1968

Das Römische Ökonomiegebäude im Maienbühl

Rudolf Moosbrugger-Leu

Auf dem höchsten Punkt des Maienbühls, in der Schulkarte als Höhe 477 eingetragen, zeichnete sich in der Form flacher Bodenwellen ein Viereck ab. Obwohl diese Erhebungen kaum zu erahnen waren, müssen sie dem aufmerksamen Waldgänger schon in grauen Zeiten aufgefallen sein. Und wie es so kommt, nichts regt die Phantasie mehr an als solche Merkwürdigkeiten. Es ist daher nicht verwunderlich, daß verschiedene Legenden diesen Platz umkreisen 1.

Unsere heutige Zeit, mit ihrem Hang zu exakten Erkenntnissen, konnte sich natürlich mit solch bunten Phantasiegebilden nicht mehr zufrieden geben. Als sich daher 1966 der Forstverein zur tatkräftigen Mithilfe anerbot, entschloß sich die Archäologische Bodenforschung, in einer ersten Sondiergrabung die Stelle abzutasten2. In entgegenkommender Weise erteilten die beiden Waldbesitzerinnen, Frau L. AretzLöliger und Frau H. Löliger-Meister, die Erlaubnis zu diesen Untersuchungen, obwohl einige Bäume umgetan werden mußten. Die eigentliche Flächengrabung erfolgte dann im Sommer 1967 und über diese soll nun im folgenden berichtet werden3.

Die wenigen Funde, welche die Sondiergrabung 1966 im Maienbühl brachten, setzten bereits ein Fragezeichen hinter die von Fr. Kuhn ausgesprochene Vermutung, es handle sich bei der sagenumwobenen Ruine um die Fluchtburg der Stettener. Die Flächengrabung ließ nun eindeutig erkennen, daß es sich um eine römerzeitliche Anlage aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert handelt. Bis auf die Südostecke, die von einem riesigen Baumstrunk umklammert wird, ist nun der ganze Bau freigelegt worden (Plan Abb. 1 und Tafel I). Es handelt sich um eine rechteckige Anlage von 12,60 auf 11,10 m aus Trockenmauerwerk, das an den Ecken durch Sandsteinquader verstärkt ist. Der Ausdruck Trockenmauerwerk muß insofern präzisiert werden, als es sich eigentlich um Kalksteine handelt, die mit anstehendem Löß ver setzt waren. In römischer Technik finden wir die beiden Wände aus handquaderartigen Bruchsteinen aufgeführt, während der Kern mit kleinen Steinen ausgefüllt ist. In den erhaltenen Partien, fast durchwegs sind es noch drei Lagen, ist der Löß — das heißt das Bindematerial — ausgeschwemmt und durch Humus ersetzt. Nur in der untersten Lage finden wir die Steine noch im Löß versetzt4. Das Fundament besteht aus ein bis zwei Lagen gestellter Kalksteine (Tafel II oben).

Der Eingang liegt in der Südmauer. Dies ließ sich schon auf dem topographischen Grundplan erkennen, der vorgängig der Grabung erstellt worden war. Die wallartige Erhebung sank dort auf einer Strecke von drei Metern erkennbar ab. An dieser kritischen Stelle — sie liegt etwas näher bei der Südwestecke — fand sich der einzige Sandstein innerhalb einer Längswand. Wahrscheinlich gehört er zum Mauerabschluß gegen die Türpartie, deren Wangen eher als Holzkonstruktion anzunehmen sind.

Im Bereich der Türe lagen mehrere große Steinplatten mit abgescheuerter Oberfläche, welche als Schwellensteine gedient haben mögen. Vor dem Eingang (A) konnte eine Steinsetzung (F) festgestellt werden. Im Gebäude-Innern waren schon bei den Sondiergrabungen 1966 im östlichen Drittel eine Herdstelle (B) und in der Südwestecke eine Grube (C) angeschnitten worden. Die Herdstelle bestand aus einem Belag von flachen Kalksteinen, welche eine auffällige Rotfärbung aufwiesen. Sie belegt eine Fläche von zirka 80 cm im Geviert. Rund um sie finden sich Leistenziegelfragmente verstreut. Die Grube bei der Westmauer konnte weiter verfolgt werden. Darin lagen zahlreiche Scherben, ferner Knochen und einige verkohlte Holzrestchen. Von den in der Grube liegenden Steinen — es fanden sich Scherben darüber und darunter — wiesen die großen keine Brandfärbung auf, sondern nur einige der kleinen Steinbrocken. Es handelt sich demnach um eine Abfallgrabe.

