1971

Die Gemeinde als Kunstsammlerin

Hans Krattiger

Als wir im Riehener Jahrbuch 1970 unsere Sichtung des Kunstbesitzes der Gemeinde Riehen mit einem Artikel «Das Gemeindehaus als Museum» begannen, ahnten wir nicht, dass der darin geäusserte Vorschlag nach Schaffung einer ausserparlamentarischen Kommission für bildende Kunst so schnell verwirklicht werden könnte. Bereits anfangs 1971 bestellte der Gemeinderat aufgrund eines Anzuges von Samuel Schudel diese Kommission, die sich aus folgenden Kunstfreunden zusammensetzt: Gemeinderat Dr. Paul Meyer als Präsident, Hans Jakob Barth, Hans Behret, Eduard Meier, Frau Ida Schäublin, Dr. Viktor Umbricht und dem Verfasser dieser Zeilen. Am 16. März trat die Kommission erstmals zu einer Sitzung im Gemeindehaus zusammen, und vom ersten Augenblick an wurde deutlich, dass es ihr an Arbeit und interessanten Aufgaben nicht fehlen werde. Da schon in dieser ersten Sitzung beschlossen wurde, im Jubiläumsjahr 1972 - 450 Jahre Zugehörigkeit Riehens zu Basel - zwei Ausstellungen durchzuführen, nämlich im ersten Halbjahr eine Auswahl von Kunstwerken, die sich im Besitz der Gemeinde befinden, und im zweiten Halbjahr eine Ausstellung, die unter dem Motto «Zeitgenössische Riehener Künstler» stehen soll, und da Hans Behret und der Schreibende mit der Organisation der ersten Ausstellung beauftragt wurden, wird nun dieser Bericht über die ausserhalb des Gemeindehauses plazierten Bilder teilweise zu einem Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit der ins Leben gerufenen Kommission; denn nach ihrer «Inspektion» im Landgasthof und in den drei Schulhäusern am Erlensträsschen, an der Burgstrasse und im Niederholz beantragten die beiden Kommissionsmitglieder eine Umhängung gewisser, vor allem wertvoller Bilder.

Wir waren uns bewusst, dass wir mit der Wegnahme von Bildern, die seit Jahr und Tag in verschiedenen Klassenzimmern hingen, das Missfallen, vielleicht sogar den Zorn der von dieser Massnahme betroffenen Lehrer heraufbeschwören könnten, doch schien es uns nicht länger verantwortbar zu sein, Museumsstücke wie die «Chalanda Mars» von Nikiaus Stoecklin, «Strand am Bodensee» von P. B. Barth und «Jurafelsen» von J. J. Lüscher, um nur diese zu nennen, an so exponierten Orten, wie es Schulhäuser nun einmal sind, hängen zu lassen. Die Kommission stimmte unserem Antrag zu, und in der Zwischenzeit wurde eine Umhängung vorgenommen, von der wir annehmen dürfen, dass die aus den Schulhäusern zurückgenommenen Bilder nicht nur einen ihrem Wert und ihrer Bedeutung adäquateren Platz erhalten haben, sondern nun auch mehr ganz allgemein von der Bevölkerung bewundert werden können. Das trifft vor allem zu auf das Oelbild «Chalanda Mars» (90 x 127 cm), ein Hauptwerk von Nikiaus Stoecklin aus dem Jahre 1947; dieses Bild, in dem Stoecklin einen alten Winterbrauch der Engadiner Jugend in der ihm eigenen Realistik und mit zarten Farben festgehalten hat, hing im Treppenhaus des Schulhauses an der Burgstrasse und hat nun einen würdigen Platz im Entrée des Gemeindehauses erhalten. Ebenfalls ins Gemeindehaus kamen das prachtvolle, für die Malweise von Paul Basilius Barth charakteristische Oelbild «Strand am Bodensee» von 1947 (das Pendant zu diesem Bild — die «Bodenseelandschaft mit Ruderboot» von 1951 — befindet sich als Depositum im Diakonissenspital), die beiden Oelgemälde von Jean Jacques Lüscher «Blick auf Riehen» und «Jurafelsen», 1933 entstanden, die in Klassenzimmern am Erlensträsschen und im Niederholzschulhaus hingen, von Nikiaus Stoecklin «Basler Messe» (Blick auf den Barfüsserplatz, Oel, 1946) sowie von Josef Keller das Oelbild «Flötenspieler» von 1955. Gerade dieses Bild liess uns das Gefährdetsein von Kunstwerken in Schulzimmern bewusst werden; denn auf das blaue Gewand dieses Flötenspielers waren, offenbar von Schülern, mit Kreide weisse Kreuze «gemalt» worden; ein Schaden, der sich verhältnismässig leicht reparieren lässt. So sehr wir es begrüssen und uns in der Kommission für bildende Kunst dafür einsetzen wollen, dass auch die Schulhäuser mit gutem Wandschmuck versehen werden, sind wir doch der Meinung, dass vor allem auf Leinwand gemalte Oelbilder, die ja auch normalerweise nicht unter Glas sind, lieber nicht in Klassenzimmern aufgehängt werden sollten.

