1975

100 Jahre CVJM Riehen Reminiszenzen

Hans Krattiger

Als Ergänzung zu Michael Raiths geschichtlichem Rückblick auf den 100 Jahre alt gewordenen CVJM Riehen, lassen wir hier Fragmente eines Gesprächs folgen, das an einem milden Sommerabend und bei einem Glas die Zunge lösenden Roten gehalten wurde. Gesprächspartner waren Fritz Jungck, Emil Löliger, Albert Schudel und Ernst Strohbach, vier «alte» CVJMler aus der Hoch-Zeit des Jubilars. Und zugegen waren auch ein Ohr und eine Feder, lauschend und notierend, was das Quartett auf seinem Weg zurück in eine glanzvolle Vergangenheit aus dem Schlaf der Erinnerung wachrief. Es ist Erinnerung an die Zeit zwischen zwei Weltkriegen, Erinnerung an eine Zeit, die von einer weltweiten, viel Not heraufbeschwörenden Wirtschaftskrise geprägt war. Doch merkwürdig: das Wort «Krise» wurde im Verlauf des Gespräches nicht laut; im Gegenteil, wie ein roter Faden zog sich — unausgesprochen — das Wort «Lebensfreude» durch das abendliche Gespräch. Nicht dass sie als Jünglinge die damalige politische und wirtschaftliche Situation einfach ignoriert und in den Wolken gelebt hätten; sicher nicht, bekamen sie doch die Wirtschaftskrise am eigenen Leibe zu spüren. Sie waren aber so sehr erfüllt von einem Idealismus und Optimismus, der seine Wurzeln in einem Berge versetzenden Glauben hatte.

Dennoch fröhlich
In der Erinnerung wurde aber nicht nur der CVJM der zwanziger Jahre wach, sondern auch die «Gemeinschaft», jener vom Geist des Pietismus geprägte «Verein für Evangelisation und Gemeinschaftspflege», der — zwar nicht ausserhalb, jedoch neben der offiziellen Kirche — sein Eigenleben hatte, das sich vor allem im «Vereinshaus» am Erlensträsschen abwickelte. Aus diesen pietistischen Kreisen heraus ist der CVJM entstanden, weshalb das Schmähwort «Stündeier» auch auf die Mitglieder des CVJM übertragen und dieser zudem noch von den «Weltlichen» gern als «Bobbeliverein» tituliert wurde. Dass dennoch der CVJM der zwanziger und dreissiger Jahre in einem Dorf, das damals ein paar tausend Einwohner zählte, immer rund 40 Mitglieder hatte, zeugt doch von der Anziehungskraft, den er auf viele Riehener Burschen ausübte. Und das nicht zuletzt deshalb, weil diese CVJM-«Stündeier» dennoch natürliche, fröhliche und zu allerhand Streichen aufgelegte Burschen waren. Wohl hatten auch sie ihre wöchentlichen Zusammenkünfte, anfänglich in der ehemaligen Kaffeehalle an der Rössligasse, dann — von 1914 bis 1934 — im «Vereinshaus» am Erlensträsschen und von 1935 an im Kornfeldhaus, der eigentlichen Hochburg des CVJM Riehen, daneben aber auch in der aus eigenen Kräften zusammengebastelten Jugendhütte am Wasserstelzenweg. Jeweils drei der vier Zusammenkünfte eines Monats wurden als «Bibelstunde» abgehalten, wobei ein Theologiestudent, ein Schüler des Missionshauses oder ein «Chrischonabruder», seltener auch der Dorfpfarrer mit den Burschen einen Bibeltext besprach. Eingeleitet wurde die «Stunde» mit Gesang und Gebet. Man war also bewusst ein christlicher Verein junger Männer. Ein Abend pro Monat war dann einem «weltlichen» Thema reserviert, und wenn gar mit einem Lichtbildervortrag aufgewartet werden konnte, war das damals schon ein Höhepunkt im Vereinsleben. Vom pietistischen Geist der «Gemeinschaft» waren die CVJMler so weit «infisziert», dass «weltliche Vergnügen» wie Fasnacht, Kino, das damals eben aufkam, Tanz für sie tabu waren und die Beteiligung an einem solchen Anlass, der Besuch eines solchen Ortes a priori als «Sünde» betrachtet wurde. Und das Thema «Sex» war geradezu Tabu Nr. 1, über das nicht einmal geredet wurde. Und doch hatten auch die zu Männern heranreifenden CVJMler ihre mannigfachen Probleme, mit denen sie irgendwie fertigwerden mussten, nicht selten im Gespräch von Freund zu Freund auf stundenlangen Wanderungen nach einer Abendzusammenkunft. Probate Mittel, die natürlichen Pubertätsschwierigkeiten und -probleme zu lösen, waren das Turnen, wozu die Turnsektion des CVJM einlud, das Musizieren im Posaunenchor des CVJM, gemeinsame Wanderungen, die nicht selten als strapaziöser «Türk» aufgezogen wurden, Proben für eine Theateraufführung und vor allem Ferienlager in Vinelz am Bielersee, in der CVJMler auf einer Jahresfeier in den frühen 30er Jahren. Die Turnsektion des CVJM in den 20er Jahren.