Abgesehen von diesen beiden Ausstattungen konnte im GebäudeInnern nirgends ein eigentliches Gehniveau erkannt werden. Ohne irgendeine lokale Verfärbung oder Strukturänderung ging die Lößschicht bis auf den gewachsenen Felsen durch, der zirka einen halben Meter unter der Fundamentsohle ansteht. Der über den Funden liegende Löß ist das verschwemmte Bindematerial der Mauer. Der chemisch aktive Löß hat anscheinend alles vergängliche Material aufgelöst. Es ist bemerkenswert, daß sich Knochen nur innerhalb der Abfallgrube (C) fanden, wo der Boden wesentlich anders beschaffen war, und im Bereich des Eingangs, wo die Funde nicht vom Löß der verstürzenden Mauer überdeckt wurden.

Dieser Umstand, daß kein eigentliches Gehniveau vorhanden war, machte die Ausgrabung äußerst mühsam und zeitraubend, indem sein imaginärer Horizont gleichsam von Fund zu Fund abgelesen werden mußte. Zudem zeichneten sich beim Vergleich der verschiedenen Höhen einige Ungereimtheiten ab. Nehmen wir die Höhe der Herdstelle als Nullhöhe an, so lag die Sohle der Mauerfundamente 3 cm höher. Die erste Steinlage des aufgehenden Mauerwerkes lag bereits 14 cm darüber und nahm damit ungefähr die gleiche Höhe ein wie die Steinsetzung vor dem Eingang, die im Mittel 16 cm höher lag. Die abgescheuerten Schwellsteine beim Eingang waren gar um 30 cm höher. Aus all dem müßte geschlossen werden, daß der Boden im Innern tiefer lag als das Fundament und mindestens 15 cm tiefer als das umliegende Gelände, was irgendwie nicht ins Bild eines römischen Baus passen will.

Diese Ungereimtheit löst sich, wenn man annimmt, daß der Hüttenboden aus einem hohlliegenden Holzrost bestand. So läßt sich vermuten, daß es sich bei einzelnen flachliegenden Steinen (D) um Unterlagsplatten zu den Unterzügen für den Holzrost handelt. In diesem Fall wäre die Herdstelle ursprünglich zirka 20 cm höher gelegen als heute. Würde sie von allem Anfang an auf dem Lößboden geruht haben, so wäre es unnötig gewesen, sie mit Steinplatten auszubauen, und zudem müßte sich der Lehm durch die Hitze-Einwirkung verfestigt haben; anders hingegen auf einem Holzboden.

Für einen Holzrost spricht auch der Umstand, daß sich die meisten Scherben auf Fundamenthöhe längs der Mauer fanden, das heißt sie fielen durch die Ritze zwischen Boden und Wand hinunter. Mit wachsender Entfernung von der Wand finden sich Scherben zusehends seltener. Im Hütteninnern fehlen sie vollständig. Dagegen lagen dort zahlreiche Leistenziegelfragmente, die wahrscheinlich eher zum Herdaufbau gehören als von der überdachung stammen. Es ist viel mehr an ein mit Schindeln gedecktes Dach zu denken. Ob das Gebäude gänzlich oder nur zum Teil überdacht war, ließ sich nicht ermitteln, denn die wenigen Pfostenunterlagen (E), die mit Sicherheit beobachtet werden konnten, geben hierüber keinen Aufschluß.

Unter dem Scherbenmaterial befand sich nur ein einziges Stück Terra Sigillata von einer Tasse. Am häufigsten waren Scherben von Horizontalrandschüsseln (Abb. 2.7, 8) und Krügen vertreten, seltener Näpfe mit nach außen umgelegtem Randwulst (Abb. 2.5, 6). Dieses einheitliche Bild — es handelt sich durchwegs um Vertreter des 1. Jahrhunderts nach Christus — wird durch einige Sonderformen belebt (Abb. 2.2, 3), zu denen nicht immer Parallelen gefunden werden konnten, die aber am ehesten in der einheimischen Tradition stehend gesehen werden müssen 5.

Auch die übrigen Kleinfunde machen eher einen armseligen Eindruck: einige Nägel, ein Schleifsteinchen, ein Sandsteinplättchen mit abgerundeten Kanten, ein kugeliger Spielstein (Abb. 2.1, 9). Die Nägel lagen alle im Bereich des Eingangs (A) und der Grube (C).

