich ist. Das eigentlich sehr grosse Ausmass stellt man von zwei Rückseiten des Hauses aus noch am ehesten fest: Die Stirnwand des nördlicheren Teils des Baukomplexes, also des Gebäudes, das eine Telefonzentrale aufnehmen wird, bietet sich als hohe Giebelwand dar, ohne Unterbrüche. Der Betrachter, der jenseits des Bahntrasses steht, kann das Ausmass des Baus ebenfalls feststellen: Da auf der Bahnseite zwar nicht die Fassade, aber die Baulinie fast ohne Unterbruch verläuft, erscheint das Ganze als der langgestreckte Bau, der er tatsächlich ist.

Von den Schauseiten aus hingegen, die derjenige sieht, der den Dorfkern durchschreitet, scheint sich das Haus zu ducken. Der nördliche Teil umfasst in Wirklichkeit zwei überhohe Stockwerke unterhalb der Traufhöhe, aber man glaubt als unbefangener Passant vor einem Haus zu stehen, das zwar ein hohes Giebeldach hat, das aber darunter kaum mehr als anderthalb Stockwerke zählt. Die Behandlung der Fenster an dieser Strassenfront dürfte hier für den Eindruck der Bescheidung entscheidend sein: Sie sind hinter Metall-Lamellen verborgen, und diese Lamellen ziehen sich als vertikale Akzente bis weit unterhalb der Fensterbrüstungen in die Wand. Zwischen diesem Bau, der 1976 die geplante Telefonausrüstung aufnehmen soll, und dem Postteil der Anlage liegt ein gedeckter Hof, der den Postfahrzeugen als Umschlagstelle dient. Dieser Posthof unterbricht als einstöckige Zäsur den Baukomplex; an ihn schliesst sich südlich das Haus an, das der Benützer als «die Post» bezeichnet.

Die Stirnwand auf der Südseite des Hauses ist von der Bahnhofstrasse aus, durch die sich ein grosser Teil der Benützer zur Post begibt, schon von weitem sichtbar. Ihre Behandlung dürfte am stärksten am ganzen Bau dazu beitragen, dass das grosse Raumvolumen so stark zurücktritt. Die selben genormten Kupfer-Elemente, die auch für die Giebelwände des Telefon-Gebäudes gewählt wurden, bedecken hier nur einen Teil der Fassade, und zwar reicht der Kupfer-Teil auf der dem Bahntrasse zugewandten Seite bis über die Traufhöhe hinunter, auf der Strassenseite hingegen nur bis oberhalb der an der Strassenfassade verlaufenden Terrasse, die über die wahre Höhe der Traufe ohnehin hinwegtäuscht. Diese Terrasse springt als kleiner Balkon aus der Giebelwand heraus und verdeckt sie teilweise. über dem Erdgeschoss zieht sich das Vordach, unter dem sich an der Südfassade — nächst der Westecke — der Eingang in die Schalterhalle befindet, weit hinaus und ordnet auch den Kiosk dem Postkomplex zu, der da in einem separaten kleinen Baukörper untergebracht ist. Dieses lange Vordach verbirgt die Stirnwand noch um ein weiteres, wobei dem Architekten hier die Topographie zu Hilfe gekommen ist: Wer von der Bahnhofstrasse herkommt, geht oder fährt leicht aufwärts, wodurch für sein Empfinden die hohe Wand erst recht diskret zurücktritt.

Dem Betrachter, der von dieser Seite herkommt, bietet sich eine Abfolge der Bau-Massen dar, die derjenigen eines grossen Bauernhofes recht ähnlich ist. Der Hauptbau gibt sich sogleich als bewohnt, aber zugleich als mit einer ganzen Reihe von Funktionen betraut und damit auch als Nutzgebäude zu erkennen. Dahinter folgt der überdachte Hof, und in der Ferne schliesst sich gross und mit fensterloser Giebelwand der Telefon-Bau an, der die Rolle der Scheune spielt. Es ist denn auch kein Zufall, dass der Spitzname «Scheuer» für den Telefonbau hin und wieder geäussert wird.

