1974

Pfarrer Dr h c Gottlob Wieser

Eduard Thurneysen

Es gibt ein meisterliches Porträt Gottlob Wiesers, gemalt von seinem Schwiegersohn, dem bekannten Künstler Willy Fries. Wer das Antlitz des Dargestellten betrachtet, der erfährt mehr über ihn, als viele Worte auszusagen vermögen. Es ist der Kopf eines Mannes von tiefer Innerlichkeit, Weisheit und Güte, aber zugleich eines Mannes, der gleichsam auf dem Sprung ist, das, was in ihm lebt, weiterzugeben an Menschen, die um ihn sind und mit ihm leben, Zeitgenossen also, die auf ihn zu hören bereit sind, um etwas zu empfangen, was er gerade ihnen zu sagen hat. In diesen Hinweisen ist das Wesentliche über den verstorbenen Riehener Pfarrer ausgesprochen. Gottlob Wieser war ausgerichtet auf eine Botschaft, in die er sich tief versenkt hat, und von der her ihm der Auftrag zukam, ihr Zeuge zu sein. Dieser Zeuge ist er gewesen in jeder Predigt, die er hielt, und in jedem Umgang, den er mit Menschen gepflegt hat.

über den äusseren Lebensgang Gottlob Wiesers nur soviel: Er wurde geboren am 19. März 1888 als Sohn eines Landpfarrers in Hirzel ob dem Zürichsee. Das Gymnasium besuchte er in Basel. Er war ein glänzend begabter Schüler. Bestimmt durch seine Eltern, studierte er Theologie an den Universitäten Basel, Marburg und Berlin. Nach bestandenem Examen wirkte er als Pfarrer in vier Gemeinden: in Nussbaumen, einem thurgauischen Bauerndorf, in Binningen, in Wattwil und in Riehen. überall hat er Spuren seines Wirkens hinterlassen, weil er ein geistig überaus lebendiger Mann war, der weit über den Raum seiner Gemeinden hinaus eine in der schweizerischen Pfarrerschaft profilierte Gestalt darstellte.

Was war das Besondere an ihm? Er war nicht nur ein umfassend durchgebildeter Theologe, sondern er gehörte zu den nicht allzu häufigen Pfarrern, die sich nicht genügen lassen an ihrem noch so ausgebreiteten theologischen Wissen, sondern die der Wirklichkeit des lebendigen Gottes und seines Wortes nachspüren müssen, einer Wirklichkeit, die hinter allen Inhalten theologischen Wissens als ein unverwischbar Anderes, Neues, Eigenes auf uns wartet, und die nicht ruhen, bis dieses eigentliche Wort zu ihnen zu reden beginnt. Dazu kommt, dass Wieser wie wir alle in jenen Jahren mitten drin stand im Erleben weltgeschichtlicher Erschütterungen (der Erste und der Zweite Weltkrieg) und der Unruhe und Not im eigenen Lande. Wieser war ein politisch überaus wacher Mann. Er erkannte die tiefe Notwendigkeit gesellschaftlicher Erneuerung. Dazu kam, dass damals Kirche und Theologie in einem Umbruch standen. Wieser durchlebte das alles, wissend darum, dass den Menschen mit den gangbaren kirchlichen Worten nicht geholfen war, sondern dass ihnen ein Wort not tat, das nur aus einer Vertiefung in die Bibel gewonnen werden konnte. Uns ging in jenen Jahren der Ausspruch eines deutschen Pfarrers durch den Sinn: Gott braucht Menschen, die ins Heute blicken und gleich Jagdhunden die Spuren Gottes suchen und auf der Fährte bleiben, bis sie gefunden haben. Das hatte Gottlob Wieser erkannt, und immer mehr vertiefte er sich für sich selber und mit einem Kreis von Freunden in biblische und theologische Studien und sehnte sich nach einem neuen Aufbruch in Kirche und Welt.

