1968

Blick in zwei Riehener Fayence- und Porzellan-Sammlungen

Hans Lanz

Würden heutzutage noch, wie ehedem im 18. und 19. Jahrhundert, Almanache für distinguierte Reisende verfaßt, so lautete darin der Riehen betreffende Passus: «Ein gar lieblich Flecken, ohnweit der reichen Stadt Basel, in anmuthiger Lage, wo sich das idyllische Thal des Wiesenflusses zu der Ebene des Rheinstroms hin weitet. Es sey nicht bloß der Besuch des altehrwürdigen Gotteshauses oder des einstigen Wohnsitzes des großen Bürgermeisters Wettstein empfohlen, sondern der Fremdling steige, an schmucken Landhäusern und ihren zierlich angelegten Gärten vorbei, hinauf zur sonnigen Halde gegen das Dorf Bettingen, allwo sich der .Wencken' findet, ein sonderbar fürnember Sommerpallast inmitten welschen Rasenparterres, schattichter Alleen und lauschigem Parc à l'Anglaise. Zur Ortschaft zurückgekehrt, mag sich der ermüdete Wanderer in den ländlichen Gasthöfen am eigens gekelterten ,Schlipfer' erlaben. — Dem Jünger der der Musen, insbesondere dem Liebhaber und Kenner keramischer Kunst, sey ferner Kund getan, daß die habliche Ortschaft Riehen mehreren Sammlern von Ruf Herberge giebt. Ein von Göttern Bevorzugter, wem sich ein solcher Sesam eröffnet...»

Riehens bedeutendster Sammler hat seinen Sesam unlängst geöffnet und seine Kostbarkeiten von Weltruf: Porzellane von Meißen, Höchst, Frankenthal und Ludwigsburg in zwei prachtvollen, reich und bunt bebilderten Folianten einem weiten Publikum zugänglich gemacht. Die zierliche, farbenfrohe, heiter bewegte Welt des Rokoko tritt darin mit zahlreichen, höfischen Akteuren auf den Plan. Die eleganten Figuren tanzen ihre Menuetts zwischen herrlich mit Blumen und Landschaften bemalten Geschirren der vier großen deutschen Manufakturen.

Hier gilt es nun zwei weniger umfänglichen Sammlungen von Fayence und Porzellan nachzuspüren, die ebenfalls in jahrelangen Mühen zusammengetragen wurden. Mit berechtigtem Stolz hegen heute die beiden Besitzerinnen ihre Schätze, bieten aber auch Zaungästen, wie uns beispielsweise, großen ästhetisch-künstlerischen Genuß oder interessante, historische Belehrung.

Es würde zu weit führen, den Aufbau der beiden Kollektionen Schritt um Schritt zu verfolgen. Und doch wäre es wohl spannend und amüsant zugleich, der Einbringung eines jeden Stückes nachzugehen, die Art der Erwerbung, den wohlfeilen Ankauf oder aber den teuren zu verfolgen, bei dem die Leidenschaft der Besitzergreifung, der Sinn für die Ergänzung und Abrundung des Bestehenden, möglicherweise auch eine neue Akzentsetzung durch den ständig sich verfeinernden Geschmack und die wachsende Selbstkritik des Sammlers wichtiger sind als alle kommerziellen Erwägungen. Es gehört zur Wandlung jeden echten Sammlers, daß er über seine anfänglichen Ziele hinauswächst und daß sich die gesammelte Materie, je umfangreicher und kostbarer sie ist, mehr und mehr zu vergeistigen beginnt und zur ideellen Bereicherung der Umwelt beiträgt. So steigert sich die ursprünglich private Kunstfreudigkeit des einzelnen zum unschätzbaren Beitrag an jenem öffentlichen Bereich des Lebens, den wir mit Kultur zu bezeichnen gewöhnt sind.

Wir können füglich diese Entwicklung auch an den beiden Sammlungen feststellen, von denen hier die Rede ist. Nie hätte der Gatte der einen Sammlerin derartige überlegungen angestellt, als er vor mehr als zwanzig Jahren eine buntbemalte Gluckhenne aus Fayence kaufte. Er fragte nicht nach Herkunft, nicht nach Seltenheit oder Kostbarkeit, sondern er erwarb das Stück, weil es ihm gefiel und weil er seiner Gemahlin mit dem originellen Dekorationsstück Freude zu bereiten hoffte. Er traf mit seinem Geschenk nicht bloß den Schönheitssinn seiner Partnerin, sondern ebensosehr ihre Liebe zum Tier und zur Natur überhaupt. Sie begann nun plötzlich künstlerisch gestaltete Natur zu lieben und kaufte, was da kreucht und fleucht, aus Fayence und Porzellan. Es kamen Terrinen in Form von Gemüsen hinzu, und gar bald wurde der Krautgarten zum üppigen Blumenbeet und zum zweiten Park, in dem sich galante Figuren, Jäger, Bauern und malerische Volkstypen ein heiteres Stelldichein gaben.