Der Kreis weitet sich
Hat uns schon der letztjährige Gang durchs Gemeindehaus manche Ueberraschung bereitet, so sind wir auf unserer Inspektions-Tournée durch die Schulhäuser, den Landgasthof, die Diakonissenanstalt und das Dominikushaus erst recht in Staunen versetzt worden. Vor einem Jahr fassten wir den Gesamteindruck zusammen mit den Worten: «Würde man diese Werke einmal in einem grösseren Raum zur Schau stellen, gäbe es eine sehr beachtenswerte Ausstellung.» Heute können wir sagen: Es wird im Frühjahr 1972 eine beachtenswerte Ausstellung geben. Und wenn auch der Saal im Parterre des Gemeindehauses recht gross ist, so wird es uns dennoch nicht schwer fallen, eine Ausstellung zu präsentieren, die weit über Riehens Grenzen hinaus auf Interesse stossen und Anerkennung finden wird.

Dank der Initiative von Gemeinderat Paul Meyer, der in der Exekutive unter anderem auch das Ressort Kunst- und Kulturpflege betreut, hat die öffentliche Sammlung im vergangenen Jahr eine beträchtliche Zunahme erfahren, indem Werke folgender Künstler erworben wurden: Hans Ackermann, Hans Jakob Barth, Karl Flaig, Christoph Iselin, Paul Müller, Walter Schüpfer, Hans Schmid und Ruedi Schmid. Zum Teil befinden sich diese Bilder noch in Reserve, zum Teil sind sie schon - und zwar im Gemeindehaus - aufgehängt worden, so z.B. von Christoph Iselin «Winternacht», eine farbenfrohe Impression aus seinem Refugium in St. Luc, und «Leopard im Dornbusch», ein Bild, in dem der Künstler ein Safari-Erlebnis in Ostafrika festgehalten hat, sowie auch Walter Schüpfers impressionistisch empfundene, farbig fein differenzierte «Winterlandschaft» im Vorraum zu den Sitzungszimmern des Engeren und des Weiteren Gemeinderates im ersten Stock, wo sich auch der schon im letztjährigen Bericht erwähnte «Frauenraub» von Numa Donzé befindet. Das Früh werk von Otto Roos «Alte Frau», eine Leihgabe an die Gemeinde, ist von der dunklen Wand in diesem Vorraum weggenommen und in der Aufgangshalle im ersten Stock plaziert worden, wo das 1,42 x 1,05 m messende Bild Seitenlicht hat und daher viel besser zur Geltung kommt. An die freigewordene Wand kam ebenfalls eine Neuerwerbung, nämlich das in hellen Farben gehaltene Bild «Im Garten» von Karl Flaig, 1,4 x 1,4 m gross und 1970 entstanden, das sich hier sehr gut ausnimmt und dem architektonisch strengen Raum eine beschwingte Note verleiht. Als weitere Neuheit hängt in diesem Raum die Scheibe «Licht» von Hans Schmid, die - als schönes Pendant zu Otto Staigers «Wettstein» (Geschenk der Stadt Basel zur Einweihung des neuen Gemeindehauses vor zehn Jahren) - eines der Nordfenster belebt. Von Hans Schmids Sohn Ruedi Schmid wurde eine Kleinplastik, die erste in der öffentlichen Sammlung, angeschafft; diese stark abstrahierte «Stehende Figur» (Bronze) fand unseres Wissens Aufstellung im Audienzzimmer des Gemeindepräsidenten, wohin auch Numa Donzés «Salmenwaage am Rhein» aus dem Schulhaus am Erlensträsschen disloziert worden ist.

Ein grosser Teil dieser vor einem Jahr angeschafften Bilder befindet sich laut Katalog noch «in Reserve», und es wird nun also Aufgabe der Kommission für bildende Kunst sein, für diese Oelbilder, Aquarelle, Zeichnungen und graphischen Blätter geeignete Wände zu finden. Das wird nicht sonderlich schwer sein, nachdem - wie bereits erwähnt einige Klassenzimmer ihres Wandschmuckes beraubt worden sind und das sogenannte «neue Wettsteinhaus» ebenfalls renoviert wird und in Zukunft vorwiegend für Bedürfnisse der Gemeinde zur Verfügung stehen soll. «In Reserve» befindet sich beispielsweise auch ein Frühwerk von Paul Burckhardt «Wiese mit Tüllingerhügel», 87 x 129 cm, das 1968 aus Privatbesitz erworben wurde und in irgendeinem Raum des Gemeindehauses darauf wartet, einen würdigen Platz zu bekommen. Ohne das Bild gesehen zu haben, wagen wir zu behaupten, dass es in der Gemeindebesitz-Ausstellung im Frühjahr 1972 nicht fehlen wird.