Aber wie kommt es zu solchem Erwachen eines einzelnen, kleinen Pfarrers und seiner Freunde? War es nicht so, dass in jenen Jahren Stimmen laut wurden, die in besonders dringlicher Weise im Raum der Kirche zur Umkehr und zu neuer Besinnung aufriefen? Gottlob Wieser gehörte zu denen, die auf solche Stimmen zu hören begannen. Er hat in einem Rückblick auf sein Leben selber drei Namen genannt, die für ihn wichtig geworden sind: Hermann Kutter, Leonhard Ragaz und Karl Barth. Es könnten weitere solche Namen angeführt werden, etwa Christoph Blumhardt und der Bibelausleger Gottlob Spörri, mit dem sich Wieser später in besonderer Weise verbunden wusste. Wieser schloss sich der von Kutter und Ragaz angeregten religiös-sozialen Bewegung an, wobei er seine eigene geistige Selbständigkeit nicht aufgab. Er wurde zum nahen Freund und Begleiter Karl Barths. Er sah, dass er für die Menschen seiner Gemeinden ein Wort finden musste, das ihnen zurechthalf in den Bedrängnissen der Zeit und ihres Lebens. Er schaute für sie aus nach der neuen Welt, die in der Bibel an den Tag tritt, einer Welt der Gerechtigkeit und des Friedens. Gottlob Wieser hat es sich in jenen Jahren und bis an sein Ende nicht leicht gemacht in Predigt und Seelsorge. Immer wieder stiess er auf mancherlei Widerspruch und wurde in oft harte Auseinandersetzungen verwickelt. Aber er wich nicht zurück. Er hielt stand und nahm manche Anfechtung auf sich.

So ist er durch seine Gemeinden hindurchgeschritten. Er gleicht jenem Wanderer, von dem in einem Weisheitsbuch der Bibel die Rede ist (Sprüche 3, 26): «Der Herr ist dein Trotz, er behütet deinen Fuss, dass er nicht gefangen werde.» So sehen wir ihn unermüdlich und tapfer ausschreiten, alles prüfend und das Beste behaltend. Er entzog sich allen Schlingen, in denen sein Fuss sich hätte verfangen können. Er war und blieb der freie Mann, der keiner Parteiung, keinem Ismus verfiel, weder dem religiös-sozialen, noch einem in der Luft liegenden geistesgeschichtlichen. Wobei zu sagen ist, dass er gerade den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen seine ganze Aufmerksamkeit zugewendet hat, aber auch um Soziologie und Politologie wusste. Er las und kannte einen Marcuse und Bloch. Er suchte überall nach dem Lebendigen und Vorwärtsweisenden. Das tritt besonders zutage in seiner ausgebreiteten Tätigkeit als Redaktor des «Kirchenblattes für die reformierte Schweiz». Er war unerhört belesen und schrieb eine glänzende Rezension nach der andern über neu erschienene Bücher. In jedem dieser Essais lag der Hinweis auf das ewig Gültige, nach dem Wieser ausschaute.

Am 15. Januar 1973 ist er unerwartet von uns gegangen, dieser schlichte Pfarrer und seltene Mensch, der unermüdlich unterwegs war zu letzten Zielen und uns darum zum treuen Helfer geworden ist auf unserem eigenen Wege. Er hat viel gelitten und verzagte dennoch nicht, sondern blieb aufrecht und tapfer, suchend und findend bis an sein Ende.

Er hatte eine leider früh heimgerufene Gattin, die ihn treu und hingebend begleitete, Hanni, geborene Staehelin, die als Pfarrfrau in allen seinen Gemeinden sich vor allem um arme, in irgendeiner Weise leidende Menschen angenommen hat. Sie lebte mit ihrem Manne von der Botschaft einer neuen, gerechteren Welt. Den Ehegatten sind zwei Töchter und fünf Söhne geschenkt worden, die auf ihre Weise etwas von dem verwirklichen, was Wort und Beispiel ihrer Eltern in ihnen erweckt haben. Seine Gemeinden und seine Freunde werden Gottlob Wieser, seine Lebendigkeit, sein gesprochenes und geschriebenes Wort, nicht vergessen. Er hat nicht umsonst gelebt, gelehrt und gekämpft. Die Basler theologische Fakultät hat ihn an seinem 70. Geburtstag durch die Verleihung der theologischen Doktorwürde geehrt. Die Kirche unseres Landes aber lebt von solchen Dienern, wie er es gewesen ist.

Am 23. August 1974 ist der Autor dieses Lebensbildes, Alt-Münsterpfarrer Eduard Thurneysen, nach langer Krankheit gestorben. Sein Aufsatz über Pfarrer Gottlob Wieser war die letzte Arbeit, die er seiner Krankheit abgerungen hatte.

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