1974

Vom Schopf zum Mehrzweckbau

Hans Krattiger

Ein für das Riehener Gemeindeleben wichtiger Bau geht seiner Vollendung entgegen: der neue Werkhof am Haselrain. Nach dem Bauprogramm, wie es im Ratschlag Nr. 163 vom Juni 1971 vorgelegt wurde, hätte dieser Neubau eigentlich schon im Sommer 1974 seiner Bestimmung übergeben werden sollen, doch verhinderten verschiedene Umstände die Einhaltung der vorgesehenen Termine. Eine erste Verzögerung bewirkte der Umstand, dass der Basler Grosse Rat den Beitrag für die Zivilschutzanlage zu bewilligen hatte. Eine weitere Verzögerung brachte die überweisung des Ratschlags Nr. 228 an die Rechnungs- und Prüfungskommission in der Sitzung des Weiteren Gemeinderates vom 6. Februar 1974. In diesem Ratschlag wurde dem Weiteren Gemeinderat ein Kreditbegehren von 490 000 Franken für diverse Werkstattanschaffungen unterbreitet; im Ratschlag Nr. 163 betreffend Werkhof-Neubau am Haselrain vom Juni 1971 hiess es, dass «beim Bezug des Werkhofes Haselrain Anschaffungen in der Grössenordnung von 300 000 bis 400 000 Franken zu tätigen sein werden», und es wurde eine diesbezügliche Kreditvorlage in Aussicht gestellt. Die seit dem Juni 1971 eingetretene Teuerung berücksichtigend, entsprach der angeforderte Kredit von 490 000 Franken dem seinerzeitigen approximativen Kostenvoranschlag, doch glaubte der Weitere Gemeinderat, da und dort Einsparungen vornehmen zu können, weshalb er den Ratschlag an die Rechnungs- und Prüfungskommission überwies. Bis zu den Sommerferien 1974 hatte diese Kommission ihren Bericht noch nicht vorgelegt.

Alles unter einem Dach
Die Geschichte von Riehens Werkhof ist identisch mit der Geschichte von Riehens explosivem Wachstum in den letzten Jahrzehnten. Es ist die Geschichte einer Entwicklung vom «Wegmacher» zu einem 60köpfigen Team von Aussendienst-Mitarbeitern verschiedener Branchen, vom Schopf zum grosszügig konzipierten Mehrzweckbau. Diese Wandlung vollzog sich in verhältnismässig kurzer Zeit und hatte zur Folge, dass verschiedene Aussendienstbetriebe dezentralisiert — und oft genug auch improvisiert — in zahlreichen gemeindeeigenen Liegenschaften untergebracht werden mussten: die mechanische und die Motorfahrzeug-Reparaturwerkstatt an der Kirchstrasse 21, Fahrzeuge, Schneepflüge und Steinlager am Haselrain 65, die Gärtnerei, inklusive Material- und Fahrzeugdepot sowie Personalunterkunft an der Bahnhofstrasse 34 (wo sie bis auf weiteres bleiben wird), Geometer und diverse Materialdepots am Kirchplatz 3 und 7, das Salzlager an der Baselstrasse 44, Fahrzeuge und verschiedene Materialdepots im Sarasin-Gut (Rössligasse 67), währenddem auf dem Stettenfeld ausser einem Steinlager eine provisorische Fahrzeug-Einstellhalle errichtet wurde. Der eigentliche Werkhof an der Gartengasse beherbergte das Büro des Strassenmeisters und seines Stellvertreters, Personalgarderobe, Dusche und Trockenschrank, Geräte und Fahrzeuge für die Regiegruppe und die Waldequipe, Schreinerei, Magazine und das Spritzmitteldepot. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sich der Gemeinderat angesichts dieser unerfreulichen Situation, die eine fruchtbare Koordination der Aussendienste erschwerte, bereits im Jahre 1958 mit der Frage befasste, «auf welche Art der Werkhof den wachsenden Bedürfnissen angepasst werden könne.» Zuerst dachte man an einen Werkhof-Neubau am alten Ort, also an der Gartengasse, zumal die Gemeinde in den Jahren 1950, 1957 und 1958 das vorhandene Areal durch Zukauf angrenzender Parzellen hatte erweitern können. Doch ein Anno 1960 von Architekt H. Wirz verfasstes Projekt machte deutlich, «dass ein Werkhof-Neubau an der Gartengasse weder aus Standortnoch aus Platzgründen in Frage kommen konnte.»

Die Verlegung des Werkhofs an den Haselrain — und damit aus dem Dorfkern heraus — konnte deshalb ins Auge gefasst werden, weil das Basler Stadtplanbüro beschlossen hatte, das noch nicht überbaute Stettenfeld nicht über den Brünnlirain, sondern über die Achse Steingrubenweg/Friedhofweg zu erschliessen.

