1968

Grosswildjagd am Ausserberg in Riehen

Elisabeth Schmid

In der Zeit der Sommerferien 1967 und noch zwei Wochen darüber hinaus konnte man sogar in Riehen einer Großwildjagd zusehen, einer dazu noch recht seltsamen: Als Jagdbeute wurden Hyänen und Wildpferde, Wisent, Mammut und Riesenhirsch eingebracht — alles ungewöhnliche Tiere für unsere Landschaft und für unsere Zeit. So waren es auch nicht die Tiere in Fleisch und Blut, mit Haut und Haaren, sondern nur Knochen, die «erbeutet» wurden. Auch haben weder Jäger noch Zoologen diese Tiere «eingefangen», sondern die Prähistoriker, die bei den ersten Entdeckungen von Tierknochen im Löß von Riehen an Jagdbeute des eiszeitlichen Urmenschen dachten. Doch wie kam es dazu?

Droben am Außerberg, nahe unterhalb des Waldes, wurden im Juni 1967 eine Baugrube und ein Leitungsgraben für ein neues Wohnhaus ausgehoben. In dem sonst gleichmäßigen Löß fielen den Arbeitern einige große Knochen auf, was glücklicherweise der Archäologischen Bodenforschung gemeldet wurde1. Weitere Knochen in der Grabenwand ließen auf mehr Tierknochen im anschließenden Bereich, aber auch auf Geräte des Jägers hoffen, dessen Jagdbeute wir hier vermuteten.

Da jede Ausgrabung notgedrungen den ursprünglichen Zustand in der Erde zerstört, muß jeweils mit aller Umsicht vorgegangen werden. In einer Fläche von 5x6m, in der wir die Hauptfunde vermuteten, wurde zunächst der fundfreie Löß oberhalb der Knochen mit einem Bagger beseitigt; dann aber schabten wir zentimeterweise den Löß ab, um keinen der im Boden weich gewordenen Knochen zu verletzen. Bald zeichnete sich innerhalb des Grabungsareals eine kleinere Fläche ab, in der die Knochen gehäuft lagen. Nachdem alle diese Langknochen, Wirbel, Schädelteile und Zähne freigelegt, gezeichnet und photographiert waren, schabten wir weiter: tatsächlich kamen neue Knochen und Knochensplitter heraus und — wie schon von Anfang an — auch eigenartige Kugeln von 3 bis 4 cm Durchmesser aus weißen, kleinen, fest zusammengebackenen, mehligen Knochenstückchen: es ist dies Hyänenkot, der so gut erhalten ist, weil die Hyänen auch die Knochen ihrer Beutetiere zerbeißen und mit dem Fleisch und den Eingeweiden verzehren. Die kleinen, meist ausgelaugten Knochenstückchen werden im Enddarm der Hyäne zu kleinen Ballen geformt und dann ausgeschieden. Da die Knochen nur etwa ein Drittel organischer Substanzen enthalten — Fett und Leim —, ergeben sie bei der Verdauung einen großen Abfall, also zahlreiche Kotballen. Diese heißen, wenn sie wie an unserer Fundstelle «versteinert» sind, in der Fachsprache «Koprolithen», das heißt «Kotsteine» 2. Die Koprolithen bezeugen als Lebenspuren unmittelbar, daß die Hyänen hier große Weidetiere erbeutet und verzehrt haben, während die Knochen selbst nur den Tod der Tiere in unserem Fundbereich anzeigen.

Bis in eine Tiefe von über 3 m unter der Oberfläche, das bedeutet bis zu 2 m hoch, traten immer wieder Knochenreste und Koprolithen auf. Nach unten wurde das Areal kleiner und es zeigte sich, daß hier im Löß einst eine kleine, mit Wasser gefüllte Senke die Tiere zur Tränke angelockt hat oder von vor den Hyänen flüchtenden Tieren aufgesucht worden ist. Das Verzehren der Beute im Wasser wird auch heute noch bei Hyänen in Afrika beobachtet3. Dabei kann im aufgewühlten Schlamm mancher Tierteil unsichtbar werden und vor dem völligen Zerbissenwerden verschont bleiben. In der Aufregung beim Verzehren der Beute scheinen die Hyänen ihre Kotballen auszuscheiden, denn oft lagen diese wie eng gesät zwischen den Knochenresten der Beutetiere. Diese stammten in den unteren Teilen von Wisenten und Wildpferden — also durchaus auch darin den Verhältnissen in Afrika vergleichbar, wo meist Gnu und Zebra von den Hyänen gejagt werden.

Nur in der obersten Zone lagen auch Schädel- und Skeletteile von Hyänen, alten und jungen Tieren, dazu etwas weiter gestreut einzelne Reste von Mammut und Riesenhirsch. Leider ist diese obere Hauptfundlage durch eine Raubgräberei zerstört worden. Obwohl die Knochen selbst wieder beigebracht werden konnten, ist deren Anordnung nicht mehr rekonstruierbar, und wir wissen zum Beispiel nicht, ob die zahlreichen Wirbel und der Schädelrest einer jungen Hyäne noch im ursprünglichen Zusammenhang eingebettet worden war. Der Verlust der Fundsituation ist umso schmerzlicher, als schon der erste reiche Fundanteil nicht mehr am Ort geborgen werden konnte. Die Lage der Knochen und ihr Zueinander hätte leichter und unmittelbarer die einstigen Vorgänge erkennen lassen.