Eine Deutung der Anlage als Heiligtum — obwohl man es seiner Lage nach annehmen könnte — scheidet wegen der Innenausstattung mit Herd und Abfallgrube aus. Obwohl auf der Kuppe eines Höhenzuges liegend, kann auch an eine Militärstation nicht gedacht werden, da der Rundblick durch die umliegenden Bergrücken zu sehr begrenzt ist. Die einfache Konstruktion und das dürftige Fundgut lassen am ehesten an ein ökonomiegebäude denken, durch welches die Nutzung der Waldweide auf dem Höhenzug der Eisernen Hand ermöglicht wurde.

Damit sich der Leser eine bessere Vorstellung machen kann, sei hier auszugsweise O. Paret zitiert, bei dem sich auch weitere Vergleichsbeispiele aus Süddeutschland zu unserer Anlage finden6.

«Das Vieh war wohl die meiste Zeit des Jahres auf der Weide und im Wald. Die Schweine wurden zur Eichel- und Bucheckermast in den Wald getrieben... Das Vieh, darunter besonders die Ziegen, ließen durch Abfressen der jungen Triebe Buschwerk nicht hochkommen, so daß der Wald mehr und mehr das Aussehen eines alten Parkes bekommen haben wird ... So mögen die römischen Reste auf der waldigen Keuperhöhe beim Jägerhaus oberhalb Eßlingen zu erklären sein... Die häufige Keramik in keltischer Art legt den Gedanken nahe, daß es alteingesessene keltische Bevölkerung war, die hier auf der rauhen Alb der Herden reicher Gutsbesitzer des Albvorlandes wartete.»

Zu den gefundenen Knochenresten berichtet Frau Prof.Dr.E.Schmid: «Im gesamten Ausgrabungsbereich wurden nur an zwei Stellen insgesamt 16 Knochen gefunden, nämlich 2 Stück vor dem Eingang und 14 Stück in der Grube. Von diesen Knochenbruchstücken und Zähnen konnten neun bestimmt und folgenden Tierarten zugewiesen werden: Rind, Schwein, Schaf oder Ziege.

Während die 3 Rinderknochen aus 1 Rippenfragment und 2 Stücken einer Elle (Ulna) bestehen, das Schwein nur durch ein kleines Stück eines Wadenbeines (Fibula) vertreten ist, stammen alle 5 Knochen und Zähne von Ziege oder Schaf vom Unterkiefer und Oberkiefer. Die nicht bestimmbaren Knochen sind kleine Stücke von Röhren- oder Plattenknochen.

Diese wenigen Knochen in der Abfallgrube lassen erkennen, daß hier nicht oft und abwechslungsreich Fleisch gegessen worden ist. Holzkohle fand sich nur in der Grube mit sechs kleinen Stücken. Alle stammen von Eichenholz. Sie unterstreichen die aus den Bauresten gewonnene Vermutung, daß der Maienbühl während seiner Besiedlung mit Eichen bestanden Wcir. »

Offen bleibt die Frage nach dem Standort des Gutshofes, zu dem dieses ökonomiegebäude gehörte. Herr Fr. Kuhn, der verdiente Heimatforscher aus der badischen Nachbarschaft, macht in diesem Zusammenhang auf den Flurnamen «In den Mauern» aufmerksam. Die betreffende Flur liegt auf dem Boden der Gemeinde Inzlingen an der sonnigen Talflanke, unweit der Fundstelle auf dem Maienbühl. Allein, es handelt sich hier erst um Vermutungen, da diese Stelle archäologisch noch nicht untersucht ist.

Anmerkungen:
1 Iselin, D. L. E„ Geschichte des Dorfes Riehen, Basel 1923.

2 Basier Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 66, 1966, XXVII.

3 Der folgende Text ist im Wortlaut der Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 67, 1966, XXXIV ff. entnommen.

4 Es sei darauf hingewiesen, daß dieselbe Art von «Mauerwerk» auch an einem Grab in Basel-Kleinhüningen beobachtet werden konnte (BZ 66, 1966 XIX Tafel I).

5 Ettlinger, E., Die Keramik der Augster Thermen, Monographien zur Ur- und Frühgeschichte der Schweiz 6, 1949, Tafel 10.8 entspricht unserer Abb. 2.2.

6 Paret, O., Die Römer in Württemberg: Die Siedlungen des römischen Württemberg, Stuttgart 2, 1932, 128, Abb. 83.

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