1968

Die Umfahrungsstrasse Riehen aus Lörracher Sicht

Egon Hugenschmidt

Ein «Plan des Dorfs Riechen, aufgenommen im Jahre 1786» zeigt, daß «die Landstraß so zum Wiesenthal gadt» und die «Landstraß gegen Basel» fast unverändert die heutige Straßenführung der Lörracherbeziehungsweise äußeren Baselstraße ausweist.

Aber wie hat sich zwischen 1786 und heute der Verkehr auf dieser Straße verändert und welche Verkehrsströme wird diese Straße in zehn oder zwanzig Jahren aufnehmen müssen! Die pferdebespannten Fuhrwerke mit Langholz und Brennholz aus dem Schwarzwald sind ganz verschwunden. Heute beanspruchen die schnellen Gelenkgroßraumwagen der BVB das mittlere Band der Straße. Die rechte und linke Straßenseite sind in den Hauptverkehrszeiten mit oft mehreren hundert Meter langen Auto- und Lastwagen-Kolonnen voll, die sich Richtung Grenzübergang Riehen/Stetten meist nur schritt- und ruckweise vorwärtsbewegen. ähnlich sieht es auf der Lörracher Seite aus. Es ist leider keine Seltenheit, einen Autostau vom Bahnhof Stetten bis zur Grenze (ca. 700 m) erdulden zu müssen. An besonders schönen Sonntagen fahren vor allem viele Riehener und Basler in den Schwarzwald zum Wandern und Skifahren. Dann gibt es manchmal bei der Heimfahrt am Abend Rückstauungen bis in die Lörracher Innenstadt.

Die Autofahrer aus der Schweiz und aus Deutschland wollen aber zügig nach Lörrach und ins Wiesental beziehungsweise nach Riehen, Basel und Umgebung kommen. Daran werden sie heute gehindert, weil die Straße von Basel nach Riehen, durch Riehen hindurch bis zur Grenze und die Baslerstraße in Lörrach offensichtlich die erforderliche Kapazität nicht haben und die Zollabfertigungsanlagen auf der deutschen und der Schweizer Seite ungeeignet sind, dem heutigen Autoverkehr gerecht zu werden. Diese Zollanlagen entsprechen längst vergangenen Verhältnissen (vgl. Bild 1). Die den Grenzverkehr fördernde Großzügigkeit der Zollbeamten auf beiden Seiten kann diese schweren Mängel nicht ausräumen. Daß es heute Zollanlagen gibt, die der Flüssigkeit des Straßenverkehrs dienlicher sind, ist allgemein bekannt. Darum wird auf der Basler und auf der Lörracher Seite seit vielen Jahren eine neue Straßenverbindung zwischen Basel, Riehen und Lörrach gefordert. Diese soll 1. die Zentren der drei Gemeinden auf möglichst kurzen und schnellen Wegen unter Vermeidung der Stadt- beziehungsweise Ortsdurchfahrt verbinden, 2. gute Anschlußmöglichkeiten an das örtliche und überörtliche Straßennetz auf beiden Seiten haben und 3. durch moderne Zollanlagen ein zügiges Erledigen der Zollformalitäten ermöglichen.

Bis zum Ratschlag betreffend der Festsetzung von neuen Bau- und Straßenlinien für die Umfahrungsstraße Riehen und die Erstellung dieser Straße und Entwurf zu einem Gesetz betreffend die Erhaltung und Sicherung der Grundwasserschutzzone Lange Erlen sowie Bericht zum Initiativbegehren zur Erhaltung der Grundwasserschutzzone Lange Erlen vom 12. Oktober 1967, Nr. 6417, war die Stadt Lörrach auf Grund der laufenden Kontakte und Verhandlungen mit den Basler Behörden der Ansicht, die Umfahrungsstraße Riehen führe am Westrand von Riehen vorbei und treffe schließlich an der Grenze bei der Wiese in Lörrach-Stetten, etwas unterhalb der Eisenbahnbrücke Weil/Lörrach über die Wiese, auf die deutsche Wiesentalumgehungsstraße (Bundesstraße 317). Das heißt also, daß die Umfahrungsstraße Riehen an jener Stelle in der autobahnmäßig auszubauenden Wiesentalumgehungsstraße auf deutschem Gebiet ihre Fortsetzung finden sollte. Damit wäre außerhalb des innerstädtischen Verkehres eine rasche Straßenverbindung von Basel/Riehen (mit drei Anschlußstellen in die Stadt Lörrach) ins Wiesental und zur zukünftigen Hochrheinautobahn beziehungsweise umgekehrt, vorhanden. Für Basel und die badische Nachbarschaft wäre das sicher von großem Nutzen.