Nachdem in der Standortfrage eine befriedigende Lösung hatte gefunden werden können, erteilte der Gemeinderat am 3. Juli 1964 Architekt Gerhard Kaufmann, der damals der Gemeinde-Regierung noch nicht angehörte, den Auftrag für die Projektierung eines Werkhof-Neubaus, der unter einem Dach die verschiedenen Zweige des Aussendienstes — mit Ausnahme der Gärtnerei — vereinigen soll. Es verstrichen sieben Jahre, in denen Vorprojekte eingereicht (das erste bereits am 15. März 1965) und studiert wurden, eine Umzonung vorgenommen werden musste, neue Bau- und Strassenlinien festzulegen und fehlende Parzellenteile zu erwerben waren, bis endlich im Juni 1971 der Weitere Gemeinderat grünes Licht für den Bau des neuen Werkhofs geben konnte.

Das Projekt
Die dem Architekten gestellte Aufgabe lautete: «Schaffung eines Werkhofes, ausgerüstet mit den notwendigen Räumen und Einrichtungen und versehen mit den erforderlichen Abmessungen, die es erlauben, den gesamten .Aussendienst' einer Gemeinde von 40 000 Einwohnern unterzubringen. Wahrung der grösstmöglichen Flexibilität im Grundriss und im Aufbau.» Von der Unterbringung im Werkhof waren von Anfang an ausgenommen: die in den verschiedenen Bezirksmagazinen zu stationierenden Strassenunterhalts-Equipen sowie die Gärtnerei-Equipe, die zweckmässigerweise mit der Gemeindegärtnerei verbunden sein soll.

Auf dem mit 5333,5 m2 äusserst knapp bemessenen Areal plante Gerhard Kaufmann ein Projekt, das folgendes Raumprogramm aufwies: 4. Untergeschoss: Lager, Garderobe und WC-Anlagen, Tankkeller, Heizzentrale, Stuhlmagazin, Schutzräume für die Belegschaft, Elektro-Schaltraum.

3. Untergeschoss (à niveau Brünnlirain) : Werkstätten, Schleuse/ Lager, Magazin Maurer, Pneulager, Zivilschutzanlage.

2. Untergeschoss: Magazine, Materialausgabe, Schleuse/Lager sowie eine disponible Fläche von 21 m2 (diese Räume zweigeschossig), WC/Ausguss, Putzmaterialraum, öl- und Fettraum, Kompressorenraum, Motorfahrzeughalle, Geräte- und Wagenhalle.

1. Untergeschoss: Keller für Wohnungsmieter, Getränkelager, Trockenraum, Stiefel-Waschanlage, Sanitärraum, Personalgarderoben, Vorraum/ Waschanlage, Toiletten/Duschen, Velo- und Mopedraum. Erdgeschoss (à niveau Haselrain) : Werkstatt-Trakt mit Schreinerei, Schmiede und Motorfahrzeug-Reparaturwerkstatt sowie Wagen-Waschraum und Service-Station, ferner Batterieraum und Kleinteil-Lager, Büroraum für Werkstattchef und Toiletten; auf dem gleichen Boden befinden sich auch das Salzmagazin und ein gedeckter Hof als Arbeitsplatz und Holzlager, dazu noch genügend Freiflächen für Park-, Wasch- und Lagerplatz für Steine.

1. Obergeschoss: Im Werkstattgebäude sind die Maler- und die Elektrikerwerkstatt, ein Färb- und Lösungsmittellager sowie ein Röhrenlager untergebracht.

Personaltrakt: Im Erdgeschoss befinden sich die Büros für Strassenmeister/Pförtner und Strassenaufseher/Werkhofchef, ein Reservebüro, Sanität, Halle und Aufenthalts-, respektive Znüniraum; im ersten und im zweiten Obergeschoss je zwei Vierzimmer-Wohnungen, im Attikageschoss zwei Einzelzimmer mit separatem WC, Abstell- und Trockenraum, ein gedeckter Kinderspielplatz sowie die Waschküche.

Der Kostenvoranschlag, auf der Preisbasis vom Frühjahr 1971 kalkuliert, rechnet mit total 12 374 400 Franken, wobei 1 734 600 Franken, die vom Kanton übernommen werden, auf die Zivilschutzanlage entfallen. In Anbetracht der inzwischen eingetretenen Teuerung ist mit einer gewissen Kostenüberschreitung zu rechnen.