Als Spuren menschlicher Tätigkeit können mit einer gewissen Sicherheit drei kleine Silexabschläge gelten, zumal das kleine Stück aus dem ortsfremden, dunkelroten Radiolarienhornstein an einer Kante feine Retuschen besitzt. Eigentliche Geräte, angebrannte Steine oder angekohlte Knochen fehlen völlig. Immerhin sammelten wir einige kleine Holzkohlestückchen, die sich als von der Birke stammend erwiesen. Was für Menschen hier gelebt haben und welcher Kultur sie zuzuordnen sind, kann deshalb nur vermutet werden. Es scheint sich um jene Jäger zu handeln, die im ersten Teil der letzten großen Eiszeit das Rheintal durchzogen haben, wie ähnliche Funde im Löß von Münchenstein, von Wyhlen, von Murg und — rheinabwärts — von Achenheim bei Straßburg zeigen. Hierzu gehören auch die Höhlenstationen Schalberg bei Aesch und Cotencher im Neuenburger Jura. Münchenstein vor allem gibt die schönste Parallele, weil dort 1919 die gleiche Auswahl von Tieren gefunden worden ist, wie sie unser Fundplatz am Außerberg in der oberen Zone besitzt, zusammen mit Holzkohle der Birke wie bei uns, dazu jedoch noch mit typischen Geräten des Neandertalers.

Mancher mag erstaunt sein, wenn wir trotz der Vergleiche mit den Hyänen in Afrika hier von der Eiszeit sprechen. Aber die großen Kaltzeiten der Nordhalbkugel waren außerhalb der vergletscherten Gebiete nicht lebensfeindlich; sondern von mancher Tierart, die wir heute nur als tropisch kennen, bildeten sich während der langen Kaltphasen neue Arten oder Rassen heraus, die an die Lebensverhältnisse in der Kaltsteppe und in der Tundra angepaßt waren. Aus noch unbekannten Gründen starben diese sogenannten Höhlenlöwen, Höhlenpanther, Höhlenhyänen, Höhlenbären4, die Mammute und wollhaarigen Nashörner, die mächtigen Wisente und Riesenhirsche am Ende der letzten Eiszeit aus.

Die mächtige Lößdecke, die ungestört unseren Fundplatz überdeckt hatte, war in dem zweiten Abschnitt der letzten Eiszeit, der «Hauptschwankung der Würm-Eiszeit» aus den Rheinschottern aus geweht und auf die Hänge gelegt worden. Da diese Zeitspanne schon relativ gut datiert werden kann, ergibt sich auch ein möglicher Zeitansatz für die Ablagerung der Knochen in dem ehemaligen Tümpel: es wird etwa 50 000 Jahre zurückliegen. Der Mensch, der damals als Jäger nomadisierend das Land durchstreifte, war der Neandertaler, jener Urmensch, der erst 10 000—15 000 Jahre später vom Altmenschen, dem «Homo sapiens», unserem unmittelbaren Vorfahren, abgelöst worden ist.

Alle bei der Ausgrabung gesammelten Erdproben, Tierknochen und Schneckenschalen, alle Photos, Zeichnungen, Vermessungen und Notizen müssen erst bis ins einzelne ausgewertet werden, um ein größtmögliches wissenschaftliches Ergebnis aus dieser Fundstelle zu gewinnen. Heute aber schon ist sicher, daß die Ausgrabung der Tierknochen am Außerberg uns einen Einblick ermöglicht in die Jagd der eiszeitlichen Hyänen auf Großwild und in das Wirken der Neandertaler bei ihrer Großwildjagd. Ob der Löß an diesem Hang auch den Lagerplatz jener Jäger überdeckt, können vielleicht einmal spätere Funde erweisen.

Anmerkungen:
1 Die Meldung erfolgte durch Herrn P. Späth, Juniorchef der gleichnamigen Firma, an die Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt. Dessen Leiter, Herr Kantonsarchäologe Dr. R. Moosbrugger-Leu übertrug die wissenschaftliche Leitung der von ihm organisierten Ausgrabung dem Laboratorium für Urgeschichte. Hierfür und für alle Hilfe sei auch an dieser Stelle herzlich gedankt. Ein erster Grabungsbericht erfolgte im Jahresbericht 1967 der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt im Band 67 der «Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde» 1967, S. XXX-XXXIV.

2 Griechisch «kopros» = Kot und «lithos» = Stein.

3 Große Untersuchungen über Lebensweise und Jagdverhalten der Hyänen in Afrika werden zurzeit vom holländischen Forscher Dr. H. Kruuk durchgeführt. Ein erster Bericht erfolgte in der Illustrierten «Das Tier», Nr. 7, Juli 1967, also zur gleichen Zeit, als wir entsprechende Beobachtungen bei eiszeitlichen Hyänen machen konnten. Ferner erschien soeben ein reich bebilderter Aufsatz von H. Kruuk: Hyenas, the hunters nobody knows. Nat. Geographie, Jg. 134, 1, July 1968, S. 44-57.

4 Diese deutsche Bezeichnung mit «Höhlen-» erhielten die Tiere, weil ihre Reste zuerst in Höhlen gefunden worden sind, wo sich ihre Knochen leichter erhalten haben als im Freiland.

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