Erstaunlich ist, dass in der Sammlung der Name eines bekannten Basler Künstlers, der seit Jahren in Riehen wohnt, fehlt: Gustav Stettier; eine Lücke, die zu schliessen zu den angenehmen Aufgaben der Kommission für bildende Kunst gehören wird.

Den Besuchern des Gemeindehauses, denen wir einen gelegentlichen Abstecher in die Vorräume des ersten Stockwerks empfehlen, ist sicher schon das in Blau gehaltene abstrakte Bild im Foyer (seitlich zur Fensterwand) aufgefallen; der Künstler, Walter Schüpfer, nannte es «über einer Stadt», und wir könnten uns denken, dass er es nach einem nächtlichen Flug über eine beleuchtete Stadt gemalt hat. Das Bild verleiht dem eher nüchternen Raum einen frohen Akzent und bildet ein spannungsvolles Aequivalent zu Nikiaus Stoecklins «Chalanda Mars».

Gemeindebesitz im Landgasthof
Am bekanntesten dürften einer weitern Oeffentlichkeit diejenigen Bilder sein, die in dem der Gemeinde gehörenden Landgasthof untergebracht worden sind. Im eigentlichen Restaurant ziehen zwei Bilder Besucher und Betrachter immer wieder in ihren Bann: «Winter im Moostal», Oel auf Leinwand, 1955 von Christoph Iselin gemalt, und das Stilleben mit Bergdisteln (1956) von Karl Flaig. Die dem Restaurant gegenüber liegenden Säle werden bereichert durch zwei sehr schöne Oelbilder von Numa Donzé: «Rheinlandschaft» und «Olivenbäume in der Sonne», ein 1932 in der Provence entstandenes Bild, ferner durch zwei reizende Aquarelle von Hans Sandreuter und den «Blick vom Schwarzwald gegen die Alpen» von K. Gerstner, ein Geschenk Lörrachs anlässlich der Einweihung des neuen Gemeindehauses. Ebenfalls um Geschenke handelt es sich beim «Schnitter» von J.J. Lüscher im Gang und beim Aquarell «Bauernhof» von F. Kraus im hinteren Säli; durch letztwillige Verfügung von Fräulein Mina Stump mussten diese beiden Bilder im Landgasthof plaziert werden, da sich der gemalte Bauernhof dort befand, wo heute der Landgasthof steht, und der von «Schaggi» Lüscher porträtierte «Schnitter» den Besitzer dieses Bauernhofes, Jakob StumpArgast, darstellt. Die beiden Bilder, die die Riehener Sammlung wertvoll bereichern, bilden also zugleich ein köstliches Souvenir an das Riehen vergangener Tage.

Leihgaben nur in drei Schulhäusern
Dass nur die drei ältesten Riehener Schulhäuser, nämlich diejenigen am Erlensträsschen, an der Burgstrasse und im Niederholz, mit Kunstwerken aus Gemeindebesitz bedacht wurden, mag ein Zufall sein: ein Zufall jedoch, der mit der Zeit korrigiert werden sollte. Wenn in den beiden neueren Schulhäusern keine der Gemeinde Riehen gehörende Bilder hängen, heisst das nicht, dass sie überhaupt des Wandschmucks entbehren würden; vielmehr sind sie ausgestattet mit Kunstwerken, die aus Mitteln des Bau- oder des Staatlichen Kunstkredits angeschafft wurden. Deposita des Kunstkredits befinden sich übrigens auch in den andern drei Schulhäusern.