Von dieser deutschen Wiesentalumgehungsstraße sollte dann unten an der Wiese auch die zollfreie Straße Lörrach/Weil abzweigen. Eine andere Lösung erschien bis zu dem obenerwähnten Ratschlag nicht in Betracht zu kommen. Man war sich im Prinzip darüber einig, daß bei diesem Projekt an der Wiese neue Zollämter — am besten ein sogenanntes Gemeinschaftszollamt — zu bauen sind. Das neue Zollamt würde den heutigen Verhältnissen Rechnung tragen und eine zügigere Abwicklung mehrerer Fahrzeuge gleichzeitig erlauben. Die Stadt Lörrach hat dafür seit langem Gelände bereit. Der jetzige übergang Lörracherstraße/Baslerstraße müßte selbstverständlich weiterhin in Betrieb bleiben. Er könnte aber für das Abfertigen der Lastwagen gesperrt und damit für Autofahrer und Fußgänger, die vom Tram zu den Lörracher Omnibuslinien wechseln, sicherer und bequemer werden. Daß der jetzige Zustand des Zollüberganges für alle Beteiligten untragbar geworden ist, kann wohl nicht bestritten werden.

Da mit dem Bau der Wiesentalumgehungsstraße (Bundesstraße 317), die kurz vor der Grenze vom rechten Wieseufer auf das linke Wieseufer wechselt, in allernächster Zeit nicht zu rechnen ist, hat sich die Stadt Lörrach im Einvernehmen mit der Landesstraßenverwaltung entschlossen, auf dem linken Wieseufer bis zur Landesgrenze eine Straße zu bauen, die sogenannte städtische Wiesentalstraße. Der erste Bauabschnitt dieser Straße von der Tumringer Wiesenbrücke bis zur Teichstraße ist in diesem Frühjahr fertig geworden (vgl. Bild 2). Die Fortsetzung dieser Straße bis zur Grenze wird in wenigen Wochen begonnen. Planung und Finanzierung sind abgeschlossen. Das bedeutet, daß man in zwei Jahren von der Wiesenbrücke in Tumringen ohne durch die überlastete Lörracher Innenstadt fahren zu müssen, bis an die Grenze bei der Wiese kommt. Der übersichtsplan (Bild 3) zeigt die Verkehrsplanung der Stadt Lörrach. Sie wurde im Jahre 1963 von Prof. Schächterle ausgearbeitet und ist die Grundlage für die Verkehrsplanung der Stadt Lörrach in den nächsten Jahren.

Bei dieser Konzeption leuchtet es ein, daß der Ratschlag betreffend Umfahrungsstraße Riehen vom Oktober 1967 vor allem für die Lörracher und darüber hinaus wohl für das ganze Wiesental eine große Enttäuschung brachte. Denn die für uns wohl wichtigste Frage, die Abnahme der städtischen Wiesentalstraße und später auch die der Bundesstraße an der Wiese durch unsere Schweizer Nachbarn, ist darin zunächst nicht vorgesehen. Das hat zur Folge, daß der Benützer der städtischen Wiesentalstraße weiterhin den Zollübergang Lörracherstraße anfahren muß. Das ist aber über die Hammerstraße (von der Wiese zur Baslerstraße unmittelbar beim Grenzübergang) nur sehr beschwerlich möglich (Steigung). Darum werden die Fahrzeuge aus Lörrach und dem Wiesental mit Fahrziel Basel und weiter zu einem großen Teil auch in Zukunft den Weg durch die Lörracher Innenstadt nehmen. Gerade das sollte aber mit dem Bau der beiden Wiesentalstraßen vermieden werden.