Durannahütte im Prätigau, in Adelboden oder Kandersteg, verbunden bisweilen mit hochalpinen Touren, die zu unvergesslichen Erlebnissen wurden. Wie frisch und munter muss es auf einer Wanderung erklungen haben, wenn es aus jugendlichen Kehlen erscholl: «Wir sind jung, die Welt steht offen ...», mit dem Refrain, der mit dem Brustton der überzeugung gesungen wurde: «Wir sind jung und das ist schön.»

Dass die CVJMler bei solcher Unternehmungslust, abhold griesgrämiger Duckmäuserei, nicht selten mit der älteren Generation der «Gemeinschaft» in Konflikt gerieten, ist deshalb nicht verwunderlich. So zum Beispiel, als auf die Initiative des CVJM im Vereinshaus eine Bühne installiert wurde, weil in den Augen gewisser GemeinschaftsChristen jede Form von Theater «Sünde» war. Und ganz bös kam Albert Schudel an, als er zu einem der traditionellen Gartenfeste im Sarasinpark den «TB», nämlich die Mädchen vom Töchterbund des Blauen Kreuzes, einlud. Alte CVJMler sahen darin schon den Untergang des CVJM. Gegen den von Gemeinschaftsleuten, die oft auch Mitglieder des Blauen Kreuzes waren, unternommenen Versuch, die CVJMler auch zur Abstinenz zu verpflichten, setzten sich manche vehement zur Wehr, weil man sich als Glied des Weltbundes des CVJM wusste und sich an dessen Satzungen hielt. Als einmal auf einem Ausflug, gemeinsam unternommen vom Vereinshaus-Chor und vom CVJM, auf dem Rückweg vom Badischen Blauen zwei vorausgeeilte CVJMler in Badenweiler in einer Gartenwirtschaft einkehrten und mit einem Glas Bier ihren Durst löschten, wurden sie mit Vorwürfen überschüttet und moralisch an den Pranger gestellt. Die gleichen Burschen erlebten aber auch auf einer Wanderung durch den Schwarzwald, wie ihr Leiter, nachdem ihre Bitte um übernachten überall abgeschlagen worden war, vor dem letzten noch möglichen Haus niederkniete und darum betete, dass sie in diesem Haus Aufnahme finden mögen; sie dann auch fanden und überaus gastfreundlich bewirtet wurden. Erlebnisse und Erfahrungen, die auch nach Jahrzehnten noch unauslöschlich sind.

Missionarischer Eifer
Bei aller Betriebsamkeit im CVJM jener Jahre verfolgte man dabei doch ein ganz bestimmtes Ziel, nämlich die Missionierung der Jugend, beseelt von der überzeugung, dass man nur als CVJMler ein rechter Mann werden könne. Es wurden deshalb Konfirmanden-Abende veranstaltet, um die Jungen nach der Konfirmation für den CVJM zu gewinnen. Und mit nicht geringerem Eifer warb man um schulpflichtige Buben, die in der «Jungschar», später im «Jungtrupp» vereinigt, allerlei Anlässe veranstalteten und Pfingsttreffen durchführten. Um was es den CVJMlern dabei ging, ersehen wir am besten aus einem Rechenschaftsbericht aus dem Jahre 1934, in dem es unter anderem heisst: «Das Ziel, das wir uns im Jungtrupp gestellt haben, und auf das wir unverrückt zustreben wollen, heisst: .Christus unsere Entscheidung'. Und gerade im Blick auf unsere Losung müssen wir bescheiden bekennen, dass wir noch weit von dem uns gesteckten Ziel stehen. Ich möchte nun kurz mitteilen, was wir mit den uns anvertrauten Jünglingen getrieben haben. Die Arbeit wurde diesen Frühling in der Jugendhütte am Wasserstelzenweg aufgenommen, und zwar in wöchentlichen Zusammenkünften. Was wir im Verlauf dieses Sommers bezweckten, war, die Knaben vor allem einigermassen kennen zu lernen, und zwar nicht durch Aussprachen über religiöse Themata, sondern wir wollten ihre Charaktere beim Spiel und bei Ausflügen ergründen...»

