1971

Gestaltetes Leben

Lukrezia Seiler-Spiess

Zum 70. Geburtstag von Julia Feiner-Wiederkehr

Wer von Riehen her über den Wenkenberg wandert und jenseits des Wenkenköpflis aus dem Walde tritt, steht ganz plötzlich vor einem hübschen, schneeweiss getünchten Haus, das, obwohl noch auf Riehener Boden stehend, weit über Bettingen und die Wälder des Ausserberges schaut. Ein herzförmiges Fensterchen schmückt den Giebel, und darunter steht, von Blumen und Ornamenten umrankt F - W 1931 Zur Steinbreche Blumen und Ranken sind ein Werk von Julia Feiner-Wiederkehr - wie beinahe alles an und in diesem Haus. Wer, vom freundlichen Aeussern der «Steinbreche» verlockt, auch das geräumige helle Innere besichtigen darf, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: gewobene Dekken und Vorhänge, feine Stickereien und prachtvolle Trachten, bemalte Truhen und Kästen, die bunten Keramikteller an der Wand und die verzierten Ofenkacheln, vor allem auch die wundervollen Scherenschnitte, die die Räume schmücken - sie alle wurden von der Hausmutter, von Frau Julia Feiner geschaffen. Wir möchten im folgenden vom Leben und Werk dieser aussergewöhnlichen Frau erzählen, die ein Leben lang mit grosser Schaffenskraft und Liebe ihre Umwelt gestaltet hat.

Julia Feiner-Wiederkehr wurde im Jahre 1901 in Schlieren geboren und wuchs in Höngg bei Zürich auf, aber ihre eigentliche Heimat ist das Schaffhauserland. Ihre Eltern stammten aus dem schaffhausischen Buchtalen, und in vielen Besuchen bei den Grosseltern wuchs sie in die bäuerliche Welt und in die schaffhausische Landschaft hinein; sie spricht auch heute noch einen fast unverfälschten Schaffhauserdialekt. Auch Höngg war damals noch durchaus ländlich, «unser Schulweg führte zwischen Aeckern und Rebbergen hindurch» erinnert sich Frau Feiner. Ihre Eltern, die beide überaus rührig und aufgeschlossen waren, betrieben nebenbei einen Kleinbauernbetrieb, durch den sie von klein auf mit Tieren und Pflanzen innig vertraut wurde. Diese enge Verbundenheit mit der Natur, mit der Landschaft und mit dem bäuerlichen Leben prägte Julia Feiners ganzes Leben; aus diesem Urgrund wuchsen alle ihre künstlerischen Arbeiten.

Schon früh regte sich in dem intelligenten Mädchen ein unbändiger Tätigkeitsdrang. Es bastelte und zeichnete leidenschaftlich gerne; ein Skizzenbuch aus jenen Jahren enthält Tierdarstellungen, die von überdurchschnittlichem Können zeugen. Als die Frage der Berufswahl auftauchte, ging nach härterem Kampf Julias Wunsch in Erfüllung: sie durfte statt der Handelsschule die Kunstgewerbeschule besuchen. Nicht die Grafikklasse, wie sie es sich im Geheimen gewünscht hätte - diese stand damals fast ausschliesslich jungen Männern offen aber die Textilklasse mit den Fächern Stoffdruck, Sticken und Entwerfen. Dreieinhalb Jahre lang lernte sie mit Feuereifer und Freude und schuf sich die Grundlage für ihre späteren Arbeiten. Dann zog sie mit einer Kollegin nach München. Hier wollte sie weiterlernen, schaffen, selbständig arbeiten. Doch schon nach sehr kurzer Zeit erreichte sie eine Berufung als Lehrerin an die Frauenarbeitsschule Basel, und ihre Eltern forderten sie mit Nachdruck auf, die Stelle anzunehmen, damit aus dem «brotlosen Beruf» doch eine gesicherte Existenz werde. Kaum zwanzigjährig trat Julia Wiederkehr vor ihre Schülerinnen, die kaum jünger waren als sie. «Ich war furchtbar scheu am Anfang», erzählt Frau Feiner lächelnd, «aber bald fand ich grosse Freude an der neuen Aufgabe». Fünf Jahre lang unterrichtete sie in Buntsticken und Ornamentezeichnen, und dann gewährte ihr die Schulleitung einen einjährigen Urlaub zum Besuch der Land-Webschule von Insjön in Schweden.