Wenn die Umfahrungsstraße Riehen so gebaut wird, wie der Ratschlag das vorsieht, dann umfährt sie von Basel kommend Riehen, mündet aber gleich nach der Weilstraße in die Lörracherstraße und zwingt den gesamten Verkehr über den bisherigen Grenzübergang in die zu engen Straßen der Stadt Lörrach. Der Ratschlag scheint auch von der Annahme auszugehen, daß der Verkehr aus dem Wiesental nach Basel über die zollfreie Straße — die immer noch nicht da ist — nach Weil am Rhein und von dort über das Zollamt Otterbach geführt werden kann. Das scheint uns Lörrachern aber eine unzutreffende Hoffnung zu sein. Wer aus dem Wiesental und aus Lörrach nach Basel fahren will, wird kaum den Weg über Weil-Otterbach nehmen.

Böse Zungen behaupten, diese Planung sei deshalb entstanden, weil man für das neugebaute Zollamt Otterbach keine Verwendung mehr habe, wenn einmal die Autobahn abgenommen und hierfür ein neues Zollamt gebaut worden sei.

Gegen diese Behauptung spricht allerdings die Bereitschaft der deutschen Zollbehörden, an der Wiese eine neue Zollanlage zu bauen, sobald die deutschen Straßen dort von der Schweiz abgenommen werden. Aus dem Ratschlag ist zu erkennen, daß für das nun geplante Einmünden der Umfahrungsstraße Riehen in die Lörracherstraße die große Sorge um die Basler Wasserversorgung maßgeblich war. Denn zwischen den Langen Erlen im Süden, der Landesgrenze im Norden, der Wiese im Westen und dem Ostrand von Riehen liegen viele Brunnen des Basler Wasserwerkes. Sicher ist diese Sorge berechtigt. An vielen Orten müssen jedoch Straßen in der Nähe und auch durch Wassergewinnungsgebiete geführt werden, weil andere Möglichkeiten ausgeschlossen sind. ähnlich verhält es sich meines Erachtens hier. Die Weiterführung der Umfahrungsstraße Riehen bis zur Grenze an der Wiese sollte darum erneut ernsthaft in Erwägung gezogen werden. Es gibt heute genügend technische Möglichkeiten, eine Straße so zu sichern, daß bei Tankwagen-Unfällen das Grundwasser praktisch nicht gefährdet wird. Bei der Beurteilung des Risikos sollte auch nicht vergessen werden, daß die Lörracherstraße ein Stück weit direkt neben dem Lörracher Teich herläuft, der dann in die «Langen Erlen» führt. Zudem durchquert die Weilstraße den nördlichen Teil des Grundwasserschutzgebietes. Bis heute ist es meines Wissens deswegen noch zu keiner Verunreinigung des Grundwassers gekommen. Bei einem Straßenausbau, wie er für die Umfahrungsstraße vorgesehen ist (vgl. Normalprofil, Anlage 4 des Ratschlages), dürfte eine viel größere Sicherheit gegeben sein als bei der jetzigen Situation.

Im Frühjahr dieses Jahres hatten die Vertreter der deutschen Straßenbaubehörden, der Stadt Lörrach und des Landkreises Gelegenheit, vor der zum Studium des Problèmes «Umfahrungsstraße Riehen» gegebildeten Kommission des Großen Rates ihre Ansichten vorzutragen und über das Projekt zu diskutieren. Die deutschen Vertreter haben dabei eindringlich gebeten, die Umfahrungsstraße bis zur Grenze an der Wiese weiterzuführen. Denn nur auf diese Weise ist nach unserer Ansicht die dringend nötige und rasche Verkehrsverbindung BaselLörrach-Wiesental und Hochrheinautobahn zu realisieren.

Nicht zuletzt sollte auch bedacht werden, daß sich die badischen Nachbarn auf die früheren Basler Vorstellungen verlassen haben, nach denen bekanntlich die Umfahrungsstraße Riehen bis an die Grenze der Wiese führen sollte. Die Lörracher und die übrigen badischen Nachbarn aus dem Wiesental würden sich sehr freuen, wenn die Umfahrungsstraße Riehen bald käme, und zwar bis zur Grenze bei der Wiese. Der rege Grenzverkehr würde erleichtert und zum Vorteil beider Länder noch lebhafter.

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