Farben und Materialien des Baus hat G. Panozzo so gewählt, dass das Haus sich der Umgebung anpassen soll. Die Umgebung besteht aus sehr viel Grün und — längs der Bahn — aus offenem und etwas heimatlosem Raum. Einen Anschluss an andere Bauten gibt es nicht in dem Sinn zu machen, dass Gassen entstehen würden, aber Rücksicht auf die ebenfalls mit Giebeldächern versehenen Nachbarn, insbesondere auf das Gemeindehaus, war trotzdem zu nehmen. Erdtöne herrschen nun am neuen Haus vor, von den kupferbraunen Platten der Giebelwände über die dunklen Metallelemente der Fenster und Türen bis zum hellen Rötlichbraun des Putzes. Das Gemeindehaus trägt dasselbe Giebeldach von rechtwinklig geschnittenen Flachziegeln, ist aber im übrigen auf den ersten Blick in anderen, in graueren Tönen gehalten. Bei genauerem Zusehen entdeckt man aber, dass genau derselbe Farbton wie im Verputz der Post sich schon am Gemeindehaus findet.

Wesentlich ist auch die Verklammerung in das Grün der Umgebung. Rabatten mitten in der Strasse, im Trottoir, vor beiden Hauptteilen des Baukomplexes, grosszügige Bepflanzung der Terrassen im zweiten Obergeschoss der Westfassade tragen hiezu bei. Nebst dem Architekten hat hier auch die Gemeinde Riehen viel Liebe zum Detail bewiesen; denn diese Rabatten liegen teilweise ausserhalb des Grundstücks. Eine junge Ahornallee in der Bahnhofstrasse ergänzt das Sortiment von Grün, mit dem die ganze Anlage mit ihrer Nachbarschaft verbunden ist.

Der Benützer betritt die Post im Schalterraum, einer komfortablen kleinen Halle, in der mit Etageren aus Stein und mit sorgfältiger Beleuchtung nicht gespart wurde. Ausserdem ist für den Benützer ein Schlossfach-Raum Tag und Nacht zugänglich, in dem vom Kolorit und der Materialwahl her ein ähnlicher Eindruck entsteht wie in der Schalterhalle. Nicht öffentlich zugänglich sind die Räume in den oberen Stockwerken: der Botenraum, ein Theoriesaal, allerlei Nebenräume und die als Wohnungen und als Zahnarztpraxis vermieteten Räume.

Dem Postgebäude südlich vorgelagert ist ein Parkplatz, von dem aus eine Abfahrt in die unterirdische Postgarage führt. Diese Abfahrt ist für die jetzigen Bedürfnisse zu gross dimensioniert. Sie sollte auch den Verkehr von und zu der unterirdischen Autoeinstellhalle unter dem «Wettsteinpark» aufnehmen, die die Gemeinde bauen wollte, die aber 1974 vor dem Stimmvolk keine Gnade fand. Ohne mit der Garage-Einfahrt in Kontakt zu kommen, kann man als Fussgänger unmittelbar neben der Einfahrt die Gleise der Wiesentalbahn unterqueren. Die Unterführung ist so angelegt, dass sie mit Schaufenstern ausgestattet werden kann, und die Abgänge sind sorgfältig in abgestufte grüne Kaskaden eingebettet. Ein kleiner Ruheplatz neben dem der Post vorgelagerten Kiosk bietet dem Passanten ein paar Ruhebänke.

Riehen macht vor eigenen und fremden Bürgern immer wieder geltend, es sei keine Stadt, sondern ein Dorf. Die Atmosphäre im Zentrum ist aber kaum dörflich zu nennen, und auch das Postgebäude ist nicht dasjenige eines Dorfes, selbst wenn die plastische Erscheinung den Bauernhof «zitiert». Vielmehr hat sich Riehens Dorfkern zu einem Stadtkern wider Willen entwickelt. Die Allgegenwart der Bepflanzung verhindert allerdings eine wirklich städtische Ambiance. Vielmehr hat sich mehr und mehr der Aspekt der Gartenstadt durchgesetzt. Auch das neue Postgebäude reiht sich da trefflich ein.

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