Vom Wegmacher zum Strassenmeister
Über die Anfänge des Werkhofs schreibt Hans Adolf Vögelin in seinem Beitrag «Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart (1789— 1970)» im Jubiläumsbuch «Riehen •— Geschichte eines Dorfes»: «Als der Weitere Gemeinderat am 1. Dezember 1926 beschloss, die Liegenschaft Rössligasse 27 zu erwerben, genügte vorerst die Errichtung eines einfachen Schuppens. Das in Schöpfen hinter der Kirche und im alten, 1927 verkauften Zuchtfarrenstall Rössligasse 46 gelagerte Material konnte nun an einem einzigen Ort versorgt werden. Es war noch nicht viel; zu den Schaufeln, Pickeln, äxten, Sägen und einigen Wagen kamen als Prunkstücke nur die drei Teerapparate aus dem Jahre 1914, ein grosser Spritzenwagen für Pferdezug und ein vierspänniger Bahnschlitten hinzu. Die Anschaffung eines Lastautomobils war von der Einwohnergemeindeversammlung am 19. April 1921 mit grossem Mehr abgelehnt worden. 1939 litt man aber bereits an Platzmangel, doch konnte der Weitere Gemeinderat wegen der kriegsbedingten Materialknappheit den Auftrag für ein neues Werkhofgebäude erst am 1. November 1944 erteilen.» (Seite 386 f.) Das, was unter einem Werkhof zu verstehen ist, entstand also erst Mitte der vierziger Jahre, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Es widerspiegelt das enorme Wachstum der Gemeinde, dass die Anlage an der Gartengasse, die damals sicher grosszügig konzipiert worden war, bereits nach 20 Jahren nicht mehr genügte und heute so sehr aus allen Nähten platzt, dass die im Aussendienst beschäftigten Gemeindeangestellten sehnlich auf die Eröffnung des neuen Werkhofs warten.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war Riehen wirklich ein Dorf. Zwischen 1930 und 1941 nahm die Einwohnerzahl um knapp 1000 Personen zu und stieg von 6393 auf 7415; 1950 — fünf Jahre nach Kriegsende — waren es aber bereits 12 402, 10 Jahre später 18 077 und 1970 gar 21 026 Einwohner. Im Jahre 1938 waren im Aussendienst 16 Mann beschäftigt, hauptsächlich als Wegmacher; denn in jener Zeit wurden viele ehemalige Feldwege, aber auch die meisten Dorfstrassen, in schön geteerte, staubfreie Strassen verwandelt, weshalb die von H. A. Vögelin erwähnten drei Teerapparate die wichtigsten und am meisten beanspruchten Arbeitsgeräte waren. Ernst Voegelin, der seit Ende 1973 pensionierte Strassenmeister, erinnert sich noch gut, wie damals die Teerapparate anfänglich noch mit Pferden, die von den Bauern gestellt wurden, später mit Traktoren zu den Arbeitsplätzen geschafft und wie dann das fassweise bezogene Teer erhitzt, flüssig gemacht und auf die Strasse gebracht wurde. Und an den Samstagen — eine Fünftagewoche kannte man noch nicht — wurde hauptsächlich gewischt, um am Sonntag ein sauberes Dorf präsentieren zu können. Zum Teeren und Wischen gesellte sich die Kehrichtabfuhr; sie wurde, auf Metall und Glas beschränkt, 1905 eingeführt und erfolgte an zwei Samstagen im Monat. Erst 10 Jahre später wurde sie auf jegliche Art von Abfällen ausgedehnt. Von 1954 bis 1969 wurde die Kehrichtabfuhr von der Stadt aus besorgt, doch seither sorgen die zwei in ganz Riehen bekannten Ochsner-Wagen « Wulli» und «Wolf» und ihre Equipen für eine prompte Kehrichtabfuhr.

Je grösser, stattlicher und wohnlicher Riehen wurde, desto grösser und vielfältiger wurden die Aufgaben, die an einen Aussendienst gestellt werden. Hinzu kamen deshalb die öffentliche Beleuchtung, die Herstellung und Pflege von Anlagen und Kinderspielplätzen, Schwimmbad, Sportplatz und Eisbahn, Brunnenreinigung und Strassenmarkierung, Sperrgutabfuhr, Pflästern und Mauern, Forstequipe, Schreinerei, Schmiede, elektrische und Reparaturwerkstatt für all die Fahrzeuge, die im Aussendienst eingesetzt werden. über die verschiedenen Zweige des Werkhofs hat im vergangenen Jahr (vom 31. August bis 14. Dezember 1973) eine Artikelserie unter dem Titel «Sie machen Riehen schön, sauber und sicher» in der Riehener-Zeitung aufschlussreiche Informationen vermittelt. Zu schätzen weiss auch die Kommission für bildende Kunst die Leistungen des Werkhofs, sind doch beim Aufbau einer Ausstellung im Bürgersaal des Gemeindehauses fachkundige Angestellte des Werkhofs massgebend beteiligt. Nicht anders ergeht es den Bewohnern von gemeindeeigenen Liegenschaften, die auf die Werkhof-Mannschaft zählen können, wenn Reparaturen auszuführen sind. Und solche gibt es am laufenden Band.

Die Häufung neuer Aufgaben hat es mit sich gebracht, dass man mehr und mehr auch geschulte Handwerker und Spezialisten anstellen musste. So setzt sich denn das heute 60köpfige Werkhof-Team aus Malern und Schlossern, Schreinern und Elektrikern, Mechanikern und Gärtnern und andern fachlich ausgewiesenen Angestellten zusammen, die im neuen Werkhof am Haselrain unter viel besseren Bedingungen als bis anhin ihre mannigfaltigen Pflichten erfüllen können — zum Wohl einer Gemeinde, die weiss, dass Aussehen und Ansehen Riehens weitgehend von den Dienstleistungen des Werkhofs abhängen.

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