Dieses Schwedenjahr - es ist wohl eines der wichtigsten und anregendsten für Julia Feiners Schaffen geworden. Begeistert erzählt sie von der Webschule, in der junge Bauernmädchen die uralte schwedische Volkskunst, das Weben, erlernten. In kleinen Holzhäuschen, im Walde verstreut, wohnten die Schülerinnen allein oder zu zweit. Im grossen Haupthaus traf man sich zu Mahlzeiten und Festen, im Webhaus fand der Unterricht statt. Ohne irgendwelche Schwedischkenntnisse setzte sich die junge Schweizerin zwischen die Schweden- und Lappenmädchen und lernte mit ihnen das Weben von Grund auf kennen, und darüber hinaus erlebte sie die lebendige Volkskunst und Kultur Schwedens. «Ich wurde richtig verwöhnt; alles durfte ich kennenlernen, vom Knäckebrot-Backen über das Pflanzenfärben der Webgarne bis zu den herrlichen, intensiv gefeierten Festen des Jahresablaufes». Bäuerinnen aus der Gegend in alten, wunderschönen Trachten holten sich in der Schule, die gleichzeitig ein Zentrum des schwedischen Heimatwerkes war, Heimarbeit für ihre eigenen Webstühle ab. Und an den Abenden wurde gesungen, alte schöne Volksweisen aus Schweden, von der Fiedel begleitet, aber auch Schweizerlieder, denn Julia Wiederkehr hatte ihre geliebte Laute nach Schweden mitgenommen und spielte nun mit dem Bauerngeiger, der die Fiedel strich, um die Wette...

Es war ein Jahr voller Anregungen. Neben der gründlichen Ausbildung im Weben brachte Julia Feiner eine Fülle von Ideen mit nach Hause; sie hatte lebendige Volkskunst kennengelernt, Trachten, Webmuster und Ornamente, und die spezifisch schwedische Art, Häuser zu bauen und einzurichten.

Wieder in Basel, versuchte sie ihren Schülerinnen von diesem Reichtum abzugeben; so führte sie zum Beispiel den ersten Webunterricht an der Frauenarbeitsschule ein. Aber bald darauf lernte sie Emil Feiner, Lehrer am Rosentalschulhaus kennen, und im Jahre 1929 verliess sie die Schule und schloss mit ihm den Bund fürs Leben. Für beide begann nun ein neuer, glücklicher Lebensabschnitt.

«D'Wält isch gross und s'Wiegili chly, doch s'Liebschti cha me lege dry.»

Das junge Ehepaar Feiner hatte von Anfang an beschlossen, der Stadt den Rücken zu kehren und irgendwo auf dem Lande draussen seinen Hausstand zu gründen. Noch als Brautleute fanden sie das steil abfallende Rebgelände hinter dem Wenkenberg, auf dem heute die «Steinbreche» steht, und kauften es kurz entschlossen. Und nun begann eine geradezu abenteuerliche Zeit - die Zeit im Bienenhaus! Doch lassen wir Frau Feiner selber erzählen: «Als wir von der Hochzeitsreise zurückkamen, stand beim Wald oben ein grosses Bienenhaus (3x5 Meter), und zwar vorläufig nicht für die Bienen, sondern für uns selber. Das Geld reichte uns nicht für ein grosses Haus, und darum liessen wir uns in dieser Holzhütte häuslich nieder. Nun hiess es aber an die Arbeit, denn wir hatten ja nur die vier nackten Wände vor uns. An der Flugfront vorn setzten wir drei Fenster ein. Dort gab es eine gemütliche Ecke mit Tisch, Truhe und Bank. In der andern Ecke zimmerten wir ein Himmelbett aus dicken Kistenbrettern. Als Unterlage benützten wir sechs alte Bienenkasten, die ich schön blau anmalte. In diese Kästchen konnte man Wäsche, Webgarn, Schuhe und vieles andere versorgen. In der dritten Ecke stellte ich meinen kleinsten Webstuhl auf, und in die vierte kam unsere «komfortable Küche», bestehend aus einem Kästlein und einer Kiste, die als Spül- und Kochtisch dienen sollte. Nun setzte ich mich an den Webstuhl und wob Himmelbettvorhänge und was es noch alles brauchte, um eine Hütte wohnlich einzurichten. Hatten wir da einen Stolz und eine Freude, als alles fertig war; ich glaube, wir hätten mit dem grössten König nicht getauscht.»