Diesem Ziel, nämlich der Erfassung der Jugend für den CVJM, dienten auch die immer wieder veranstalteten öffentlichen Anlässe, insbesondere das traditionelle Gartenfest im Sarasinpark, das dem CVJM Gelegenheit bot, die vielseitige Tätigkeit innerhalb des CVJM aufzuzeigen. Ein Programm des Gartenfestes vom September 1932 möge illustrieren, wie damals «us em eigene Bode» gute Unterhaltung in den Dienst missionarischer Werbung gestellt wurde : Das 16 Nummern umfassende Programm enthält Darbietungen des Posaunenchors, des CVJM-Handharmonikarings, der Turnsektion, eines Jodel-Doppelquartetts und der Jungschar Riehen. Und «Nach Schluss des Programmes Unterhaltungs-Spiele, Alkoholfreies Buffet am Platze.»

Dass es auch unter den CVJMlern «g'mentschelet het», war aus dem Gespräch unseres Quartetts herauszuhören und tönt auch aus Gedichten von Jakob Mory, einer der Säulen des damaligen CVJM. So verlas er als «Santichlaus» an der Jahresfeier 1936 seinen Kameraden die Leviten, wenn er sagte: «Jetz machet er so bravi Chöpf Doch mänggmol sitt er bösi Tröpf. Tient mitenander dischpidiere Und hindenumme kritisiere, Statt dass der ich in Liebi traget, Enander alles offe saget. . . Und au in eue Bibelstunde Isch au no Vyles, wo sott gsunde. 's sott kein meh mit em Bleistift chafle, E kein meh mit em andre schwafle, E kein meh sich in Schlof versänke, E kein an d'Cigarettli dänke. Kein dänke, 's goht der Ander a, Ych brauch das nit, ych brave Ma ...»

Und in einem seiner « Fesch t-Sprüch» heisst es: «Chopfhänger tien is vili nenne, Doch numme die, wo-n-is nit chenne. Wäre si do, si gseches gly, Au ,d'Stündeler' chönne luschtig sy ...»

Oder wenn er als «Rätschbäsi» kommt und meint: «All Wält chlagt über Krisezyt, Doch ych spür vo der Krise nüt. D'Rätschbäsi het stets Arbet gnue, Chunnt oft vor Schaffe nit zur Rueh. Drum ha-n-y gwiss kei Grand zum Chlage, Doch öppis cha-n-y nit vertrage, Das «öppis» duet mi schwer entrüste, 's isch d'Konkurränz vo euch, ihr Christe. Dir heit my Metier zimlig los, Rätschet deheim und uff der Strooss, Nach der Vereinsstund, nach der Chille, Mit Vorbedacht, oft wider Wille ...»

Und haben sie nicht auch an diesem milden Sommerabend 1975 «grätscht», die vier «alten» CVJMler, als sie in ihren Erinnerungen kramten und immer wieder die Wendung laut wurde: «Weisch no, sällmool...» Aber es war diesmal ein «Rätsche», an dem auch «d'Rätschbäsi» ihre Freude gehabt hätte. Es müssen trotz Krise und Anfechtung, trotz Niederlagen und Enttäuschungen herrliche Zeiten gewesen sein, die einer der Gesprächspartner zusammenfasste in das Bekenntnis, dass er dem CVJM die Entwicklung zur Persönlichkeit zu verdanken habe dank der guten Vorbilder, die damals am Werk waren, und die ein anderer resümierte mit den Worten: Der CVJM — das war unser Leben.

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