Begegnet man diesen Porzellanfiguren des Rokoko in Vitrinen, auf Kommoden oder Konsolen, so wirken sie miniaturenhaft, in unbekümmerter Leichtlebigkeit. ähnlich erscheinen die Tiere als sorglose Kreatur. Beim Herauslösen von Figuren und Tieren aus ihrem gewöhnlichen Zusammenhang aber, werden viele von ihnen, speziell in der photographischen Aufnahme, unerwartet, fast unglaublich monumental. So ist beispielsweise unsere erste Abbildung von geradezu denkmalhafter Form. Ein Schimmel edelsten Geblütes ist, von einem Bären angefallen, auf seine Hinterbeine niedergesunken. Ist diese eindrucksvolle Gruppe nicht gleichsam die Darstellung vom Kampf des Bösen gegen das Gute, vom Dunkel gegen das Licht? Die Leiber der beiden Tiere sind in lebhaftem Kontrast und Widerspiel, besonders der sich im Schmerz bäumende Hals des stolzen Pferdes gegenüber dem krummen Rücken der geduckten, blutrünstigen Bestie. ähnliche Gegensätze finden wir in der farblichen Behandlung der Felle: der Schimmel ist schlohweiß, glatt und glänzend, der Bär dagegen braunschwarz gesprenkelt, zottig und roh wirkend. Der feige überfall des Angreifers von hinten spielt sich auf einem moosgrünen, ovalen Rasenstück ab, das mit einer Art wuchernder Flechten durchsetzt ist. Selbst in diesem künstlerisch untergeordneten Sockel ist ein farbiges Raffinement spürbar. Die Gruppe ist in der Frankenthaler Porzellanmanufaktur entstanden; sie trägt auf der Unterseite des Sockels die blaue Marke des Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz, ein gekröntes Monogramm CT. Das Modell stammt vermutlich von Konrad Linck und dürfte in den 1770er Jahren entstanden sein; es zeigt deutlich, wie unrichtig die übliche Bezeichnung von Kleinkunst ist. Wir bewundern mit Recht eine derartige bildhauerische Leistung und lassen uns ergreifen von der Intensität des Ausdruckes in diesen beiden Tieren, von der brutalen Gewalt des wilden Tieres gegenüber der leidenden, domestizierten Kreatur.

Ganz undramatisch gibt sich dagegen der rotbraun gefleckte Hund englischer Abstammung, der zwischen dem ländlichen Paar aus Niderviller-Fayence hockt. Dennoch erscheint er nervös, gespannt den Kopf reckend, bereit, auf ein Wort der strickenden Herrin aufzuspringen (Abb. 2 oben). Der Mann, ein Matratzenflicker, trägt seinen Hocker, den er auf die Stör mitnimmt, auf dem Rücken. Seine Kleidung ist einfach, sie besteht aus feingestreiften rosa Hosen, einem weißen Hemd und einer weißen Bluse mit blauen Borten. In ähnlichen Farben sind die Gewandstücke seiner Partnerin gehalten. Beinahe neckisch hält sie ihren Strickstrumpf vor das eng geschnürte Mieder; den Rock hat sie geschürzt, damit seine Tupfen ja nicht von Wasserflecken Konkurrenz erhalten, wenn die im Bottich zappelnden Fische Spritzer in die Luft schicken. Man vermeint sich ins Elsaß des 18. Jahrhunderts zurückversetzt und weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Natürlichkeit des Ausdrucks, die lebhafte Form in Haltung oder Silhouette, die lieblichen Farben oder den Schmelz der Glasur, welche diese knapp 20 cm hohen Figürchen überzieht. Sie sind mit dem doppelten C des Comte de Custine bezeichnet und dürften um 1780 von Cyfflé modelliert worden sein.

Die Figuren stehen sozusagen an einem Krautacker (Abb. 2 unten), wo ein großer Kohlkopf ungarischer Herkunft steht. Derselbe ist saftig bemalt in den Farben Grün, Gelb, während einzelne Partien der Fayence weiß belassen sind. Welch originelle, fast verspielte Idee, eine Terrine in Form eines Krautkopfes zu modellieren! Sie ist nicht etwa typisch für ihre Abstammung aus der Fayence-Manufaktur von Hollitsch ; wir finden ähnliche Stücke, ebenfalls im 18. Jahrhundert, etwa auch im benachbarten Straßburg. Dem Krautkopf naht sich lustig schnatternd eine violett-braun-gelb und blau gefiederte Ente. Ihr Stammbaum ist unbekannt, jedoch ist mit großer Sicherheit anzunehmen, daß dies heitere Federvieh deutschen Ursprungs ist. Hintendrein zottelt eine allerliebste Schildkröte — eine Deckeldose in Tierform, wiederum eine Spielerei des 18. Jahrhunderts. Dies amüsante Fayence-Stück stammt aus Hoechst und zwar aus gutem Hause, denn sie trägt nicht nur die bekannte Rad-Marke, sondern auch die Initialen IZ (= Zeschinger).