Als Herr und Frau Feiner im zweiten Frühling wieder in ihr Waldhäuschen einzogen - den kalten Winter hatten sie in einer Mietwohnung in der Nachbarschaft verbracht - da waren sie nicht mehr allein. In der Wiege, die Julia Feiners Vater für seinen ersten Enkel geschreinert hatte, lag der kleine Hansjoggiii, die grosse Freude seiner Eltern. Ans Fussende der Wiege malte Julia Feiner den Spruch: «D'Wält isch gross und s'Wiegiii chly, doch s'Liebschti cha me lege dry.»

Julia Feiner hat für jedes ihrer fünf Kinder ein Büchlein geschrieben über seine ersten zwei Lebensjahre, «die Zeit, an die sie sich später nicht erinnern können.» Zeichnungen und Scherenschnitte schmücken die Büchlein, und lustige Verse wechseln ab mit der Beschreibung all der Ereignisse, die so ein kleines Leben erfüllen. In Hansjoggiiis Büchlein steht über die Tage im Bienenhäuslein: «Bald sind jo au di heissischte Summertäg cho. De Vatti und ich händ vili Arbet im Garte gha. Aber öppedie so z'nacht am nüni wänn sone warmi Summernacht gsi isch, sind mer verusse ufs Schoffäll gsässe und händ zor Laute gsunge. De Joggiii hät amed scho sanft und sälig gschlofe underem Chriesibom. Uf de Wise händ do und dort Glüewürmli glüchtet, s'isch stärnehäll gsy und s'ganz isch is amed wene Wunder vorcho. Mir isch i sonige Momente ganz s'Härz ufgange und i han amed chöne singe we en Vogel im Hanfsome. Gwöndli z'Nacht am Zähni wämmer is Bett sind hämmer üse Büebli samt em Wiegiii gno und's ine treit.»

So voll dankbarer Freude waren diese ersten Ehejahre im kleinen Waldhäuslein, darüber hinaus aber auch voll harter, schwerer Arbeit. Der riesige Garten musste gehegt und gepflegt werden; die tägliche Windelwäsche am Brunnen war auch keine Kleinigkeit. Und an Regentagen klapperte im Häuslein der Webstuhl. Darüber hinaus aber nahm ein grosses Werk langsam Gestalt und Form an: das neue Haus «Zur Steinbreche». Julia Feiner hatte sich von Kind auf für Architektur interessiert und in Schweden eine Fülle neuer, bei uns damals noch ungewohnter Ideen im Häuserbau aufgenommen. So zeichnete sie denn die Pläne für das neue Haus selber, ja, sie leitete auch die ganzen Bauarbeiten! Ein schönes, ungeheuer wohnliches Haus ist es geworden, voll interessanter Details. Durch grosse Fenster und relativ geringe Höhe erhalten die Räume eine harmonische Weite. Besonders originell ist das Elternschlafzimmer im ersten Stock gestaltet: es ist durch eine Falttüre von der grossen, mit Klinker ausgelegten Terrasse getrennt. Im Sommer werden die Betten auf diese Terrasse gestellt; die eingebaute Dusche in der Ecke lädt zum erfrischenden Morgenbad.

In diesem Haus hat Frau Feiner ihre fünf Kinder aufgezogen, die eine freie, überaus glückliche Jugendzeit erleben durften. Zusammen mit ihrem Mann hat sie den grossen Garten bestellt, Reben gehegt, Schafe und Ziegen betreut, und daneben all die kunstgewerblichen und künstlerischen Arbeiten geschaffen, die das Haus schmücken und so sehr persönlich prägen. Wie war es möglich, eine derartige Fülle von Arbeit zu bewältigen? Lächelnd antwortet Frau Feiner: «Mein lieber Mann hat mich stets mit so grosser Begeisterung angespornt, Neues zu schaffen, dass ich es ihm zuliebe immer wieder gerne tat.»