Wie bereits erwähnt, hingen in einigen Klassenzimmern Museumsstücke, Werke, die für das Schaffen von Barth, Lüscher und Stoecklin so repräsentativ sind, dass eine gesicherte Hängung ratsam erschien. Gleichwohl beherbergen die Schulhäuser noch sehr gute Originale wie das Oelbild «Bretonischer Strand» von P. B. Barth, das dem Lehrerzimmer im Schulhaus am Erlensträsschen eine künstlerische Note gibt, Christoph Iselins grosse, noch dunkeltonige «Frühlingslandschaft ,1m Moos'» (93x139 cm) im 1. Stock-Gang des gleichen Schulhauses und das Oelbild «Aquarium» von Karl Flaig, 1950 gemalt und erworben. Die Bilder aus den Schulhäusern an der Burgstrasse (Nikiaus Stoecklin: «Chalanda Mars», Walter Schüpfer: «Spanische Landschaft», Josef Keller: «Flötenspieler», Otto Weber: «Engadiner Dorf») und im Niederholz (P. B. Barth: «Strand am Bodensee», J. J. Lüscher: «Jurafelsen», Willi Wenk: das Oelbild «Am Hörnli» von 1924 und die beiden Gouachen «St. Chrischona» und «Im Wallis») sind entfernt und zum Teil im Gemeindehaus neu gehängt, zum Teil in Reserve genommen worden. Es ist anzunehmen, dass bis zum Erscheinen des Riehener Jahrbuches 1971 die «entblössten» Klassenzimmer würdigen Ersatz erhalten haben; denn es sei nochmals betont, dass es der Kommission für bildende Kunst ein Anliegen ist, Riehens Schulhäuser mit gutem Wandschmuck zu versehen, nicht zuletzt, um die Kinder schon früh mit guter Kunst vertraut zu machen.

Spital und Dominikushaus
Dass die Behörden auch an das Diakonissenspital und an das vor ein paar Jahren erstellte Altersheim «Dominikushaus» Bilder aus Gemeindebesitz abgaben, verdient lobend erwähnt zu werden. Doch im gleichen Atemzug möchten wir sagen: Es dürfte diesbezüglich noch ein Mehreres getan werden, besonders, wenn einmal das Spital vom Kanton übernommen wird. Aber auch im Dominikushaus fände sich noch Platz für einige Bilder, die die beiden jetzigen: «Märztag», eine farbig überaus schöne Winterlandschaft aus St. Luc von Christoph Iselin aus dem Jahre 1965, und das Aquarell «Kürbisblume» von Martin Christ ergänzen würden.

Als Hauptwerk im Diakonissenspital muss die bereits erwähnte «Bodenseelandschaft mit Ruderboot» (63 x 79 cm) von P. B. Barth, 1951 gemalt, bezeichnet werden; es hängt - vielen Patienten sichtbar und sicher auch vielen zur Freude - im Treppenhaus, wo auch das Bild «Im Rheinhafen» von Blanka Seiser zu sehen ist. In Krankenzimmern der dritten Klasse befinden sich das sonnige, mit hellen, frischen Farben gemalte Oelbild «Weg im Schlipf» von Karl Flaig (1952) und von Willi Wenk die beiden Aquarelle «Val d'Anniviers» und «Riehen, vom Wenkenköpfli aus».

Dem Katalog ist noch zu entnehmen, dass im Herbst 1961 anlässlieh der Ausstellung der Interessengemeinschaft Riehen Rosmarie Joray-Muchenberger im Auftrag der Gemeinde 12 typische Ansichten von Riehen im Masstab 80 x 80 cm ausgeführt hat; eine dieser Arbeiten befindet sich im Rektorat und fünf weitere zieren Wände im Landpfrundhaus.

Braucht Riehen einen Konservator?
Die Frage scheint etwas vermessen zu sein, aber sie hat sich uns nach Sichtung des im Besitz der Gemeinde befindlichen Kunstwerke fast unwillkürlich aufgedrängt. Die «öffentliche Kunstsammlung Riehen» - um nun einmal diesen etwas anspruchsvollen Titel zu gebrauchen - hat im Verlauf der letzten 25 Jahre einen so respektablen Bestand erreicht und ist in qualitativer Hinsicht so bedeutsam, dass sich u.E. die Anstellung eines halbamtlichen oder halbtags beschäftigten Konservators verantworten liesse. An Arbeit würde es ihm bestimmt nicht fehlen; denn eine Kunstsammlung, wie sie Riehen heute schon aufzuweisen hat, bedarf der Pflege und Wartung.

Die Bevölkerung von Riehen darf stolz sein auf Riehens öffentlichen Kunstbesitz, der weniger durch eine zielbewusste Kunst-«Politik», als viel mehr durch glückliche Umstände, vor allem durch die Tatsache, dass in Riehen namhafte Basler und Schweizer Künstler wohnten und heute noch wohnen, entstanden ist. Und es ist anzunehmen, dass er noch lange nicht abgeschlossen ist. Hingegen wäre zu wünschen, dass künftig der Kreis noch weiter gezogen wird, dass Blick und Interesse über die lokalen und regionalen Kunstgefilde hinaus gerichtet werden. Und das Jubiläumsjahr 1972 könnte sehr wohl ein Anlass sein zu einem solchen Schritt und zu einer Erwerbung, die die öffentliche Kunstsammlung Riehens wertvoll bereichert.

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