Wenn wir hier nun aus der einen Sammlung bloß Figuren und Tiere wiedergeben, so soll nicht verschwiegen werden, daß dieselben neben und zwischen allerlei Geschirren stehen und daß an den Wänden mehrerer Zimmer in dekorativer Gruppierung Dutzende von Platten und Tellern aller berühmten Manufakturen Europas, vorab Straßburgs, hängen. Wo das Auge hinblickt, wo es einen Ruhepunkt findet, stets spiegelt es sein Entzücken ins Herz des Betrachters und löst dort eine nie zu vergessende Freude aus.

Der Ursprung der zweiten Sammlung liegt in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. War es nur Freude am bunten, bäuerlichen Geschirr des Bernbietes, der Manufakturen von Langnau oder von Heimberg, oder klang im Sinn des Sammelnden der Begriff schweizerischer Heimat nach, den es zu verteidigen, Heimat, deren Kulturgut es zu erhalten galt? Jedenfalls hat der Sammler bald, neben ländlicher Keramik, feinere Geschirre unserer weitherum bekannten Manufakturen von Bern und Zürich, von Lenzburg und von Beromünster zusammengetragen, instinktiv spürend, daß in Platten und Tellern, in Schüsseln und Kännchen, in Tassen und Dosen, das heißt in ihrer handwerklichen Tradition und in ihrer dekorativen Kunst Wertvolleres verborgen ist, als nur materieller Besitz.

In der Tat strahlt eine Platte aus Lenzburger Fayence, wie sie auf Abbildung 3 ersichtlich ist, unbezahlbare Kraft und Schönheit aus. Vor unserem Auge tut sich ein wahres Paradiesgärtlein auf, oder eher noch ein Fleck Erde aus 1001 Nacht. Päonien, Astern, Nelken und kleine, stilisierte Blumenzweige sind meisterhaft arrangiert im Fond der ovalen Platte ausgebreitet. Ebenfalls im Fond und auf dem reich konturierten Rand sind weitere, kleine Bouquets und Streublümchen hingesät. Dazwischen tummeln sich Insekten: Käfer und Sommervögel. Die Konturen der Zeichnung sind dunkel, klar ersichtlich. Die Blätter von Blumen und Stengeln sind flächig, in den Farben Rot, Violett, Blau, Blaugrün, Gelbgrün und Gelb ausgemalt. Ihre Schattierungen ergeben sich durch dünneren Farbauftrag, nicht durch schraffierende Binnenzeichnung. Es sind die sogenannten Indianischen Blumen, wie wir sie auch auf Straßburger Fayencen, den kaum zu imitierenden Vorbildern der Lenzburger Maler, antreffen. Der lackartige Farbauftrag gemahnt aber auch an die ursprünglichen Bildvorlagen, die asiatischen Porzellane nämlich, wie sie über die Compagnie-des-Indes nach Europa kamen. Die prachtvolle Platte stammt demnach aus der Frühzeit der Lenzburger Manufaktur von Klug und Hünerwadel; ihre Entstehungszeit ist um 1767 anzusetzen. Es ist kein Zufall, daß sie von Siegfried Ducret in seinem Buch über die Lenzburger Fayencen bereits vor Jahren abgebildet worden ist, als sie noch in Frenkendorfer Privatbesitz war.

Daß eine Kollektion von Geschirren ein Gesamtkunstwerk darstellen kann, mag uns Abbildung 4 bestätigen. Sie gibt den Blick frei in ein eigens eingerichtetes Sammlungszimmer, wo in Schränken aus blaßrosa, sozusagen glasurfarbenem Schleiflack, die unzähligen Stücke aufgereiht, daraufgestellt, an die Wände darübergehängt sind. Aber nicht bloß Schweizer Fayencen von erster Qualität sind hier anzutreffen, es finden sich vielmehr auch einzelne hervorragende Vergleichsstücke europäischer Manufakturen darunter, etwa solche mit Jagddekor von Künersberg, oder solche von Straßburg und Sceaux, mit allen möglichen Arten von abstrakt-orientalisierenden bis zu naturalistisch-fein gemalten Blumen.

Ein weiteres Sammelgebiet sei hier nur angedeutet: Meißner Services mit verschiedensten Dekors wie Gold-Chinesen, Hafenszenen von Höroldt, Koreanische Blumen usw. Aber auch eine zierliche Louis-XVIVitrine gibt es, in welcher Miniaturkunstwerke aus Porzellan gehütet werden: Dosen, Näh- und Siegellacketuis, Stockgriffe, kurz alles, womit sich das 18. Jahrhundert gerne umgab. Einzelne Stücke lassen das Herz des Kenners höher schlagen, wie etwa eine Schokoladentasse, die Aufenwerth in Augsburg um 1720 mit allegorischen Darstellungen im beliebten «pourpre de Cassius» bemalt hat, oder ein Déjeuner von «Nast à Paris» in einem seidengefütterten, eleganten Etui, um die Zeit der Französischen Revolution.

Unser Blick in zwei von mehreren, bedeutenden Keramik-Sammlungen von Riehen konnte nur ein kurzer sein. Ein Streiflicht ist auf Schönheit gefallen, die zwar im längst erstorbenen, feudalen «ancien régime» geschaffen wurde, aber uns später Geborene entzückt und ebenso künftige Geschlechter beglücken möge.

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