«Sälber gspunne, sälber gmacht isch ä rächti Puretracht»

Weben und Sticken spielten in Julia Feiners kunstgewerblichem Schaffen stets eine grosse Rolle, von der Ausbildung wie von der Begabung her. In der «Steinbreche» gibt es eine eigentliche Webstube, wo neben den Webstühlen auch das Spinnrad steht. Die Wolle der eigenen Schafe wurde hier zum grossen Teil selber gesponnen. Ja, zeitweise wurde im grossen Garten sogar eigener Flachs angebaut, selbst gehechelt und gesponnen und zu Leinen verarbeitet. Frau Feiner hat im Laufe der Jahrzehnte sicher Hunderte von Metern Stoff gewoben, oft tatkräftig unterstützt von ihrem Gatten. Da gibt es reine Gebrauchstextilien: Küchentücher, Leintücher und ähnliches. Daneben schuf sie wunderschöne Gewebe zu Decken, Vorhängen, Kissen und Bettüberwürfen, in fein abgewogenen Farben und immer neuen Mustern. Auch Kleiderstoffe für die ganze Familie entstanden unter ihren Händen, von den Kinderschürzen bis zu den Anzügen des Vaters.

Die handgewebten Stoffe eigneten sich natürlich ganz besonders gut für eine trachtenartige Kleidung, aber eine Basler Tracht (für den Kanton Basel-Stadt) existierte damals noch nicht. Auf Anregung von Dr. Ernst Laur, dem Initianten und Förderer der Schweizerischen Trachtenvereinigung, entwarf Julia Feiner nach alten Darstellungen eine neue Baslertracht für Riehen und Bettingen, ganz und gar aus handgewebtem, zum Teil sogar handgesponnenem Material hergestellt.

In jenen Jahren der nationalen Bedrohung von Aussen war die Erhaltung und Neubelebung echter volkstümlicher Werte für viele ein tiefempfundenes Anliegen, und so sammelte sich um die Familie Feiner bald eine aktive Trachtengruppe aus Riehen und Bettingen. «Es war eine fröhliche Zeit», erinnert sich Frau Feiner, «wir haben viel gesungen, musiziert, Volkstänze getanzt, und manch fröhliches Fest gefeiert. Nur schade, als wir älter wurden, fehlte die junge Generation, um die Gruppe lebendig und aktiv zu erhalten.»

Neben dem Weben hat auch das Sticken Frau Feiner immer wieder zu kleinen Kunstwerken angeregt. Ein grosser Wandbehang mit dem Schaffhauser Munot und seinen Rebbergen stammt noch aus ihrer Ausbildungszeit. In den ersten Ehejahren entstanden prächtige «Festleintücher» mit Figuren und Initialen bestickt, und ein wunderschönes Taufkissen aus handgewebtem Material, das die Namen aller Kinder trägt, die darin schon zur Taufe getragen wurden, nicht nur der fünf eigenen, sondern auch der elf Enkelkinder.

«Sone Ma wetti ha - Sone Frau gfallt mer au»

Solch fröhliche Sprüche zieren die bemalten Teller, die auf einem Bord ob der Feinerschen Stubentüre stehen. Auch sie haben eine eigene Geschichte. Jedes Jahr einmal fuhr Frau Feiner nach Biel-Benken: «Dort kannte ich einen Töpfer, der ausgesprochen schöne Bauernkeramik formte. An Ort und Stelle bemalte ich die Teller und Chacheli, Platten und Suppenschüsseln, die wieder für ein Jahr unsern Bedarf decken sollten, und liess sie gleich dort brennen. So hatte ich stets ganz persönliches und zudem unwahrscheinlich billiges Geschirr: ein Suppenteller kostete nicht einmal 50 Rappen!» Zwei besonders schöne Suppenschüsseln, welche die Benützung durch eine lebhafte Familie heil überstanden haben, stehen auf dem bemalten Geschirrkästlein.

Malen - die zweite grosse Begabung von Julia Feiner - hat ihrem Haus ein besonderes Gepräge gegeben. Zu einer Zeit, da alte Kästen und Truhen noch auf unzähligen Estrichen vermoderten, erkannte sie die schönen Formen dieser alten Möbel, entstaubte sie, laugte sie ab und malte sie neu an. Es sind Schmuckstücke daraus geworden, verziert mit Blumen, Herzen und Ornamenten, mit Szenen aus der Familienchronik, oft auch mit fröhlichen oder besinnlichen Sprüchen, zum Beispiel: «Dä Trog han i gmolt us Freud, für Ma und Chind i Dankbarkeit.»

Ohne irgendwelche Skizzen oder Vorlage führt Julia Feiner ihre Malereien aus; stilisierte Blumen und Figuren fügen sich zu Ornamenten, und oft sind auch Initialen und Jahrzahlen in die Darstellung einbezogen. Es ist echte Volkskunst, die hier entsteht, aber nicht eine kopierende Kunst, die sich eng an alte Vorbilder hält, sondern neu und spontan gewachsene Malerei. Besonders hübsch ist das Bienenhäuschen - heute ist es seinem eigentlichen Zweck zugeführt - das Frau Feiner zum 75. Geburtstag ihres Gatten mit Szenen aus dem Imkerleben neu bemalte. Eine Kostbarkeit bildet auch der blaue Kachelofen in der grossen Stube - ein Fries von Kacheln schmückt ihn, in welche vor dem Brennen Bilder aus dem Familienleben eingeritzt wurden.

Auch unzählige Zeichnungen sind im Laufe der Jahrzehnte entstanden: Geburtsanzeigen, Einladungen, Skizzen in Familien- und Erinnerungsbüchern. Sie sind meist in einer stilisierenden, zweidimensionalen Art gehalten. Schulhefteinbände mit Julia Feiners typischen Figuren und Ornamenten wurden in den vierziger Jahren an die Schulkinder der ganzen Schweiz verteilt.

Von vielen schönen Dingen möchte man noch erzählen, die Frau Feiner schuf, von den Krippenfiguren zum Beispiel, oder von den Spielsachen für ihre Kinder. Was für ausdrucksstarke Engel und Hirten, was für lebendige Rössli und «Manoggeli» entstanden da aus Fadenspulen, Besenstielen und Wäscheklämmerli. Und das zu einer Zeit, in der Holzspielsachen noch wenig gefragt waren. Die originellen Kasperlifiguren möchte man am liebsten einzeln vorstellen: die alte Katri aus dem Dorf mit ihrem schönen Sonntagshut, oder den liebpfiffigen Kasperli. Die Kasperiistücke, die Frau Feiner oft mit ihrer Mutter zusammen aufführte, waren denn auch im ganzen Familien- und Freundeskreis berühmt. Erwähnt sei noch die Hausorgel, die, aus dem Appenzellerland stammend und von Frau Feiner neu bemalt, auch heute noch der Mittelpunkt vieler Hausmusikabende ist.

«Im Früehlig tanz und sing - schaff und bis gueter Ding ärnt und de Säge nimm - dank und ufs Aend dich bsinn.»

In den letzten Jahren hat sich Julia Feiners Schaffen immer mehr auf ein besonderes Gebiet konzentriert, auf den Scherenschnitt. Die erste Anregung dazu gab noch während ihrer Ausbildungszeit eine Ausstellung von Scherenschnitten des berühmten Jean-Jacob Hauswirth, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diese alte Volkskunst zu hoher Blüte brachte. Sie versuchte sich selbst in kleinen Schnitten, hübschen, noch einfachen Werklein, die aber zum Teil bereits eine sehr feine Gliederung aufwiesen. Aber erst in den letzten zehn Jahren sind die grossformatigen, unglaublich reichen, feinen und durchkomponierten Scherenschnitte entstanden, die den Höhepunkt von Frau Feiners künstlerischer Arbeit bilden und die den besten Scherenschnitten der schweizerischen Volkskunst gleichkommen.

Hier strömt nun alles aus, was in diesem langen Leben gesammelt worden ist - der Segen der Jahreszeiten, Blumen und Tiere, die Kinder, und immer wieder das Haus im Mittelpunkt, Mann und Frau. Auch künstlerisch bilden diese Werke eine Synthese zwischen der malerischen Begabung und der grossen Handfertigkeit, die alle ihre bisherigen Arbeiten auszeichneten; ganz zweckfrei entstehen sie allein um ihrer Schönheit willen.

Es ist faszinierend, Frau Feiner beim Scherenschnitt-Schneiden zuzusehen: sie faltet das Papier, setzt die Schere an, und dann schneidet sie ohne Skizze oder Vorlage Form um Form, ruhig, konzentriert und stetig, bis das entfaltete Papier das vollendete Werk zeigt. Viele der Scherenschnitte sind rein ornamental; grosszügige Blumen, Vögel und Herzformen bilden ein geschlossenes Ganzes von grosser Harmonie und schwungvoller Bewegung (siehe Titelvignette). Anders geartet sind die figürlichen Scherenschnitte: da wird mit unzähligen Formen und Gestalten eine ganze Szene dargestellt, die in ihrer Geschlossenheit wunderbar harmonisch wirkt. Wie reich und lebendig ist zum Beispiel die «Kirschenernte» (S. 63). Viele liebwerte Details faszinieren den Betrachter: die Vögel in den reichbehangenen Kirschbäumen, Kinder, die mithelfen und mitessen, die fröhliche Heimkehr und schliesslich der gemütliche Feierabend. Auf ähnliche Weise wird in einem prächtigen Scherenschnitt die Weinernte dargestellt (S. 67). Mit Vergnügen verfolgen wir die verschiedenen Stadien der Arbeit, das Pflücken der Trauben, den Gang zur Kelter. Dann werden die vollen Fässer zum Wirtshaus gefahren, und eine fröhlich zechende Tafelrunde beschliesst den Bilderbogen. Mit besonderer Liebe und fast unglaublicher Feinheit sind hier, wie auf vielen Scherenschnitten, Bäume, Büsche und rankende Reben dargestellt.

Eines der schönsten Werke ist betitelt «Die vier Jahreszeiten» (S. 71). Hier wurden die einzelnen Motive nicht mehr aus dem gefalteten Papier, sondern direkt aus der offenen Fläche geschnitten. Welche Lebendigkeit, welch harmonische Bewegung liegt in den vier Szenen; die Aufteilung der Flächen in je ein Oben und ein Unten geben den einzelnen Bildern innere Spannung und gleichzeitig eine räumliche Tiefenwirkung, die bei dieser Technik sonst schwerlich erreicht wird. Wie schön ist der stilisierte Baum im «Frühling», die blumenpflückenden Kinder und - als Sinnbezug und Ergänzung - die munter hüpfenden Zicklein. Im «Sommer» sind die mühsame Arbeit unter sengender Sonne und das fröhliche Kinderspiel im Wasser geradezu fühlbare Gegensätze. Arbeit und Segen des Herbstes wird mit der Traubenernte dargestellt. Und im «Winter» spürt man die klirrende Kälte der schneebedeckten Landschaft; die fröhliche Schlittenfahrt mit dem stolzen Ross bildet den lebendigen Gegenpol dazu.

Wir können - leider - nur eine kleine Auswahl aus der überreichen Fülle der Scherenschnitte zeigen, die Frau Feiner in den letzten Jahren geschaffen hat. Kleinste, feine Blätter sind dabei und wundervoll durchkomponierte grosse Werke; Blätter, die voll humoristischer Details vom ländlichen Alltag erzählen und andere, die aus tiefem Glauben, aus dem Wissen um Werden und Vergehen geschaffen worden sind. In ihnen schliesst sich der Kreis dieses arbeitsreichen, erfüllten Lebens, so wie Julia Feiner es selbst ausgedrückt hat in dem wunderschönen Scherenschnitt «Johreszyte 1969», in den sie mit feiner Schere den Spruch einschnitt: «Im Früehlig tanz und sing schaff und bis gueter Ding - ärnt und de Säge nimm - dank und ufs Aend dich bsinn.»

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